Marlene stand am Herd und rührte in der Kartoffelsuppe, als sie hinter sich das Schloss klicken hörte. Viertel nach sieben. Karsten kam heim, ohne ein Wort, wusch sich die Hände im Bad und setzte sich an seinen Platz am Küchentisch, als wäre das hier eine Betriebsversammlung und kein Abendessen.
Sieben Jahre waren sie jetzt verheiratet. Die kleine Frieda hatte ihre Nudeln mit Bolognese schon aufgegessen, ein Glas Milch getrunken und war ins Kinderzimmer verschwunden, wo aus dem Tablet leise die Melodie einer Zeichentrickserie drang.
„Ich hab mich entschieden", sagte Karsten und legte die Gabel hin, bevor er überhaupt etwas gegessen hatte. „Ende Mai verkaufen wir die Wohnung hier und ziehen zu meinen Eltern nach Rothenklempenow."
Marlene hörte auf zu rühren.
„Meine Eltern schaffen den Hof nicht mehr allein. Du weißt, wie groß der ist – die Instandhaltung, das Dach, die Heizung. Wir müssen da hin. Alle drei."
Er redete weiter, wie über die Zahlen einer Gasabrechnung: Nebenkosten seien explodiert, Medikamente würden teurer, seine Mutter könne den Garten und die Tiere nicht mehr allein stemmen, sie sei jetzt zweiundsiebzig.
„Ich hab einen viel einfacheren Vorschlag", sagte Marlene und legte ihren Löffel exakt parallel zum Tellerrand. „Deine Eltern müssen einfach keine Tiere mehr halten. Zehn Eier und ein Liter Milch kosten bei Edeka keine drei Euro fünfzig. Das ist billiger als Futter, Heu und Tierarztkosten für zwei Ziegen und ein Dutzend Hühner. Der Garten kann auch kleiner werden. Sollen deine Eltern sich mal ausruhen. Sie sind Rentner, kein Bauernhof-Betrieb."
„Du hörst mir nicht mal richtig zu, bevor du dein Urteil fällst!", fuhr Karsten hoch. „Frieda geht dort auf die Grundschule, ich war selbst da, die Lehrer kennen mich noch."
„Reicht denen unser Urlaub nicht mehr, den wir jedes Jahr komplett bei ihnen im Beet verbringen?"
„Sie tun das für uns! Frische Milch, Eier ohne Chemie, Gemüse aus eigenem Anbau – für unsere Tochter!"
„Und dafür verbringen wir jeden Sommerurlaub gebückt zwischen Kartoffelreihen", sagte Marlene, und ihre Stimme wurde schärfer. „Frieda will übrigens dieses Jahr ans Meer. An die Ostsee, nach Rügen, das redet sie mir seit Wochen ein."
„Die kann noch hundertmal ans Meer. Umzug ist Ende Mai, sobald die Schule aus ist. Ich hab entschieden."
Marlene lachte kurz, ohne dass es lustig war.
„Du hast entschieden? Hast du vergessen, uns zu fragen – mich und Frieda? Und über meinen Job als Filialleiterin bei der Sparkasse hast du auch schon entschieden? Warum zieht eigentlich nicht deine Schwester zu euren Eltern? Der Löwenanteil vom ganzen ‚gesunden Landgemüse' geht sowieso zu ihr rüber."
„Jetzt rechnest du auch noch Fleischstücke in meiner Familie nach?"
„Und ob ich das tue. Deine Schwester schiebt ihre drei Kinder jeden Sommer drei Monate lang bei deinen Eltern ab. Sollen wir die dann auch noch rund um die Uhr betreuen, wenn wir da wohnen?"
„Wir sind eine Familie. Wir helfen. Punkt."
„Verstehe", sagte Marlene leise.
„Und die Wohnung hier müssen wir zur Vermietung herrichten", fuhr Karsten fort, schon versöhnlicher, die Hände reibend. „Mieteinnahmen können wir gut gebrauchen, auf dem Land."
„Ich hab noch gar nichts entschieden. Weder Umzug noch Wohnung. Wir hatten fest geplant, diesen Sommer an die Adria zu fahren, wir waren seit Jahren nicht richtig weg."
„Rausgeschmissenes Geld. Das investieren wir lieber in die Renovierung vom Elternhaus. Mutter hat schon geplant, welche Zimmer sie uns gnädigerweise überlässt."
„Dann renovier du das doch selbst. Von deinem eigenen Geld. Ich hab noch nicht vor, mein Leben durchzustreichen. Und Frieda macht seit ihrem dritten Lebensjahr Kunstturnen im Verein, sie hat da Erfolge."
„Ach, Olympiasiegerin wird aus ihr sowieso nicht, da macht's nichts, wenn sie aufhört —"
„Ob sie Olympiasiegerin wird, ist mir völlig egal. Wichtig ist, dass sie mit Freude hingeht, dort Freunde hat, dass es ihr gefällt. Ich zerstöre ihr nicht das Leben."
„Dann lassen wir das Thema erstmal", sagte Karsten kalt. „Wenn du so stur bist und nicht mit zu meinen Eltern willst, dann bleibt ihr eben. Wir kommen da schon allein klar. Die Reise ans Meer ist doch noch nicht bezahlt, oder?"
„Keiner fährt nirgendwohin. Ich verbiete dir, dafür Geld auszugeben."
„Das hab ich von meiner eigenen Prämie zusammengespart, komplett selbst bezahlt. Das geht dich nichts an."
„Das ist unser gemeinsames Geld."
„Gemeinsam?" Marlenes Augen wurden schmal. „Und das ‚gemeinsame Geld', das du jeden Sommer klaglos deinen Eltern gibst, für die Verpflegung fremder Enkel – das ist auch gemeinsam? Wir haben ein Kind, deine Schwester drei. Wir sind höchstens vier Wochen im Jahr da, die sitzen dort drei Monate durch. Und ich hab gesehen, wie Friedas Tante den Kofferraum vollpackt mit Gemüse, während wir uns im Beet den Rücken kaputtmachen. Frieda hat's letzten Sommer zufällig mitgekriegt."
Karsten wurde rot, sagte nichts.
„Also, mein Lieber: Wenn du dein Geld klaglos in dieses Fass ohne Boden steckst, dann geb ich meins mit gutem Gewissen für einen richtigen Urlaub mit meiner Tochter aus. Und diese Wohnung hier steht auf meinen Namen. Vermietet wird sie unter keinen Umständen."
„Und meine alten Eltern?", fragte Karsten, sichtlich überrumpelt.
„Du hast's ihnen versprochen. Dann pack deine Sachen und zieh, wann du willst. Ich halt dich nicht."
Zwei Wochen später kamen Marlene und eine braungebrannte, überglückliche Frieda von der Ostsee zurück. Karsten holte sie nicht vom Bahnhof ab – eine knappe SMS reichte ihm: dringende Angelegenheiten auf dem Hof.
Als sie die Wohnungstür aufschlossen, war es merkwürdig still. Zu still. Marlene knipste im Wohnzimmer das Licht an und blieb stehen: Der Fernseher war weg. Im Bad fehlte die fast neue Waschmaschine. In der Küche keine Mikrowelle mehr. Fast die gesamte Technik – verschwunden.
„Mama —", Frieda kam aus ihrem Zimmer, die Stimme dünn. „Mama, mein Tablet ist nicht auf dem Schreibtisch. War Einbruch? Oder hat Papa das mitgenommen? Mama, ich will nicht in das Dorf ziehen."
Marlene rief ihn mit zitternden Fingern an.
„Ich hab schon fast alles Nötige zu meinen Eltern gebracht", sagte Karsten, ruhig, als läse er eine Wettervorhersage vor. „Ich warte auf euch. Morgen hol ich mit dem Auto den Rest."
„Bist du komplett übergeschnappt? Warum nimmst du heimlich Friedas persönliche Sachen mit? Du hättest wenigstens Bescheid sagen können! Sie steht hier und heult, sie dachte, wir wurden bestohlen!"
„Ich hab gesagt, ich warte auf euch, alles ist in Sicherheit. Und wenn du dich stur weigerst, mitzukommen, wie es sich für eine normale Ehefrau gehört, dann lass ich mich eben scheiden. Und übrigens: Ich hab aus der Wohnung nur mitgenommen, was ich selbst gekauft hab, oder was uns meine Eltern zu Feiertagen geschenkt haben. Das Tablet war von ihnen für Frieda, deshalb ist es mit mir gefahren."
„Geschenkt von deinem Geld, das du ihnen vorher gegeben hast! Wie praktisch, wie hinterhältig", sagte Marlene, die Stimme eisig. „Du hast wissentlich dein eigenes Kind bestohlen und gekränkt. Ich komme nicht. Frieda kommt nicht. Nimm deinen Kram, behalt ihn, er bedeutet mir nichts mehr. Aber merk dir eins: Du hast gerade eigenhändig deine Familie zerstört."
Am nächsten Tag ging Marlene in den MediaMarkt an der Frankfurter Allee und kaufte Frieda ein neues, besseres Tablet – für hundertneunzig Euro, mit Hülle und Displayschutz gleich dazu. Sie setzte sich mit ihr aufs Bett und erklärte, dass Erwachsene manchmal sehr dumme Dinge tun. Am Nachmittag rief sie einen Schlüsseldienst, ließ das Schloss der Wohnungstür austauschen und legte die alte Zylinderschließung in die Schublade neben den Kontoauszügen.
Karsten, überzeugt von seinem Recht, reichte stolz die Scheidung ein. Er rechnete fest damit, seine widerspenstige Frau würde vor Angst einknicken und reumütig aufs Dorf gekrochen kommen. Marlene aber stimmte, ohne mit der Wimper zu zucken, sämtlichen seiner Bedingungen zu, unterschrieb zügig und reichte im gleichen Atemzug eine Gegenklage auf Kindesunterhalt ein – vierhundertzehn Euro monatlich, nach Düsseldorfer Tabelle, plus hälftiger Anteil an Frieda-Ausgaben für Turnverein und Schulmaterial.
Heute lebt Karsten bei seinen Eltern in Rothenklempenow. Er arbeitet dort wie ein unbezahlter Knecht, versorgt nebenbei die Familie seiner Schwester, die weiterhin ihre drei Kinder abliefert und Gemüsekisten mitnimmt. Zweimal hat er versucht, zu Marlene in die warme Stadtwohnung zurückzukehren – nachdem der Unterhalt abgezogen war, blieb ihm netto kaum mehr als achthundert Euro im Monat, und ohne Marlenes Sparkassen-Gehalt merkte er zum ersten Mal, was Geldnot wirklich bedeutet.
Die Tür blieb geschlossen. Seine Tochter sieht er selten – das Dorf frisst ihm jede freie Stunde und die letzte Kraft. Neulich fanden seine Eltern, eine Ziege und ein Dutzend Hühner reichten nicht mehr aus für die „gesunde Landluft": Sie schafften sich noch ein Ferkel und zehn Gänse an. Karsten füttert jetzt morgens um sechs, bevor er zur Frühschicht in die Werkstatt nach Pasewalk fährt. Auf dem Küchenschrank bei Marlene steht seitdem ein Foto von Frieda mit dem neuen Tablet am Ostseestrand, Sonnenbrand auf der Nase, Daumen hoch.







