Die letzte Klausel

Der Umschlag war dünn, aber er drückte gegen meine Rippen wie ein Ziegelstein. Draußen im Hausflur flackerte die Neonröhre zum fünften Mal an diesem Abend. Durch die Tür hörte ich Torben, bevor er klingelte. Er trat zweimal gegen die Fußmatte, als wollte er den Regen der Ostsee aus den Schuhsohlen prügeln.

Ich war allein in der Wohnung von Professorin Dr. Gesine Petersen. Es roch nach dem Zitronenreiniger, den die Hausverwaltung jeden Mittwoch im Treppenhaus versprühte, und nach den Salzstangen, die seit drei Wochen neben dem Telefon lagen. Der Nachbarshund Pelle im dritten Stock fing an zu bellen, als Torben die Türklinke drückte.

„Merle, mach auf.“

Ich rührte mich nicht. Der Umschlag raschelte an meinem Pullover.

„Ich weiß, dass du da bist. Die Nachbarin hat dich gesehen.“

Seine Mutter hatte er die letzten vier Jahre nicht besucht. Nicht einmal zum 65. Geburtstag, als Frau Petersen im Hörsaal 201 eine öffentliche Vorlesung über den Untergang des Mittelniederdeutschen hielt und wir danach am Rostocker Stadthafen Fischbrötchen aßen. Torben hatte geschrieben, er sei in Hamburg, beruflich, ein wichtiger Pitch.

Jetzt stand er im Hausflur in der Langen Straße und wollte die Schlüssel zum Arbeitszimmer seiner toten Mutter.

Ich kannte diesen Moment. Gesine Petersen hatte ihn vorhergesagt. Nicht diesen Abend, nicht das Wetter, aber den Besuch. Sie hatte mir den Umschlag zwei Monate vor ihrem Herzinfarkt in die Hand gedrückt, an einem Freitag, während im Radio NDR 1 der Schiffsbericht für die Ostsee lief.

„Der Junge kommt, wenn ich weg bin. Er wird freundlich sein. Dann wird er wütend. Dann wird er klagen wollen. Zeig ihm die letzte Klausel.“

Sie behielt recht.

Torben war zuerst freundlich. Er stand im Türrahmen, das Haar nass, die Lederjacke tropfte auf den alten Fischgrätboden.

„Ich will ja nur Mutters Sachen sichten“, sagte er, und seine Stimme war weich wie die eines Vertreters, der eine Versicherung verkauft. „Weißt du, das ganze Zeug hat ja keinen Marktwert. Aber ich bin der Sohn. Ich muss es ordentlich abwickeln.“

Ich ließ ihn in die Diele. Er zog die Schuhe aus, so wie seine Mutter es immer verlangt hatte. Diese Geste traf mich mehr als seine Worte.

„Wo sind die Schlüssel zum Arbeitszimmer?“

„Bei mir.“

„Dann gib sie mir. Ich hatte keine Zeit, mich früher zu kümmern, aber jetzt bin ich hier.“

Er streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben, wie ein Kellner, der auf Trinkgeld wartete.

Ich ging nicht darauf ein. Stattdessen legte ich den Umschlag auf den Küchentisch, neben die Brille der Professorin. Das Gestell hatte einen geklebten Bügel, links, mit Sekundenkleber aus dem Müller-Drogeriemarkt.

„Das ist die Übergabequittung vom Institut für Niederdeutsch“, sagte ich. „Unterzeichnet heute um 14:32 Uhr vom Pförtner des Instituts. Die sieben Umzugskartons mit Manuskripten, die 68 Tonbandkassetten und der Eichenschreibtisch sind bereits im Universitätsarchiv.“

Torben lachte auf. Es war kein Lachen, eher ein kurzes Ausstoßen von Luft.

„Du hast mein Erbe weggegeben? Ohne mich zu fragen?“

„Ich habe nichts weggegeben. Deine Mutter hat es getan.“

Ich zog das Papier aus dem Umschlag. Es war der notarielle Vertrag, unterschrieben am 12. September 2023, beurkundet von Frau Dr. Inga Behrens, Notarin in Rostock.

Torben nahm das Papier. Er las. Seine Nasenflügel zogen sich zusammen.

„Das ist eine Kopie.“

„Es ist die beglaubigte Abschrift. Das Original liegt im Tresor der Kanzlei.“

„Ich fechte das an. Die Mutter war nicht mehr zurechnungsfähig.“

„Dann solltest du die letzte Klausel lesen. Die untere Seite. Die handschriftliche Nachschrift.“

Er blätterte. Sein Finger fuhr über die Zeilen. Ich konnte zusehen, wie er die Worte seiner Mutter las, die er nie zuvor gesehen hatte.

Die Nachschrift lautete:

„Mein Sohn Torben erhält die privaten Fotoalben und die Briefe seiner Großmutter. Die Tonbandaufnahmen meiner Vorlesungen und sämtliche Interviews sind ausdrücklich nicht Teil des privaten Nachlasses. Sie gehören dem Institut. Ich möchte nicht, dass meine Stimme als Werbung für irgendetwas verkauft wird. Gesine Petersen, 12.09.2023.“

Torben ließ das Papier sinken. Er war nicht mehr freundlich. Er war nicht wütend. Er war einfach still. Es war ein Stillstand, als hätte jemand den Strom im Haus abgestellt.

Dann sagte er: „Die Aufnahmen. Weißt du, was die wert sind? Ein Private-Equity-Fonds wollte 80.000 Euro für die Rechte an den Vorlesungsreihen zahlen. Als Podcast. Sprachkurs für Führungskräfte. ‚Plattdeutsch für Manager‘.“

Mir wurde flau im Magen, aber ich antwortete ruhig: „Dann bist du um 80.000 Euro zu spät gekommen. Deine Mutter wollte nicht, dass ihre Stimme einem Fonds gehört.“

„Sie hätte mir das gesagt!“

„Sie hat es dir gesagt. Vor vier Jahren am Telefon. Du hast aufgelegt, weil dein Pitch wichtiger war.“

Das war hart, aber wahr. Gesine hatte es mir erzählt, während wir auf einer Bank am Stadthafen saßen und sie Möwen fütterte. „Der Junge hört mir nicht zu“, hatte sie gesagt. „Er hört nur Zahlen.“

Torben nahm den Vertrag, knüllte ihn zusammen und warf ihn auf den Boden. Dann griff er nach der Holzkiste mit den Schlüsseln, die auf dem Sideboard stand. Ich war schneller. Ich packte die Kiste mit beiden Händen und drückte sie an mich.

„Die Schlüssel zu den Räumen sind da nicht drin“, sagte ich. „Sie liegen im Umschlag beim Institut. Zusammen mit der Quittung und einem Zettel: ‚Eigentum des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Keine privaten Zugriffe.‘“

Torben stand mit hängenden Schultern da. Aus dem Treppenhaus hörte man Pelle bellen, wieder und wieder. Die kaputte Neonröhre flackerte durch den Spalt unter der Tür.

„Du hast mein Leben zerstört“, sagte er.

„Ich habe das Leben deiner Mutter bewahrt.“

Er ging. Er zog die Schuhe an, ohne die Schnürsenkel zu binden, und ließ die Tür offen. Der Wind schlug sie zu, dass der Spiegel an der Wand klirrte.

Ich wartete, bis seine Schritte auf der Treppe verklungen waren. Dann hob ich den zerknüllten Vertrag auf, strich ihn auf dem Küchentisch glatt und schob ihn in eine Klarsichthülle. Daneben legte ich die Brille der Professorin, den geklebten Bügel nach oben.

Ich rief Frau Dr. Behrens an und bestätigte die Übergabe. Die Notarin notierte die Uhrzeit: 17:41 Uhr. Sie fragte, ob es Probleme gegeben habe.

„Nur der übliche Versuch“, sagte ich.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit der Straßenbahnlinie 5 zum Institut. Der Wagen roch nach nassem Regen und Brötchen. Im Gebäude gab ich die letzte Klarsichthülle ab: die beglaubigte Abschrift, die Schlüssel, die Quittung. Die Archivarin klebte ein Etikett auf die Box: „Nachlass Professorin Dr. Gesine Petersen. Zugang nur mit schriftlicher Genehmigung der Institutsleitung.“

Ich verließ das Gebäude. Draußen war der Himmel über der Warnow grau, aber es regnete nicht mehr. Ich fuhr nicht nach Hause, sondern zum Friedhof an der Satower Straße. Ich legte ein Fischbrötchen auf die Bank neben dem Grab, weil Gesine sie mehr liebte als Blumen. Dann ging ich.

Der Hund des Nachbarn bellte nicht, als ich am Abend die Stufen hinaufging. Die Lampe im Flur flackerte immer noch. Ich machte die Tür zu meiner eigenen Wohnung auf und schloss ab. Auf dem Tisch lag ein Zettel von mir selbst, von gestern Abend: „Schlüssel zurückgeben. Vertrag nicht vergessen. Nicht weinen.“

Ich weinte nicht. Ich aß eine Salzstange und sah aus dem Fenster. Draußen fuhr die letzte Straßenbahn vorbei, leer und hell erleuchtet.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die letzte Klausel