Ich putze seit sechzehn Jahren bei den Lindners in Reutlingen, jeden Dienstag und Freitag, immer zehn bis vierzehn Uhr. Diese Familie kenne ich besser als manche eigene Verwandte, würde ich sagen. Man hört ja einiges, wenn man mit dem Staubwedel in der Ecke steht und niemand einen richtig wahrnimmt.
An dem Freitag im März war ich schon eine Stunde da, hatte gerade das Bad im Erdgeschoss fertig, als der Sohn hereinkam. Kevin, dreiunddreißig, arbeitet bei einer Versicherung in Stuttgart, fährt jeden Tag mit dem Zug rein. Er kam ohne anzuklopfen, wie immer, ließ die Aktentasche einfach im Flur fallen und rief nach seiner Mutter, noch bevor er die Schuhe auszog.
Frau Lindner, Renate, saß am Küchentisch und sortierte Rechnungen. Ihr Mann Herbert, ein pensionierter Polizeihauptkommissar, achtundsechzig, mit diesem grauen Schnurrbart, den er seit dreißig Jahren trägt, stand am Herd und wärmte sich Kaffee auf. Ich hatte gerade die Fensterbank im Wohnzimmer abgewischt, von dort hört man in die Küche alles.
„Papa, Mama, ich muss euch was sagen." Kevin setzte sich, ohne die Jacke auszuziehen. „Es geht um Julia. Die wird immer fauler. Ich komm heim, kein Essen, die Wäsche stapelt sich, und wenn ich was sage, kriege ich nur blöde Antworten."
Ich weiß von Julia, weil ich sie einmal im Monat auch bei ihnen zu Hause putze, in Metzingen, eine kleine Dreizimmerwohnung über einer Bäckerei. Riecht dort immer nach Zimtschnecken, egal zu welcher Uhrzeit. Julia arbeitet als Physiotherapeutin, drei Tage die Woche in einer Praxis, zwei Tage macht sie Hausbesuche bei alten Leuten, die nicht mehr laufen können. Ich habe sie einmal gefragt, warum sie samstags noch arbeitet, obwohl sie frei hätte. Sie hat gesagt: „Weil die Rechnungen sich nicht von selbst zahlen, Frau Kowalski."
Herbert stellte seine Tasse ab. Nicht laut, aber so, dass es auf der Arbeitsplatte einen kleinen harten Ton machte.
„Was heißt faul, Kevin?"
„Na, sie kocht nicht mehr richtig. Gestern gab's Nudeln mit Pesto aus dem Glas. Kein Fleisch. Ich hab den ganzen Tag gearbeitet, und dann so was."
„Wie viele Stunden hat sie gearbeitet?", fragte Herbert.
Kevin zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Ist doch egal."
„Ist es nicht egal." Herbert setzte sich jetzt auch, direkt gegenüber seinem Sohn. „Ruf sie an. Jetzt."
„Wieso das denn?"
„Weil ich das gerne genau wissen will, bevor ich mir hier eine Meinung bilde."
Kevin verdrehte die Augen, holte aber sein Handy raus und rief an, auf Lautsprecher, wahrscheinlich weil er dachte, das würde ihn bestätigen. Julia ging nach dem dritten Klingeln ran, man hörte im Hintergrund einen Rollator quietschen und eine alte Stimme, die sich bedankte.
„Kevin? Ich bin noch bei Frau Ebner, kann ich zurückrufen?"
„Wie viele Termine hattest du heute?", fragte Herbert, laut genug, dass sie ihn hören konnte.
Eine kurze Pause. „Papa Lindner? Äh — sieben. Wieso?"
„Und gestern?"
„Sechs. Wieso fragst du das?"
Herbert sah seinen Sohn an, während er weitersprach, so als würde er ein Verhör führen, das er tausendmal geführt hatte. „Und um wie viel Uhr warst du gestern zu Hause?"
„Kurz nach acht. Ich hab noch die Waschmaschine angemacht, bevor ich überhaupt was gegessen hab. Ist irgendwas passiert?"
„Nein, mach weiter, Kind. Wir sprechen später."
Er legte auf, für Julia, ohne sich zu verabschieden, was ungewöhnlich war bei ihm, der sonst immer höflich bis zur Übertreibung ist. Dann legte er das Handy seines Sohnes zurück auf den Tisch, mit dieser Ruhe, die mir eine Gänsehaut gemacht hat, ehrlich gesagt, obwohl ich mit der Sache gar nichts zu tun hatte.
„Sieben Patienten, Kevin. Das heißt, sie war um sieben Uhr morgens unterwegs, mindestens. Und um acht Uhr abends kam sie nach Hause und hat als Erstes die Wäsche gemacht. Nicht für sich gekocht, für dich die Waschmaschine angeschmissen."
„Ich hab doch nicht gesagt, dass sie —"
„Du hast gesagt, sie ist faul." Herbert stand auf. Seine Stimme wurde nicht lauter, eher tiefer, was bei ihm schlimmer ist, das kannte ich schon von anderen Streitigkeiten in dem Haus. „Ich war fünfundzwanzig Jahre bei der Kripo, Kevin. Ich hab gelernt, erst zu fragen, dann zu urteilen. Du kommst hier rein und beschwerst dich über eine Frau, die mehr arbeitet als du und trotzdem noch Zeit findet, deine Unterhosen zu waschen."
Renate hatte bis dahin kein Wort gesagt. Sie stand auf, ging zum Küchenschrank, holte eine alte Keksdose raus, die Sorte mit Weihnachtsmotiv drauf, obwohl März war. Darin bewahrt sie Fotos auf, das wusste ich, weil ich die Dose schon oft abgestaubt hatte. Sie zog ein Bild raus und legte es vor Kevin auf den Tisch.
„Weißt du noch, wer das ist?"
Ein Foto von ihr selbst, jünger, mit Kevin als Baby auf dem Arm, im Hintergrund ein Krankenhausflur.
„Ich hab dich mit sechsunddreißig Fieber bekommen, drei Tage nach deiner Geburt, Kevin. Dein Vater war im Dienst, Nachtschicht. Ich hab trotzdem für uns gekocht, gewaschen, und niemand hat mir gesagt, ich sei faul. Aber ich hab auch nie erwartet, dass irgendjemand das für mich tut, ohne dass ich mal frage, wie es ihm geht."
Kevin saß da und drehte sein Handy in der Hand, ohne es anzusehen.
„Ich hab nur gedacht, weil ihr immer gesagt habt, dass bei euch —"
„Bei uns hatte ich einen festen Dienstplan und deine Mutter war zu Hause, das war unsere Abmachung, gemeinsam getroffen", unterbrach ihn Herbert. „Julia arbeitet Vollzeit, verdient gutes Geld, und ihr habt das nie besprochen, wer was macht, oder?"
Kevin schwieg. Das war die Antwort.
Ich hab in dem Moment die Fensterbank ein zweites Mal abgewischt, obwohl da nichts mehr drauf war, nur damit ich nicht rausgehen musste und die Situation noch unangenehmer machte.
Herbert nahm seine Jacke vom Haken neben der Tür. „Zieh deine Schuhe an. Wir fahren nach Metzingen."
„Jetzt? Papa, es ist —"
„Jetzt."
Ich hab die beiden noch aus dem Fenster gesehen, wie sie in Herberts alten Opel Insignia gestiegen sind. Renate blieb in der Küche, faltete das Foto nicht weg, sondern stellte es an die Fensterbank, gegen die Blumenvase gelehnt, wo es den ganzen Nachmittag stehen blieb, während ich weiterputzte.
In Metzingen stand Julia mit einer Patientenakte in der Hand am Küchentisch, die Schuhe noch an, als es klingelte. Sie hat mir später erzählt, wie überrascht sie war, um kurz nach fünf ihren Schwiegervater vor der Tür zu haben, Kevin einen Schritt hinter ihm, mit dem Blick auf den Fußboden.
„Setz dich, Julia. Zeig mir deinen Terminplan von heute", hat Herbert gesagt, noch bevor er den Mantel auszog.
Sie hat die Akte aufgeklappt, sieben Hausbesuche, zwei davon im vierten Stock ohne Aufzug, eine Adresse in Bad Urach doppelt unterstrichen, weil die Patientin dort seit Wochen Schmerzen in der Hüfte hat, die nicht besser werden. Herbert ist die Liste mit dem Finger durchgegangen, langsam, hat bei jedem Namen kurz genickt und dann die Akte zugeklappt.
„Kevin", hat er gesagt, ohne sich umzudrehen, „hol den Wäschekorb aus dem Bad."
„Jetzt?"
„Jetzt."
Kevin ist tatsächlich gegangen, hat den Korb geholt und in der Küche abgestellt, als hätte er keine Ahnung, was er damit anfangen sollte. Herbert hat ihm die erste Hose in die Hand gedrückt.
„Ab morgen trägst du jeden zweiten Tag die Küche. Einkaufsliste schreibst du selbst. Und wenn du dich noch mal bei mir über sie beschwerst, ohne vorher nachgefragt zu haben, was bei ihr eigentlich los ist, kommst du erst gar nicht mehr zu Besuch."
Julia hat mir das zwei Wochen später erzählt, während sie am Fenster ihrer Küche stand und eine Zimtschnecke aus der Bäckerei unten aß, die sie sich für den Nachmittag aufgehoben hatte. Sie hat nicht triumphierend geklungen, eher müde, aber erleichtert. Was sie danach gemacht hat, war das eigentlich Wichtige, nicht der Auftritt von Herbert.
Sie hat sich am Montag danach einen Termin bei einer Fachanwältin für Familienrecht in Tübingen geholt, vierzig Euro für die Erstberatung, und einen Ehevertrag aufsetzen lassen, der genau regelt, wer welche Haushaltsaufgaben trägt und wie die gemeinsamen Ausgaben — Miete achthundertzehn Euro, Nebenkosten, Lebensmittel — hälftig geteilt werden, mit einer Klausel, dass beide Gehaltszettel jedes Quartal offengelegt werden. Kevin hat unterschrieben, im Beisein seines Vaters, an einem Samstagvormittag im Wohnzimmer der Lindners, auf demselben Tisch, an dem er sich zwei Wochen vorher beschwert hatte.
Ich putze immer noch dienstags und freitags bei den Lindners. Das Foto aus der Keksdose steht jetzt dauerhaft auf der Fensterbank, in einem kleinen Holzrahmen, den Renate sich extra gekauft hat. Letzten Dienstag, als ich den Rahmen abstaubte, kam Renate mit zwei Tassen Kaffee in die Stube, stellte eine davon neben mich auf die Fensterbank, ohne dass ich sie darum gebeten hätte, und sagte nur: „Kevin bringt heute Abend Lammbraten mit. Er kocht jetzt öfter, wissen Sie."
Dann nahm sie ihre Tasse und ging zurück in die Küche, wo schon wieder Rechnungen auf dem Tisch lagen.







