Die Zugangsdaten

Am Sonntag saß ich im Café Grundmann, trank einen Flat White und redete mit meinem Handy. Nicht mit jemandem – mit einer Sprachaufnahme-App. Eine Stunde vorher hatte ich auf dem Heimweg vom Bäcker die Idee gehabt: Warum haben wir keine ordentliche Landingpage? Unser Mentoring-Startup lief seit acht Monaten, aber die Website bestand aus einer einzigen Seite mit einem Foto, das ich mit dem Handy gemacht hatte. Peinlich. Also drückte ich auf Aufnahme, den Kaffee in der linken Hand, das Handy in der rechten, und begann zu diktieren: Überschriften, Texte, Call-to-Action. Nach einer Stunde war die Seite fertig, live geschaltet, und ich schickte den Link an Jonas.

Jonas antwortete erst zwei Stunden später. „Sieht okay aus", schrieb er. „Aber wir sollten das professionell machen lassen. Nicht so gebastelt." Gebastelt. Ich hatte das Ding in einer Stunde aus dem Boden gestampft, und er nannte es gebastelt. Ich schrieb nur: „Können wir drüber reden, wenn du im Büro bist."

Am Montag im Büro – wir teilten uns einen Raum im dritten Stock eines Altbaus in Plagwitz, mit Fenster zum Kanal – wollte ich mich einloggen, um das Impressum zu aktualisieren. Das Passwort wurde abgelehnt. Ich tippte es noch einmal, meine Finger plötzlich ungeschickt. Wieder falsch. Ich rief den Provider an, bei dem wir die Domain registriert hatten. Die Frau am Telefon sagte: „Die Domain läuft auf den Namen Jonas Hoffmann. Die Zugangsdaten wurden am Freitag geändert. Sie haben keinen Zugriff." Ich lachte auf, aber es klang wie ein Husten. „Das muss ein Irrtum sein. Die Domain haben wir gemeinsam registriert." „Nein, Frau Schröder. Laut unseren Unterlagen ist Herr Hoffmann der alleinige Inhaber. Und er hat vor drei Tagen die E-Mail-Adresse und das Passwort geändert."

Ich legte auf. Vor dem Fenster quietschte die Straßenbahn der Linie 16 in die Haltestelle, unten auf der Straße bellte ein Hund. Ich zog am Kragen meiner Bluse, öffnete den obersten Knopf, obwohl es im Büro nicht warm war. Jonas hatte die Zugangsdaten geändert. Jonas. Mein Partner, mit dem ich das Unternehmen gegründet hatte. Mein Ex-Freund, mit dem ich seit sechs Monaten nicht mehr zusammen war, aber mit dem ich jeden Tag zusammenarbeitete. Er hatte mich ausgesperrt.

Ich rief ihn an. Er ging ran, seine Stimme ruhig. „Miriam, was ist?"

„Du hast die Zugangsdaten geändert. Die Domain läuft nur auf deinen Namen. Was soll das?"

„Ich habe den Server bezahlt. Ich habe die Domain bezahlt. Ich habe das Ding überhaupt erst möglich gemacht. Du hast nur mit deinem Handy gesprochen. Ich will die Seite alleine weiterführen."

Mein Magen zog sich zusammen. „Wir haben das zusammen aufgebaut. Die Texte, das Konzept, die Kundenakquise – alles von mir. Du hast nur die Rechnungen bezahlt, weil ich zu der Zeit kein Geld hatte. Das war ein Kredit, keine Schenkung."

„Dann klag doch", sagte er und legte auf.

Der Kollege am Nachbartisch tat so, als hätte er nichts gehört. Ich nahm meine Jacke und ging nach Hause. Im Treppenhaus flackerte die Neonröhre, wie jeden Tag. Ich schloss die Wohnung auf, ließ die Tasche fallen. Der Nachbarshund jaulte hinter der Tür gegenüber. Ich setzte mich an den Küchentisch, vor mir der Laptop, auf dem Bildschirm noch die Fehlermeldung des Providers.

Ich begann zu graben. Alte E-Mails, Kontoauszüge, PayPal-Verläufe. Die erste Zahlung für die Domain – 12,99 Euro – war über mein PayPal-Konto gelaufen, an Jonas, der das Konto beim Provider eröffnet hatte. Das Abo für das Tool, mit dem ich die Seite erstellt hatte, kostete 49 Euro im Monat, abgebucht von meiner Kreditkarte. Die Serverkosten für das letzte halbe Jahr: 35 Euro monatlich, die hatte Jonas übernommen. Insgesamt hatte ich mehr bezahlt als er. Aber das wusste er nicht. Oder es war ihm egal.

Ich rief den Provider an, diesmal mit klarer Stimme. Ich erklärte die Situation. Die Frau am anderen Ende hörte zu, dann sagte sie: „Das ist kein einfacher Fall. Wenn zwei Personen Zahlungen nachweisen können, prüft das unsere Rechtsabteilung. Das kann ein paar Tage dauern. Schicken Sie uns die Belege, und Herr Hoffmann bekommt die Möglichkeit, Stellung zu nehmen." Ich tat, was ich konnte. Ich scannte die PayPal-Belege, den Mietvertrag für das Büro, auf dem beide Namen standen, und einen Verlauf aus dem Projektmanagement-Tool, der zeigte, dass ich die Inhalte geschrieben hatte. Dann wartete ich.

Zwei Tage passierte nichts. Ich rief zweimal an, wurde beide Male an eine andere Abteilung weitergeleitet, hörte Warteschleifenmusik, bis mein Handy heiß wurde. Am dritten Tag rief eine andere Mitarbeiterin zurück. „Herr Hoffmann hat widersprochen", sagte sie. „Er behauptet, die Inhalte seien im Auftrag erstellt worden, gegen Bezahlung. Können Sie das entkräften?" Ich schickte den kompletten Chatverlauf mit Jonas aus dem Frühjahr, in dem er selbst geschrieben hatte: „Lass uns das gemeinsam aufziehen, fifty-fifty." Ich las den Satz dreimal, bevor ich auf Senden drückte, und trank dabei den Kaffee, der längst kalt geworden war, in einem Zug aus.

Am Freitagnachmittag, fast eine Woche später, kam die E-Mail: „Nach Prüfung der eingereichten Unterlagen wurde entschieden, die Domain auf Miriam Schröder zu übertragen. Die Zugangsdaten wurden zurückgesetzt." Ich las den Satz zweimal, dann noch ein drittes Mal, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht falsch verstanden hatte.

Ich änderte sofort das Passwort, setzte die Zwei-Faktor-Authentifizierung auf meine Handynummer und deaktivierte den Zugang für Jonas. Dann überwies ich ihm 750 Euro – die Hälfte dessen, was er in den letzten Monaten für Server und Domain ausgegeben hatte. Ich schrieb ihm eine E-Mail: „Die Domain gehört jetzt mir. Dein Zugang ist gesperrt. 750 Euro sind unterwegs."

Zwanzig Minuten später klingelte es an der Tür. Ich sah durch den Spion. Jonas stand im Treppenhaus, mit gerötetem Gesicht, das Handy in der Hand. Er klingelte noch einmal, dann hämmerte er gegen die Tür. „Miriam, mach auf. Das können wir nicht per E-Mail klären."

Ich öffnete die Tür einen Spalt, die Kette noch eingehängt. „Es ist geklärt, Jonas. Der Provider hat entschieden. Nicht ich."

„Das war unser gemeinsames Ding."

„War es. Bis du es mir wegnehmen wolltest." Ich sah ihn durch den Spalt an, seine Schultern, die tiefer hingen als sonst. „Das Geld ist unterwegs. Mehr kriegst du von mir nicht."

Er stand noch einen Moment da, die Hand auf dem Türrahmen, dann drehte er sich um und ging die Treppe hinunter, langsamer als sonst. Ich schloss die Tür, legte die Kette wieder ein und blieb einen Moment stehen, die Stirn fast an das kühle Holz gelehnt.

Am nächsten Morgen rief ich die Website auf. Alles funktionierte. Das Impressum zeigte nur noch meinen Namen, als alleinige Inhaberin. Die Seite lud schnell, die Farben stimmten, die Überschrift „Klartext Leipzig – Mentoring für Gründer" stand fett über allem. Ich schaltete den Laptop aus, trank einen Schluck Tee, der schon kalt war, und schaute aus dem Fenster. Unten fuhr die Straßenbahn ab, der Himmel war grau, aber es regnete nicht.

Ich ging ins Bad, drehte den Warmwasserhahn auf. Der Spiegel beschlug langsam von unten nach oben, mein Gesicht verschwand zuerst am Rand, dann in der Mitte. Ich wusch mir das Gesicht mit beiden Händen, das Wasser lief zwischen den Fingern hindurch, und als ich aufsah, war da nur noch Dampf auf dem Glas, keine Umrisse mehr.

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