„Ich hätte gern jemand Jüngeres." Karl-Heinz Brenner sagte das ins Mikrofon, mitten in seiner eigenen Betriebsfeier, mit einem Piccolo in der Hand und der Krawatte schon halb gelöst.
Vierundzwanzig Mitarbeiter, ein Vereinsheim am Rand von Wuppertal, gemietet für seinen sechzigsten Geburtstag und gleichzeitig zwanzig Jahre Brenner Fensterbau GmbH. Ich, Renate Brenner, dreiundfünfzig, saß am Kopfende des zweiten Tisches, direkt gegenüber von ihm, mit einer Gabel in der Hand und einem Stück Rinderroulade darauf, das ich nicht mehr essen würde. Draußen roch es nach nassem Asphalt, es hatte den ganzen Nachmittag geregnet, und durch die Fensterfront sah man die Lichter der Sportplatzbeleuchtung nebenan, viel zu hell für einen Novemberabend.
„Zwanzig Jahre Firma, zweiundzwanzig Jahre Renate. Alles gut, Leute, alles gut. Aber ganz ehrlich – ganz ehrlich jetzt –, mir fehlt einfach was Lebendiges. Jemand Junges. Ich bin ja noch nicht tot." Er lachte dabei, dieses kurze, selbstzufriedene Lachen, mit dem er auch Angebote unterschrieb, die er eigentlich ablehnen wollte. Das Mikrofon war zu laut eingestellt, jemand hatte vergessen, den Pegel runterzudrehen, und so kam jedes Wort doppelt so scharf zurück von den Wänden mit der Fototapete, die einen Bergsee zeigte, den keiner von uns je gesehen hatte.
Am Ende des langen Tisches, wo die Monteure saßen, lachte Reinhold Kubiak so laut, dass sein Bierglas umkippte. Eine Frau aus der Buchhaltung machte ein hohes, kurzes „Ohh" – nicht aus echter Empörung, eher aus Höflichkeit, weil man das eben so macht.
Ich zählte in dem Moment, wie viele Leute im Saal das gehört hatten. Alle. Jeder Einzelne.
Ich hatte diese Erbse noch vor Augen, winzig und grün, in der Aspikschicht meines Vorspeisentellers gefangen. Ich erinnere mich an sie genauer als an fast alles andere von diesem Abend. Karl-Heinz beugte sich noch einmal zum Mikro, mit schwerer Zunge, und wiederholte es: jemand Junges, jemand Lebendiges, jemand, der nicht nach Kirchenchor und Novemberregen riecht.
Denn genau da stand mein Chor. Zwölf Frauen vom Kirchenchor St. Laurentius, in weißen Blusen mit Rüschenkragen, die wir zusammen im Stoffgeschäft an der Luisenstraße ausgesucht hatten, letzten Winter, bei den ersten Frösten. Wir waren zweimal dort gewesen. Beim ersten Mal kauften wir nichts; beim zweiten nahmen wir gleich den ganzen Ballen für alle zwölf Blusen. Sie standen am Eingang zum Saal, bereit, unser Jubiläumslied zu singen, das wir vorher abgesprochen hatten. Fünf Minuten davor hatte ich ihnen noch zugenickt: Gleich, Mädels, Atem holen.
Ich sah, wie Erika Vollmer, vierundsiebzig, früher Konrektorin an der Gesamtschule Barmen, ihre Ledertasche vom Arm nahm und sie auf den Stuhl neben sich stellte. Nicht fallen ließ. Stellte. Mit dieser bedächtigen Schwere, als sei die Tasche plötzlich unerträglich schwer geworden. Und Hilde Reisner, achtundsiebzig, in ihrem guten Wollrock und mit der silbernen Brosche in Form eines Weidenzweigs, die von ihrer Mutter stammte, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, wie man sich in der Wartezone einer Ambulanz setzt, wenn man weiß, dass es noch drei Stunden dauern wird. Ihre Hände lagen flach auf den Knien.
In mir wurde es still. Kein Wutausbruch, keine Tränen. Eher, als hätte jemand ein Radio im Hintergrund abgeschaltet, das die ganze Zeit lief, ohne dass man es bemerkt hatte – und jetzt, in der Stille danach, merkte man erst, wie laut es gewesen war. Ich atmete zweimal tief durch, so wie ich es meinen Sopranistinnen vor einem gehaltenen Ton beibringe: aus dem Zwerchfell. Beim zweiten Atemzug legte ich die Gabel mit der Roulade zurück auf den Tellerrand. Die Zinken nach unten.
Ich stand auf, ging am Tisch entlang, vorbei an den Schüsseln mit Kartoffelsalat und den beschlagenen Karaffen mit Apfelschorle, und stellte mich zu meinem Chor. „Kommt, Mädels. Wir gehen. Entschuldigt mich." Ich sagte es leise, nur die vorderste Reihe sollte es hören. Erika sah mich durch ihre dicke Brille an, ruhig, und nahm die Tasche vom Stuhl. Hilde stützte sich auf die Tischkante und strich ihren Rock glatt. Die anderen – Marlies, Ingrid, die andere Ingrid, weil wir zwei Ingrids in der zweiten Reihe hatten, Christa, Uschi, Bärbel und die kleine Traudel – drehten sich um und folgten mir in den Flur, wie Schulkinder bei einer Übung.
Im Flur roch es nach Bohnerwachs und dem Kaffee aus der Küche nebenan. An der Garderobe gab ich der älteren Dame dort unsere Nummernmarken. Niemand sagte ein Wort. Das war schlimmer als die Rede selbst – dass meine Frauen, die sonst immer über Enkel und Blutdruckwerte tuschelten, jetzt vollkommen still waren.
„Zieht die Mäntel an", sagte ich mit fester Stimme. „Ich rufe ein Taxi."
Draußen nieselte es. Ende November, ein kalter Wind wehte vom Barmer Bahnhof herüber. Ich bestellte zwei Taxis, eins für vier, eins für einen größeren Wagen mit sieben Plätzen. Als ich zurückkam, standen sie schon in Mänteln beieinander, dicht gedrängt an der Heizung. Erika im dunkelblauen Wollmantel mit dem breiten Gürtel. Hilde in ihrer gesteppten grauen Jacke. Traudel trug trotz des milden Herbstes einen Schafsfellmantel.
„Zwölf Minuten und vierzehn", sagte ich mit Blick auf mein Handy. „Christa, Uschi, Traudel und die große Ingrid – ihr im ersten. Der Rest im zweiten."
„Renate", sagte Hilde und legte ihre kalten Finger auf mein Handgelenk, „uns geht's gut. Mach dir keine Sorgen um uns. Wir verstehen das schon."
Wir verstehen das schon – genau das hatte ich befürchtet zu hören. Ich wünschte mir, sie hätte es nicht gesagt. Erika sagte gar nichts. Sie schaute nur an mir vorbei, durch die Glastür, auf den Rettungswagen, der auf dem Parkplatz der benachbarten Reha-Klinik stand.
Ich blieb im Foyer, bis beide Taxis kamen, half ihnen beim Einsteigen und winkte, als die Reifen durch die Pfützen rollten. Als ich zurück in den Saal ging, servierten die Kellner schon das Hauptgericht – Sauerbraten mit Klößen. Karl-Heinz saß auf seinem Stuhl, schnitt fröhlich sein Fleisch und beugte sich zu Reinhold hinüber, um irgendetwas zu erzählen, breit grinsend. Er sah mich an, als ich hereinkam; seine Augen waren klar und unbeschwert, als sei nichts Ungewöhnliches passiert. Vielleicht wusste er es wirklich nicht mehr; nach dem vierten oder fünften Piccolo behielt er selten etwas.
Ich setzte mich nicht mehr auf meinen Platz neben seiner Jacke. Ich ging um den Tisch herum und setzte mich ans andere Ende, neben Jan und Vanessa. Jan, sein Sohn aus erster Ehe, sah mich mit angespannter Kiefermuskulatur an. Unter der Tischdecke griff er nach meiner Hand. Seine Hand war groß, schwielig und warm – genau wie die seines Vaters vor dreißig Jahren.
„Mama, ich rede mit ihm", flüsterte er, die Stimme brüchig vor Wut.
„Lass gut sein, Jan. Iss dein Essen."
Vanessa, meine Schwiegertochter, einunddreißig, arbeitete bei einer Bank in Köln, nahm die Wasserkaraffe und füllte mein Glas nach. Wortlos. Sie schob mir das Brötchenteller ein Stück näher. Vanessa machte fast alles wortlos. Das war einer der Gründe, warum ich sie mochte.
Ich blieb bis zum Ende des Abends. Blieb, als die Jubiläumstorte serviert wurde, blieb, als die Geschäftsführerin der Handwerkskammer mir stumm die Hand auf die Schulter legte, und blieb, bis Reinhold seinen letzten, undeutlichen Trinkspruch ausbrachte: „Auf unseren Chef Karl-Heinz, in dem noch so viel Feuer steckt!"
Karl-Heinz und ich fuhren zusammen nach Hause, mit einem Taxi über die nasse B7. Auf dem Rücksitz lehnte er den Kopf gegen die Kopfstütze und sah mich mit halb geschlossenen Augen an.
„Renate, was ist los mit dir? Warum hast du dich so weit weggesetzt?"
„Karl-Heinz, wir reden Montag. Lass mich einfach nach Hause kommen."
Er brummte etwas, seine Lider fielen zu, und er schwieg. Legte seine schwere Hand auf mein Knie. Ich nahm sie nicht weg. Ich saß einfach da und sah aus dem regennassen Fenster auf die Natriumlampen entlang der Schwelmer Straße.
Zu Hause zog er sich im Dunkeln aus, legte sich hin und schnarchte binnen drei Minuten. Ich setzte mich auf den Hocker am Küchenfenster und blickte hinüber zu dem Mehrfamilienhaus gegenüber, wo im zweiten Stock, wie immer, ein Fenster erleuchtet war. Aus dem Schrank über der Spüle, hinter der Dose mit den Haferflocken, holte ich eine angebrochene Schachtel Zigaretten hervor, die ein Kollege im Frühjahr vergessen hatte. Ich öffnete das Kippfenster und rauchte in die kühle Novembernacht hinein. Meine Hände zitterten nicht. Im Mund hatte ich das Gefühl von trockener Watte, und der Rauch brannte eine klare Spur hindurch.
Ich dachte an alles gleichzeitig. Daran, dass wir "Über den Wolken" nie gesungen hatten, das wir drei Monate lang geprobt hatten. An den Herbst 1999, als Karl-Heinz die ersten Plakate für die neu gegründete Firma im Copyshop drucken ließ, kurz nachdem seine erste Frau an Leukämie gestorben war und ihm den fünfjährigen Jan hinterließ. Daran, wie ich ihnen damals Eintöpfe vorbeibrachte, wie ich seinen Schnaps in den Ausguss schüttete, wenn die Trauer ihn zu sehr trieb, und wie wir im Januar 2000 zusammenzogen. Ich hatte Jan großgezogen wie mein eigenes Kind – Hausaufgaben, Windpocken, die Musterung beim Kreiswehrersatzamt mit achtzehn – und er nannte mich seit der zweiten Klasse Mama. Karl-Heinz und ich hatten keine gemeinsamen Kinder; ich hatte in der siebzehnten Woche eine Fehlgeburt erlitten, und danach entschieden wir, dass Jan uns genug war. Zweiundzwanzig Jahre.
Montagmorgen kam Karl-Heinz um sieben in die Küche. Ich saß schon am Tisch, fertig angezogen für draußen.
„Karl-Heinz, ich gehe."
Er blieb auf halbem Weg zur Kaffeemaschine stehen. „Renate, wovon redest du? Immer noch wegen Freitag? Das war doch ein Witz."
„Ich weiß, dass es ein Witz war. Genau deshalb gehe ich."
Er diskutierte zwanzig Minuten lang – sagte, er sei ein alter Dummkopf, dass er mich liebe, dass er auch die alten Damen mochte. Ich hörte zu, trank meinen kalten Tee und sagte ihm, ich würde erst mal bei Ingeborg Sauer wohnen, unserer Chorleiterin-Vertretung. Ich blieb drei Tage bei Ingeborg. Als ich zurückkam, um meine Sachen zu holen, während Karl-Heinz in der Firma war, nahm ich Kleidung, Papiere, zwei Fotoalben und meine blaue Keramiktasse mit der Aufschrift „Beste Mama der Welt". Den Wasserkocher, die Töpfe und den Fernseher ließ ich zurück.
Wir ließen uns ohne großen Streit scheiden und teilten das Haus in Barmen fair auf. Er kaufte sich eine Wohnung in Elberfeld; ich nahm die kleinere, helle Zwei-Zimmer-Wohnung an der Schwelmer Straße, mit Blick auf einen Hof mit Schaukel. Als ich meine achtundsiebzigjährige Mutter in Solingen anrief, um es ihr zu erzählen, war sie erst still, dann seufzte sie: „Renate, darauf habe ich lange gewartet."
Eine Woche nach der Feier bat der Chor darum, sich von „Cäcilia" in „Neubeginn" umzubenennen. Ich stimmte sofort zu.
Ein Jahr verging ruhig – die üblichen Proben, Adventskonzerte, ein dritter Platz beim Chorwettbewerb in Remscheid und zehn Tage bei meiner Mutter in Solingen. Karl-Heinz schickte kurze, höfliche Nachrichten zu Geburtstag und Silvester; ich antwortete ebenso knapp. Im Herbst versöhnte er sich mit Jan, sie gingen zusammen zum Angeln an die Wupper-Talsperre.
Dann, an einem milden Dienstagnachmittag im Mai, probten wir „Über den Wolken" im kleinen Saal des Gemeindehauses. Die hohen Fenster standen offen, und der Geruch von blühenden Kastanien zog herein. Aus dem Augenwinkel sah ich jemanden im Flur.
Als wir die Strophe beendet hatten, schaute ich nach draußen. Karl-Heinz stand dort in Jeans und blauem Hemd, eine Klarsichthülle mit Papieren in der Hand. Draußen auf dem Hof stand sein schwarzer VW Amarok; seine Firma hatte den Auftrag für die Fensterinstandsetzung des Gemeindehauses gewonnen.
In der Pause ging ich zu ihm hinaus.
„Renate…", begann er unsicher.
„Karl-Heinz, wir proben gerade", sagte ich ruhig und gefasst. „Du bist wegen des Fensterauftrags hier, oder? Das Büro ist am Ende des Flurs."
Er sah mir lange ins Gesicht, suchte nach Wut oder Trauer, fand aber nur Ruhe. Er nickte langsam. „Ja", sagte er. „Am Ende."
Er drehte sich um und ging über den Linoleumboden davon. Ich hörte seine schweren, sicheren Schritte, bis er im Büro des Kirchenvorstands verschwand. Ich ging zurück in den hellen Saal, wo Erika ihre silberne Brosche zurechtrückte und Hilde einen Schluck Wasser trank.
Ich trat ans Notenpult und hob den Arm.
„Von vorne, Mädels", sagte ich.
Wir fingen noch einmal von Anfang an.







