Ich arbeite seit elf Jahren als Nachtwächter im alten Landratsamt in Quedlinburg. Das Gebäude steht direkt am Marktplatz, und wenn ich zwischen zwei und drei Uhr nachts meine Runde drehe, sehe ich durch die hohen Fenster auf das Kopfsteinpflaster hinunter. Die Laternen werfen lange Schatten, und die Bronzestatue der Frau mit dem Jungen wirkt dann fast lebendig.
In der Nacht zum 14. Oktober fiel mir zum ersten Mal dieser braune Klumpen neben dem Sockel auf. Ich dachte an eine vergessene Einkaufstüte. Erst als ich näher trat, hörte ich ein tiefes Knurren. Das Tier drückte sich an die steinerne Wade des Jungen, die Rute eingeklemmt, die Ohren flach nach hinten. Wegrennen konnte es nicht mehr, so ausgezehrt war es.
Ich ging in die Hocke, ließ die Hände hängen. „Keine Sorge, ich bin auch nur ein Nachtschatten“, sagte ich leise. Dann legte ich die Hälfte meines Käsebrötchens auf die Stufe und zog mich zurück. Durch die Glastür sah ich, wie der Hund den Brocken beschnüffelte und ihn dann fast im Ganzen verschlang.
So begann es. Jede Nacht kam der Welpe wieder. Ein dürres Ding, vielleicht sechs Monate alt, mit einem Ohr, das aufrecht stand, und einem, das seitlich abknickte. Am Hals eine dunkle Stelle, wo früher ein Halsband gescheuert hatte. Er fraß, trank aus einer Plastikschale und legte sich dann an genau dieselbe Stelle – zwischen die Füße des Bronzejungen, der ein kleines Boot an die Brust drückt. Die Statue erinnert an Familien, die bei der Flut 2013 alles verloren haben. Ausgerechnet dort suchte der Hund Schutz.
Die Blumenhändlerin vom Markt, Frau Hannelore Bergmann, wusste mehr. Sie ist achtundsechzig, steht seit fünfundzwanzig Jahren mit ihren Rosen und Chrysanthemen am östlichen Rand des Platzes. „Der ist ausgesetzt worden“, sagte sie eines Morgens, während sie welke Blätter von einem Eukalyptuszweig zupfte. Sie hatte es gesehen: Ein grauer Kombi hielt am frühen Morgen, ein Mann schubste den Welpen aus der Tür, warf ein blaues Tuch hinterher und fuhr davon. Der Hund rannte hinterher bis zur Kreuzung. Dann stand er da, bis die Ampel dreimal umgesprungen war.
„Er hatte eine rote Schnur um den Hals“, sagte Hannelore. „Die hat sich irgendwo verfangen. Ich wollte sie lösen, da hat er nach mir geschnappt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht böse gemeint. Nur Angst.“
Das blaue Tuch lag tagelang im Rinnstein, bis Hannelore es aufhob. Es war ein altes Handtuch mit einem eingestickten gelben Sonnenmotiv. Sie legte es in eine Pappkiste, die ich unter den überdachten Eingang der Touristeninformation gestellt hatte. Ich hatte eine alte Wolldecke hineingelegt. Der Hund ignorierte die Kiste und blieb im Regen bei der Statue sitzen, tropfnass, mit hängendem Kopf.
Dann, eines Nachts, nachdem Hannelore das Tuch hineingelegt hatte, stand der Hund auf. Er trottete zur Kiste, schnüffelte an dem Stoff, zog ihn mit den Zähnen heraus und legte ihn vor die Statue. Dann rollte er sich darauf zusammen. Nicht in der Kiste. Auf dem Tuch. Neben dem steinernen Jungen.
Hannelore nannte ihn „Sunny“. Wegen der Sonne. Ich fand den Namen albern, aber sie sagte: „Der Junge hat schon ein Boot. Da braucht der Hund wenigstens etwas Wärme.“ Der Name blieb hängen. Andere nannten ihn „Bronzino“, aber Hannelore bestand auf Sunny.
Ungefähr einen Monat lang ging das so. Wir fütterten ihn, der Bäcker von der Breite Straße brachte altes Brot, der Fahrer des ersten Frühbusses stellte eine alte Kasserolle mit Wasser unter die Bank. Der Hund fraß, trank, schlief. Aber anfassen ließ er sich von niemandem. Jeder Versuch endete mit einem Zurückzucken, einem Knurren, einem Ausweichen.
Dann kam das Foto. Eine Studentin hatte ihn nachts aufgenommen, wie er zusammengerollt zwischen den Bronzefüßen lag. Sie schrieb: „Er kommt jede Nacht hierher. Vielleicht ist das die einzige Familie, die ihn nie weggestoßen hat.“ Innerhalb von zwei Tagen wurde das Bild tausendfach geteilt. Plötzlich kamen Fremde auf den Platz. Sie stellten Näpfe auf, warfen Leckerlis, filmten mit Handys, riefen „Sunny! Sunny!“. Der Hund verschwand.
Drei Tage lang suchten Hannelore und ich den Markt ab, die Gassen hinter dem Rathaus, den Busbahnhof. Nichts. Am vierten Morgen rief mich der Müllwerker an – er kannte mich vom Sehen – und sagte, aus der alten Garage an der Gernröder Straße käme ein Winseln. Unter einem verrosteten Opel Kadett lag Sunny, zitternd, mit eingezogener Rute. Er roch nach altem Öl und nassem Karton.
Wir holten das blaue Tuch. Hannelore hockte sich in den Dreck, breitete es vor sich aus, und ich blieb an der Tür stehen. Sunny sah uns an, die Pupillen weit. Er kroch nicht hervor. Hannelore sprach mit ihm, leise, wie mit einem Kind, das im Fieber liegt. „Komm, mein Junge. Das ist dein Platz. Das ist deine Sonne.“ Es dauerte fast eine Stunde. Dann robbte er auf dem Bauch heraus, schnupperte an dem Stoff und ließ sich – zum ersten Mal – von Hannelore am Hals kraulen.
Wir brachten ihn in die Tierarztpraxis von Dr. Wegener. Die Untersuchung kostete achtundvierzig Euro, die Hannelore aus ihrer Kassette zahlte. Der Chip wurde gesetzt, die Erstimpfung auch. Auf dem Impfpass steht als Name: „Sunny Bergmann“. Als Adresse: „Marktplatz 1, Quedlinburg“ – die Adresse ihres Blumenstands.
Aber damit war es nicht getan. Hannelore erinnerte sich an das Nummernschild des grauen Kombis. Sie hatte es sich auf einen alten Kassenzettel notiert, gleich an dem Morgen, als der Mann den Hund ausgesetzt hatte. Ich ging mit ihr zur Polizeiwache am Kornmarkt. Der Beamte nahm die Anzeige auf, verglich die Halterdaten. Der Mann wohnte in Halberstadt. Er wurde vorgeladen.
Zwei Wochen später bekamen wir den Bescheid: Wegen Aussetzens eines Wirbeltieres wurde ein Bußgeld von sechshundert Euro verhängt. Drei Monate Fahrverbot für den Mann obendrein, weil er auf dem Gehweg gehalten hatte. Das Geld sollte an das örtliche Tierheim gehen. Hannelore las den Brief dreimal durch und legte ihn in ihre Kühlbox, zwischen die Schnittblumen.
Der Hund lebt jetzt in ihrer Wohnung über dem Blumenladen. Er hat einen Korb unter dem Fenster, von dem aus er den Markt beobachten kann. Das blaue Tuch mit der Sonne liegt immer noch bei der Statue. Hannelore bringt es jeden Morgen mit nach unten, legt es über den Stapel Eimer neben ihrem Stand, und abends nimmt sie es wieder mit hoch. Der Hund legt sich dann darauf, vor die Heizung.
Letzte Woche kam der Mann aus Halberstadt am Blumenstand vorbei. Er wollte einen Strauß für seine Mutter kaufen. Zwölf Euro für gelbe Rosen. Hannelore hat ihn bedient, ohne mit der Wimper zu zucken. Als er weg war, hat sie den Zwanziger, den er ihr gegeben hat, in den Spendenbehälter des Tierheims gesteckt. Wir haben nicht darüber gesprochen. Der Hund hat geschlafen, das Kinn auf dem blauen Tuch, die Schnauze zur Tür.







