Der Mann mit dem Stahlskelett

Es war kurz nach neun, als der Bus auf den Parkplatz am Rand der ehemaligen Tongrube bog. Durch die Scheibe sah man die Halden aus rotbraunem Lehm, die sich im Nieselregen in spiegelnde Flächen verwandelten. Ein ganz normaler Morgen Anfang Oktober in einer Kleinstadt bei Görlitz, und für alle Siebtklässler war es nur ein Ausflug. Für Hanna war es der Tag, an dem sie zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder einen Schulranzen auf dem Rücken trug — wenn auch einen fremden.

Hanna war dreizehn. Sie hatte eine spastische Lähmung, die ihre Beine betraf. Sie fuhr mit einem Rollstuhl, der an den Armlehnen schon die Farbe verlor. Wenn die Klasse irgendwohin fuhr, blieb sie meistens im Bus oder saß auf einer Bank und sah zu. Das hatte sich so eingeschliffen, dass niemand mehr darüber nachdachte. Auch Hanna nicht. Sie hatte es akzeptiert, dass zu Ausflügen das Dabeisein gehörte, aber nicht das Mitmachen.

In diesem Jahr übernahm Herr Falk die Klasse nicht nur in Geografie, sondern auch als Vertrauenslehrer. Ein ruhiger Mann von vierzig, der immer ein Pflaster in der Jackentasche hatte und nie laut wurde. Er war es, der die Idee mitbrachte, zur Flutrinne am ehemaligen Kalksandsteinbruch zu fahren. Dort gab es Schichten aus der Oberkreide, mit eingelagerten Muschelschalen und versteinerten Haifischzähnen. Ein ideales Gelände, um Schichten zu lesen. Nur eben nichts für einen Rollstuhl. Der Boden bestand aus Geröll, aus schmalen Wegen, aus einem Trampfad durchs Unterholz.

Hanna erfuhr von dem Ausflug wie immer: durch einen Zettel, den sie kommentarlos in die Schultasche steckte. Ihre Mutter würde unterschreiben, und Hanna würde wieder im Bus warten. So war es beim Besuch der Sternwarte gewesen, so beim Besuch des Bergwerksmuseums.

Aber zwei Tage vor der Fahrt rief Herr Falk bei Hannas Mutter an. Er fragte nicht, ob Hanna mitkomme. Er sagte, dass er sich eine Tragehilfe besorgt habe. Ein Spezialmodell mit Metallrahmen, das man wie einen Rucksack auf den Rücken nimmt. Er habe sie im Sanitätshaus in Görlitz geliehen. Er wolle das vorher einmal ausprobieren, auf dem Schulhof, mit Hanna. Ob sie einverstanden sei.

Die Mutter sagte eine Weile nichts. Dann legte sie auf, ohne ein Wort dazu zu verlieren. Hanna wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie wollte nicht getragen werden wie ein Paket. Sie stellte sich vor, wie alle zusahen, wie sie festgeschnallt wurde. Das war fast schlimmer, als im Bus zu bleiben.

Am Nachmittag trafen sie sich auf dem leeren Schulhof. Der Regen hatte aufgehört, über dem Asphalt lag eine dünne Schicht Wasser. Herr Falk zog die Tragehilfe aus dem Kofferraum seines roten Skoda. Sie sah aus wie ein Campingstuhl mit Gurten. Er stellte sie auf den Boden und redete dabei mit Hanna über das Gestein im Bruch. Über Sandstein und Kreidekalk. Er erklärte die Sache mit dem Rucksack so beiläufig, als handelte es sich um einen Fahrradhelm.

Er half Hanna, sie setzte sich in den Sitz. Er zog die Gurte fest. Dann stand er auf. Hanna saß auf seinem Rücken, ihre Augen gingen über seinen Kopf hinweg zur Schultür. Sie war leichter, als sie gedacht hatte. Oder er war stärker. Sie konnte seine Schulterblätter spüren, wenn er sich bewegte.

„Passt es?“, fragte er.

„Ja“, sagte Hanna. Sie wollte etwas anderes sagen, aber es ging nicht. Ihr Hals war eng, als hätte jemand einen Knopf zu fest zugemacht.

Am Morgen des Ausflugs regnete es wieder. Der Bus hatte Verspätung, weil ein Traktor die Straße blockierte. Die Klasse war unruhig. Hanna saß am Fenster und beobachtete, wie die Tropfen auf dem Glas Wege fanden, die man nie vorhersah.

Als der Bus hielt, stiegen alle aus. Es roch nach nassem Lehm und nach Diesel. Herr Falk nahm Hanna aus dem Rollstuhl und schnallte sie auf seinen Rücken. Einige Mädchen drehten sich um. Ein Junge meinte, das sehe aus wie ein Raumschiff. Hanna sagte nichts. Aber sie spürte, wie ihr Herz so hart schlug, dass sie dachte, Herr Falk müsse es am Rücken fühlen.

Der Weg hinunter in die Grube war schmal. Steine lagen lose auf dem Pfad. Herr Falk ging vorsichtig, Schritt vor Schritt. Hanna hielt sich an den Gurten fest, die Hände waren kalt. Sie sah, wie die anderen vor ihr gingen. Marlene mit der blauen Regenjacke. Jonas, der Steine in einen Eimer warf. Der Geruch von feuchter Erde stieg auf, und irgendwo klopfte ein Specht.

Um halb elf erreichten sie die Wand aus Sandstein. Herr Falk stellte sich seitlich, damit Hanna die Schichten sehen konnte. Er zeigte auf eine helle Linie im Gestein. „Das war einmal ein Strand“, sagte er. „Vor über siebzig Millionen Jahren. Da waren Muscheln drin. Wenn du genau hinschaust, siehst du die Reste.“

Hanna schaute. Sie sah kleine weiße Stücke im Stein, wie zerbrochene Fingernägel. Es war nichts Besonderes. Und gleichzeitig war es das Besonderste, was sie seit Monaten gesehen hatte.

Dann fand Jonas einen Haifischzahn. Ein kleines, spitzes Ding, grau und glatt. Alle kamen zusammen. Herr Falk ging in die Knie, damit Hanna ihn sehen konnte. Jonas legte den Zahn in ihre Hand. Er war schwerer, als er aussah. Sie schloss die Finger darum, und einen Moment lang schien es, als hätte der Zahn eine eigene Wärme.

Auf dem Rückweg ging Herr Falk langsamer. Der Regen hatte den Pfad rutschig gemacht. Seine Jacke war über den Schultern nass, und Hanna fragte sich, ob er müde war. Er sagte nichts. Nur einmal blieb er stehen, zog den Gurt an seiner Brust nach und fragte: „Alles gut da oben?“

„Ja“, sagte Hanna. „Alles gut.“

Sie sah die Grube von oben. Die Halden glänzten wie Kupfer im grauen Licht. Die anderen gingen in Zweierreihen, sie redeten über den Zahn, über den Specht, über das Pausenbrot, das keiner mehr essen wollte. Hanna hörte zu. Es war das erste Mal, dass sie nicht das Gefühl hatte, nach dem Ausflug von einem fremden Planeten zu berichten.

Als sie im Bus saßen, zog Herr Falk seine Jacke aus. Sein Hemd war auf dem Rücken dunkel von Schweiß, so dunkel, dass es aussah wie eine zweite Jacke. Er legte die Tragehilfe zusammen und verstaute sie im Gepäckfach. Dann setzte er sich nach vorn und aß ein Käsebrot.

Hanna schrieb an diesem Abend in ihr Heft, in das sie Dinge schrieb, die niemand lesen sollte. Sie schrieb: Heute bin ich durch die Grube gegangen. Nicht mit den Füßen. Aber ich war dort. Ich habe den Zahn gehalten. Niemand hat gesagt, dass ich tapfer bin.

Die Geschichte hätte hier enden können. Aber sie endete nicht hier.

Denn zwei Wochen später stand Hanna im Sekretariat der Schule. Sie hatte einen Brief dabei, an den Landkreis geschrieben, mit der Bitte, die Tragehilfe dauerhaft anzuschaffen. Nicht für sie. Für die nächste Klasse. Für das Kind, das sonst im Bus sitzt.

Sie legte den Brief auf den Tisch der Sekretärin. Die Sekretärin warf einen Blick auf die Unterschrift. „Das ist eine tolle Sache“, sagte sie.

Hanna zuckte mit den Schultern. „Es ist nur ein Brief.“

Vier Monate danach erreichte die Schule die Antwort: Gerät bewilligt. Ein Tragegestell mit Aluminiumrahmen, neu gepolstert, mit verstellbaren Gurten. Kostenpunkt: 2.340 Euro. Umlagewert. Haltbarkeit: mindestens zehn Jahre.

Hanna erfuhr davon aus dem Infobrief der Schulleitung. Sie las ihn dreimal. Dann faltete sie ihn und steckte ihn in die Jackentasche, wo er noch nach dem Waschen steif blieb.

Im folgenden Schuljahr fuhr die Klasse wieder zum Bruch. Diesmal war Hanna nicht dabei. Aber als sie hörte, wie ihr Nachfolger, ein Junge mit Glasknochen, von der Exkursion erzählte, hörte sie genau hin. Er erzählte von dem Weg durch das Geröll, von den Muscheln im Stein, von dem Haifischzahn, den er in der Hand gehalten hatte.

Hanna fragte nicht viel. Sie ging in ihr Zimmer, öffnete die unterste Schublade der Kommode und schob die Socken beiseite. Darunter lag die kleine Schachtel mit der Aufschrift Oberkreide, die sie selbst in krakeliger Schrift daraufgeschrieben hatte, an jenem Abend, als sie den Zahn zum ersten Mal in eine Streichholzschachtel gelegt hatte, weil ihr kein anderes Wort dafür eingefallen war als das, was Herr Falk am Fels gesagt hatte.

Sie nahm den Zahn heraus, grau und glatt, kühl zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie rieb ihn ein paarmal, bis er warm wurde von ihrer Haut, dann legte sie ihn zurück in die Schachtel, schloss den Deckel und schob die Schublade zu.

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