Der digitale Türsteher

Die Hitze flimmerte über den frisch geteerten Feldweg, als Renate mit ihrem unförmigen Korb durch die Siedlung stapfte. Die letzten zweihundert Meter vom Bus der Linie 712 zogen sich wie Kaugummi. Sie hatte den Bus um genau vier Minuten verpasst und eine Stunde in der prallen Nachmittagssonne an der Haltestelle gewartet, deren Glasdach eher als Treibhaus taugte. In ihrem Weidenkorb lagen eingeschweißte Bratwürste vom Metzger ihres Vertrauens, zwei Gläser selbst gemachte Rhabarbermarmelade und ein noch ofenwarmer Streuselkuchen. All das für einen entspannten Nachmittag mit Laura und den Enkeln – einfach so, ohne große Ankündigung. Überraschen wollte sie ihre Familie. Eine kleine, feine Geste.

Die Antwort kam prompt, aber nicht so, wie Renate es erwartet hatte.

Vor dem hohen Holztor mit den cortenstahlgrauen Metallstreben blieb sie stehen und drückte den glänzenden Klingelknopf. Eine dezente Melodie ertönte aus der schwarzen Sprechanlage, in deren oberer Ecke eine winzige Kameralinse glänzte. Renate stellte den Korb ab und wischte sich mit einem Stofftaschentuch über die Stirn.

„Guten Tag. Bitte nennen Sie Ihr Anliegen“, erklang eine freundliche, wenn auch synthetisch glatte Stimme aus dem Lautsprecher.

„Markus, ich bin’s! Lass mich rein, die Bratwürste werden schlecht bei der Hitze“, rief Renate und beugte sich vor, damit die Kamera ihr Gesicht auch wirklich gut einfing.

Eine knappe Sekunde Stille. Dann wieder die Stimme: „Vielen Dank für Ihren Besuch. Leider sind wir im Moment nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.“

Renate runzelte die Stirn. Durch die Spalten des Tores erspähte sie einen Streifen der Hofeinfahrt. Der Carport war leer, die schwarze E-Ladesäule daneben funkelte unbenutzt. Lauras Kombi war also weg. Aber das Dachfenster des Wintergartens stand einen Spalt offen – das hieß doch, es musste jemand im Haus sein.

„Markus! Mach jetzt den Quatsch aus und mach das Tor auf! Ich weiß, dass du Homeoffice machst. Ich seh dich bestimmt hinter deinem großen Monitor hocken!“

Sie drückte erneut die Taste. Diesmal lauter, mit dem Daumen, als wollte sie die Elektronik unter der Abdeckung eindrücken.

„Es ist leider niemand verfügbar, um Ihr Anliegen zu bearbeiten. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton.“ Ein Piepsen folgte.

Renate spürte, wie ihr der Kragen zu eng wurde. Sie stellte sich die ganze Sache bildlich vor: Markus, ihr Schwiegersohn, saß mit einem Latte Macchiato im klimatisierten Wohnzimmer, verfolgte sie auf dem Bildschirm seiner App und schickte ihr mit einem süffisanten Grinsen diese vorgefertigten Phrasen. Der Junge hatte die fünfzehntausend Euro, die sie ihnen vor drei Jahren für den überdachten Stellplatz gegeben hatte, nur zu gerne genommen. Und jetzt, wo sie mal spontan auf einen Kaffee vorbeischauen wollte, wurde sie mit einer Maschine abgefertigt.

„Deine Aufnahmen kannst du dir sonst wohin stecken!“, polterte sie gegen das Tor, dessen Holz warm und grob an ihren Handflächen lag. „Ich rufe jetzt Laura an, dann werden wir ja sehen, ob du das vor deiner Frau rechtfertigen kannst! Einen Carport bauen, aber die Schwiegermutter wie eine ungebetene Zeugin abwimmeln!“

Sie kramte bereits ihr Handy aus der Umhängetasche, als hinter ihr ein leises Surren die Luft zerschnitt. Erschrocken fuhr sie herum. Eine kleine Drohne, kaum größer als eine Amsel, brummte in Kopfhöhe an ihr vorbei, drehte einmal eine enge Kurve und verschwand hinter der hohen Hainbuchenhecke von Nachbars Grundstück. Ein junges Pärchen aus der Nachbarschaft hatte neulich beim Grillfest mit diesem Gerät geprahlt – eine Spezialanfertigung aus dem Internet, um den eigenen Garten filmisch zu dokumentieren.

Aus demselben Garten trat nun eine Frau in einem knallgelben Sommerkleid. Sie trug einen riesigen Sonnenhut und einen Teleskopstiel mit einem Schwamm daran, mit dem sie eigentlich die Oberlichter ihres Gewächshauses reinigen wollte. Frau Bremer, die direkte Nachbarin.

„Frau Kuhlmann? Alles in Ordnung? Ich hab Sie bis zu meinen Tomaten gehört", sagte sie und stellte den Stiel vorsichtig am Zaun ab. Ihr Blick wanderte zu dem Korb, zum verschlossenen Tor und dann zu Renates hochrotem Kopf. "Wollen Sie zu Laura? Die ist doch mit den Kindern im Schwimmbad in der Stadt. Das hat sie mir heute Morgen noch erzählt, als ich die Mülltonne rausgestellt habe. Ira und Ben waren ganz aufgeregt wegen der neuen Wasserrutsche.“

Renate ließ das Handy sinken. „Mit wem habe ich dann gerade gesprochen?“

Frau Bremer unterdrückte ein leises Schmunzeln. „Mit wem haben Sie denn gesprochen?“

„Die Anlage da! Erst will sie mein Anliegen wissen, dann bin ich nicht willkommen, dann soll ich eine Nachricht hinterlassen. Wie beim Arzt! Aber es ist doch das Ding hier, das redet!“

„Eben nicht“, sagte Frau Bremer und deutete mit dem Griff des Teleskopstiels auf die Kamera. „Das ist das neue Smart-Home-System von den beiden. Hat Markus doch letztens so voller Stolz im Dorf-Whatsapp-Chat gepostet. Wenn jemand klingelt, bekommt er eine Push-Nachricht auf seine Uhr oder sein Handy. Er kann dann entscheiden, was die Anlage sagt. Da gibt es so ein paar vorformulierte Auswahlmöglichkeiten: 'Kein Interesse', 'Später kommen', 'Paket ablegen' – so Zeug. Er muss nicht mal den Mund aufmachen. Ein Fingertipp auf dem Handy, und der nette Herr im Lautsprecher wimmelt den Besuch im schönsten Hochdeutsch ab. Sehr praktisch gegen Leute, die einem eine Solaranlage oder eine neue Hausratversicherung aufschwatzen wollen. Oder“, sie zögerte einen Moment und sah Renate entschuldigend an, „gegen unangekündigten Besuch, der einfach so vor der Tür steht, während man selbst grad ein wichtiges Meeting aus dem Büro schaltet. Ich glaube, die Anlage erkennt sogar, wer es ist, wegen der Kamera. Laura hat das mal vorgeführt.“

Renates Gesicht wurde von einer Sekunde auf die andere fahl. Der Gedanke, dass Markus vielleicht gar nicht im Haus war, sondern irgendwo in der Hamburger Innenstadt in einem Meeting saß und nebenbei auf seinem Smartphone sah, wie seine Schwiegermutter vor dem Garagentor ein dramatisches Theaterstück aufführte, traf sie härter als die pralle Sonne. Er hatte ihr nicht einmal ein einziges eigenes Wort gegönnt. Ein standardisierter Text. Eine kalte, digitale Abfuhr. Die Erkenntnis brannte stärker als jede persönliche Beleidigung.

Sie riss das Handy erneut hoch und tippte nicht Lauras Nummer, sondern direkt die von Markus. Es klingelte viermal, dann meldete er sich.

„Renate, ich hab’s gesehen. Tut mir leid, dass du vor dem Tor standest, aber ich sitze gerade in einer wichtigen Telefonkonferenz mit dem Kunden in Düsseldorf“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, fast geschäftsmäßig.

„Du hast mich also gesehen?“, presste Renate hervor, den Blick starr auf die kleine schwarze Linse gerichtet. „Und du dachtest dir, die beste Art, mit deiner Schwiegermutter zu kommunizieren, wäre die Vertröstungs-Taste auf dem Handy? Was kommt als Nächstes? Ein Chatbot, der für dich mit mir schreibt, wenn ich wieder anrufe?“

Am anderen Ende entstand eine Pause. Ein leises Klappern, als würde eine Tastatur bedient. Dann seufzte er. „Renate, das war nicht persönlich gemeint. Ich kann dich doch jetzt nicht hereinbitten, Laura ist mit den Kindern bis vier Uhr unterwegs, der Schlüssel für die Haustür steckt innen, die Alarmanlage ist scharf geschaltet und ich kann sie von hier aus nicht entschärfen. Es geht einfach nicht. Wir haben dich schon oft gebeten, wenigstens eine Stunde vorher Bescheid zu geben. Das hier – mit dem Korb und den ganzen Sachen – ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Das stresst uns beide nur.“

Etwas in seiner Stimme ließ sie innehalten. Es war keine Feindseligkeit, sondern pure, unverfälschte Erschöpfung. Er hatte keine Lust auf diesen Grabenkampf. Nicht heute. Und wahrscheinlich auch an keinem anderen Tag der letzten Jahre. Sie war die Einzige, die immer noch Krieg führte, mit einer Währung, die längst entwertet war.

„Das mit dem Geld für den Carport“, sagte Markus plötzlich und sein Tastaturgeklapper stoppte, „darauf kommen wir später noch mal zurück. Ich schick dir gleich was. Muss jetzt Schluss machen, die Leitung aus Düsseldorf blinkt.“

Er legte auf, bevor sie etwas erwidern konnte. Frau Bremer, die das Gespräch aus diskreter Entfernung verfolgt hatte, zog leise ihre Gartentür zu und verschwand mit einem mitfühlenden, aber bestimmten Nicken.

Renate stand da und starrte auf ihr Display. Es vergingen keine dreißig Sekunden, da ploppte eine Push-Benachrichtigung ihrer Bank auf. Sie öffnete sie mit einem Finger, der auf dem heißen Glas nur schwer glitt.

*Eingang: 15.000,00 EUR*

*Verwendungszweck: Carport – Ausgleichszahlung KW31*

Kein weiteres Wort. Die fünfzehntausend Euro, die sie ihnen damals mit einem großzügigen Lächeln und der kurzen Bemerkung, dass sie sich ja später hoffentlich öfter auf dem Hof treffen würden, überwiesen hatte. Markus hatte sie ihr gerade in der Dauer einer Kaffeepause ohne mit der Wimper zu zucken, ohne zu fragen, einfach zurückgeworfen. Es war eine glasklare, präzise Botschaft, die kein Roboter der Welt hätte ausdrücken können: Wir sind quitt. Du hast kein Anrecht mehr, nicht einmal ein gefühltes.

Sie spürte, wie der Griff des Weidenkorbs schmerzhaft in ihre Handballen schnitt. Die Rhabarbermarmelade war jetzt sicher aufgeheizt, der Streuselkuchen eine lauwarme, formlose Masse. Sie drehte sich um und machte sich auf den Rückweg zur Bushaltestelle, den Korb an ihre Hüfte gepresst wie einen Schutzschild. Der Bus kam nach zwanzig Minuten Verspätung.

Zwei Stunden später saß Renate in ihrer kleinen Küche in der Stadtvilla, in der sie seit zwanzig Jahren mit ihrem verstorbenen Mann gelebt hatte. Die Rollläden waren halb heruntergelassen, um die Spätsommersonne auszusperren. Vor ihr auf dem Tisch lag das Handy, noch immer mit dem geöffneten Kontoauszug. Die Summe stand da, unverrückbar. Fünfzehntausend Euro. Ein Betrag, der vor drei Jahren als Familiengeste gedacht war und der nun wie eine unversöhnliche Schlussrechnung wirkte.

Sie nahm das Handy, nicht um die Überweisung zu löschen, sondern um eine andere Nummer zu wählen. Ihre beste Freundin Hannelore ging nach dem dritten Klingeln ran.

„Hanne? Stell dir vor, was Markus und Laura heute gemacht haben“, begann Renate und räusperte sich, um ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Die haben mir tatsächlich das ganze Geld für den Carport zurücküberwiesen. Alle fünfzehntausend auf einen Schlag. Markus meinte, ich hätte doch so viel geholfen, ich soll mir davon endlich mal eine schöne Reise gönnen, eine Rundfahrt durch Norwegen oder so. Vielleicht hat er recht. Die jungen Leute wollen ihren eigenen Hof für sich. Und ich, ich buche mir jetzt endlich diese Kreuzfahrt, die ich schon immer machen wollte. Ohne die.“

Sie lachte, ein trockenes, kurzes Lachen, und legte auf. Dann nahm sie den noch lauwarmen, hausgemachten Streuselkuchen, löste die Alufolie und schnitt ein großes Stück ab. Die Krümel fielen auf das Tischtuch. Vor dem Fenster surrte leise eine Drohne vom Nachbargrundstück, hob ab und verschwand über den Giebeln der gegenüberliegenden Häuser.

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