Er ist einfach abgehauen. Ohne ein Wort, ohne eine Nachricht, ohne auch nur die Vorhänge zuzuziehen. Das erste, was ich dachte, als die alte Frau Kowalski mir das an der Wohnungstür erzählte, war: Wie kann man ein Tier einfach so zurücklassen? Ich bin Mirko Vogt, dreiunddreißig Jahre alt, und ich war derjenige, der gegangen ist. Die Version, die im Haus kursiert, macht mich zu einem Monster. So einfach war es nicht.
Ich hatte die Wohnung im Erdgeschoss der Wormser Straße 14 in Mainz seit vier Jahren. Zweiundfünfzig Quadratmeter, Fußbodenheizung, die nie richtig funktioniert hat, und ein Vermieter, der jede Reparatur wie eine persönliche Beleidigung behandelte. Der Kater hieß Muffin, ein orangefarbenes Fellknäuel, das meine Ex-Freundin Steffi mir zum Einzug geschenkt hatte. Als sie im August ging – wegen eines Kollegen aus ihrer Kanzlei, das nur nebenbei –, blieb Muffin bei mir.
Im November wurde ich in meiner Firma, einem Logistikbetrieb am Zollhafen, freigestellt. Nicht gekündigt, freigestellt, mit der vagen Aussicht auf Wiedereinstellung im Frühjahr. Von einem Tag auf den anderen fehlten mir monatlich 2.100 Euro netto. Die Miete allein lag bei 780 Euro. Ich saß am Küchentisch, die Kontoauszüge vor mir ausgebreitet, und rechnete durch, wie lange das Ersparte reichen würde. Sechs Wochen, vielleicht sieben.
Am Morgen meines Auszugs füllte ich Muffins Napf randvoll, stellte eine zweite Schale nur mit Wasser daneben, machte das Katzenklo frisch und ließ das Fenster einen Spalt offen, damit die Heizungsluft nicht stickig wurde. Ich hatte extra für 34 Euro bei einem Elektromarkt eine automatische Trockenfutterstation gekauft, auf zehn Tage programmiert – so stand es jedenfalls im Display, als ich sie einstellte. Ich klingelte bei Frau Kowalski, zweimal, um ihr zu sagen, dass ich für ein paar Tage bei meinem Bruder in Wiesbaden unterkomme, bis ich eine Lösung für den Kater finde. Sie öffnete nicht. Ich schob einen Zettel unter ihre Tür. Was mit dem Zettel geschah, weiß ich bis heute nicht.
Was ich nicht wusste, als ich mit der Reisetasche die Treppe runterging: dass am nächsten Tag eine junge Frau namens Lena Brandt in die Nachbarwohnung einziehen würde. Dass sie jeden Morgen an unserem Fenster vorbeigehen und Muffin sehen würde, wie er mit der Pfote gegen die Scheibe schlägt.
Mein Bruder Jonas sagte, ich könne bleiben, "bis sich was ergibt", aber seine Freundin war im siebten Monat schwanger, und ich sah es ihren Blicken an, dass ein Kater in der ohnehin engen Zweizimmerwohnung keine Option war. Ich hatte vor, am Silvestertag zurückzukommen, die Wohnung zu räumen und Muffin zu einem Tierheim in Bodenheim zu bringen.
Was ich nicht bedacht hatte: dass ich beim Programmieren der Trockenfutterstation die Portionsgröße verwechselt hatte, sodass der Behälter nach drei Tagen leer war statt nach zehn. Dass Frau Kowalski, die einzige im Haus mit einem Zweitschlüssel – von meiner Vormieterin übernommen, offenbar nie zurückgegeben –, sich nicht zuständig fühlte, weil "das nicht ihr Kater" sei. Dass eine fremde junge Frau, die gerade erst eingezogen war, an Silvester an meiner Tür stehen und mit den Fäusten gegen das Metall schlagen würde, während ich in Wiesbaden Weihnachtsbaumreste aus dem Wohnzimmer meines Bruders trug.
Als ich am 31. Dezember gegen elf Uhr morgens mit dem Zug zurück nach Mainz fuhr, eine Transportbox unter dem Arm, ahnte ich nicht, was mich erwarten würde. Vor meiner Wohnungstür standen zwei Frauen: Frau Kowalski im Bademantel, die Arme vor der Brust verschränkt, und eine junge Frau, die ich noch nie gesehen hatte, mit geröteten Augen und einem Ausdruck, der zwischen Wut und Erleichterung schwankte.
"Sie sind der Besitzer?", fragte die junge Frau, kaum dass sie meinen Schlüssel im Schloss klicken hörte. Bevor ich antworten konnte, ging die Tür auf, und mir schlug ein Geruch entgegen, der mir sofort sagte, dass etwas schiefgelaufen war. Die Wohnung war kalt, das Katzenklo übervoll, der Trockenfutternapf leer, die Wasserschale umgekippt und ausgetrocknet. Und Muffin lag zusammengerollt hinter dem Sofa, so mager, dass ich seine Rippen durch das Fell zählen konnte.
Ich ging auf die Knie, mitten im Flur, die Transportbox noch in der Hand. Die junge Frau – Lena, wie ich später erfuhr – schrie mich an, ich sei ein Verbrecher, ein Feigling, dass sie drei Tage lang jeden Morgen und jeden Abend an dieses Fenster gekommen sei, weil sie den Kater nicht habe verhungern sehen wollen, weil sie sogar schon einen Anwalt für Tierschutzrecht in Mainz kontaktiert habe, einen gewissen Herrn Dr. Achim Reuter, der ihr gesagt habe, das sei strafbar nach § 17 Tierschutzgesetz.
Ich sagte nichts. Ein Zettel, den niemand gelesen hatte, eine Futterstation, die ich falsch eingestellt hatte – nichts davon änderte etwas daran, dass ein Lebewesen in meiner Wohnung fast verhungert wäre, während ich in Wiesbaden Kaffee trank und mir Sorgen um meine Miete machte. Frau Kowalski stand daneben und murmelte etwas von "hab ich doch gesagt, der ist einfach abgehauen", als hätte sie damit nichts zu tun, obwohl sie den Zweitschlüssel besaß und drei Tage lang nichts unternommen hatte außer zu urteilen.
Lena hat den Kater nicht mir überlassen. Sie brachte ihn noch am selben Nachmittag zur Praxis Dr. Feldmann in der Kaiserstraße, mit einer Rechnung von 145 Euro für Infusion und Untersuchung, die sie aus eigener Tasche bezahlte, ohne mich zu fragen. Als ich am Abend anbot, das Geld zu erstatten und Muffin wieder mitzunehmen, sagte sie: "Sie kriegen ihn nicht zurück. Nicht, weil ich Sie bestrafen will, sondern weil ich ihm nicht noch mal zumuten kann, dass jemand entscheidet, wann er wichtig ist."
Ich hatte keine rechtliche Handhabe, das zu verhindern – ein Kater ist rechtlich eine Sache, aber Lena hatte etwas Besseres als ein Gesetz: die Kaufquittung der Trockenfutterstation mit meinem Namen drauf, Fotos vom Zustand der Wohnung, eine Zeugin im Bademantel und einen Tierschutzanwalt, der ihr gesagt hatte, im Zweifel würde ein Gericht ohnehin dem Tierwohl den Vorrang geben. Ich unterschrieb noch am selben Abend, am Küchentisch meiner eigenen, jetzt fremd wirkenden Wohnung, ein Papier, das Lena mit dem Handy in der Anwaltskanzlei-App aufgesetzt hatte: eine Übertragung des Eigentums an "dem Kater Muffin, geboren circa März, oranger Kurzhaar" an Lena Brandt, wohnhaft im selben Haus, mit sofortiger Wirkung.
Ich zog zum Jahreswechsel endgültig aus der Wormser Straße aus, kündigte fristgerecht zum 31. März, weil ich mir die Miete ohnehin nicht mehr leisten konnte, und fand im Februar eine neue Stelle bei einer Spedition in Ingelheim. Frau Kowalski grüßt mich nicht mehr, wenn wir uns zufällig auf der Straße begegnen.
Ich fahre selten noch durch die Wormser Straße. Wenn doch, sehe ich im Fenster des Erdgeschosses einen orangefarbenen Schatten auf der Fensterbank liegen, eine Pfote gegen die warme Scheibe gedrückt, das Fell in der Nachmittagssonne fast rot.







