Wir sind Anfang September nach Binz gefahren, meine Schwester Nora und ich. Es war ihre Idee gewesen. Sie meinte, der Trubel sei vorbei, das Wasser noch warm, die Preise halbwegs erträglich. Wir buchten eine Pension zwei Straßen hinter der Strandpromenade. Unser Zimmer roch nach Bohnerwachs und alten Kieferndielen. Jeden Morgen hörte man vom Hafen die Möwen, die um die Fischbrötchenbuden kreischten. Nora schlief lange, ich ging früh los, setzte mich an die Ufermauer und schaute auf die Ostsee. Der Wind roch nach Salz und Tang. Am dritten Abend landeten wir in einem Café direkt am Strand. Es hieß „Sandkorn“, die Tische wackelten, die Kellnerin trug eine Latzhose und ein Tattoo am Handgelenk. Wir bestellten Weißwein und sahen zu, wie der Himmel über der See orange wurde. Ich trank mein Glas halb leer und merkte, dass meine Schultern zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr bis zu den Ohren gespannt waren. Nora erzählte von ihrer Arbeit in der Physiotherapiepraxis. Ich hörte zu, ohne wirklich zuzuhören. Da zog jemand den freien Stuhl neben mir raus.
Er fragte, ob er sich setzen dürfe. Die anderen Plätze seien besetzt. Ich deutete mit der Hand auf den leeren Stuhl. Er setzte sich. Junge Haut, dunkle Locken, ein Leinenhemd mit aufgerollten Ärmeln. Ich tippte auf Mitte zwanzig. Er bestellte ein Pils und legte seine Hand so auf den Tisch, dass ich den silbernen Ring an seinem Daumen sah. Er sagte, er heiße Julian. Ich nannte meinen Vornamen. Ines. Er wiederholte ihn, als würde er ihn in den Mund nehmen. Ich sagte sofort: Ich bin dreiundvierzig. Und verheiratet. Ich will keine Versprechungen, keine Lügen, keine Nummern. Er nahm einen Schluck, leckte sich über die Unterlippe und sagte nur: Für mich zählen die nächsten Tage. Ohne Zukunft, ohne Verpflichtung, ohne Theater. Ich dachte kurz nach. Dann hob ich mein Glas. Wir stießen an.
Die Woche danach war eine Blase, in der ich mich selbst nicht erkannte. Nachts liefen wir barfuß durch den Sand, das Wasser glühte schwarz, der Mond riss einen Streifen Licht über die Wellen. Er hakte seine Finger in meine, sein Daumen strich über meinen Handrücken, als wäre meine Haut dünnes Papier. Er sprach wenig. Wenn er sprach, dann über Musik, über seinen Job in einer Autowerkstatt, über seinen Vater, der in Lübeck lebte. Nie über Frauen, nie über Geld. Einmal sagte er: Du bist nicht so verbraucht, wie du tust. Ich lachte. Es klang heller, als ich mich fühlte. Wir schwammen einmal bis zur Badeplattform, ich keuchte, das Wasser war kälter als gedacht, er wartete, bis ich wieder Luft bekam. Ich schmeckte Salz auf meinen Lippen. Ich dachte: So fühlt sich zweite Haut an. Am letzten Morgen stand ich um sechs an der Tür, mein Koffer war gepackt. Er schlief noch in seinem Bett, das Laken über die Hüften geschoben. Ich hinterließ nichts, wir hatten ja keine Nummern. Auf der Fähre nach Stralsund lockerte sich etwas in meiner Brust. Vorbei, dachte ich. Vorbei.
In meiner Wohnung in Bremen lag die Post in einem Stapel neben dem Schuhschrank. Ich trug den Koffer ins Arbeitszimmer und setzte mich kurz auf den alten Sessel, den Tim, mein Mann, nie mochte. Tim kam aus der Küche, umarmte mich links, die rechte Hand am Türrahmen. Er hatte die Heizung nicht aufgedreht, es roch nach geschlossener Luft und abgestandenem Kaffee. Unsere Tochter Mila rief aus dem Wohnzimmer: „Mama, wir sind hier. Komm rein, ich will dir Julian vorstellen!“ Ich ließ den Koffergriff los. Julian. Der Name, der auf der Insel so oft zwischen uns gelegen hatte, war plötzlich in meinem Flur. Ich zog die Schuhe aus, stellte sie gerade, ging die drei Schritte bis zur Wohnzimmertür. Auf dem Sofa saß Mila, zwanzig, rote Wangen, ein Tablett mit geschnittenem Apfel und zwei Gläsern. Daneben Julian. Das Leinenhemd, der silberne Ring. Sein Fuß wippte. Als er mich sah, hörte das Wippen auf. Er stand auf. Der Apfel in Milas Hand fiel zurück auf das Tablett. Ich wusste nicht, ob mir schlecht wurde oder ob ich schreien wollte. Ich tat keins von beidem. Ich sagte: „Mila, ich zieh mir was anderes an, ich bin durchgeschwitzt.“ Dann ging ich ins Bad, schloss die Tür und drückte die Stirn gegen den Spiegel. Der Atem beschlug das Glas.
Ich blieb gute zehn Minuten oben. Ich hörte Stimmen, Tim lachte, Mila rief: „Mama, es gibt gleich Abendessen.“ Ich zog ein anderes T-Shirt an, ging wieder runter. Julian saß am Fenster, die Hände um ein Glas Wasser gelegt. Er musterte mich nicht. Er schaute auf seine Schuhe. Mila erzählte, dass sie ihn beim Sommerfest der Fachhochschule kennengelernt habe. Sie machte gerade eine Ausbildung zur Mediengestalterin. Julian arbeite in einer Werkstatt, repariere Oldtimer, spare auf eine eigene Halle. Tim nickte bei jedem zweiten Satz. Ich aß einen trockenen Bissen Brot, spülte ihn mit Leitungswasser hinunter. Julian fragte mich nach der Reise. Ich sagte: „Ostsee. Rügen. War ganz schön.“ Er zog die Brauen zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Ich lächelte ihn nicht an, ich verzog keinen einzigen Zug meines Gesichts. Ich nahm mir noch ein Brot und kaute, bis es süß wurde im Mund.
Später, als Tim die Flaschen rausbrachte und Mila ihr Handy lud, stand Julian in der Küche. Er wollte sich entschuldigen, sagte er. Er habe nicht gewusst, dass ich Milas Mutter bin. Er hätte es nie erfahren. Ich stieß die Schublade zu. „Lass die Finger von ihr“, sagte ich. Er schaute mich an, und Sekunden vergingen, bis er mit einer Stimme, die ich von der Insel kannte, antwortete: „Ich kann das nicht so beenden. Sie vertraut mir.“ Ich räumte die Gläser in den Schrank, drehte den Wasserhahn auf, hielt meine Hand unter den Strahl, bis sie taub wurde. Dann drehte ich mich um. „Dann beende ich es“, sagte ich.
Ich wollte nicht wieder auf die Insel, nicht in die Klinik der Gefühle. Ich wollte kalt bleiben. Ich schnüffelte nach einer Wahrheit, die ich gegen ihn verwenden konnte. Drei Abende später saß ich im Wohnzimmer, Julian hatte sein Telefon zum Aufladen auf das Sideboard gelegt. Mila war im Bad. Ich hob es auf, der Bildschirm sprang an. Eine Nachricht von einem Kontakt namens „Kai Werkstatt“. Nur ein Satz: *Und, hast du die Alte aus Bremen rumgekriegt?* Das Blut kochte mir in den Ohren. Ich machte ein Foto mit meinem eigenen Gerät. Dann legte ich das Telefon zurück, exakt in denselben Winkel, Kabel nach unten. Ich ging ins Arbeitszimmer, zog den Energiesparmodus vom Laptop ab und starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben flimmerten.
Am nächsten Morgen fuhr ich zur Sparkasse am Domshof. Ich wollte das Sparbuch nicht anrühren, das wir für Milas Hochzeit und erste Wohnung angelegt hatten. Aber ich wollte sehen, wer noch Zugriff hatte. Die Beraterin hieß Frau Engel, sie kannte mich seit Jahren. Sie tippte, schob sich die Brille hoch und drehte den Monitor zu mir. Das Konto war leer. Restbetrag: siebenundsechzig Euro und vierzig Cent. Abgebucht Anfang März, in fünf Tranchen, alle auf ein Konto bei einer Direktbank. Ich fragte Frau Engel, seit wann diese Abbuchungen genehmigt seien. Sie sagte, das habe mein Mann veranlasst. Seine Unterschrift sei im System hinterlegt. Ich sagte nichts. Ich ließ mir einen Kontoauszug ausdrucken. Ich stopfte ihn in meine Jackentasche, so fest, dass das Papier knitterte.
Ich wartete nicht auf Tim. Ich rief eine Schlüsseldienstnummer an, die auf einer Laterne vor unserer Haustür klebte. Neunzig Minuten später stand ein Mann mit einer Bohrmaschine vor der Wohnungstür und tauschte den Zylinder. Ich gab ihm drei Scheine, zusammen 340 Euro. Ich nahm den neuen Schlüssel ab. Dann setzte ich mich an den Küchentisch und schrieb eine Nachricht an Mila, ohne ihr zu sagen, wo ich war. Ich schrieb: *Julian kam mit der Absicht nach Rügen, deine Mutter kennenzulernen. Er wusste, wer ich bin, bevor ich es wusste. Du bist seine zweite Chance, sein Plan B. Frag ihn nach der Nachricht von Kai.* Ich legte mein Handy auf den Tisch. Ich schaltete den Wasserkocher an. Ich sah, wie er dampfte, und der Dampf zog nach draußen, wo die Straßenbahn vorbeifuhr.
Am Abend kam Mila. Sie stand in der Tür, die ich wieder mit dem alten Schlüssel geöffnet hatte? Nein, ich hatte nur den Zylinder unten getauscht, oben an der Wohnungstür war es der gleiche. Sie klingelte, ich drückte die Klinke. Sie hielt ihr Handy in der Hand. Auf dem Bildschirm war die Nachricht von Kai. Sie war blass, aber sie weinte nicht. Sie fragte: „Stimmt das?“ Ich sagte: „Ja.“ Sie fragte: „Woher wusstest du, dass er auf Rügen war?“ Darauf antwortete ich nicht. Ich griff nach meiner Jacke, holte den Kontoauszug heraus. Ich schob ihn über den Tisch. „Es geht hier nicht nur um Julian“, sagte ich. „Dein Vater hat das Sparbuch geleert, auf dem zwanzig Jahre Geld für dich lag. Ich habe heute mit der Beraterin gesprochen. Es sind noch siebenundsechzig Euro übrig.“ Mila las den Auszug. Ihre Augen blieben an der Restsumme hängen. Sie setzte sich auf den Stuhl, auf dem Tim sonst immer saß.
Julian stand um halb neun vor der Tür. Ich hörte ihn im Treppenhaus, seine Schritte auf den alten Fliesen. Er klingelte. Ich ging zur Tür, legte die Hand auf den Türspion, schaute hindurch. Sein Gesicht war verzerrt. Er klingelte noch einmal. Dann rief er den Namen von Mila. Ich zog meinen Schlüsselbund aus der Tasche. Ich hielt das neue Stück Metall hoch, so dass das Licht der Straßenlaterne darauf fiel. Er konnte es durch das Glas sehen. Ich drehte den Zylinder von innen, einmal, dann noch einmal. Ich legte den Schlüssel auf die Kommode neben der Tür. Ich zog den Sicherungsriegel vor. Dann setzte ich mich wieder an den Küchentisch und schob Mila den Tee hin. Sie hatte die Hände um die Tasse gelegt. Draußen rief Julian noch einmal, bis seine Stimme brach. Die Straßenbahn fuhr vorbei und nahm den Rest mit.







