Ich arbeite seit elf Jahren im „Alten Lotsenhaus“ am Hamburger Hafen. Wir machen Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern. Ich habe in dieser Zeit viele Dinge gesehen, aber der Abend im Oktober ist mir geblieben.
Es war ein Samstag. Zwanzig Gäste im VIP-Raum, Blumenschmuck auf den Tischen, im Hintergrund eine kleine Band. Der fünfzigste Geburtstag von Katharina Brandt. Ihr Mann Markus hatte den Abend gebucht, die Rechnung lief auf seinen Namen, seine Kreditkarte war für die Schlussabrechnung hinterlegt.
Er kam eine Stunde zu spät. Neben ihm eine junge Frau in einem Kleid, das aussah, als wäre es für den Strand gekauft und nicht für den Hamburger Herbst. Er hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt.
Die Musik lief weiter, aber im Raum wurde es auf einmal ganz ruhig. Ich stand hinter der Rezeption im Flur und hörte jedes Wort.
„Katharina.“ Markus Brandts Stimme trug bis zu mir. „Das ist Larissa. Sie wird ab heute deinen Platz einnehmen. In meinem Leben und im Geschäft.“
Kein Laut. Eine meiner Kellnerinnen blieb mit dem Tablett in der Hand stehen. Die Gäste saßen da wie aus Wachs.
Katharina Brandt saß am Kopfende, in einem dunkelblauen Kleid, und trank einen Schluck Wasser. Dann legte sie die Serviette neben den Teller, stand auf und griff nach ihrer Handtasche. Das war alles.
An der Rezeption blieb sie kurz stehen. „Die Rechnung zahlt der Herr Brandt“, sagte sie. Ihre Stimme war so ruhig, als hätte sie mir gerade mitgeteilt, dass es draußen regnet.
Ich gab ihr den Mantel. Sie legte einen Kaschmirschal um die Schultern und ging zur Tür. Draußen wartete ein Taxi.
Markus Brandt stand immer noch im Türrahmen zum VIP-Raum. Er überlegte, ob er ihr nachlaufen sollte. Die junge Frau, Larissa, zog ihn am Ärmel zurück. „Lass sie“, hörte ich ihn sagen. „Die beruhigt sich wieder.“
Dann fiel die Glastür ins Schloss.
Ich sah Katharina Brandt erst vier Wochen später wieder. Aber in dem Gebäude hatte sich da schon einiges verändert.
Es gibt nämlich einen zweiten Eingang im Alten Lotsenhaus. Er führt zu einem großen Ladenlokal im Erdgeschoss, das früher eine Segelmacherei war. Vor fünfzehn Jahren hatte Markus Brandt dort sein Möbelgeschäft eröffnet. „Brandt Einrichten & Wohnen“ stand in goldenen Buchstaben über der Tür.
Das Gebäude gehörte allerdings nicht Markus Brandt. Es gehörte dem Großvater von Katharina Brandt. Und das Ladenlokal lief die ganzen Jahre ohne Mietvertrag. Markus Brandt hatte nie Pacht gezahlt. Katharina hatte das Geschäft mitgeführt — ohne Arbeitsvertrag, ohne Gehalt, ohne offizielle Position.
Das wusste ich, weil ich sie manchmal morgens vor Ladenöffnung traf. Sie kam um sieben mit ihrer Ledermappe, holte sich einen Kaffee aus der kleinen Küche neben meinem Büro. Wir waren keine Freundinnen, aber wir kannten uns.
In der Woche nach dem Geburtstag hörte ich die ersten Geschichten. Larissa saß jetzt am Empfangstresen. Sie telefonierte, ließ Lieferanten warten, bestellte Pressspan statt Eichenholz. Einer der Monteure, ein älterer Mann namens Herbert, kam zu mir in die Küche und schüttelte den Kopf.
„Die Neue hat die italienische Lieferung storniert“, sagte er und rührte in seinem Kaffee. „Statt Echtholz-Fronten hat sie beschichtete Spanplatten geordert. Ich hab’s ihr erklärt. Sie hat einfach aufgelegt.“
Ich zuckte mit den Schultern. Es ging mich nichts an.
Aber ich sah, wie Markus Brandt jeden Tag früher kam. Ich sah, wie die Ausstellungsstücke in den Schaufenstern nach und nach weniger wurden.
Nach vier Wochen klingelte das Telefon an der Rezeption. Katharina Brandt stand vor dem Gebäude. Sie hatte dieselbe Ledermappe unter dem Arm.
„Ich muss das Ladenlokal übernehmen“, sagte sie. „Der Nutzungsvertrag läuft heute aus.“
Ich ließ sie herein und ging mit ihr den Flur hinunter. Die goldenen Buchstaben über der Tür waren schon abmontiert. Drinnen standen nur noch ein halb verkaufter Schrank und ein paar leere Regale. Der Boden war mit Staub und Klebebandresten bedeckt.
Markus Brandt saß an einem leeren Schreibtisch in der Ecke. Daneben drei Umzugskartons. Er schaute auf, als wir hereinkamen.
„Katharina.“ Er stand auf. Seine Hose war zerknittert, unter den Augen lagen tiefe Schatten. „Bitte, ich kann das erklären.“
Sie ging an ihm vorbei und prüfte die Wände. Sie fuhr mit dem Finger über eine abmontierte Steckdose. „Die Elektrik ist in Ordnung“, sagte sie, mehr zu sich selbst.
Dann zog sie ein Klemmbrett aus der Ledermappe und legte es auf den leeren Schreibtisch. „Das Übergabeprotokoll. Unterschreibe auf Seite zwei und drei.“
Er schaute auf das Papier. Seine Hand zitterte, als er den Stift nahm. Er unterschrieb, ohne zu lesen.
„Die Kaution von viertausend Euro behalte ich für die Reinigung ein“, sagte Katharina Brandt. Sie zog ein zweites Dokument aus der Mappe und legte es daneben. „Das ist die Bestätigung über die Vertragsauflösung. Ab Montag beginnt die Apothekenkette Dorow mit der Renovierung. Der Mietvertrag ist unterzeichnet.“
Ich stand an der Tür und tat so, als würde ich etwas auf meinem Telefon notieren. In Wahrheit beobachtete ich die beiden.
Markus Brandt öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Er setzte sich wieder auf den Stuhl.
„Larissa ist weg“, sagte er leise. „Vor drei Tagen. Sie hat gesagt, ich hätte sie belogen. Dass ich kein erfolgreicher Geschäftsmann mehr sei, sondern ein Mann, der seine Möbel selbst ausliefert.“
Katharina Brandt legte das Klemmbrett zurück in die Mappe und zog den Reißverschluss zu. Sie sagte nichts.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Die Schlüssel lässt du an der Rezeption. Ich hole sie morgen früh ab.“
Dann war sie weg.
Ich blieb noch einen Moment stehen. Markus Brandt saß auf dem Stuhl und schaute auf den leeren Boden. Durch die Schaufensterfront fiel das graue Hamburger Licht. Auf dem Fensterbrett neben der Tür lag ein verblühter Blumenstrauß. Die Folie war eingedrückt, die Blüten hingen nach unten. Er musste ihn mitgebracht haben.
Ich ging zurück an die Rezeption und schloss die Tür. Draußen fuhr gerade ein Bus der Linie 6 vorbei.
Zwei Tage später stand Katharina Brandt wieder vor der Tür. Diesmal mit einem Umschlag. Sie gab ihn mir.
„Die Schlüssel für das Ladenlokal“, sagte sie. „Ich nehme sie aus dem Verkehr.“
Der Umschlag war schwer. Ich spürte mindestens drei Schlüssel und einen Anhänger aus Messing. Auf dem Anhänger stand: „Walter J. Brandt — Altes Lotsenhaus“.
„Was passiert jetzt mit ihm?“, fragte ich, weil ich nicht anders konnte.
Katharina Brandt legte ihre Hand einen Moment auf den Umschlag. „Er hat mir vor zwanzig Jahren einen Ring an den Finger gesteckt und gesagt, dass er für den Laden keine Miete zahlen muss, weil wir eine Familie sind. Gestern hat er mir gesagt, dass er nie verstanden hat, was ich in diesem Geschäft eigentlich gemacht habe.“
Sie zog ihre Hand zurück. „Jetzt versteht er es.“
Dann drehte sie sich um und ging die Straße hinunter in Richtung Busstation. Der Himmel über Hamburg war an diesem Morgen hell, fast weiß.
Am Abend desselben Tages sah ich Markus Brandt zum letzten Mal. Er kam zur Rezeption. Ich war gerade dabei, die Abrechnung für eine Hochzeit zu machen.
„Hat Katharina die Schlüssel abgegeben?“, fragte er.
„Ja“, sagte ich.
„Dann ist es also wirklich vorbei.“ Er lehnte sich gegen den Tresen. Seine Jacke war an der Schulter aufgerissen. „Ich dachte, sie würde irgendwann einsehen, dass es ohne mich nicht geht. Dass auch ich etwas in dieses Geschäft eingebracht habe.“
Ich erinnerte mich an das, was Katharina Brandt gesagt hatte. Dass er nie verstanden hatte, was sie eigentlich getan hatte.
„Wissen Sie“, sagte ich, „in den elf Jahren, in denen ich hier arbeite, habe ich Katharina Brandt jeden Morgen um sieben mit ihrer Ledermappe ins Geschäft gehen sehen. Sie hat nie gefehlt. Nicht an einem einzigen Tag.“
Markus Brandt musterte mich, als hätte ich in einer fremden Sprache gesprochen. Dann griff er in seine Jackentasche und legte einen zerknitterten Zwanzig-Euro-Schein auf den Tresen.
„Für den Blumenschmuck von neulich“, sagte er. „Den Rest überweise ich.“
Er ging. Die Glastür schwang hinter ihm zu.
Am nächsten Morgen begannen die Handwerker im Ladenlokal. Sie trugen die restlichen Einbauten auf einen Container im Hof. Eine junge Frau von der Apothekenkette stand mit Bauhelm daneben und markierte mit einem Laser Entfernungen an der Wand.
Ich machte mir einen Kaffee und trat an das Fenster meiner Küche. Draußen zog ein kleines Frachtschiff auf der Elbe vorbei. Die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser.
Das Telefon an der Rezeption klingelte. Auf dem Display stand: „Brandt, Markus“. Ich ließ es klingeln, bis es aufhörte. Dann trank ich meinen Kaffee.







