Ich bin vierundsiebzig und wohne seit einunddreißig Jahren in derselben Wohnung in Freiburg, drei Stockwerke über einer Änderungsschneiderei, die im Winter immer nach Bügeleisen und heißem Stoff riecht. Meine Freundin Ingrid und ich kennen uns seit fast fünfzig Jahren, und in letzter Zeit frage ich mich, ob wir überhaupt noch Freundinnen sind oder nur zwei Frauen, die sich aus Gewohnheit treffen.
Ingrid und ich lernten uns kennen, als wir beide sechsundzwanzig waren, mit Kinderwagen auf dem Wochenmarkt am Münsterplatz. Sie kaufte immer beim selben Stand ihr Gemüse, ich beim Nachbarstand mein Brot, und irgendwann standen wir einfach nebeneinander in der Schlange und redeten. Erst über Windeln und schlaflose Nächte. Dann über Kindergartenplätze, über unsere Männer, über die Sommerferien am Bodensee, die wir zweimal zusammen verbracht haben. Als ihr Mann vor elf Jahren an Krebs starb, war ich diejenige, die drei Wochen lang jeden Abend bei ihr saß. Als man mir das Knie operierte, stand Ingrid mit einem Topf Linseneintopf vor meiner Tür, sieben Tage hintereinander. Ich dachte nie, dass sich so etwas abnutzen könnte.
Wir trafen uns weiter, jeden Donnerstagnachmittag, in einem kleinen Café in der Kaiser-Joseph-Straße, gleich neben der Bäckerei mit den Zimtschnecken. Ich bestellte einen Milchkaffee, sie einen Kamillentee, weil ihr der Kaffee seit ein paar Jahren angeblich nicht mehr bekam. Das Radio im Café spielte immer denselben Sender, und die Bedienung, ein junger Mann mit Tattoo am Unterarm, kannte unsere Bestellung längst auswendig.
Das Problem kam schleichend. Ingrid sprach fast nur noch über ihre Kinder und Enkelkinder. Über die Englischnachhilfe ihrer Enkelin, über das Fußballtraining des Kleinen, über den Streit ihrer Schwiegertochter mit der Nachbarin, über die Frage, wo man dieses Jahr Weihnachten feiern würde. Ich hörte zu, weil ich die ganze Familie kannte, seit die Kinder klein waren, und weil mich vieles davon wirklich interessierte. Aber irgendwann fühlten sich unsere Donnerstage an wie ein Wochenbericht über ihre Familie. Erzählte ich von einer Wanderung im Schwarzwald, erinnerte sie sich, wo ihre Enkel zuletzt gewandert waren. Erwähnte ich einen Film, erzählte sie mir, welche Serie ihre Tochter gerade schaute. Ich hielt das nie für schlimm, bis etwas passierte, das für mich wirklich wichtig war.
Nach Jahren, in denen ich dachte, mein Leben brauche keine Komplikationen mehr, hatte ich angefangen, einen Mann namens Werner zu treffen. Wir kannten uns aus einer Wandergruppe, die sich sonntags am Schauinsland trifft. Er ist Witwer, siebenundsiebzig, wohnt in Herdern, eine Viertelstunde mit dem Rad von mir entfernt. Wir redeten nicht von Heirat oder Zusammenziehen. Es machte mir einfach wieder Freude, auf einen Anruf zu warten.
Ich wartete Wochen, bevor ich es Ingrid erzählte. Ich wollte es ihr persönlich sagen, an einem Donnerstag, bei einem Streuselkuchen. „Ich treffe jemanden", sagte ich. Ingrid riss die Augen auf, lachte kurz auf und fragte, wer er sei. Ich fing an zu erzählen, wie wir uns kennengelernt hatten. Keine fünf Minuten später klingelte ihr Handy. Ihre Enkelin hatte ein Foto geschickt, ein Kleid für eine Geburtstagsfeier. Ingrid drehte mir das Display zu, dann noch ein Foto, dann erklärte sie mir ausführlich, dass das Mädchen sich nicht entscheiden könne, was es anziehen solle. Meine Geschichte verschwand vom Tisch, zwischen den Kaffeetassen, so als hätte ich nichts gesagt.
Ich fuhr nach Hause und war wütend auf mich selbst, weil mich so etwas Kleines so getroffen hatte. Am nächsten Donnerstag ging ich nicht hin. Ich sagte, ich hätte zu tun. Ingrid rief am Abend an und merkte, dass etwas nicht stimmte. Irgendwann sagte ich es ihr direkt: „Neulich wollte ich dir etwas erzählen, das mir wichtig ist, und nach fünf Minuten haben wir schon wieder über deine Enkel geredet."
Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment lang ruhig. Ingrid verteidigte sich zuerst, sagte, ich würde auch über meine Kinder reden, und dass ihre Enkel eben einen riesigen Teil ihres Lebens ausmachten. Stimmte auch. Aber ich fragte sie, wann wir zuletzt über sie gesprochen hätten. Nicht über ihre Kinder, nicht über mich, sondern über sie selbst.
Diese Frage änderte das Gespräch. Ingrid gab schließlich zu, dass sie sich seit dem Tod ihres Mannes so sehr in die Familie gestürzt habe, dass sie manchmal selbst nicht mehr wisse, was sie über sich erzählen solle. Dienstags holte sie den Enkel von der Schule, mittwochs half sie ihrer Tochter beim Einkaufen, sonntags aßen alle zusammen bei ihr. Ihr Leben war voll, aber fast alles davon gehörte anderen Leuten. „Vielleicht rede ich so viel über sie, weil ich gar nicht weiß, was ich mit mir selbst mache", sagte sie leise am Telefon.
Ich legte auf und blieb noch eine Weile am Küchenfenster stehen. Unten in der Änderungsschneiderei ging gerade das Licht aus, der Schneider zog die Jalousie herunter, wie jeden Abend um sieben. Von meinem Balkon aus sah ich die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbeifahren, fast leer um diese Uhrzeit. Ich dachte an all die Donnerstage, an denen ich genickt und zugehört hatte, ohne wirklich zuzuhören.
Wir trafen uns weiter, aber es dauerte ein paar Wochen, bis sich etwas wirklich veränderte. Beim übernächsten Treffen brachte Ingrid ihr Handy erst gar nicht mit auf den Tisch, sondern ließ es in der Manteltasche. Sie erzählte mir von einem Aquarellkurs, den sie vor Jahren abgebrochen hatte, weil ihr Mann fand, das koste zu viel Zeit. Fünfundvierzig Euro im Monat, sagte sie, das sei der Kurs an der Volkshochschule, und sie überlege, sich anzumelden. Ich sagte ihr, sie solle es einfach tun, ohne erst zu fragen, wer sie an den Kursabenden vertreten könne.
Zwei Monate später saß ich bei ihr in der Küche, während sie mir stolz ein Aquarell zeigte, ein schiefes Boot auf dem Titisee, die Farben noch etwas zu kräftig für Anfängerhand. Auf dem Tisch lag die Anmeldebestätigung der Volkshochschule, ein grünes Formular mit ihrem Namen und der Kursnummer, eingerahmt zwischen Kaffeetassen. Sie hatte den Kurs für ein ganzes Jahr im Voraus bezahlt, hundertachtzig Euro, damit sie sich nicht mehr herausreden konnte, wenn die Enkel wieder etwas brauchten.
Als ihre Tochter an einem Mittwoch anrief und fragte, ob Ingrid den Kleinen abholen könne, weil ein Meeting sich verschoben hatte, sagte Ingrid zum ersten Mal seit Jahren: „Heute nicht, ich habe Kurs." Am anderen Ende blieb es einen Moment ruhig, dann sagte die Tochter nur „Ach so, okay" und organisierte etwas anderes. Ingrid erzählte mir das am nächsten Donnerstag, während sie ihren Kamillentee umrührte, und ich sah, wie erleichtert sie war, dass die Welt davon nicht zusammengebrochen war.
Ingrid kennt Werner inzwischen. Sie hat gelacht, als ich ihr erzählte, wie viele Wochen ich gebraucht hatte, um zuzugeben, dass ich mich ein bisschen verliebt hatte, und dann hat sie mir ohne Umschweife erzählt, dass sie den Aquarellkurs verlängert und diesmal auch die Fortgeschrittenenstufe gebucht hat. Als wir uns an der Ecke Kaiser-Joseph-Straße verabschiedeten, blieb sie noch einen Moment stehen, den leeren Kamillentee-Becher in der Hand, und fragte: „Und wie geht es dir wirklich?"







