Ich arbeite als Buchhalterin in einem Immobilienbüro an der Bergedorfer Straße in Hamburg, und ich war es, die das Treuhandkonto beim Verkauf dieser Wohnung in Winterhude geführt hat. Normalerweise sind solche Transaktionen Routine, Papiere, Unterschriften, Kaffee aus dem Automaten. Aber diesen Dienstag werde ich nicht vergessen, denn die Kundin kam allein, obwohl wir zu dritt verabredet waren.
Sie hieß Sabine Krämer, war zweiundvierzig Jahre alt und arbeitete als Abteilungsleiterin bei einem Pharmaunternehmen in der HafenCity. Ihr Mann, Thorsten, betrieb eine Autowerkstatt an der Wandsbeker Chaussee — durchaus einträglich, wenn man danach ging, wie er seinen Audi jedes Mal direkt im Halteverbot vor unserem Büro abstellte.
Bevor es zu dieser Szene in unserem Besprechungsraum kam, hatte ich einiges über die beiden von einer Kollegin aus der Rechtsabteilung gehört, die den Vorgang der Wohnung mitbetreut hatte. Die Eppendorfer Wohnung von Sabines Großmutter war zweitausendsieben verkauft worden, das Geld daraus floss zweitausendzehn vollständig in den Kauf der Wohnung in Winterhude — Sabine allein stand im Grundbuch, allein hatte sie den Kaufvertrag unterschrieben, drei Jahre bevor sie und Thorsten überhaupt heirateten. Thorsten war nie Miteigentümer geworden. Er hatte lediglich, nach der Hochzeit, einen Teil der monatlichen Kreditraten mitgetragen, wenn seine Werkstatt gut lief, was, gelinde gesagt, saisonabhängig war.
Am Montag, dem Tag vor unserem Termin, saß ich bis acht im Büro — Monatsabschluss, die Bücher mussten geschlossen werden —, und genau da rief Sabine an, um Details zur Anzahlungsüberweisung zu klären. Im Hintergrund lief der Fernseher, irgendeine Serie, und Thorstens Stimme, die mit erhobenem Ton etwas erklärte. Sie sagte nur: "Entschuldigung für den Lärm, mein Mann regt sich über eine Rechnung für ein Kleid auf", und legte auf. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht, ich hatte selbst genug um die Ohren — mein Sohn fing gerade aufs Gymnasium an, und die Schulbücher kosten inzwischen ein Vermögen.
Am Dienstag kam Thorsten zuerst, ohne Sabine, mit einer Aktenmappe und der Miene eines Mannes, der sich alles schon im Kopf zurechtgelegt hatte. Er setzte sich, breitete seine Papiere aus und fragte mich direkt, wie viel er real von "seinem Anteil" aus dem Verkauf bekomme, denn — so seine Worte — "wir haben die Wohnung schließlich als Ehepaar gekauft, gemeinsame Kasse, alles gemeinsam." Ich sagte, wir sollten auf seine Frau warten, sie sei im Grundbuch als Alleineigentümerin eingetragen, das stehe schwarz auf weiß in der notariellen Urkunde von zweitausendzehn. Er zog die Stirn kraus, sagte, das könne nicht stimmen, sein Anwalt habe ihm etwas anderes gesagt. Ich erwiderte nur, ich könne ihm die Grundbuchkopie zeigen, wenn er wolle. Das wollte er dann doch nicht.
Sabine kam zwanzig Minuten zu spät. Sie kam mit einer Mappe herein — keine Handtasche, eine Aktenmappe, braun, an den Ecken abgewetzt — und noch bevor sie sich setzte, sagte sie zu ihm, vor mir, ohne zu stocken: "Thorsten, ich war heute Morgen schon beim Notar." Er verstummte. Er fragte, worum es gehe, sie hätten doch heute gemeinsam die Verkaufsunterlagen unterschreiben sollen.
Sie öffnete die Mappe auf dem Tisch. Darin lag eine frische notarielle Ausfertigung, noch nach dem Drucker riechend — Gütertrennung, die sie, wie sich herausstellte, seit einem Monat heimlich vorbereitet hatte, seit sie bemerkt hatte, dass Thorsten die Hälfte seiner Werkstattanteile auf seine Schwester überschrieben hatte, "aus steuerlichen Gründen", wie er es genannt hatte. Das nächste Dokument war der Widerruf der Vollmacht für ihr Sparkonto, auf das er seit der gemeinsamen Kreditaufnahme Einsicht hatte. Dann legte sie, ohne ein Wort dazu, einen Stapel Kontoauszüge auf den Tisch, die letzten elf Jahre, mit gelbem Textmarker markiert — jede einzelne Überweisung, mit der sie die Kreditrate allein oder überwiegend allein bezahlt hatte. Und zuletzt der Antrag bei der Bank auf vorzeitige Rückzahlung der Restschuld aus eigenen Mitteln, hundertfünfzigtausend Euro, damit die Wohnung sauber verkauft werden konnte und der Erlös ungeteilt auf ihr eigenes Konto ging.
Thorsten fing an, von Familie zu reden, davon, dass alles hälftig geteilt werden sollte, dass sie schließlich seit elf Jahren verheiratet seien. Er sagte offenbar dasselbe, was er zuhause schon wiederholt hatte — denn Sabine sah ihn an und erwiderte ruhig, wenn schon alles gemeinsam sei, könne er ja jetzt den Gegenwert der Werkstattanteile, die er ohne ihr Wissen auf seine Schwester überschrieben habe, auf das gemeinsame Konto einzahlen. Er sagte nichts mehr.
Ich prüfte währenddessen nur, ob die Unterlagen für die Überweisung vollständig waren — das ist mein Job, nicht meine Sache, fremde Ehen zu bewerten. Aber ich erinnere mich, dass ich Sabine ein Glas Wasser reichte, weil ihre Hände leicht zitterten, als sie die letzte Seite unterschrieb. Nicht aus Verzweiflung. Eher aus der Anspannung, die man kurz vor einer Prüfung hat, von der man schon weiß, dass man sie bestanden hat.
Thorsten ging auf den Flur, um seinen Anwalt anzurufen. Durch die angelehnte Tür hörte ich nur Fetzen: "Aber sie steht doch allein im Grundbuch?" — eine Pause — "Seit wann weißt du das?" Als er zurückkam, war sein Gesicht grau, die Aktenmappe hielt er jetzt anders, enger an den Körper gedrückt. Der Anwalt hatte ihm offenbar erklärt, was ich ihm schon gesagt hatte: Ohne Grundbucheintrag kein Anspruch auf die Wohnung selbst, nur im besten Fall ein Ausgleichsanspruch für seine Zuzahlungen — und genau die hatte Sabine mit dem Stapel Kontoauszüge bereits lückenlos dokumentiert. Er sagte, das sei unfair, er werde Widerspruch einlegen.
Sabine darauf nur: "Leg Widerspruch ein, wogegen du willst. Der Verkaufserlös geht auf mein persönliches Konto, die Wohnung stand nie auf deinem Namen. Und du hast bis Ende des Monats Zeit, deine Sachen zu holen, denn ich habe sie bereits an Käufer verkauft, die zum Fünfzehnten einziehen."
Vor dem Fenster unseres Besprechungsraums fuhr gerade die Buslinie 6 vorbei, man hörte das Quietschen der Bremsen an der Kreuzung. Aus dem Nebenzimmer wärmte jemand in der Mikrowelle etwas mit Kohl auf, der Geruch drang durch die angelehnte Tür herein und mischte sich mit der ganzen Anspannung am Tisch. Ganz gewöhnliche Dinge, die passieren, während jemandem im selben Moment die Illusion zerbricht, alles unter Kontrolle gehabt zu haben.
Thorsten ging, ohne die Hand zu reichen. Sabine blieb noch einen Moment, trank ihr Wasser aus, bat um eine Kopie der Urkunde und um Bestätigung, wann die Überweisung tatsächlich eingehen würde. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei — eine Standardfrage, die ich jedem Kunden nach einem schwierigen Gespräch stelle. Sie nickte nur kurz, schob den Stapel Kontoauszüge zusammen und klopfte ihn gerade, wie man ein Kartenspiel ordnet, bevor man es wegräumt.
Sie packte ihre Mappe, bedankte sich und ging, ließ ein leeres Glas auf dem Tisch zurück und die Visitenkarte des Notars, die sie vergessen hatte mitzunehmen. Ich legte die Karte zu ihrer Akte, klappte den Ordner zu und stellte das leere Glas auf das Tablett neben der Kaffeemaschine, wo es noch stand, als ich um sechs das Licht im Besprechungsraum ausschaltete.







