Der Nebel kam von den Gipfeln gekrochen, als die Helikopter noch ein letztes Mal das Tal überflogen

Ich heiße Alois und bin seit fast vierzig Jahren Wirt vom „Grünen Jäger", einer Gaststube kurz vor Oberstdorf, wo die Straße aufhört und der Berg anfängt. An hellen Tagen hat man vom Fensterbankerl aus den Blick auf die Trettachspitze, aber an jenem Dienstag Ende Oktober drückte schon der erste Schnee die Wolken tief ins Tal. Die Suchmannschaften waren seit drei Tagen unterwegs. Helikopter, Bergwacht, Hunde, alles, was Rang und Namen hatte, suchte nach Charlotte Sander, der Vorstandsvorsitzenden von Sander Windkraft, einer Frau, die mehr Windräder in Europa gebaut hatte als jeder andere. Ihr Privathubschrauber war auf dem Weg zu einem Treffen im Kleinwalsertal vom Radar verschwunden, zehn Minuten nach dem Start. Die Suchzellen flogen Raster um Raster, aber der Berg gibt nichts freiwillig her.

Am frühen Nachmittag schenkte ich einem jungen Bergführer ein Helles ein, der leise sagte: „Die haben die Route längst abgeschrieben. Jetzt suchen sie nur noch das Wrack, nicht die Frau." Ich stellte den Spülkorb auf die Theke und blickte hinauf zum Grat. Ich kannte jeden, der in den drei Hütten oberhalb des Tals lebte. Einer war Martin Brandstetter, den wir alle nur „Martl" nannten. Vor zwölf Jahren hatte er seine Frau Anna bei einem Lawinenabgang verloren, während er mit der Bergwacht eine Gruppe Schulkinder aus der Wand barg. Er war der erfahrenste Spurenleser, den ich je gesehen hatte, aber nach Annas Tod hatte er sich in eine selbstgebaute Hütte hinter dem Gaisalpsee zurückgezogen und reparierte nur noch Weidezäune für die Bauern. Wenn einer die Verlorene finden könnte, dann er.

Gegen Mitternacht hörte ich Motorengeräusch. Kein Helikopter, ein Geländewagen, der sich die Forststraße hochquälte. Ich trat vor die Tür und sah drei Männer im Scheinwerferlicht, alle in tadellosen Funktionsjacken, wie sie für teures Geld im Sportgeschäft hängen. Keiner kannte den Weg, einer hielt eine Karte verkehrt herum. Ich rief ihnen zu, dass die Straße in einer Sackgasse endet. Sie winkten nur und fuhren weiter. Das kam mir spanisch vor, weil Retter in dieser Gegend nie ohne Ortskundigen unterwegs waren.

Zwei Stunden später schlug mein Schäferhund an, und ich roch Brandgeruch. Droben, wo Martls Hütte stand, leuchtete der Himmel rot. Ich rief sofort die Polizei in Sonthofen an und rannte den Waldpfad hoch. Bis zur Hütte brauche ich normalerweise eine Dreiviertelstunde, diesmal war ich in zwanzig Minuten oben. Was ich vorfand, war nur noch ein glühender Holzhaufen und der Geruch von Benzin. Von Martl keine Spur, von der Sanderin auch nicht. Aber unten am Weg lagen Patronenhülsen. Kaliber .308, das weiß ich, weil mein Bruder Förster ist. Die Polizei kam mit Blaulicht, und ich gab meine Aussage. „Die Männer im Geländewagen", sagte ich, „die haben keine Bergrettung gespielt. Die haben etwas abgeschlossen, was nicht fertig war."

Was in den Tagen danach geschah, weiß ich nur in groben Zügen, aus einer knappen Erzählung, die Martin mir viel später zumutete, mehr nicht: ein paar Sätze bei einem Bier, kein Bericht. Er war am ersten Abend losgegangen, nicht ins Suchraster, sondern in einen toten Seitengraben, den alle anderen ignoriert hatten. Eine aufgescheuchte Saatgans hatte ihn stutzig gemacht. Im Licht seiner Stirnlampe fand er Glassplitter, dann Blutspritzer an einem Fels, und schließlich die Frau selbst, eingekeilt unter einer überhängenden Platte, das linke Bein mehrfach gebrochen, unterkühlt, aber bei Bewusstsein. Er schiente das Bein mit Latschenästen und seinem Gürtel und trug sie zwei Stunden den Hang hinunter zu seiner Hütte.

Dort kamen die Männer an, während er ihr die Wunden verband. Sie traten nicht an die Tür, sie bearbeiteten das Schloss mit einem Dietrich. Er schob die Frau durch die Bodenluke in den alten Wartungstunnel, einen Spalt, den die Alpenvereinssektion einst in den Fels getrieben hatte. Sie kamen ins Freie, hinter ihnen schlugen die Flammen aus dem Fenster. Martin schleppte die Verletzte zur alten Jagdhütte am Himmelhorn, einem Verschlag, den nur noch die Gamsjäger kennen.

Wer hinter den drei Männern steckte, kam erst Monate später vor Gericht ans Licht, und auch davon weiß ich nur, was in der Zeitung stand und was mir ein Bekannter bei der Kripo Kempten erzählte. Ein Mann namens Dr. Rehbein, seit sieben Jahren stiller Gesellschafter mit neunzehn Prozent an Sander Windkraft, hatte im Sommer zuvor ein Kaufangebot von einem norwegischen Energiekonzern vorliegen gehabt, 340 Millionen Euro für seinen Anteil, aber nur unter der Bedingung, dass Charlotte Sander nicht mehr an der Spitze stand. Rehbein hatte den Steuerungscomputer des Hubschraubers manipulieren lassen, ein einzelnes Bauteil ausgetauscht. Erst als die Ermittler die Seriennummer des Ersatzteils zurückverfolgten, bis zu einem Ersatzteilhändler in Kempten, der sich an einen Kunden mit Handschuhen und Bargeld erinnerte, brach die Geschichte auf. Charlotte selbst erfuhr davon erst im Krankenhausbett, von einem Kripobeamten, der ihr das angesengte Metallteil in einer Klarsichthülle zeigte.

Als die drei Männer auch zur Jagdhütte am Himmelhorn vordrangen, kamen sie nicht weit. Mein Anruf hatte die Polizei vorgewarnt, und ein Beamter namens Huber erinnerte sich, dass Martins alter Bergrettungskamerad Tom in der Nähe Dienst hatte. Tom kannte das alte Fuchsloch hinter dem Wasserfall, einen Umweg, den außer ihm und Martin niemand kannte. Er kam von oben, während die drei sich noch am Hüttenriegel zu schaffen machten, und nahm sie fest, bevor einer die Waffe heben konnte. Charlotte Sander wurde ins Krankenhaus nach Kempten geflogen. Und Martin Brandstetter verschwand.

Er schickte mir vier Wochen später eine Postkarte aus dem Bayerischen Wald, ohne Absender: „Bin auf dem Arber. Sag niemandem, wo ich bin. Grüß Gott, Martl." Mehr nicht. Ich legte sie hinter den Thekenspiegel zu den alten Einladungen und schwieg.

Die Geschichte ging durch alle Blätter. „Bergretter findet Milliardärin im Nebel", titelten sie, und von den Saboteuren war bald nicht mehr die Rede. Charlotte Sander saß in Talkshows und bedankte sich öffentlich bei ihrem unbekannten Helfer. Sie könne nicht einmal seinen Namen nennen. Das war genau der Punkt, den ich mir dachte.

Im März, als der Föhn den Schnee wegfraß und die Krokusse am Wegesrand durchbrachen, hielt ein Wagen vor meinem Haus, der hier nicht hergehörte: tiefschwarz, elektrisch, mit Münchner Kennzeichen. Ausstieg eine Frau in einer Jeans, die besser saß als jeder Maßanzug, und einer Daunenjacke, die vermutlich so viel gekostet hatte wie mein halber Jahresumsatz. Sie kam zur Tür und sagte: „Sie sind der Wirt vom Grünen Jäger? Martin Brandstetter hat einmal bei Ihnen gewohnt, bevor er die Hütte baute, steht in den Unterlagen. Wissen Sie, wo ich ihn finde?"

Ich trocknete mir die Hände an der Schürze ab. „Und wenn ich es wüsste? Was wollen Sie von ihm?"

Charlotte Sander sah mir dabei nicht in die Augen, sondern auf ihre eigenen Hände, die sie um den Träger ihrer Tasche gefaltet hatte, als müsse sie sich daran festhalten. „Ihm eine Frage stellen, die nur er beantworten kann. Er hat mich gefunden, als mich alle aufgegeben hatten. Ich will verstehen, was man tut, wenn einen jemand rettet, der selbst nicht gerettet werden will."

Sie blickte an mir vorbei auf das Bild hinter der Theke, ein altes Luftbild vom Rettungshubschrauber Christoph 17, das Martins Frau Anna noch an den Kühlschrank gepinnt hatte, bevor sie starb. „Trinken Sie einen Kaffee", sagte ich, „und lassen Sie sich eine gute halbe Stunde Zeit. Dann zeichne ich Ihnen den Weg zum Arber." Ich nahm einen Bleistift und ein Stück Butterbrotpapier und malte die Forststraße, die Schranke und den unscheinbaren Wanderpfad zum kleinen Reparaturstützpunkt des Naturparks, wo Martin jetzt arbeitete.

Sie fuhr los, und ich stellte mich ans Fenster. Eine Frage, die nur er beantworten kann. Das war etwas anderes als eine Danksagung.

Über Ostern schaute Martin auf ein Bier vorbei, und ich fragte ihn geradeheraus, wie es gelaufen war. Er erzählte wenig, aber genug. Charlotte hatte ihn auf der Treppe vor der baufälligen Schutzhütte stehend gefunden, Werkzeug in der Hand. Sie hatte nicht versucht, ihn zu umarmen oder ihm einen Scheck in die Hand zu drücken. Sie hatte gesagt: „Ich könnte ein Rettungszentrum stiften. Aber ich will, dass Sie es leiten, nicht als Aushängeschild, sondern als Ausbilder. Der Etat liegt bei 430.000 Euro für das erste Jahr. Was brauchen Sie, um Ja zu sagen?"

Martin hatte den Hammer auf die Werkbank gelegt. Dann fragte er sie, ob sie wisse, wie man einen Almkäse richtig lagert. Sie wusste es nicht. Er erklärte es ihr, umständlich, mit allen Handgriffen, und sie unterbrach ihn nicht, sondern fragte nach der Feuchtigkeit im Kellergewölbe. Das, sagte Martin, sei der Moment gewesen, in dem er begriffen habe, dass sie nicht nur eine Unterschrift wollte.

Die Stiftung „Anna" wurde im Mai gegründet, und Martin baute tatsächlich einen Lehrgang für Spurenleser auf, bei dem kein Computer, sondern die Beobachtung von Vögeln, Moosbewuchs und Wasserläufen das erste Fach war. Charlotte Sander kam einmal im Monat, nicht im Hubschrauber, sondern mit dem Linienbus ab Oberstdorf. Ich sah die beiden oft an meinem Stammtisch sitzen, nicht wie ein Paar, sondern wie zwei Leute, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Sie sprachen über Windverhältnisse und Bruchfestigkeit von Aluminium, und manchmal lachte sie so laut, dass die Zirbenstube zitterte.

An einem lauen Juniabend brachte Charlotte eine kleine Blechschachtel mit, dazu ein handgefertigtes Modell eines Windrads aus Leichtmetall, das sie selbst gebaut hatte. Sie stellte beides auf den Fenstersims der neuen Hütte, die Martin am alten Fleck aufbaute, diesmal aus Stein. „Die Schachtel hat Anna gehört", sagte sie nur. „Ich habe sie unter dem verkohlten Bodenbrett gefunden."

Martin legte seine Hand auf den Blechdeckel und blieb so stehen, die Finger auf dem verrosteten Rand, bis draußen ein Auto vorbeifuhr. Dann sagte er: „Behalt sie. Sie hat nie gern Staub gefangen." Er schob das Windradmodell ein Stück zur Seite, sodass es genau neben die Schachtel zu stehen kam, und ging zur Tür, um Holz nachzulegen.

Im September kam die Meldung, dass die Saboteure verurteilt wurden, Rehbein zu neun Jahren wegen versuchten Mordes und Untreue in besonders schwerem Fall. Charlotte übertrug ihre Firmenanteile mehrheitlich an eine Stiftung für Mitarbeiterbeteiligung und blieb im Aufsichtsrat mit einer einzigen Stimme. An der Theke, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte, das sie mir aus der Küche geholt hatte, weil sie mir beim Abtrocknen der Gläser helfen wollte, sagte sie: „Wissen Sie, Alois, früher dachte ich, meine Anteile wären meine Kontrolle." Sie stellte das letzte Glas ins Regal. „Jetzt weiß ich, dass es die Nacht am Berg war, in der ich keine hatte, und trotzdem lebe."

Ich schenkte ihr ein Mineralwasser ein und fragte nicht weiter. Ich bin ein Wirt, kein Therapeut. Aber ab und zu sehe ich Martins Hand, wie sie auf der Fensterscheibe im Gegenlicht eine kleine Spur hinterlässt, während er zur Veranda hinausschaut, wo Charlotte die alten Bergführer-Karten studiert, die er ihr vermacht hat.

Gestern Abend kam ein junges Pärchen aus Berlin herein, das von der neuen Bergrettungsstiftung gehört hatte und fragte, wo sie spenden könnten. Ich gab ihnen den Flyer und zeigte auf das Bild an der Wand, ein Foto von Martins Frau Anna, das jetzt neben dem Windradmodell hängt. „Das hier", sagte ich, „ist das Ergebnis, wenn einer auf eine gebrochene Latschenkiefer schaut, während alle anderen nur in den Suchcomputer starren." Das Pärchen kaufte zwei Glas heiße Holunderbeer-Limonade und wollte am nächsten Morgen zum Arber fahren.

Ich brachte die Gläser zurück an die Theke, wischte sie trocken und stellte sie ins Regal neben das Foto. Draußen rollte der Wagen des Pärchens die Forststraße hinunter, die letzten Rücklichter verschwanden zwischen den Fichten. Ich griff nach dem Lichtschalter über der Theke und ließ das Windradmodell noch einen Moment im letzten schrägen Licht stehen, bevor ich die Wirtsstube für die Nacht dunkel machte.

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Der Nebel kam von den Gipfeln gekrochen, als die Helikopter noch ein letztes Mal das Tal überflogen