Um kurz nach sieben riss mich der Klingelton aus einem Schlaf, der keiner war. Ich hatte die halbe Nacht wach gelegen, das Thermometer zeigte 38,5, und mein Hals brannte wie zerkautes Glas. Irgendwann vor dem Morgengrauen hatte ich meiner Schwiegertochter eine Nachricht geschrieben – so eine Nachricht hatten die drei Jahre mit den Kindern noch nie von mir gesehen: dass ich es nicht schaffe, die beiden abzuholen. Dass ich krank sei. Dass es mir leidtue.
Jetzt standen sie draußen vor meiner Wohnungstür.
Ich schlurfte im Bademantel durch den Flur und drückte die Klinke. Kalte Luft aus dem Treppenhaus kroch über meine nackten Knöchel. Der Nachbar aus dem dritten Stock hatte gestern noch wegen des kaputten Lichtschalters geflucht, und tatsächlich flackerte die Lampe über der Tür wie ein müdes Auge. Davor stand Sandra. Sie trug die Winterjacke über ihrem Schlafanzug, die Haare ungekämmt, die Augen klein. Jonas hielt ihre Hand. Emma balancierte eine Plastiktüte, die fast so groß war wie sie selbst.
„Ich habe Hustensaft und Vitamin C mitgebracht“, sagte Sandra und trat ein, ohne zu fragen. „Jonas, stell die Tüte in die Küche. Emma, Schuhe aus – leise.“ Ich stand im Flur, die Kälte des Hausflurs noch an den Füßen, und schnaufte durch den verstopften Hals. „Was ist mit deiner Schicht?“, krächzte ich. „Und mit den Kindern?“ – „Ich hab mit der Kollegin getauscht. Die Kinder gehen heute allein zur Schule, Jonas bringt Emma zur Klasse, das hab ich der Lehrerin schon gesagt.“ Sie sprach in einem Ton, den ich von ihr nicht kannte. Nicht streng. Eher so, wie man mit jemandem spricht, der endlich Hilfe annehmen soll.
In meiner Küche machte sie sich zu schaffen, als hätte sie das schon hundertmal getan. Ich hörte das Wasser aufkochen, das Klappern von Tassen, das Brummen des Kühlschranks – meiner, nicht ihrer. Als ich in die Tür trat, lagen auf dem Tisch: ein Glas Honig, zwei Zitronen, Brausetabletten, ein Fläschchen Hustensaft. Und daneben eine Packung Leibniz-Butterkekse. Meine heimlichen Kekse. Die aß ich immer, wenn die Kinder im Wohnzimmer spielten und niemand in die Küche sah. Der eine Keks, den ich mir nach dem Mittagessen gönnte, hinter der angelehnten Schranktür.
„Woher weißt du das?“, fragte ich und zeigte auf die Packung. Sandra zuckte mit den Schultern, während sie Wasser in eine Tasse goss. „Jonas hat’s mir gesteckt. Er sagt, Oma isst immer einen Keks, wenn sie glaubt, dass keiner guckt.“ Hinter ihr stand Jonas im Türrahmen und schaute auf seine Schuhe, als hätte er ein Staatsgeheimnis ausgeplaudert. Ich musste lachen, aber es wurde sofort ein Hustenanfall.
„Leg dich wieder hin“, sagte Sandra und schob mich sanft in Richtung Schlafzimmer. „Die Küche mache ich.“ – „Aber die Kinder müssen frühstücken…“ – „Das kriege ich hin.“ Sie nahm mir die Decke ab, die ich mir über die Schultern gelegt hatte, und drückte mich fast ins Bett. „Drei Jahre lang hast du keinen einzigen Tag gefehlt. Nicht mal im März, als du die Bronchitis hattest. Da bist du mit Fieber hergekommen und hast noch für alle gekocht. Glaubst du, wir hätten das nicht gesehen?“
Ich lag unter der Decke und lauschte. Teller klapperten, Emma kicherte, Jonas zischte: „Pscht, Oma schläft.“ Der Geruch von frischem Tee zog durch die Wohnung. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, ich hörte die Ansage der Haltestelle – ich wohne direkt an der Linie 15, Goerdelerring war die letzte Station. Das Geräusch kannte ich seit zwanzig Jahren, es war mir immer egal gewesen. Jetzt klang es wie etwas, das bleibt.
Nach einer halben Stunde kam Sandra mit einem Tablett. Tee mit Honig, zwei Scheiben Toast, ein Glas mit aufgelöster Brausetablette. Sie stellte es auf meinen Nachttisch, rückte das Kissen zurecht. „Die Kinder wollen tschüss sagen“, sagte sie. Emma kam auf Zehenspitzen herein und legte ein Blatt Papier auf meine Bettdecke. Ein Bild: eine Frau im Bett, daneben eine riesige gelbe Sonne. Darunter in krakeliger Schrift: „Oma werde gesund“ – mit drei Ausrufezeichen und einem schiefen Herz. Jonas stand mit den Händen in den Hosentaschen und sagte: „Oma, ich hol Emma heute von der Schule ab. Du musst dir keine Sorgen machen.“ Er war zehn und redete wie ein Mann, der seit Jahren Verantwortung trägt. Ich schluckte. „Danke“, brachte ich heraus.
Sandra blieb noch zehn Minuten. Sie spülte das Geschirr, räumte die Kekse in den Schrank, hinterließ einen Zettel auf dem Küchentisch: „Suppe im Kühlschrank. Abends ruf ich an. Ruh dich aus. S.“ Ich hörte die Tür ins Schloss fallen. Die Stille danach war nicht unangenehm – sie war ein Raum, in dem Emmas Zeichnung auf meiner Decke lag und der Duft von Zitrone hing.
An diesem Abend rief Sandra an. Sie fragte nach dem Fieber, ob ich die Suppe gegessen hätte, ob der Husten besser sei. Dann, gegen Ende, sagte sie: „Ingrid, ich weiß, du denkst, du bist für uns nur die Oma, die die Kinder betreut. Aber die Kinder brauchen dich. Das ist ein Unterschied.“ Ich antwortete nicht sofort. Mein Hals war eng, aber nicht wegen der Erkältung.
Am Dienstag fiel das Fieber. Am Mittwoch wollte ich schon wieder zur Schule, aber Sandra schrieb: „Noch einen Tag für dich. Bitte.“ Am Donnerstag stand ich wieder am Schultor, und Emma rannte auf mich zu, als hätte sie mich Monate nicht gesehen.
Sechs Monate später hat sich etwas verändert. Ich hole immer noch die Kinder ab, koche Mittagessen, lese vor, mache Hausaufgaben. Aber ich habe einen Dienstag eingeführt. Meinen Dienstag.
Ich habe es Sandra nicht gefragt. Ich habe es ihr gesagt, an einem Abend, als sie die Kinder abholte. „Ab nächster Woche bin ich dienstags nicht da“, sagte ich. „Ich fahre nach Dresden, in die Galerie Alte Meister. Oder in den Großen Garten. Nur für mich.“ Sandra sah mich an, dann nickte sie. „Gut so“, sagte sie. „Das hast du dir verdient. Ich organisiere für den Tag die Betreuung.“ Ich hatte schon die Monatskarte gekauft. 49 Euro, vom Rentnerbudget abgezwackt. Das war mein Preis.
Am ersten Dienstag saß ich im Regionalexpress nach Dresden. Der Zug ruckte an, draußen zog Leipzig vorbei, dann die Plattenbauten, dann die Felder. Mein Handy summte. Eine Nachricht von Sandra: „Viel Spaß. Die Kinder fragen, wann Oma wieder gesund wird.“ Ich drückte die Stirn an das kalte Fensterglas und sah die Landschaft verschwimmen. Nicht vor Trauer. Vor etwas anderem, für das ich kein Wort habe.
Ich fuhr über die Elbe, während hinter mir die Stadt kleiner wurde und mein freier Tag größer.







