Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee hing noch in der Küche, als Elenas Handy zum dritten Mal an diesem Morgen aufleuchtete. München, kurz nach sieben, das Licht fiel schräg durch die Jalousien der kleinen Wohnung in Schwabing.
„Mama, ich hab’s nicht so gemeint", stand da. Ihre Tochter Julia, neunzehn, seit drei Wochen in einem Streit verstrickt, dessen Ursache Elena selbst kaum noch benennen konnte. Es hatte mit einem geliehenen Auto begonnen, einem alten Opel Corsa, den Elena der Tochter nicht für die Fahrt nach Berlin überlassen wollte. Es war nie wirklich um das Auto gegangen.
Elena stellte die Kaffeetasse ab, ohne einen Schluck genommen zu haben. Ihre Hände zitterten leicht, als sie auf das Display tippte, die Antwort löschte, neu schrieb, wieder löschte. Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren war Julia das Einzige, was ihr geblieben war, und genau das machte jeden Streit zu einer Katastrophe, die keine Verhältnismäßigkeit mehr kannte.
Sie erinnerte sich an den Abend, an dem alles eskaliert war. Julia hatte am Küchentisch gesessen, die Fingerknöchel weiß um die Armlehne des Stuhls gepresst, und gesagt, Elena würde sie behandeln wie ein Kind, das man nicht rauslässt. Elena hatte erwidert, dass Angst kein Verbrechen sei. Julia war aufgestanden, hatte die Tür so hart zugezogen, dass ein Bild von der Wand fiel – ein Foto von Thomas, ihrem Vater, am Tegernsee, lachend, die Arme um beide Frauen gelegt.
Das Bild lag seitdem auf der Kommode im Flur, das Glas gesprungen, aber nicht zerbrochen. Elena hatte es nicht über sich gebracht, es wegzuräumen oder aufzuhängen. Es lag da wie ein Beweisstück, das niemand anfassen wollte.
Jetzt, an diesem Dienstagmorgen, griff sie nach dem Rahmen, drehte ihn in den Händen, fuhr mit dem Daumen über den Sprung im Glas. Dann tippte sie eine Nachricht: „Komm zum Frühstück. Ich mach die Kaiserschmarrn, die du magst."
Julias Antwort kam sofort: „Ich hab Vorlesung um neun."
„Dann komm um acht."
Eine Pause, drei Punkte, die erschienen und wieder verschwanden. Schließlich: „Ok."
Um Viertel vor acht stand Julia vor der Tür, in der Hand einen Rucksack, den sie sich nicht abnahm, als sie eintrat. Sie setzte sich an den Tisch, ohne die Jacke auszuziehen, ein Zeichen, das Elena genau zu lesen wusste: Ich bin bereit, sofort wieder zu gehen.
Elena stellte den Teller vor sie hin, den Puderzucker noch warm auf dem Schmarrn, die Rosinen, die Julia als Kind immer herausgepickt hatte, diesmal absichtlich weggelassen. Julia bemerkte es, ihre Gabel hielt inne über dem Teller.
„Du hast dran gedacht."
„Ich vergesse nicht, was dir schmeckt. Auch wenn ich manchmal vergesse, dass du erwachsen bist."
Julia legte die Gabel ab. Ihre Finger strichen über den Rand des Tellers, sammelten ein paar Krümel Puderzucker auf, ohne sie zum Mund zu führen. „Es geht nicht um das Auto, Mama."
„Ich weiß."
„Papa ist tot, und du hast Angst, dass dir auch ich noch genommen wirst. Aber ich will nicht dein Ersatz für ihn sein. Ich will nach Berlin, ich will das Praktikum machen, ich will mein Leben anfangen."
Elena setzte sich, die Hände flach auf den Tisch gelegt, als müsse sie sich dort festhalten. „Als dein Vater starb, dachte ich, ich könnte dich schützen, indem ich dich nah bei mir halte. Das war falsch. Ich habe dich nicht beschützt, ich habe dich erstickt."
Sie stand auf, ging zur Kommode im Flur, holte das gesprungene Foto und legte es zwischen sie auf den Tisch, neben den Teller mit dem Kaiserschmarrn. „Er hätte gewollt, dass du fährst. Er hat immer gesagt, du hast seinen Sturkopf."
Julia lachte, ein kurzes, feuchtes Geräusch, das zwischen Lachen und Weinen lag. Sie nahm das Foto, wischte mit dem Ärmel über das gesprungene Glas, als könnte sie den Riss glätten. „Ich nehme den Zug. Nicht das Auto. Der Corsa hätte die Autobahn eh nicht überlebt."
„Der Corsa hat noch zwanzig Jahre in sich", protestierte Elena, und zum ersten Mal seit Wochen kam so etwas wie ein echtes Lachen zwischen ihnen auf, geteilt über einem kalt werdenden Kaiserschmarrn.
Julia packte am Nachmittag ihre Tasche, diesmal mit Elenas Hilfe, die Pullover sorgfältig gerollt, damit mehr hineinpasste. An der Wohnungstür blieb Julia stehen, drehte sich um und drückte Elena das gesprungene Foto in die Hand.
„Häng es wieder auf. Mit dem Riss. Es muss nicht perfekt sein, um an die Wand zu gehören."
Elena stand später allein in der Küche, hängte den Rahmen an den alten Nagel im Flur, das Sprungmuster im Glas fing das Nachmittagslicht auf und warf kleine, gebrochene Regenbogen an die Wand. Sie strich mit der Hand über die Kante, spürte die raue Stelle, wo das Glas nicht mehr ganz war, und ließ die Hand dort liegen, einen Moment länger als nötig.
Auf dem Küchentisch stand noch der zweite Teller, unberührt, die Rosinen sorgfältig aussortiert, für den Fall, dass Julia doch noch einmal zurückkam, um sie zu essen.







