Der Mann am Strand von Sylt

Drei Jahre lang habe ich jeden Donnerstag denselben Umschlag ins Fach der Nachlassverwaltung gelegt. Die Rentenversicherung wollte alle sechs Monate eine neue Bestätigung, dass Matthias offiziell vermisst war, nicht tot, nicht lebendig, ein Schwebezustand mit Aktenzeichen. Ich, Julia Brenner, dreiunddreißig, Innenarchitektin aus Kiel, hatte gelernt, mit Behörden über meinen Mann in der Vergangenheitsform zu sprechen, ohne dass mir die Stimme kippte.

Es war eine Regatta vor Fehmarn gewesen, im September. Sturmwarnung, die er ignoriert hatte, weil er die Ostsee besser zu kennen glaubte als der Wetterdienst. Die Wasserschutzpolizei suchte zwölf Tage. Sie fanden ein Stück Rumpf, eine Rettungsweste, seine Armbanduhr, die an einer Boje hängen geblieben war. Keine Leiche. Kein Abschied. Nur ein Aktenvermerk: Vermisst, Todesfolge wahrscheinlich.

Was in keiner Akte stand: dass ich in der siebten Woche schwanger war, als das Telefon klingelte. Dass ich es niemandem erzählt hatte außer meiner Schwester. Dass Matthias zwei Tage vor der Regatta die Hand auf meinen Bauch gelegt und gesagt hatte, wir würden die Werkstatt jetzt erst recht ausbauen müssen, für drei. Wir hatten zusammen eine kleine Bootswerft in Laboe geführt, zehn Jahre lang, mit einem Kredit, den wir zu zweit abbezahlten, und einem Plan, der bis ins Detail auf Millimeterpapier gezeichnet war. Nach der Diagnose "Fehlgeburt in der neunten Woche" – zwei Wochen nach seinem Verschwinden – saß ich drei Tage nicht vom Sofa auf. Meine Schwester brachte Tee, den ich nicht trank, und stellte den Fernseher an, auf dem eine Kochsendung lief, die ich nicht sah.

Danach mied ich alles, was nach Meer roch. Keine Fährfahrten, keine Restaurants am Kieler Hafen, keine Nordseefeiertage mit der Familie. Wenn im Wetterbericht Windstärken für die Küste durchgesagt wurden, verließ ich den Raum. Meine Therapeutin, Frau Adler, eine ruhige Person mit einer Vorliebe für zu große Wollpullover, fragte mich im dritten Jahr etwas, das mich wochenlang beschäftigte: Ob ich glaube, dass das Meer mir irgendetwas schulde. Ich hatte keine Antwort. Also buchte ich, mit zitternden Händen am Laptop, eine Pension auf Sylt – eine Insel, an der wir nie gewesen waren, ohne eine einzige gemeinsame Erinnerung im Sand.

Der erste Morgen dort war eine Zumutung für jeden Nerv in mir. Salzgeruch, Möwenschreie, der feuchte Wind, der mir die Jacke gegen den Körper drückte. Ich stand am Strandübergang bei List, sah Familien mit Drachen, einen alten Mann mit einem Dackel, ein Pärchen, das sich vor einem Strandkorb fotografierte, und dachte: Diese Leute wissen nicht, dass die Welt aufgehört hat. Ich zwang mich, die Schuhe auszuziehen, und ging zum Wasser. Genau in diesem Moment sah ich, ein Stück weiter am Strand, einen Mann, der ein kleines Mädchen in die Luft warf und auffing. Die Art, wie er den Kopf beim Lachen zurückwarf. Die Schulterhaltung. Ich blieb stehen, mit nassen Füßen im November-kalten Wasser der Nordsee, und mein Puls raste, bevor mein Verstand überhaupt begriffen hatte, warum.

Ich lief. Über den Sand, an Strandkörben vorbei, ohne auf die erstaunten Blicke zu achten. "Matthias!" Der Mann drehte sich nicht um. "Matthias!" Diesmal drehte er sich um – und in seinem Gesicht stand nichts als höfliche Verwirrung. Keine Erkennung, kein Zucken, nichts von dem, was ich mir in drei Jahren tausendmal ausgemalt hatte. "Entschuldigung", sagte er, "kennen wir uns?" Ich stand vor ihm, die Narbe über seiner linken Augenbraue genau da, wo sie immer gewesen war, die Hände genau wie seine Hände, und er nannte mir einen fremden Namen: Jost. Eine Frau kam dazu, Anfang dreißig, mit dem kleinen Mädchen an der Hand – Frida, wie sich herausstellte –, und fragte vorsichtig, ob alles in Ordnung sei. Ich stammelte eine Entschuldigung und ging, mit brennendem Gesicht, zurück zur Pension, wo ich meine Zimmerkarte am Türschloss dreimal falsch herum hielt.

Am Abend klopfte es. Die Frau vom Strand, Nele, stand vor der Tür, ohne die Höflichkeit vom Vormittag, dafür mit einem Gesicht, das etwas zu erklären hatte. Wir setzten uns auf die Terrasse der Pension, ein Heizstrahler brummte, irgendwo lief leise ein Radiosender mit Schlagern der Neunziger. Nele erzählte, stockend, von einem Fischer, der vor drei Jahren nach einem Sturm einen bewusstlosen Mann am Strand von Amrum gefunden hatte. Unterkühlt, ohne Papiere, ohne Erinnerung an irgendetwas – nicht an seinen Namen, nicht an sein Gesicht im Spiegel. Das Krankenhaus in Westerland hatte ihn, mangels Alternative, nach der Zahl auf einem gefundenen Jetonanhänger "Jost" genannt. Nele arbeitete damals als Krankenschwester auf der Station. Aus Pflicht wurde Nähe, aus Nähe wurde etwas anderes. Frida ist nicht seine leibliche Tochter, aber er ist für sie der einzige Vater, den es je gab.

Am nächsten Tag saß ich Jost – Matthias – in einem Café in Kampen gegenüber, mit meinem Handy voller Fotos: unsere Hochzeit im Kieler Rathaus, die Werft mit dem selbstgemalten Schild, ein Bild von ihm mit Schwimmweste auf unserem ersten gemeinsamen Boot. Er sah sich alles an, ruhig, konzentriert, und sagte irgendwann: "Wir sahen glücklich aus." Nicht "wir waren". Als ich von der Schwangerschaft erzählte, wurden seine Augen feucht, aber er sagte, ehrlich und ohne Ausflüchte: "Diese Bilder lösen nichts in mir aus. Mein Bewusstsein beginnt in diesem Krankenhaus auf Amrum. Alles davor ist wie ein Buch, das ich nicht gelesen habe." Dann kam Frida angerannt, warf sich in seine Arme, und in seinem Blick lag genau die Wärme, die ich früher für mich beansprucht hatte. Nur jetzt gehörte sie ihr.

Ich flog nicht sofort zurück nach Kiel. Ich blieb noch vier Tage auf der Insel, allein, ging jeden Morgen zum Wasser, ließ die Nordsee kalt über meine Füße laufen, ohne wegzulaufen. Am letzten Abend rief ich meine Schwester an und bat sie, den nächsten Termin bei der Rentenversicherung für mich vorzubereiten – nicht um eine weitere Verlängerung der Vermisstenakte, sondern um das Gegenteil. Ich wollte die Sache offiziell abschließen.

Drei Wochen später saß ich im Notariat in Kiel, Rathausstraße, mit einem Ordner auf dem Tisch, der die letzten drei Jahre in Papierform zusammenfasste: Kreditvertrag der Werft, Grundbuchauszug, Vollmachten. Notar Herr Kettler blätterte, während draußen die Straßenbahn Richtung Holtenau vorbeifuhr. Ich unterschrieb den Auflösungsvertrag für die gemeinsame Werft – ein Wert von hundertsechzigtausend Euro, den ich allein weiterführen oder verkaufen konnte, jetzt ohne rechtliche Bindung an einen Mann, der amtlich als vermisst, faktisch aber als ein anderer Mensch mit anderem Namen lebte. Ich entschied mich für den Verkauf an einen jungen Bootsbauer aus Laboe, der die Werft übernahm, samt dem Schild, das Matthias einst selbst gepinselt hatte. Das Geld ging auf ein Konto, das nur meinen Namen trägt.

Jost bekam eine Kopie des Vertrags zugeschickt, formlos, mit einem kurzen Brief. Er rief nicht an. Nele schrieb mir eine SMS, zwei Zeilen: Alles gut angekommen. Danke, dass du es so gemacht hast.

Ich fahre inzwischen wieder ans Meer, jedes Jahr im Sommer, manchmal mit meiner Schwester, manchmal allein. Die Ostsee riecht bei mir zu Hause in Kiel morgens nach Teer und Fisch vom Hafenmarkt, und ich habe aufgehört, bei diesem Geruch den Raum zu verlassen. Der Werftverkauf steht in einem Ordner im Regal, zwischen Steuerunterlagen und einer alten Broschüre über Segeltechnik, die ich nie weggeworfen habe. Manchmal ziehe ich die Broschüre heraus, blättere kurz, und stelle sie zurück.

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