Ich, Matthias Brenner, bin achtunddreißig Jahre alt und arbeite als Bauleiter bei einem mittelständischen Betrieb für Denkmalpflege in Görlitz. Ich schreibe das hier auf, weil meine Frau vor drei Wochen ausgezogen ist und ich seitdem jeden Abend am Küchentisch sitze und versuche zu verstehen, wie ich der Bösewicht in dieser Geschichte geworden bin, obwohl ich doch nur wollte, dass wir eine normale Familie sind.
Meine Frau heißt Julia. Sie ist Restauratorin, die beste in unserem Betrieb, vielleicht die beste in ganz Sachsen. Wenn sie an einem Gerüst in der Peterskirche steht und mit dem Spachtel eine Schicht Ölfarbe von einem Fresko aus dem sechzehnten Jahrhundert abträgt, sieht man ihr an, dass sie genau weiß, was sie tut. Ich habe das immer bewundert, das muss ich zugeben, auch wenn ich es nie so gesagt habe, wie ich es hätte sagen sollen.
Wir haben uns vor elf Jahren an der Fachhochschule Dresden kennengelernt, ich im Bauingenieurwesen, sie in der Konservierung. Geheiratet haben wir mit sechsundzwanzig, unser Sohn Finn kam zwei Jahre später. Ich habe damals gedacht: Jetzt sind wir eine Familie, jetzt muss ich dafür sorgen, dass nichts schiefgeht. Vielleicht war das mein Fehler, dass ich Familie mit Kontrolle verwechselt habe.
Ich weiß, wie es von außen aussieht. Julia hat mir das auch gesagt, in unserer letzten großen Auseinandersetzung, bevor sie die Koffer gepackt hat: dass ich sie kleinmache, dass ich jeden Satz kommentiere, jedes Kompliment sofort abschwäche. Vielleicht stimmt das. Aber wenn ich morgens am Frühstückstisch sitze und sehe, wie sie im Spiegel ihre Arbeitsjacke zurechtzupft, dann kriege ich Angst. Angst, dass sie zu gut ist für dieses Leben, für mich, für die Doppelhaushälfte in Königshufen mit dem Garten, in dem ich jedes Wochenende den Rasen mähe. Und aus dieser Angst mache ich Sätze wie: „Für die Dorfkirche reicht’s." Ich weiß, wie das klingt. Ich habe es trotzdem gesagt.
Meine Mutter hat mich streng erzogen, mein Vater war Ingenieur bei Bombardier, hat nie ein Wort zu viel verloren, aber wenn er was gesagt hat, dann war das Gesetz. Ich glaube, ich habe mir dieses Muster einfach kopiert, ohne zu merken, dass es bei mir keine Autorität war, sondern Angst mit Krawatte.
Abends, wenn Julia die Fotos ihrer Funde auf den Küchentisch legte, Fragmente von Gesichtern, Gewändern, Goldgrund unter sieben Farbschichten, habe ich immer als Erstes einen Fehler gesucht. Eine schiefe Augenbraue, einen krummen Bart. Ich habe im Nachhinein verstanden: Ich habe nach dem Fehler gesucht, weil ich Angst hatte vor der Perfektion, die da vor mir auf dem Tisch lag und die nichts mit mir zu tun hatte. Meine Zahlen bei der Bauabnahme in Bautzen, mein Bonus im Dezember, das konnte ich vorzeigen. Ihre Arbeit war größer als das, und ich konnte sie nicht einordnen. Also habe ich sie kleingemacht, damit sie in meine Schublade passt.
Als die Delegation aus Bologna kam, ein Restaurierungsteam, das an der Fassade der Frauenkirche Görlitz mit unserem Betrieb zusammenarbeitete, war ich von Anfang an misstrauisch. Der Projektleiter, ein gewisser Professore Ferretti, Ende sechzig, mit einer runden Brille und einem Thermos voller Espresso, den er nirgendwo hinstellte, ohne ihn festzuhalten, hat Julia sofort ins Herz geschlossen. Er sagte einmal zu mir, auf der Baustelle, während Julia oben am Gerüst stand: „Ihre Frau hat ein Gefühl für den Mörtel, das man nicht lehren kann. Das ist selten." Ich habe genickt und nichts gesagt, aber in mir hat sich etwas zusammengezogen wie eine Faust.
Vier Wochen später kam der Brief. Ferretti leitet ein Projekt in Monteroso, eine Kapelle mit Fresken aus dem vierzehnten Jahrhundert, nach einem Erdrutsch fast zerstört. Ein internationales Team, vier Monate, gute Bezahlung, Unterkunft gestellt. Julia kam abends nach Hause, die Wangen rot vom Fahrradfahren, und sagte, noch bevor sie die Jacke ausgezogen hatte: „Matthias, ich muss dir was Wichtiges erzählen."
Ich saß im Wohnzimmer, die Tagesschau lief, ich hatte eine Schale Salzstangen auf dem Schoß. Ich habe nicht mal den Fernseher ausgemacht, als sie anfing zu reden. Das war mein erster Fehler an diesem Abend, aber nicht mein letzter.
„Vier Monate, Italien, dieser Ferretti will mich für das Projekt", sagte sie, und ihre Stimme hatte einen Ton, den ich seit Jahren nicht gehört hatte. Ich kannte diesen Ton noch aus der Zeit, als wir uns kennenlernten, und genau deswegen hat er mir solche Angst gemacht.
Ich weiß noch genau, was ich gesagt habe, weil ich es später, in der Nacht, immer wieder im Kopf durchgespielt habe wie einen Film, den ich nicht anhalten kann. Ich habe gefragt, was ein neunundsechzigjähriger Italiener wohl von einer Frau wie ihr wolle. Ich habe gesagt, im Ausland würden Frauen wie sie ausgenutzt, dass sie doch nur Restauratorin sei, keine Wissenschaftlerin, dass in Italien Konkurrenz herrsche und sie dort nichts zu suchen habe. Ich habe gefragt, wer denn dann für Finn kochen solle, wer die Wäsche mache, ob sie überhaupt an jemand anderen als sich selbst denke.
Ich sehe noch, wie ihr Gesicht sich veränderte, während ich redete. Nicht wütend. Das wäre einfacher gewesen. Sondern so, als würde sie einen Fremden in der eigenen Küche betrachten, der sich gerade an den Tisch gesetzt hat, ohne zu fragen. Sie hat kein Wort mehr gesagt, ist ins Schlafzimmer gegangen und hat die Tür nicht mal zugeknallt. Nur leise geschlossen. Das war schlimmer als jeder Streit.
Was ich damals nicht wusste: Sie hatte an dem Abend schon mit ihrer Schwester Anke telefoniert, bevor sie mit mir sprach, und Anke hatte ihr gesagt, sie solle die Zusage nach Bologna annehmen, egal was ich dazu sage. Anke wohnt in Leipzig, arbeitet als Anwältin für Familienrecht, und die beiden hatten sich in den letzten Jahren immer öfter getroffen, ohne dass ich groß gefragt habe, worüber sie reden. Jetzt weiß ich es.
Drei Tage später hat Julia zugesagt. Sie hat mir das nicht gefragt, sondern mitgeteilt, an einem Sonntagvormittag, während ich den Rasenmäher aus der Garage holte. „Ich fahre nach Monteroso. Ende März, für vier Monate. Finn bleibt bei dir, oder er kommt mit, das entscheiden wir gemeinsam, aber ich fahre." Ich habe versucht, wieder mit den alten Sätzen zu kommen, aber sie hat mich einfach stehen lassen, mit dem Rasenmäher in der Hand, und ist ins Haus gegangen.
Die vier Monate in Italien waren für mich die Hölle und, wie ich heute weiß, für Julia die beste Zeit ihres Lebens. Sie hat mir Fotos geschickt, am Anfang noch, von der Kapelle, von den Farben, die unter dem Schmutz zum Vorschein kamen, ein Blau, das aus Lapislazuli gewonnen wurde, wie sie schrieb, mit einer Begeisterung, die ich vorher nie gesehen hatte, jedenfalls nicht mir gegenüber. Ich habe kaum geantwortet, aus Trotz, und irgendwann hat sie aufgehört zu schreiben.
Als sie im Juli zurückkam, saß Finn bei mir am Küchentisch in Görlitz, und ich hatte mir vorgenommen, alles anders zu machen. Ich hatte sogar Blumen gekauft, Sonnenblumen, weil ich wusste, dass sie die mag. Sie hat sie kurz angeschaut, in eine Vase gestellt, und dann gesagt, sie müsse mit mir reden, sobald Finn im Bett ist.
Um halb zehn saßen wir uns am selben Tisch gegenüber, an dem sie mir früher ihre Fotos gezeigt hatte und ich immer den Fehler im Bart des Heiligen gesucht hatte. Sie hatte einen Ordner dabei, braun, mit einem Aufkleber vom Landesamt für Denkmalpflege. Darin: die Unterlagen für die eigene Werkstatt, die sie zusammen mit zwei Kolleginnen aus dem Bologna-Projekt gründen wollte, eine GmbH mit Sitz in Görlitz, mit einem Startkapital von vierunddreißigtausend Euro, das sie aus dem italienischen Honorar und einem Förderkredit der Denkmalstiftung zusammenbekommen hatte, ohne dass ich davon wusste.
Sie hat mir die Kontoauszüge gezeigt, klipp und klar, wie sie das immer gemacht hat, auch bei der Arbeit. Dann hat sie gesagt, sie werde ausziehen, in die alte Wohnung ihrer Großmutter in der Steinstraße, die seit Jahren leer stand und die sie in den vier Monaten renovieren lassen hatte, über einen Handwerker, mit dem sie über Ferretti in Kontakt gekommen war. Finn würde die Woche zwischen uns aufteilen. Und sie werde die gemeinsame Kreditkarte kündigen, weil sie, wie sie sagte, in den letzten elf Jahren zu oft gehört habe, dass ihr Konto ihr nicht wirklich gehöre, weil ich es immer war, der die Abrechnungen kontrolliert hat.
Ich habe versucht zu reden, habe gesagt, dass es mir leidtue, dass ich mich ändern würde, dass ich Angst gehabt hätte, sie zu verlieren. Sie hat zugehört, das muss ich ihr lassen, sie hat mich nicht unterbrochen. Aber am Ende hat sie den Ordner zugeklappt und gesagt: „Matthias, ich glaube dir sogar, dass es dir leidtut. Aber ich habe elf Jahre lang darauf gewartet, dass du mich siehst, so wie Ferretti mich gesehen hat, nach zwei Wochen. Ich warte nicht mehr."
Zwei Wochen später kam die Kündigungsbestätigung der Bank für die gemeinsame Karte per Post, mit meinem Namen als einzigem verbliebenem Inhaber. Am selben Tag hat der Schlüsseldienst in der Steinstraße die Schlösser gewechselt, das hat mir der Handwerker erzählt, den ich zufällig auf dem Wochenmarkt getroffen habe. Die Werkstatt, sie heißt jetzt „Atelier Ferretti-Brenner", läuft seit August, mit einem Großauftrag für die Sanierung eines Freskenzyklus in Zittau, sechzigtausend Euro Auftragsvolumen, wie ich aus der Lokalzeitung erfahren habe, weil Julia dort mit einem Foto stand, lachend, die Hände voller Ockerstaub, neben einer Kollegin.
Ich stehe jetzt manchmal vor dem Haus in der Steinstraße, wenn ich Finn abhole, und sehe durchs Fenster im Erdgeschoss die Regale mit den Farbpigmenten, die Werkbank, den Kalender mit den Projektterminen bis ins nächste Jahr. Vorletzten Freitag hat Finn mich gefragt, warum Mama jetzt so viel lacht. Ich habe ihm gesagt, das wisse ich auch nicht genau. Das war die ehrlichste Antwort, die ich seit langem gegeben habe.







