Der Seilhof von Cochem

Marlene Ahrens war zweiundfünfzig, als sie zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder einen Pinsel in die Hand nahm.

Das war an einem Dienstag im März, kurz nach acht, in der kleinen Ferienwohnung über der Bäckerei Trierweiler in Cochem, wo es immer nach warmem Hefeteig roch, auch wenn der Laden längst geschlossen hatte. Draußen zog die Mosel grau und träge vorbei, ein Frachtkahn tutete zweimal, und im Radio auf der Fensterbank lief noch das Verkehrsfunk-Rauschen von SWR1, weil der Sender sich nicht richtig einstellen ließ.

Sie war hier, um ihre Schwester zu pflegen. Renate hatte sich im Januar die Hüfte gebrochen, ein dummer Sturz auf vereistem Kopfsteinpflaster, und Marlene war aus Koblenz herübergefahren, mit dem festen Vorsatz, drei Wochen zu bleiben. Daraus waren zehn geworden.

Am Abend zuvor hatte Renate, noch mit dem Bein hochgelagert auf dem Sofa, in einer alten Umzugskiste gekramt und eine Rolle Ölbilder herausgezogen, verstaubt, eingerollt mit einem Gummiband, das beim Öffnen zerbröselte.

„Die hab ich all die Jahre aufgehoben", sagte sie. „Weil ich dachte, du holst sie dir irgendwann wieder ab."

Marlene stellte das Weinglas ab, ehe es ihr aus den Fingern rutschte.

Es gab eine Zeit, da hatte sie an der Kunsthochschule in Trier studiert, mit neunzehn, zwanzig, zweiundzwanzig Jahren. Dann kam die Ablehnung bei der einen Ausstellung, auf die sie ein ganzes Jahr hingearbeitet hatte — ein Kurator mit randloser Brille, der ihre Landschaften „hübsch, aber beliebig" nannte, direkt vor versammelter Klasse. Sie hatte den Pinsel weggelegt. Nicht dramatisch, nicht mit einer großen Geste. Einfach weggelegt und nie wieder aufgehoben. Sie wurde Buchhalterin bei einer Weinkellerei in Koblenz, heiratete, bekam zwei Kinder, und wenn jemand fragte, ob sie mal gemalt habe, sagte sie: „Ach, das war eine Jugendsache."

An diesem Dienstagmorgen aber, während Renate noch schlief und die Bäckerei unten die ersten Bleche in den Ofen schob, stellte Marlene eine der alten Leinwände auf den Küchentisch, nahm einen von Renates Wasserfarbkästen aus der Schublade — Renate hatte irgendwann mal einen Aquarellkurs an der Volkshochschule gemacht und war genauso schnell wieder aufgehört — und fing an, die Mosel zu malen, so wie sie sie durchs Fenster sah.

Ihre Hand zitterte beim ersten Strich. Nicht vor Kälte.

Sie dachte an den Kurator mit der randlosen Brille. An seine Stimme, die noch immer irgendwo in ihrem Hinterkopf saß wie ein Kaugummi unter dem Schultisch, den man nie ganz abkratzt. Und sie dachte — zum ersten Mal dachte sie es bewusst aus —, dass dieser Mann damals einen zweiundzwanzigjährigen Menschen beurteilt hatte, der noch nichts vom Leben wusste. Nicht die zweiundfünfzigjährige Frau, die heute am Tisch saß.

Der Nachbarshund von unten, ein räudiger Mischling namens Bruno, der der Bäckersfamilie gehörte, bellte kurz auf der Treppe und verstummte wieder. Draußen zog eine Möwe über den Fluss, viel zu weit von der Küste, aber die Mosel hatte hier ihre eigenen Regeln.

Marlene malte drei Stunden lang. Als Renate aufwachte und mit dem Rollator in die Küche humpelte, blieb sie in der Tür stehen.

„Das ist gut", sagte sie. Nicht mehr, nicht weniger.

„Es ist schief", sagte Marlene.

„Ja. Aber es ist da."

Am nächsten Tag fuhr Marlene mit dem Bus nach Koblenz, offiziell um Wäsche zu holen, tatsächlich aber, um bei einem alten Bekannten vorbeizuschauen — Dietmar Kohl, der früher mit ihr an der Kunsthochschule gesessen hatte und heute eine kleine Galerie in der Altstadt betrieb, keine zweihundert Meter vom Deutschen Eck entfernt. Sie hatte seit Jahren nicht mit ihm gesprochen, außer auf Weihnachtskarten mit vorgedrucktem Text.

Dietmar erkannte sie sofort, obwohl das graue Haar jetzt kürzer war und die Fältchen tiefer.

„Marlene Ahrens. Ich dachte, dich hat's verschluckt."

Sie zeigte ihm ein Foto des Mosel-Bildes auf ihrem Handy, mit der Erklärung, es sei „nur so ein Versuch". Dietmar kniff die Augen zusammen, hielt das Telefon näher ans Fenster, sagte dann: „Bring mir noch drei davon. Ich hab im Mai eine freie Wand."

Marlene lachte — ein kurzes, ungläubiges Geräusch, fast ein Husten. „Ich hab dreißig Jahre nicht gemalt, Dietmar."

„Merkt man nicht."

Zurück in Cochem erzählte sie es Renate nicht sofort. Sie kochte erst Abendessen, Rieslingsuppe mit Flusskrebsen, die sie beim Fischhändler am Marktplatz gekauft hatte, und erst als sie beide am Tisch saßen und der Löffel im Teller klapperte, sagte sie es einfach heraus, ohne Umschweife: „Ich hab eine Ausstellung. Im Mai. In Koblenz."

Renate legte den Löffel weg. „Und deine Hüfte?"

„Deine Hüfte", korrigierte Marlene. „Meine Hüfte ist tadellos. Und bis Mai bist du auch wieder auf den Beinen."

Der Rest des Winters verging mit einem Rhythmus, den Marlene fast vergessen hatte: morgens Renates Verband wechseln, Tabletten stellen, dann zwei, drei Stunden am Küchentisch mit Pinsel und Farbe, bis das Licht über der Mosel zu grau wurde, um noch etwas zu erkennen. Sie kaufte sich neue Farben im Baumarkt in Cochem, weil in der Stadt keine Kunsthandlung mehr existierte — die letzte hatte 2019 zugemacht, erzählte ihr die Verkäuferin an der Kasse, während sie Titanweiß und Umbra in eine Tüte packte.

Im April konnte Renate wieder allein laufen, mit Stock, aber allein. Marlene blieb trotzdem noch zwei Wochen länger als nötig. Nicht weil ihre Schwester sie brauchte. Sondern weil das Licht am Fenster über der Bäckerei so war, wie es woanders nicht war.

Die Ausstellungseröffnung fand am neunzehnten Mai statt, an einem lauen Montagabend, in Dietmars kleiner Galerie mit den knarrenden Dielen und der viel zu niedrigen Decke. Sechs Bilder hingen an der Wand, alle von der Mosel, alle von diesem einen Fenster aus gemalt.

Marlene stand mit einem Glas Sekt in der Hand, unsicher, wohin mit den Armen, als eine Frau mittleren Alters mit randloser Brille vor dem dritten Bild stehen blieb — jenem mit dem Frachtkahn und der Möwe, die zu weit von der Küste war.

„Wer hat das gemalt?", fragte die Frau eine vorbeigehende Bekannte, ohne Marlene überhaupt zu bemerken.

„Die Dame da drüben. Marlene Ahrens."

Die Frau mit der Brille — eine Kunstkritikerin der Rhein-Zeitung, wie sich später herausstellte — schrieb noch am selben Abend in ihr Notizbuch: „Ahrens' Arbeiten zeigen eine seltene Reife im Umgang mit Licht auf Wasser. Kein Zufall, dass diese Bilder erst jetzt entstehen konnten."

Am Ende des Abends, als die letzten Gäste gegangen waren und Dietmar die Gläser einsammelte, setzte sich Marlene auf die Fensterbank der Galerie und rief Renate an.

„Zwei Bilder verkauft", sagte sie. „Vierhundertzwanzig Euro für das mit dem Frachtkahn."

„Und?", fragte Renate. „Wie fühlt sich das an?"

Marlene schaute durchs Schaufenster hinaus auf die Rheinpromenade, wo ein paar Jugendliche mit Dosenbier auf der Ufermauer saßen und lachten.

„Als hätte ich dreißig Jahre lang die falsche Rechnung aufgemacht."

Am nächsten Morgen ging sie zur Sparkasse in der Löhrstraße und eröffnete ein eigenes Konto — nicht das gemeinsame mit ihrem Mann Werner, das sie seit sechsundzwanzig Jahren teilten, sondern eines nur für sie, für die Einnahmen aus dem Verkauf. Sie legte die vierhundertzwanzig Euro dort ein, dazu die einhundertachtzig aus dem zweiten Bild, und bat die Bankangestellte um eine EC-Karte auf ihren eigenen Namen.

„Für die Materialien", sagte sie zur Sachbearbeiterin, die höflich nickte und nicht weiter fragte.

Zu Hause, an jenem Abend, legte sie Werner die Kontounterlagen auf den Küchentisch, neben seinen Teller mit dem Schnitzel, das sie gekocht hatte.

„Ich brauche das Gästezimmer als Atelier", sagte sie. „Ab nächster Woche."

Werner sah von seinem Teller auf, die Gabel in der Luft. „Für die Malerei?" Er legte die Gabel ab. „Und wo sollen dann meine Schwester und ihr Mann schlafen, wenn sie zu Ostern kommen? Auf dem Sofa?"

„Dann schlafen sie auf dem Sofa. Oder im Hotel am Deutschen Eck, das ist auch nicht die Welt."

Er sah sie einen Moment an, als würde er nach einem besseren Argument suchen und keins finden. „Du hast dir das schon ausgerechnet", sagte er schließlich, halb Vorwurf, halb Anerkennung.

„Seit dreißig Jahren nicht mehr so genau wie jetzt."

Er sagte nichts weiter dazu, aß sein Schnitzel zu Ende, stand auf, spülte seinen Teller ab. Drei Tage später, ohne dass sie noch einmal darüber sprachen, trug er mit ihr zusammen die alte Ausziehcouch aus dem Gästezimmer in den Keller, fluchte dabei zweimal, weil sie im Treppenknick klemmte, und sagte danach nur: „Wenn die Farbe auf den Boden tropft, kommt das aus deiner Kasse, nicht aus meiner."

Die alten Bilder aus Renates Umzugskiste hängen heute nicht mehr in einer Kiste. Zwei davon hängen bei Dietmar an der Wand, eines im Koblenzer Rathaus, wo es der Kulturausschuss für eine Dauerausstellung angekauft hat.

Im ehemaligen Gästezimmer steht jetzt eine Staffelei am Fenster, genau dort, wo früher die Couch stand. Am Morgen nach dem Umbau stellte Marlene die erste leere Leinwand darauf, öffnete das Fenster einen Spalt, damit der Geruch von Terpentin abziehen konnte, und hörte von unten, aus der Küche, wie Werner Kaffee mahlte. Sie tunkte den Pinsel in Kobaltblau und setzte den ersten Strich, bevor das Mahlgeräusch verstummt war.

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