Der leere Stuhl am Kopf des Tisches

Marlene Brenneke saß seit sechs Uhr morgens vor dem Fenster ihrer Zweizimmerwohnung in Recklinghausen, den Blick auf den Balkon ihrer Tochter gerichtet, obwohl sie längst wusste, dass dort niemand mehr wohnte. Es war ein Dienstag im November, der Himmel über dem Ruhrgebiet hing tief und grau, und im Treppenhaus roch es nach dem Kartoffeleintopf, den Frau Kowalski aus dem zweiten Stock jeden Dienstag kochte. Der Geruch zog sich durch die Ritzen der Wohnungstür wie ein alter Bekannter.

Sie war zweiundachtzig. Ihr Sohn Torsten lebte vierzig Autominuten entfernt in Gelsenkirchen, betrieb dort eine kleine Autowerkstatt, die er vor elf Jahren von ihrem verstorbenen Mann übernommen hatte. Vierzig Minuten. Man konnte die Strecke in der Mittagspause fahren, wenn man wollte. Er wollte selten.

Die Anrufe kamen unregelmäßig, meist kurz vor Weihnachten oder zum Geburtstag, und begannen fast immer mit derselben Entschuldigung: "Mama, ich hab so viel um die Ohren, die Werkstatt frisst mich auf." Marlene hatte gelernt, nicht mehr nachzufragen, wann er vorbeikommen könnte. Die letzte Antwort darauf war ein Seufzer gewesen, gefolgt von einem "bald, versprochen" — ein Versprechen, das mittlerweile über anderthalb Jahre alt war.

Sie füllte ihre Tage mit Kleinigkeiten. Sie goss die Geranien auf dem Fensterbrett, obwohl der November ihnen kaum noch etwas abverlangte. Sie schaute die Vorabendserie im Ersten, bei der sie längst die Namen der Hauptfiguren vergessen hatte. Manchmal rief sie bei der Sprechstundenhilfe ihres Hausarztes an, nur um mit jemandem zu reden, der ihre Stimme kannte. Ihr Nachbar, ein pensionierter Postbeamter namens Herr Ackermann, brachte ihr freitags die Zeitung hoch und blieb dann eine Viertelstunde stehen, weil er merkte, dass sie die Gesellschaft mehr brauchte als die Nachrichten.

Im März dieses Jahres hatte sie einen Schlaganfall erlitten, einen leichten, wie die Ärzte im St.-Elisabeth-Krankenhaus sagten, aber genug, um ihre linke Hand für zwei Wochen taub zu lassen. Torsten war einmal gekommen, hatte eine Stunde am Bett gesessen, auf sein Handy geschaut, weil ein Kunde wegen einer Achsvermessung schrieb, und war dann gegangen mit dem Satz: "Ich muss zurück, sonst verlier ich den Auftrag." Sie hatte genickt und ihm nachgeschaut, wie er den Flur hinunterging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am 14. August, einem Freitag, fand Herr Ackermann sie auf dem Küchenboden, als er wie gewohnt die Zeitung brachte und niemand öffnete. Der Rettungsdienst kam schnell, aber es war zu spät — ein zweiter Schlaganfall, diesmal ohne Gnade. Sie starb noch am selben Abend im Krankenhaus, allein, während die Nachtschwester ihre Hand hielt, weil sonst niemand da war, der es tat.

Die Trauerfeier fand eine Woche später in der kleinen Kapelle des Waldfriedhofs statt. Und dort geschah etwas, das Herr Ackermann, der in der zweiten Reihe saß, nie vergessen sollte.

Torsten kam in einem Anzug, den er sich extra für diesen Anlass hatte anpassen lassen — man sah es an der frischen Bügelfalte, die noch nicht durch einen Tag Tragen gebrochen war. Er hatte einen riesigen Kranz bestellt, weiße Rosen und Lilien, mit einer Schleife, auf der in goldener Schrift stand: "In ewiger Liebe, Dein Sohn." Der Kranz kostete, wie die Floristin später Frau Kowalski erzählte, dreihundertzwanzig Euro — mehr als Marlene für ihre gesamte letzte Monatsrente an Lebensmitteln ausgegeben hatte.

Er stand vor dem Sarg und sprach zehn Minuten lang. Er sprach von einer Kindheit voller Wärme, von einer Mutter, die immer für ihn da gewesen sei, von den Sonntagen, an denen sie gemeinsam gekocht hätten. Herr Ackermann, der Marlene seit vierzehn Jahren kannte, wusste von keinem einzigen dieser Sonntage in den letzten drei Jahren. Er saß da, die Hände auf den Knien gefaltet, und hörte einem Mann zu, der eine Geschichte erzählte, die er sich selbst erst in diesem Moment zusammenbaute.

Nach der Feier, als die Gäste sich am Kaffeetisch im Gemeindesaal versammelten — es gab Streuselkuchen von der Bäckerei Thelen, wie es hier bei jeder Beerdigung Tradition war —, näherte sich Herr Ackermann Torsten.

"Ihre Mutter hat oft nach Ihnen gefragt", sagte er, ohne Vorwurf in der Stimme, nur mit der Müdigkeit eines Mannes, der zu viel gesehen hatte, um noch wütend zu sein.

Torsten nickte, presste die Lippen zusammen und murmelte etwas von der Werkstatt, von den vielen Verpflichtungen, von der Zeit, die einfach nie gereicht habe.

"Sie hatte Zeit für Sie", entgegnete Herr Ackermann leise. "Jeden Tag. Sie hat aus dem Fenster geschaut, in der Hoffnung, Ihr Auto zu sehen."

Torsten sagte nichts mehr. Er trank seinen Kaffee aus, stellte die Tasse ab und verließ den Saal früher als die meisten anderen Gäste.

Drei Wochen nach der Beerdigung erhielt Torsten einen Brief vom Notariat Dr. Feldkamp in Recklinghausen. Er ging davon aus, es handle sich um die übliche Nachlassregelung — die Wohnung, das kleine Sparkonto bei der Sparkasse Vest, vielleicht ein paar tausend Euro. Was er stattdessen erfuhr, ließ ihn den Brief zweimal lesen.

Marlene hatte, wie sich herausstellte, ihr Testament vor viereinhalb Jahren geändert — kurz nachdem Torsten einen ihrer Geburtstage vergessen hatte und sie den ganzen Abend allein mit einer Flasche Sekt verbracht hatte, die niemand mit ihr öffnete. Das Sparkonto mit einundzwanzigtausend Euro und die Eigentumswohnung, geschätzter Wert hundertachtzigtausend Euro, gingen nicht an ihren Sohn. Sie gingen zu gleichen Teilen an die Diakoniestation Recklinghausen, die sie in den letzten Jahren zweimal wöchentlich besucht hatte, und an Herrn Ackermann, "der mir Gesellschaft gab, als niemand sonst kam", wie es wörtlich in der handschriftlichen Zusatzklausel hieß.

Für Torsten blieb, laut Pflichtteilsregelung, ein gesetzlicher Anspruch übrig — ein Betrag, den die Notarin auf rund fünfzehntausend Euro bezifferte, deutlich unter dem, was er sich wohl erhofft hatte.

Er fuhr noch am selben Tag zur Wohnung seiner Mutter, in der Hoffnung, es gäbe ein Missverständnis, eine ältere Fassung des Testaments, irgendetwas, das sich korrigieren ließe. Der Schlüssel, den er noch von früher besaß, passte nicht mehr ins Schloss. Frau Kowalski, die zufällig gerade die Treppe herunterkam mit ihrem Einkaufskorb, blieb stehen und sah ihn dort stehen, die Hand noch am Türgriff.

"Der Schlüsseldienst war letzte Woche da", sagte sie. "Im Auftrag des Notars. Die Wohnung wird jetzt für die Diakonie verwaltet."

Torsten stand einen Moment vor der fremd gewordenen Tür, dann ging er die Treppe hinunter, an Frau Kowalski vorbei, ohne ein weiteres Wort. Im Treppenhaus roch es nach frischem Kaffee aus einer der Wohnungen — ein Geruch, der ihm, wie er später zugab, noch wochenlang nachging, jedes Mal, wenn er eine Tasse in die Hand nahm.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der leere Stuhl am Kopf des Tisches