# Der Tausch
Jonas Kerner wollte nicht mehr fahren. Der Weg war zu schmal, der Nebel zu dicht, und in seinem Bauch saß ein Feuer, das mit jedem Schlagloch tiefer stach. Die Scheinwerfer gruben sich in weiße Schwaden, links und rechts glitten dunkle Tannen vorbei. Er hatte die Armbänder in die Hemdtasche gesteckt, zwei Reifen aus Holz, einer schwarz, einer braun. Bei jeder Bewegung spürte er sie, als wären sie aus Blei.
Hinter ihm lagen zwei Stunden Fahrt von Freiburg in den Schwarzwald. Vor ihm, irgendwo zwischen Hornberg und Triberg, war der Waldweg so zugewachsen, dass er nur noch die Baumkronen sah. Er hustete. Der Schmerz fuhr vom Brustbein bis in den Rücken, und der Wagen machte einen Satz. Sein Fuß drückte aufs Gas statt auf die Bremse. Das Lenkrad riss nach rechts, der Passat schoss in eine Böschung, schrammte an einem Stamm entlang und stand.
Jonas blieb sitzen. Der Motor starb ab. Vor seinen Augen tanzten rote Flecken. Er hörte nichts außer einem hohen Summen in den Ohren und dem Kratzen seines eigenen Atems. Dann kam ein anderes Geräusch. Ein Wimmern. Dünn, wie von einem Tier.
Er drückte die Tür auf und fiel fast hinaus. Der Asphalt unter den Schuhen war nass vom Nebel. Neben der Böschung lag ein Mädchen im Farn. Die Beine in hellen Turnschuhen ragten aus dem Gras. Ein Rucksack war ihr vom Rücken gerutscht, ein Ohrhörer baumelte am Kabel über der Brust. Jonas stand über ihr, die Hand an der Wagentür, und versuchte zu begreifen.
Sein Telefon steckte noch in der Jacke. Er zog es heraus, es rutschte ihm aus den Fingern und verschwand zwischen feuchten Blättern. Er bückte sich. Da fielen ihm die Armbänder aus der Hemdtasche und rollten auf den Weg. Das schwarze lag auf dem hellen Kies, das braune blieb an einem Farn hängen. Er griff danach, und in diesem Moment hörte er die Stimme der Alten noch einmal, so deutlich, als stünde sie hinter ihm.
„Schwarz für den, dem du sein Leben nimmst. Braun für dich. Merk dir das genau, denn ich sag es nur einmal.“
Am Morgen hatte er nicht an Hexen geglaubt. Er war um sieben in seiner Werkstatt gewesen, hatte die Rechnung von einem Kunden an den Spiegel geklebt und die Bestellung für Bremsbeläge an den Lieferanten geschickt. Die Werkstatt in Freiburg trug seinen Namen, fünf Angestellte, zwei Hebebühnen. Der Arzt hatte vor drei Wochen gesagt: kleinzelliges Lungenkarzinom, metastasiert, Chemotherapie könnte noch Zeit kaufen. Zeit. Ein Wort, das Jonas plötzlich nicht mehr aushielt. Er hatte nicht gebetet. Er hatte nicht geweint. Er hatte eine halbe Stunde auf dem Parkplatz der Onkologie gesessen und auf das Schild „Notausgang“ geschaut, ohne es zu sehen. Dann hatte ihm der Fahrer eines Abschleppwagens, ein Kunde aus dem Kinzigtal, von einer Frau erzählt, die in den Wäldern oberhalb von Hornberg wohne. Keine Ärztin, keine Heilerin. Eine, die den Tod kenne.
Die Hütte hatte schief im Morast gestanden, das Dach mit Moos bedeckt. Ein schwarzer Kater saß auf dem Fensterbrett und putzte sich, als sei der Besuch nicht der Rede wert. Drinnen roch es nach kaltem Rauch und getrocknetem Beifuß. Die Alte saß am Tisch, eine Petroleumlampe brannte. Sie sah ihn an, als läse sie seine Krankenakte.
„Lungenkrebs“, hatte er gesagt. „Die Ärzte geben mir noch ein paar Monate. Ich habe gehört, Sie könnten—“
„Quatsch“, hatte sie geantwortet. „Die Ärzte geben dir nichts. Der Tod steht hinter dir und wartet nur auf das richtige Geräusch. Und du bist gekommen, weil du ihm nicht ins Gesicht sehen willst.“
Er hatte geschluckt. „Ich zahle, was Sie wollen. Fünfzigtausend Euro. Hundert. Ich habe die Werkstatt, ein Haus—“
„Leben kauft man nicht“, hatte sie gesagt. „Leben tauscht man.“ Sie hatte die Armbänder aus einer Schublade genommen und vor ihn auf den Tisch gelegt. Zwei glatte Reifen aus dunklem Holz. „Schwarz für den, dem du sein Leben nimmst. Braun für dich. Setz dem anderen den schwarzen auf, dir den braunen. Dann fließt sein Atem in dich. Dein Schmerz in ihn. So einfach ist das. Aber hör mir zu, Kerner: Wer den Reif verwechselt und den schwarzen selbst trägt, der gibt sein eigenes Leben weiter, nicht das des anderen. Das Holz kennt keinen Irrtum. Es kennt nur die Hand, die zugreift.“
„Und wenn ich keinen finde?“
„Du wirst einen finden. Der erste Mensch, der dir begegnet. Der Junge an der Zapfsäule. Die Frau im Supermarkt. Das Kind, das dir den Rücken zukehrt. Irgendwer. Du musst nur zuschlagen. Oder Gas geben.“
Jonas hatte die Armbänder eingesteckt und war gegangen. Der Kater war ihm nachgesprungen, als wolle er sichergehen, dass der Besucher den Weg zurückfindet.
Jetzt lag das Mädchen im Farn, und der erste Mensch war genau das gewesen: ein Kind, das ihm den Rücken zugekehrt hatte, als der Wagen sie erwischte. Jonas fühlte den Puls an ihrem Hals. Dünn, aber da. Ruhig. Der braune Reif lag in seiner Linken, der schwarze in der Rechten. Ihm war kalt, obwohl der Oktobernebel gar nicht so kalt sein konnte. Er dachte an den rostigen Brustkorb, an die Treppe in der Werkstatt, die er nur noch mit Pausen hochkam. An die Schachtel Schmerzpflaster im Handschuhfach. An das Zittern seiner Hände morgens.
Er beugte sich hinunter. Das Mädchen atmete flach. Ihre Lider bewegten sich, als träume sie von etwas Schwerem. Er nahm ihr linkes Handgelenk. Es war kalt und klein, mit einem Kratzer über dem Knochen. Der schwarze Reif passte locker darüber. Jonas hielt ihn zwischen zwei Fingern. Er dachte an die Bestellliste, die noch am Kühlschrank hing, an den Termin beim Steuerberater nächste Woche, an nichts von alledem, eigentlich nur an die Luft, die noch in seiner Lunge war und die er behalten wollte.
Dann öffnete er die Finger und ließ den schwarzen Reif ins Gras fallen.
Er nahm stattdessen den braunen und schob ihn über ihr Handgelenk, vorsichtig, wie man einer Puppe ein Kleid anzieht. Seine andere Hand griff nach dem schwarzen Holzreif im Moos und zog ihn sich selbst über das Gelenk, fest, bis das Holz in die Haut drückte.
Der Schmerz kam nicht sofort. Erst spürte Jonas einen Schlag in der Brust, als wäre sein Herz zweimal ausgesetzt. Dann wurde die Luft zu Feuer. Er krümmte sich, fiel neben das Mädchen in die Blätter, die Arme vor den Körper geschlagen. Das letzte, was er sah, war der Kater, der am Waldrand saß und ihn mit grünen Augen ansah.
Lina hörte das Rauschen zuerst. Es klang wie ein Fernseher, der im leeren Zimmer lief. Dann der Geschmack von Erde. Sie machte die Augen auf und lag in einem Farngebüsch, das Gesicht nass, die Jeans verdreckt. Über ihr ein Stück Himmel, grau, mit Nebel verhangen. Neben ihr ein Auto mit offener Tür. Und ein Mann, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt lag, reglos.
Sie rappelte sich auf. Der Rucksack hing noch über einer Schulter. Ihr linkes Handgelenk schmerzte, aber es war nur ein schmaler roter Streifen, als hätte sie sich an einer Wurzel geritzt, und ein Holzreif, braun, den sie sich nicht erklären konnte. Sie sah den Mann an. Aus seiner Hosentasche ragten Schlüssel, daneben lag ein Telefon im feuchten Gras. Sie hob es auf. Der Bildschirm war gesprungen, aber das Display leuchtete. Sie tippte 112.
„Ja, hallo? Hier ist ein Unfall. Ein Mann liegt auf der Straße. Ich glaube, er atmet nicht mehr.“ Sie brach ab. Wo war sie überhaupt? Ein schmaler Weg, Tannen, Nebel. Kein Ortsschild. „Irgendwo zwischen Hornberg und Triberg, auf dem alten Forstweg. Bitte schnell.“
Der Mann in der Notrufzentrale fragte, ob sie sicher sei. Sie nannte den Namen der kleinen Brücke, die sie vorhin überquert hatte, die „Rote Brücke“ oder so. Dann kniete sie neben Jonas, legte ihre Jacke unter seinen Kopf, weil sie irgendwo gehört hatte, dass man das tun sollte, und wartete, den Blick auf seine Brust gerichtet, ob sie sich noch hob.
Jonas erwachte in einem weißen Raum. Die Decke hatte zwei lange Risse, die aussahen wie Flüsse auf einer Landkarte. Neben dem Bett stand eine alte Frau, ihre Hände auf den Griff eines Rollators gestützt, als gehöre sie hierher wie jede andere Besucherin.
„Was—“, krächzte er. Sein Hals war wund, aber der Feuerball in der Brust war weg. Er atmete tief ein. Kein Stechen. Kein Husten. Nur die Kälte des Zimmers und das leise Piepsen eines Monitors.
„Du hast den Reif nicht verwechselt“, sagte die Alte. „Du hast gewusst, welchen du nimmst.“
Jonas sah auf sein Handgelenk. Der schwarze Reif war noch da, ins Fleisch eingedrückt, als wäre er seit Jahren dort. „Ich wollte sie retten.“
„Das hab ich gesehen.“ Sie klopfte mit einem Finger auf den Rollator, zweimal, wie man an eine Tür klopft, bevor man geht. „Ob dir das Zeit gibt oder nicht, weiß ich nicht. Das hat mit dem Holz nichts mehr zu tun.“ Sie schob sich zur Tür, und der schwarze Kater, den Jonas erst jetzt bemerkte, strich ihr um die Beine. An der Schwelle blieb sie stehen. „Die Kleine sitzt draußen. Mit ihrer Mutter. Seit zwei Stunden.“
Dann war sie weg, und Jonas wusste nicht, ob eine Schwester sie hinausbegleitet hatte oder ob die Tür sich einfach hinter ihr geschlossen hatte.
Eine Viertelstunde später kam eine Krankenschwester, maß seinen Puls, nickte zufrieden über eine Zahl auf dem Monitor und sagte, ein Mädchen habe gefragt, ob es kurz hereinkommen dürfe, zusammen mit ihrer Mutter.
Lina stand in der Tür, den Rucksack noch immer über einer Schulter, als hätte sie das Krankenhaus keine Sekunde verlassen wollen. Ihre Mutter hielt sie an der Schulter fest, die Augen rot gerändert. „Das ist der Mann“, sagte Lina zu ihrer Mutter, ohne den Blick von Jonas zu nehmen. „Der mit dem Auto.“
„Du hast mich gerettet“, sagte Jonas. Die Stimme kratzte noch.
„Sie haben mich fast überfahren“, sagte Lina, aber es klang nicht böse, eher wie eine Feststellung, die man noch sortieren musste. Sie hob ihr Handgelenk. Der braune Reif steckte darauf, ein wenig zu groß, sie hatte ihn mit einem Haargummi festgebunden, damit er nicht abrutschte. „Was ist das? Ich hatte den nicht an, bevor—"
„Ein Andenken“, sagte Jonas. „Von jemandem, den ich kenne.“
Ihre Mutter runzelte die Stirn, wollte etwas fragen, aber Lina war schon einen Schritt näher ans Bett getreten. „Behalten Sie es?“, fragte sie und deutete auf den schwarzen Reif an seinem Arm.
„Ja“, sagte Jonas. „Den behalte ich.“
Lina nickte, als wäre das eine vollkommen normale Antwort, drehte den braunen Reif einmal um ihr Handgelenk und steckte die Hände in die Jackentaschen. Ihre Mutter zog sie sanft zur Tür, murmelte etwas von „der Herr muss sich ausruhen“, aber an der Schwelle drehte sich Lina noch einmal um.
„Danke, dass Sie nicht weggefahren sind“, sagte sie.
Jonas sagte nichts darauf. Er hob nur die Hand mit dem schwarzen Reif ein Stück vom Bettlaken, so als wollte er zurückwinken, und ließ sie dann wieder sinken, weil die Bewegung mehr Kraft kostete, als er gedacht hatte. Draußen vor dem Fenster hatte sich der Nebel über der Stadt endlich gehoben, und irgendwo im Gang klapperte ein Essenswagen die Stationen entlang, ganz gewöhnlich, als sei nichts geschehen.







