An der Tankstelle vor Göttingen, direkt an der B27, kenne ich nach vierzehn Jahren jeden, der kurz vor Feierabend noch mal anhält. Der Außendienstler, der seinen Passat volltankt und dabei telefoniert. Die Krankenschwester aus der Spätschicht, die sich einen Kaffee für 1,50 zieht. Der junge Mann, der mit zittrigen Händen einen Blumenstrauß kauft, weil er zu spät zur Versöhnung kommt. Mich bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe.
Aber der Hund an Säule drei. Der hat mich aus dem Konzept gebracht.
Es war Mitte Oktober, so ein Tag, an dem der Regen die Lindenblätter auf den Asphalt klatscht und die Scheinwerfer schon um vier Uhr nachmittags schlieren ziehen. Die Hündin saß an einen der Pfosten neben der Zapfsäule gebunden, darunter lag eine zerschlissene Decke, die mal rosa gewesen sein musste. Jetzt war sie grau, wie mit Spülwasser gewaschen und nie wieder richtig trocken geworden. Das Tier zitterte, aber nicht vor Kälte. Jedes Mal, wenn auf der B27 ein Motor aufheulte, richtete es den Kopf auf, zog die Leine straff und schaute auf die Straße, als hätte der letzte Bus gleich ihren Namen auf der Anzeigetafel.
Ich habe mir die Hände am Papiertuch abgewischt und bin raus. Der Regen hat sofort meinen Kragen durchnässt. „Na, du“, hab ich gesagt, in so einer Stimme, die man für verlorene Hunde und betrunkene Stammkunden benutzt. Keine Reaktion. Nicht mal ein Ohrenzucken. Sie schaute durch mich hindurch, weiter zur Straße. Ich war Luft.
Da wusste ich: Die wartet nicht auf irgendjemand. Die wartet auf einen ganz bestimmten Menschen, und ich bin es nicht.
Drinnen hat Sabrina hinter der Kasse die Pfandbons zusammengerechnet und dabei halblaut geflucht, weil zwei nicht gescannt hatten.
„Seit wann hängt der Hund da?“, fragte ich.
Sabrina hob nicht mal den Kopf. „Seit heute Morgen. So gegen halb acht. Eine ältere Frau mit dunkelblauem Opel Corsa hat sie angebunden, ist kurz in den Shop, hat einen schwarzen Kaffee genommen, und dann ist sie ohne den Hund weggefahren. Ich dachte, sie kommt gleich wieder.“
„Halb acht. Jetzt ist es kurz nach vier.“
Sabrina zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist was dazwischengekommen.“
Ich hab keine Antwort gegeben. Wer seinen Hund morgens an einer Zapfsäule festmacht und dann mit Kaffee in der Hand davonfährt, der kommt nicht zurück. Jeder hier kennt diese Geschichten. Sabrina wusste das auch.
Ich habe einen Pappbecher mit Wasser gefüllt und ihn der Hündin hingestellt. Sie hat nicht getrunken. Nicht mal dran gerochen. Sie lag jetzt wieder auf der Decke, den Kopf auf den Pfoten, die Augen auf die Einfahrt gerichtet. Da habe ich gesehen, wie die Rippen unter dem nassen Fell hervortraten. Kein Halsband, nur die billige schwarze Leine mit dem Karabinerhaken für 1,99 aus dem Baumarkt.
Ich hab sie nicht gefragt. Ich hab den Karabiner geöffnet, sie auf den Arm genommen, die Decke dazu. Federleicht. Wie ein Bündel nasse Zeitung. Sie hat sich nicht gewehrt, aber sie hat auch nicht aufgehört, zur Straße zu schauen. Ihr ganzer Körper war weggedreht, als wäre ich nur ein Transportmittel, das sie an ihrem Vorhaben hindert.
In der kleinen Tierarztpraxis an der Groner Landstraße habe ich auf dem kalten Stuhl im Wartezimmer gesessen, die Hündin auf dem Schoß. Sie roch nach altem Regen und feuchtem Staub. Der Doktor, ein Mann mit ruhigen Händen und einer Lesebrille an der Stirn, hat den Chip gescannt.
„Elfriede Schneider, geboren 1941. Adresse in der Innenstadt, Kurze-Geismar-Straße. Da sind wir schon lange nicht mehr gewesen, was?“
Die Hündin hat sich nicht gerührt. Nur ihr rechtes Hinterbein zitterte, als der Doktor mit dem kalten Scanner über ihre Flanke fuhr.
„Elf Jahre mindestens“, sagte er. „Für so eine kleine Mischung ist das ein stolzes Alter. Leider höre ich ein Herzgeräusch. Nicht dramatisch, aber man sollte es im Auge behalten.“
Ich bin danach zu der Adresse gefahren, mit dem Hund auf dem Beifahrersitz. Sie hat am Fenster gesessen und den Regen angelaufen lassen. Vor dem Haus war ein Absperrband gespannt, daneben stand eine Nachbarin mit Einkaufstrolley. Sie hielt einen leeren Milchkarton in der Hand, als hätte sie vergessen, ihn wegzuwerfen.
„Die Frau Schneider? Ja, die ist vorgestern in die Klinik gekommen. Herz. Die Tochter aus Hannover war da. Aber gestern Nacht ist sie gestorben.“ Die Nachbarin sah den Hund an. „Ach du liebe Zeit. Die kleine Fine. Die war immer dabei.“
Fine. So hieß die Hündin also.
Die Tochter, nicht der Sohn. Gut, also keine Witwe. Ich habe im Internet die Nummer der Tochter gefunden, über das Bestattungsunternehmen, das die Anzeige geschaltet hatte. Sie hieß Cornelia. Als ich anrief und das Wort Hund erwähnte, wurde die Stimme dünn.
„Hören Sie, ich stehe gerade auf dem Friedhof, meine Mutter ist vor zwei Tagen beerdigt worden. Mir geht es nicht gut. Was soll ich mit dem Hund? Ich wohne in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, mein Mann hat Asthma. Der Köter war meiner Mutter ihr Ein und Alles. Aber jetzt …“
Dann hat sie aufgelegt. Einfach so.
Fine hat in der Nacht auf dem Badezimmervorleger geschlafen, weil sie partout nicht auf die Decke wollte, die ich ihr in den Flur gelegt hatte. Sie hat keinen Ton gemacht. Nur wenn draußen ein Auto vorbeifuhr, hob sie den Kopf, ließ ihn dann wieder sinken.
Am nächsten Morgen wusste ich: Ich kann sie nicht behalten, offiziell. Tierheim, sagten die beim Ordnungsamt. Aber die erklärten mir auch: Bei einem toten Halter und einer Erbin, die das Tier nicht will, landet sie im Vermittlungsprogramm. Mit elf Jahren und Herzgeräusch. Die Durchschnittszeit bis zur Vermittlung für so alte Hunde liege bei sechs Monaten. Oder länger. Falls sich niemand meldet, werde sie nach der gesetzlichen Frist eingeschläfert.
„Wie lange ist die Frist?“
„Drei Wochen.“
Da habe ich zum ersten Mal richtig gemerkt, wie sich mein Magen zusammengezogen hat.
Drei Wochen. Und ich mit meiner kleinen Wohnung über der Tankstelle, mit dem Kater, der beim Anblick eines Hundes schon fauchte, wenn er nur im Treppenhaus einen hörte.
Die Sache mit der Erbschaft machte es kompliziert. Cornelia hätte schriftlich verzichten müssen. Sie wollte nicht einmal meinen Anruf entgegennehmen. Der Anwalt, den ich um Auskunft bat, meinte, ich solle es schriftlich versuchen. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, mit der Hand, zwei Seiten, in dem ich erklärt habe, dass ich die Hündin bei mir aufgenommen habe und sie nicht ins Tierheim geben will. Keine Antwort.
Dann, nach einer Woche, kam ein Anruf. Nicht von Cornelia, sondern von ihrem Mann, ein Herr mit tiefer, freundlicher Stimme, der mir erklärte, dass seine Frau das Erbe ausgeschlagen habe. Auch den Hund. Aber er müsse mir leider sagen: Der Hund sei Teil der Erbmasse, und wenn ich ihn haben wolle, müsse ich ihn zum Verkehrswert übernehmen.
„Verkehrswert? Was soll das heißen?“
„Na, Sie wissen schon. So eine Rassehündin, elf Jahre alt. Wir hätten ihr einen Liebhaberpreis eingeräumt. Aber gut, sagen wir mal: vierhundert Euro. Sie überweisen, wir lassen die Verzichtserklärung notariell beglaubigen, und Sie bekommen die Papiere.“
Ich stand an der Kasse, einen Kugelschreiber in der Hand, und habe auf die Überwachungskamera an Säule drei gesehen. Fine saß nicht mehr draußen. Die saß in meiner Wohnung. Auf meinem Badezimmervorleger.
„Vierhundert“, habe ich gesagt. „Und wenn ich nicht zahle?“
Dann hat er gelacht, so ein kehliges Lachen, das durch den Hörer kam wie das Schnurren eines Motors. „Dann holen wir sie nächste Woche ab und geben sie dem Tierheim. Und Sie können ja dort zusehen, wie es einem alten Hund ergeht, der dreimal am Tag sein Futter nicht anrührt.“
Ich habe den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und das Onlinebanking auf dem Kassenrechner geöffnet. 1160 Euro standen auf meinem Sparkassenkonto. Das war der Rest meines Notgroschens, den ich seit zwei Jahren für die neue Kühlschrankdichtung und die kaputte Waschmaschine angespart hatte.
Ich habe die Überweisung getätigt, während der Herr am anderen Ende mit seiner Frau im Hintergrund sprach. „Kontoempfänger?“
„Schneider, Cornelia. IBAN durchgeben?“
Ich habe die Nummern eingetippt, langsam, Ziffer für Ziffer. Vierhundert Euro. Es fühlte sich an wie ein Lösegeld.
Fünf Tage später lag der Umschlag mit der notariellen Erklärung im Briefkasten. Ich habe ihn nicht aufgemacht. Erst in der Wohnung, bei einer Tasse Pfefferminztee, während Fine auf der Fensterbank saß und in den Regen schaute.
Auf dem Schreiben stand: „Die Unterzeichnende verzichtet hiermit unwiderruflich auf sämtliche Rechte an dem Tier mit der Transpondernummer 276098…“ Mehr habe ich nicht gelesen. Ich habe das Papier in eine Klarsichtfolie gesteckt und in die Schublade unter dem Küchenradio gelegt, zusammen mit dem Vertrag vom Tierarzt und der Quittung über die Herzuntersuchung. 340 Euro nochmal. Aber das war es wert gewesen, sagte ich mir, als der Doktor das neue Medikament aufschrieb.
Dann war da der Abend, an dem es geschah.
Ich hatte Spätschicht. Draußen regnete es so stark, dass die Laternen auf dem Hof wie nasse Pinselstriche aussahen. Gegen halb zwölf hielt ein dunkelblauer Opel Corsa an. Ich hörte die Tür, dann die Glocke über dem Shop. Ein Mann Mitte fünfzig, in einem zu dünnen Jackett, die Haare nass am Kopf. Er roch nach Bier und kaltem Rauch.
„Wo ist der Hund?“, sagte er statt einer Begrüßung.
Ich wusste sofort, wer er war. Der Schwiegersohn. Er war allein. Seine Augen suchten den Raum ab, hinter die Regale, unter die Kaffeemaschine, als könnte Fine dort zwischen den Brezeln hocken.
„Der Hund ist nicht hier in der Tankstelle“, sagte ich.
Er lachte trocken. „Erzähl mir nichts. Meine Frau sagt, Sie hätten den Hund. Sie haben dafür bezahlt. Also ist das mein Hund. Ich will ihn jetzt holen.“
Ich habe die Hände ruhig auf den Tresen gelegt. Neben der Kasse lag die Klarsichtfolie mit den Papieren. Ich hatte sie vorsichtshalber mit nach unten genommen, ohne zu wissen, warum.
„Es ist nicht Ihr Hund. Ihre Frau hat unterschrieben. Schauen Sie selbst.“
Ich habe die Mappe aufgeschlagen und ihm die Verzichtserklärung hingesetzt. Er beugte sich darüber, las die Zeilen, und ich sah, wie sein Kiefer mahlte. Er hat nach der Mappe gegriffen, als wollte er sie zerreißen, aber dann ließ er es. Man reißt kein notarielles Dokument durch, wenn man schon einmal wegen Unterschlagung vorbestraft ist. Das stand nicht in den Papieren, das wusste ich von der Nachbarin. Aber es reichte.
„Das ist Erpressung“, sagte er. „Sie haben meine Frau unter Druck gesetzt.“
„Ich habe ihr einen Preis gezahlt, den Sie selbst genannt haben. Sie haben mir die Überweisung bestätigt. Ende der Geschichte.“
Er starrte mich an. Nein, das Wort ist zu stark — er fixierte mich, als ob seine Augen zwei kalte Punkte in der Dunkelheit wären. Ich habe nicht ausgewichen. Hinter mir, in der Wohnung, hörte man ein leises Kratzen an der Tür.
Er ging einen Schritt auf den Tresen zu. „Ich könnte Anzeige erstatten. Wegen Unterschlagung.“
„Sie können gehen. Oder ich rufe die Polizei. Ihr Wagen steht mit laufendem Motor vor der Zapfsäule, und Sie haben getrunken.“
Da hat er mich angesehen, als hätte ich ihm auf die Schuhe gespuckt. Dann hat er sich umgedreht und ist raus. Die Glocke hat gebimmelt. Durchs Fenster sah ich, wie er zum Corsa ging, einstieg und vom Hof fuhr, ohne zu tanken.
Ich habe die Mappe zugeklappt, die Klarsichtfolie in die Schublade gelegt und bin nach oben. Fine stand an der Tür, die Ohren gespitzt. Sie hatte das Kratzen gehört. Ich habe mich gebückt, sie aufgehoben und an meine Schulter gedrückt. Sie roch nach ihrem Hunde-Shampoo und nach Staub von der Fensterbank.
„Der kommt nicht wieder, Fine“, habe ich gesagt. Und zum ersten Mal an diesem Abend hat sie mir die nasse Nase ans Ohr gelegt.
Draußen rauschte der Regen. Unten an der B27 fuhren die Autos vorbei, und für einen kurzen Moment hat Fine den Kopf gehoben, als würde sie auf den Verkehr lauschen. Aber diesmal hat sie sich nicht für die Straße interessiert. Sie hat sich an meinen Hals gekuschelt und tief ausgeatmet.
Ich habe die Wohnungstür abgeschlossen, das Licht im Flur ausgemacht und mich mit ihr auf den alten Sessel neben der Heizung gesetzt. Sie blieb auf meinem Schoß. Unter dem Fenster tickte die Heizung. Eine halbe Stunde lang hat sie nicht ein einziges Mal zur Tür gesehen.







