In der Küche summt der Kühlschrank. Christine Brandt hat den alten Solarrechner aus der Schublade neben dem Brotkasten genommen – ein Mitbringsel ihres Mannes von einer Dienstreise vor zwanzig Jahren, das Display ist an einer Ecke zerkratzt. Die Zahl darauf: 47 000. Siebenundvierzigtausend Euro. Jonas hat sie am Telefon zweimal genannt. Erst ganz ruhig. Dann schneller, weil sie nichts gesagt hat.
„Mama? Bist du noch da?“
Der Regen läuft am Fenster herunter. Draußen auf dem Balkon stehen die Kräutertöpfe, die sie im April gepflanzt hat, der Oregano hängt müde zur Seite. Aus dem Innenhof bellt der Spaniel der Nachbarin aus dem Erdgeschoss – wie jeden Abend, wenn die alte Dame die Post aus dem Kasten fischt.
„Ich bin da“, sagt Christine. Mehr bringt sie nicht heraus.
Jonas redet. Dreiunddreißig Minuten lang hört sie zu, während er erklärt. Escape Rooms in der Speicherstadt. Fünf Räume. Komplett ausgebaut. Nadine hat einen ehemaligen Lagerraum gefunden, Backstein, originaler Terrazzoboden, ein Traum. Die Miete. Die Kaution. Die Rechte an den Rätselkonzepten. „Wir brauchen vierzigtausend für Bau und Technik, siebentausend als Puffer.“
Christine hat zwanzig Jahre als Buchhalterin im Marienkrankenhaus gearbeitet. Sie kann Zahlen nicht nur lesen, sie roch die Probleme, bevor andere sie sahen. Jonas weiß das. Er hat ihr trotzdem den Plan geschickt, PDF, sechsundzwanzig Seiten. Sie hat ihn ausgedruckt. Neben dem Taschenrechner liegt der Stapel, seit heute Morgen durchgearbeitet, mit Bleistiftmarkierungen an den Rändern.
Sie sagt: „Ich melde mich morgen, Jonas.“
„Mama, ich will nicht, dass du wieder –“
„Ich melde mich morgen.“ Sie legt auf.
Am nächsten Vormittag steht er in ihrer Küche. Sie hat Kaffee gemacht, eine Kanne von dem, den er als Student gern getrunken hat. Irgendwann hat er angefangen, Espresso zu trinken. Heute nicht. Heute nimmt er die große Tasse. Sie sitzen am Tisch, zwischen ihnen der Plan, ausgebreitet wie ein Bauplan. Christine hat die kritischen Stellen mit Bleistift umkreist.
Jonas redet zuerst. Über die Lage, den Touristenstrom an den Landungsbrücken, die Instagram-Tauglichkeit des Eingangs. Über Nadine, die schon drei Jahre im Eventmanagement arbeitet und „das Gespür für Trends“ hat. Über das Gefühl, endlich etwas Eigenes zu machen. Er gestikuliert, verschüttet Kaffee auf die Tischdecke, wischt mit dem Ärmel drüber.
Christine sieht ihn an. Er ist dreißig. Er hat die Hände seines Vaters.
„Jonas“, sagt sie. „Wer trägt die Mietkosten, wenn die ersten vier Monate nur halb gebucht wird?“
Er wird still.
„Die Rechnung geht davon aus, dass ihr ab Woche eins achtzig Prozent Auslastung habt. Samstags und sonntags alle Slots voll. Wer hat das kalkuliert?“
Er nimmt den Kaffeelöffel, dreht ihn zwischen den Fingern. „Nadine hat Vergleichswerte aus Berlin und München genommen.“
„Hamburg ist nicht München. Und ein Escape Room in der Speicherstadt hat im Winter keine achtzig Prozent. Da hast du Touristen, ja. Aber dienstags im Februar?“
„Es gibt Reservierungen. Firmen. Teamevents. Nadine hat schon Anfragen.“
Christine schlägt die Seite mit der Liquiditätsplanung auf. „Hier. Schön gerechnet, aber die Renovierungskosten sind zu niedrig angesetzt. Der Brandschutz in so einem Altbau. Die Dichtigkeitsprüfung für den Keller. Du hast keine zwanzigtausend, die du nachschießen kannst, wenn die ersten Rechnungen höher ausfallen. Du hast siebenundvierzigtausend, und die sind weg.“
Jonas legt den Löffel ab. „Du kennst meine Finanzen?“
„Du hast sie mir gestern selbst gesagt.“
„Ich hab gesagt, was ich vorhabe. Nicht, was ich hab.“
„Jonas.“ Christine beugt sich über den Tisch. Aus dem Plan steigt der Geruch von Druckertinte. „Du bist mein Sohn. Ich will nicht, dass du in eine Sache gehst, die dir das Genick bricht. Diese Kalkulation ist Luft. Wenn du Pech hast, stehst du in einem Jahr mit fünfzigtausend Schulden da und einem Raum, den du nicht untervermietet kriegst.“
Etwas in seinem Gesicht zieht sich zusammen. „Pech. Du meinst: wenn ich versage. Wie Papa.“ Er sagt es leise, fast beiläufig.
Christine spürt, wie ihre Finger den Bleistift umklammern. Ihr Mann Thomas hatte ein Transportunternehmen aufgebaut, zwei Laster, dann drei. In den Neunzigern ging es gut. Dann kam die Finanzkrise, ein Kunde, der nicht zahlte, ein Kredit, der stehen blieb. Thomas hat nie über die Zahlen gesprochen. Erst als die Pfändung kam, erfuhr Christine davon. Sie hat den Kredit umgeschuldet, die Laster verkauft, den Rest ihres Erbes hineingesteckt. Thomas starb zwei Jahre später, Herzinfarkt, mit dreiundfünfzig. Die Schulden trug sie noch vier Jahre lang ab.
„Nein“, sagt sie. „Nicht wie Papa. Ich will nicht, dass du das Gleiche durchmachst wie ich.“ Sie schluckt. „Wie ich danach.“
Jonas steht auf. Sein Stuhl schabt über den Boden. „Papa hat es wenigstens versucht. Er hat an was geglaubt. Du sitzt hier und rechnest alles kaputt, bevor es überhaupt anfängt.“ Er nimmt seine Jacke von der Lehne. „Ich bin gekommen, weil ich dachte, vielleicht freust du dich. Vielleicht sagst du einmal: Mach das, Jonas. Ich trau dir das zu.“ Er schüttelt den Kopf. „Weißt du, was Nadine sagt? Dass du mich festhältst. Dass ich nie erwachsen werde, solange ich auf dich höre.“
Christine sagt nichts. Sie sitzt da, den Bleistift in der Hand, die Spitze auf dem Papier. Sechsundzwanzig Seiten, und keine einzige davon hat mit dem zu tun, was gerade in der Küche passiert.
„Ich geh dann mal“, sagt er. An der Tür dreht er sich noch um. „Ich brauch deinen Segen nicht. Ich wollte ihn nur.“
Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Von draußen hört sie seine Schritte im Treppenhaus, dann die Hauseingangstür. Der Spaniel bellt.
Christine bleibt lange am Tisch sitzen. Der Kaffee wird kalt. Der Regen hat aufgehört, die Sonne fällt flach über den Balkon und macht die Kratzer auf dem Taschenrechner-Display sichtbar. Sie nimmt das Ding in die Hand, tippt eine Zahl ein: 25 000. Das ist das Konto, von dem Jonas nichts weiß. Das Sparkonto, das sie vor acht Jahren angelegt hat, nachdem Thomas’ letzte Schuld getilgt war. Fünfundzwanzigtausend Euro. Notgroschen, hat sie es genannt. Zweihundert Euro Dauerauftrag, jeden Monat. Ihr Sicherheitsnetz für ihn, falls es ihn einmal erwischt.
Lange hat sie gedacht, das wäre Liebe. Immer ein Polster haben. Immer da sein, wenn es brennt. Immer schon wissen, wie man rettet. Jetzt sitzt sie hier, in einer Küche, die nach altem Kaffee riecht, und versteht, dass sie ihm diesen Notgroschen nie geben wollte. Sie wollte ihn als Grund behalten, angerufen zu werden. Als Beweis, dass sie noch gebraucht wird.
Am Montagmorgen geht sie zur Filiale der Hamburger Sparkasse an der Osterstraße. Die Schlange vor dem Automaten ist kurz an diesem Morgen, drei Leute, eine Frau kramt nach ihrem Ausweis. Christine wartet, bis sie an der Reihe ist. Der Kontoauszugsdrucker summt. Sie steckt die Karte ein, tippt die PIN.
Auf dem Bildschirm: Sparkonto Notgroschen. 25 000,08 Euro.
Sie wählt „Überweisen“. Als Verwendungszweck tippt sie: „Dein Geld. Ich halte dich nicht mehr fest.“ Den Betrag: fünfundzwanzigtausend Euro. Empfänger: Jonas Brandt, IBAN DE… Sie kennt sie auswendig.
Der junge Mann am Schalter fragt, ob er helfen kann. „Nein“, sagt Christine. „Ich mach das schon.“ Sie bestätigt die Überweisung. Danach löscht sie den Dauerauftrag. Löscht das Sparkonto. Der Bildschirm fragt: „Wirklich schließen?“ Sie tippt: Ja.
Auf dem Rückweg kauft sie beim Türken an der Ecke eine Schale Feigen. Sie hat seit Monaten keine Feigen mehr gegessen. Zu Hause stellt sie die Schale auf den Küchentisch, neben den Ausdruck des Businessplans. Sie schlägt die erste Seite auf, liest den Titel: „Exit Speicherstadt. Erlebnis für alle.“ Darunter, in Helvetica, die Investitionssumme. 47 000 Euro.
Sie nimmt den Bleistift und malt ein Häkchen daneben.
Der Anruf kommt um halb sieben abends. Das Handy liegt auf dem Balkontisch, Christine sitzt auf dem Stuhl, die Füße auf dem Metallgitter. Sie lässt es zweimal klingeln.
„Mama? Was ist das?“
„Du hast gesehen.“
„Fünfundzwanzigtausend? Wo kommt das her?“
„Ein Konto, das ich für dich hatte. Jetzt hast du es. Ohne Bedingungen.“
In der Leitung knackt es. Sie hört ihn atmen. Im Hintergrund eine Straßenbahn, die Bremsen quietschen. Er ist nicht zu Hause.
„Ich weiß nicht, was ich damit machen soll“, sagt er.
„Dann lass es liegen. Oder steck es in den Escape Room. Oder kauf dir was. Es ist deins.“
„Und wenn ich es dir zurücküberweise?“
„Dann schicke ich es wieder. Jonas, ich hab das Konto aufgelöst. Es gibt keinen Notgroschen mehr. Wenn du baden gehst, kommst du nicht zu mir und fragst nach Geld. Das war’s.“ Sie sagt es ohne Schärfe. Wie einen Befund.
Es ist lange still. Dann sagt er: „Du hast noch nie gesagt, dass du mich nicht festhalten willst.“
Christine schaut auf die Feigen in der Küche. Eine ist an der Seite aufgerissen, der Saft läuft über die Schale. „Ich hab’s vorher auch nicht gewusst“, sagt sie.
„Kann ich morgen vorbeikommen?“
„Ich backe einen Kuchen.“
„Mit Schokolade?“
„Mit Schokolade.“
Sie legt auf. Der Spaniel aus dem Erdgeschoss bellt zur Postzeit. Der Abend wird blau über den Dächern von Eimsbüttel. Christine nimmt eine Feige aus der Schale, halbiert sie mit den Fingern. Kerne, Fruchtfleisch, Saft. Sie denkt an die fünfundzwanzigtausendacht Euro, die jetzt auf Jonas’ Konto liegen. Sie denkt an den Dauerauftrag, der nicht mehr existiert. An das leere Feld im Online-Banking, wo vorher „Notgroschen“ stand.
43 999 998 Euro, sagt eine Stimme in ihrem Kopf. Nein. Sie schüttelt den Kopf. Es gibt nichts mehr zu rechnen.
Als Jonas am nächsten Tag klingelt, riecht es im Treppenhaus schon nach Schokoladenkuchen. Christine öffnet die Tür. Er steht da, die Jacke über dem Arm, in der Hand eine Tüte vom Blumenladen an der Osterstraße. Sonnenblumen. Ihre Lieblingsblumen, seit er denken kann.
„Ich hab sie nicht selbst ausgesucht“, sagt er. „Nadine hat gesagt, ich soll dir Blumen mitbringen. Zur Versöhnung.“ Er hält die Tüte hoch. „Ich hab aber die Sonnenblumen genommen. Nicht die Rosen, die sie meinte.“
Christine tritt zur Seite, lässt ihn herein. „Dann stell sie ins Wasser. Die Vase steht auf dem Fensterbrett.“
In der Küche riecht es süß, der Kuchen dampft noch. Christine schneidet zwei Stücke ab, legt sie auf die Teller mit dem Streublumenmuster, die sie seit zwanzig Jahren hat. Jonas isst sein Stück im Stehen, die Krümel fallen auf den Boden. Er redet über die Speicherstadt, über den Termin mit dem Architekten, über eine Firma, die das Brandschutzkonzept prüfen will. Dass die Kosten vielleicht doch höher werden, als Nadine dachte. Dass der Puffer nicht reicht.
Christine sagt nichts dazu. Sie trinkt ihren Kaffee. Sie sieht, wie Jonas die Sonnenblumen in die Vase stellt, sorgfältig, als wären sie zerbrechlich. Sie sieht, wie er mit dem Daumen über das zerkratzte Display des Taschenrechners fährt, der noch neben dem Brotkasten liegt. Er tippt eine Zahl ein. 47 000 plus 25 000. Löscht sie wieder.
„Mama“, sagt er. „Danke für das Geld. Aber ich will es nicht ausgeben. Noch nicht.“ Er dreht sich zu ihr um. „Ich leg’s auf mein Tagesgeldkonto. Wenn die Sache mit dem Escape Room schiefgeht, hab ich wenigstens ein Polster.“ Er zögert. „Ist das in deinem Sinne?“
Christine nimmt eine Gabel, schneidet ein Stück vom Kuchen ab. „Es ist dein Sinne, Jonas. Es ist dein Polster. Ich bin nicht mehr die, die das für dich entscheidet.“ Sie sieht ihn an. „Ich bin die, die Sonnenblumen kriegt.“
Er lacht. Es ist kein lautes Lachen, eher ein Ausatmen nach oben. „Du machst es einem auch nicht leicht.“
„Ich hab’s mir auch nicht leicht gemacht.“
Draußen bellt der Spaniel. Diesmal gegen die Dämmerung, als jemand die Haustür zuzieht. Christine steht auf, stellt die Kaffeekanne auf den Herd, dreht den Knopf. Sie gießt sich nach. Dann nimmt sie den Taschenrechner vom Tisch, legt ihn in die Schublade neben den Brotkasten, dorthin, wo er seit zwanzig Jahren liegt. Die Feigen sind fast alle. Eine hat sie übrig gelassen. Für später.







