„Schämst du dich denn gar nicht, Gisela?!" Die junge Katharina, die gerade an der Käsetheke im Edeka wartete, hatte genug gehört. „Renate hat vollkommen richtig gehandelt! Klaus ist selbst schuld, und die Kinder sind erwachsen, die verkraften das schon. Oder hätte sie sich sein Leben lang seine Affären ansehen sollen?"
„Und die Kinder?!" Gisela ließ nicht locker, den Einkaufskorb fest an die Hüfte gepresst. „Hat da jemand an die Kinder gedacht? Diese Frau hat doch keinen Anstand mehr! Wenn schon nicht an den Ehemann, dann wenigstens an die Tochter und den Schwiegersohn hätte sie denken können — bringt einen fremden Mann in das Haus, an dem ihr eigener Mann zwanzig Jahre lang die Terrasse gebaut hat!"
Während das ganze Dorf am Naheufer über nichts anderes mehr redete und Renates Ruf in jeder Küche gründlicher zerlegt wurde als der Sonntagsbraten, schritt die Verursacherin des ganzen Aufruhrs seelenruhig über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße. Renate ging mit erhobenem Kopf, den Blazer über der Schulter, als käme sie geradewegs von einem Geschäftstermin und nicht aus achtzehn Jahren Fremde.
Neben ihr lief Alessandro — groß, gepflegt, um die sechzig, in einem beigen Kaschmirmantel, der zwischen den Novemberpfützen der Weinbergstraße wirkte wie aus einer anderen Welt hierher verirrt.
„Renata, cara, das also ist dein Heimatdorf?", fragte Alessandro und musterte die adretten Fachwerkhäuser und die frisch gestrichenen Gartenzäune. „Sehr… malerisch. Nur, warum schauen die Leute hinter ihren Hecken so seltsam zu uns herüber?"
Renate legte ihm kurz die Hand auf den Arm und antwortete auf fließendem Italienisch: „Sie sind Schönheit einfach nicht gewöhnt, mio caro. Für die meisten hier ist schon eine Fahrt bis nach Bad Kreuznach ein Ereignis. Ignorier es einfach, lächle weiter."
Alessandro tat, worum sie ihn gebeten hatte. Er kannte ihre ganze Geschichte. Renate hatte ihm nie verschwiegen, dass sie irgendwo in Rheinland-Pfalz einen Ehemann hatte, von dem sie innerlich längst getrennt war, auf dem Papier aber nicht. Alessandro verstand ihren Schmerz und bewunderte ihre Stärke.
Sie erreichten ein großes, zweistöckiges Haus mit schmiedeeisernem Tor, frisch verputzter Fassade und einem hohen Dach aus anthrazitfarbenem Ziegel. Es war das schönste Anwesen im ganzen Ort. Ein Haus, das Renate in achtzehn Jahren harter Arbeit in Bozen aufgebaut hatte, indem sie jeden Euro nach Hause geschickt hatte, den sie als Haushälterin und später als Restaurantleiterin verdiente.
Auf der Treppe standen ihre jüngere Tochter Sabine mit ihrem Mann Frank. Auf beiden Gesichtern lag ein Gemisch aus Schock, Verlegenheit und Ratlosigkeit.
„Mama…", sagte Sabine leise und trat einen Schritt vor. „Ihr… ihr seid nicht allein?"
„Guten Tag, mein Schatz." Renate ging auf sie zu und umarmte Sabine, spürte aber, wie der Körper ihrer Tochter sich verkrampfte. „Das ist Alessandro. Ich habe euch von ihm erzählt. Alessandro, das ist meine jüngere Tochter Sabine und ihr Mann Frank."
„Buonasera! Sehr erfreut, Sie kennenzulernen!" Alessandro streckte Frank aufrichtig die Hand entgegen.
Frank drückte die trockene, gepflegte Hand des Fremden fast automatisch, sein Blick wanderte aber schon weiter über den Hof. Dort, neben der Garage, stand Klaus.
Klaus hatte sich verändert. Der einst hochgewachsene, kräftige Mann von vor zwanzig Jahren wirkte jetzt gebeugt und abgetragen wie eine alte Arbeitsjacke. In seinen Augen brannte ein Gemisch aus Kränkung, Wut und Hilflosigkeit. Er sah seine Frau an, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und den Mann neben ihr, der dort stand, als hätte er jedes Recht dazu.
„Renate…", würgte Klaus heiser hervor und machte einen Schritt auf sie zu. „Was soll das? Wen bringst du in mein Haus?"
Renate blieb stehen. Sie sah dem Mann, mit dem sie zwanzig Jahre verheiratet gewesen war und drei Kinder großgezogen hatte, ruhig in die Augen. In ihr rührte sich nichts. Kein Rest Mitleid, kein Rest Liebe. Nur eine trockene Erinnerung, wie ein alter Kontoauszug.
„Dein Haus, Klaus?", fragte sie ruhig, und ihre Stimme trug über den ganzen Hof. „Seit wann gehört dieses Haus dir? Hast du das Fundament für den zweiten Stock gelegt? Hast du diesen Zaun bezahlt? Oder hast du vielleicht den Fliesenleger bezahlt, von deinem Lohn aus dem Sägewerk?"
„Ich bin hier der Hausherr!", brüllte Klaus, rot im Gesicht. „Ich bin hier aufgewachsen! Ich war für die Kinder da, während du in deinem Italien rumgehangen hast!"
„Du warst für die Kinder da?" Renate lächelte bitter. „Du warst mit der Flasche zusammen und mit deiner Schande. Gefüttert, angezogen und großgezogen habe ich sie. Allein."
Die Nachbarin von gegenüber, Frau Bittner, hatte inzwischen ihre Geranien vergessen zu gießen und stand mit der Kanne in der Hand am Zaun. Irgendwo bellte der Hofhund der Bittners, aber niemand achtete darauf.
Klaus trat noch näher, seine Stimme kippte. „Zwanzig Jahre, Renate. Zwanzig Jahre bin ich hiergeblieben, während du—"
„Während ich Geld geschickt habe. Jeden Monat." Renate zog ihr Handy aus der Manteltasche, öffnete die Banking-App und hielt ihm den Bildschirm hin, ohne einen Schritt näherzutreten. „Hundertzwölftausend Euro, Klaus. So viel habe ich in achtzehn Jahren an dich überwiesen. Für ‚das gemeinsame Haus'. Ich habe jede Überweisung aufgehoben."
„Das war für die Familie!", schrie er. „Für die Kinder!"
„Für die Kinder, ja. Nicht für dich zum Versaufen mit dem Serwatka von der Tankstelle." Sie steckte das Handy weg. „Sabine, Frank — ich weiß, was hier im Dorf geredet wird. Dass ich schamlos bin. Dass ich meinen Mann betrogen habe." Sie sah ihre Tochter an. „Ich habe Klaus nicht betrogen. Ich habe fünf Jahre nach unserer Trennung jemanden kennengelernt, der mich behandelt wie einen Menschen. Das Sorgerecht, das Papierdokument — das habe ich nie erneuert, weil hier keiner nach dem Anwalt gefragt hat, solange das Geld kam."
Frank räusperte sich. „Klaus… du hast uns erzählt, das Haus wäre von dir gebaut. Mit deinem Lohn."
Es war still auf dem Hof, bis auf den Hund der Bittners.
„Das stimmt nicht ganz", murmelte Klaus.
„Nein", sagte Renate. „Stimmt es nicht."
Sie ging an ihm vorbei, die Treppe hinauf, an Sabine und Frank vorbei ins Haus. Aus ihrer Handtasche holte sie eine braune Mappe, die sie den ganzen Weg von Südtirol mitgetragen hatte. Grundbuchauszug, notariell beglaubigt, vom Vormonat: Renate Vollmer, Alleineigentümerin. Sie hatte das Haus, offiziell noch auf beider Namen eingetragen, drei Wochen zuvor bei einem Notar in Bad Kreuznach vollständig auf sich überschreiben lassen — mit dem Geld, das sie all die Jahre investiert hatte, und einem Anwalt, der Klaus' Unterschrift unter der alten Vollmacht fand, die er selbst einst blind unterzeichnet hatte, als es ihm gerade recht war, dass sie sich um „den Papierkram" kümmerte.
Sie legte die Mappe auf den Gartentisch. „Klaus, du hast bis Ende des Monats Zeit, deine Sachen aus der Garage zu holen. Das Haus gehört mir. Ich vermiete es ab Januar an das junge Paar, das die alte Mühle am Ortsrand renoviert — die brauchen für ein Jahr eine Bleibe."
„Das kannst du nicht machen!"
„Ich habe es schon gemacht." Sie wandte sich an Sabine, deren Augen jetzt voll Tränen standen, aber aus einem anderen Grund als noch vor fünf Minuten. „Du und Frank, ihr könnt so oft kommen, wie ihr wollt. Das war immer euer Zuhause und bleibt es. Nur eben meins, nicht seins."
Alessandro stand still am Tor, die Hände in den Manteltaschen, und sagte nichts. Er musste nichts sagen.
Klaus stand noch eine Weile am Gartentisch, blätterte mit zitternden Fingern durch die Mappe, als könnte er dort eine andere Wahrheit finden. Dann ließ er die Papiere fallen, drehte sich um und ging zur Garage, wo sein alter Opel Kadett unter einer Plane stand — das letzte, was noch wirklich ihm gehörte.
Frau Bittner am Zaun hatte die Geranien immer noch nicht gegossen.







