Der Ausschnitt ist zu knapp für eine vollständige, in sich geschlossene Dramageschichte – er enthält keinen erkennbaren Konflikt, keine Figuren und keine Handlung, sondern nur eine Social-Media-Aufforderung zu Blumenfotos. Damit fehlt die “Feder” (zentraler Konflikt, Einsatz, Wendepunkt), die laut Vorgabe die Basis für die Neuerzählung sein soll.

Die Kaffeetasse in Renates Händen war schon lange kalt geworden, aber sie stellte sie nicht ab. Vor ihr auf dem Küchentisch lag das Smartphone, und auf dem Bildschirm leuchtete ein Foto: rote Geranien auf einem Balkon in Kreuzberg, gepostet von einem Konto namens „Nachbarschaftsgarten Berlin". Darunter, in der Kommentarspalte, stand ein Name, den sie seit elf Jahren nicht mehr laut ausgesprochen hatte. Sabine Krohn.

Ihre Tochter.

Renate stellte die Tasse endlich ab, so hart, dass ein Schwall kalter Kaffee über den Rand schwappte und auf die Zeitung tropfte, die sie am Morgen nicht gelesen hatte. Sie wischte nicht ab. Sie zoomte in das Foto hinein, als könnte sie durch die Pixel hindurch die Hand erkennen, die die Geranien gegossen hatte.

Elf Jahre zuvor war Sabine mit einer Reisetasche aus der Wohnung in Charlottenburg gegangen, nachdem Renate ihr gesagt hatte, ihre Beziehung zu Malte sei „eine Phase, die vorübergeht, wenn du erwachsen wirst". Sabine war damals dreiundzwanzig Jahre alt gewesen und hatte die Tür so zugeschlagen, dass der Spiegel im Flur einen Riss bekam. Renate hatte den Riss nie reparieren lassen. Sie hatte ihn jeden Morgen gesehen, beim Zähneputzen, beim Anziehen des Mantels, elf Jahre lang, und jedes Mal gedacht: Nächste Woche rufe ich an.

Sie rief nie an.

Jetzt saß sie um halb sieben Uhr morgens in ihrer Küche in Wilmersdorf und betrachtete ein Bild von Blumen, unter dem eine Frau kommentiert hatte: „Wunderschön! Genau wie die Geranien, die meine Mutter früher auf unserem Balkon hatte. Sie wäre stolz auf dich, Katja." Und daneben, in Klammern, das Profilbild: eine Frau mit grauen Strähnen im dunklen Haar, Lachfalten um die Augen, die Renates eigenes Gesicht im Badezimmerspiegel widerspiegelten.

Renate tippte auf das Profil. Dreihundertzwölf Fotos. Ein Leben, das ohne sie stattgefunden hatte. Ein Hochzeitsfoto vor dem Standesamt Schöneberg, Sabine in einem cremefarbenen Kleid, an der Seite eine Frau namens Katja, beide lachend, Konfetti in der Luft. Ein Foto von einem Kind, vielleicht drei Jahre alt, mit Sabines Nase und fremden blauen Augen. Der Text darunter: „Unser Sohn Theo, elf Monate alt heute. Er hat schon Omas Sturheit geerbt, glaube ich."

Omas Sturheit.

Renate presste die Handballen gegen die Augen. Sie hatte einen Enkel. Elf Monate. Sie hatte ihn nie gesehen, nie gehalten, nie seinen Namen laut ausgesprochen.

Sie stand auf, ging zum Flur, blieb vor dem gesprungenen Spiegel stehen. Der Riss lief quer über ihr Spiegelbild, teilte ihr Gesicht in zwei ungleiche Hälften. Sie legte die Fingerspitzen auf das kalte Glas, genau entlang der Bruchlinie, so wie sie es all die Jahre nie getan hatte, aus Angst, es würde ganz zerbrechen.

An diesem Tag rief sie nicht an. Sie schrieb auch nicht. Stattdessen fuhr sie mit der U-Bahn nach Kreuzberg, stieg am Kottbusser Tor aus, lief durch Straßen, die sie nicht kannte, bis sie vor einem Altbau stand, dessen Balkon voller roter Geranien war. Sie blieb auf der anderen Straßenseite stehen, zwischen einem Dönerladen und einem Fahrradgeschäft, und wartete zwei Stunden lang, ohne zu wissen, worauf.

Um kurz nach vier kam eine Frau aus dem Hauseingang, einen Jungen auf dem Arm, der mit beiden Händen nach den Blättern eines Straßenbaums griff. Renate erkannte Sabine erst am Gang, an der Art, wie sie den linken Fuß leicht nach außen setzte, genau wie ihr eigener Vater es getan hatte.

Sie machte keinen Schritt vorwärts. Ihre Beine wurden schwer wie nasser Sand, und für einen Moment dachte sie, sie würde einfach umkehren, den Bus zurück nach Wilmersdorf nehmen und die Fotos löschen, das Konto blockieren, alles vergessen, so wie sie elf Jahre lang alles vergessen hatte, indem sie es nicht ansprach.

Stattdessen hob sie die Hand.

Sabine sah sie über die Straße hinweg. Renate beobachtete, wie sich das Gesicht ihrer Tochter veränderte, wie die Überraschung in etwas Härteres kippte, die Kiefermuskeln sich spannten, die Arme sich fester um den Jungen schlossen, als müsste sie ihn beschützen. Sie kam nicht näher. Sie stand einfach da, auf der anderen Seite der Straße, mit ihrem Sohn auf der Hüfte, und wartete darauf, dass Renate den ersten Schritt machte.

Renate überquerte die Straße. Ihre Knie zitterten bei jedem Schritt, aber sie ging weiter, vorbei an einem parkenden Lieferwagen, durch eine Pfütze, die ihre Schuhe durchnässte, bis sie nur noch zwei Meter von Sabine entfernt stand.

„Ich habe die Geranien gesehen", sagte Renate. Ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren, brüchig wie altes Papier. „Auf dem Foto. Ich habe nach dir gesucht, ohne es zu wollen, und dann habe ich dich gefunden."

Sabine sagte nichts. Der Junge auf ihrem Arm streckte plötzlich beide Hände nach Renate aus, mit der bedingungslosen Neugier eines Kindes, das noch keine elf Jahre Schweigen kennt. Sabine wich instinktiv einen Schritt zurück, hielt ihren Sohn fester.

„Das ist Theo", sagte sie schließlich, mehr eine Feststellung als eine Vorstellung.

„Ich weiß." Renates Hände zitterten, und sie steckte sie in die Manteltaschen, um es zu verbergen. „Er hat deine Nase."

„Und meine Sturheit, hast du wahrscheinlich gelesen." Sabines Stimme war scharf, aber nicht kalt, eher wie eine Klinge, die man zum Schutz zieht, nicht zum Angriff.

„Ich habe elf Jahre lang jeden Morgen den kaputten Spiegel im Flur gesehen", sagte Renate. „Ich habe ihn nie reparieren lassen. Ich weiß nicht, warum ich dir das jetzt erzähle."

Sabine schwieg lange. Der Junge quengelte leise, streckte die Hand nach einem Blatt aus, das vom Baum gefallen war. Sabine bückte sich, hob es auf, gab es ihm, und in dieser einfachen mütterlichen Bewegung sah Renate etwas, das ihr das Herz zusammenzog: ihre eigene Tochter, die längst eine eigene Sprache der Fürsorge entwickelt hatte, ohne sie.

„Ich habe nicht erwartet, dass du kommst", sagte Sabine schließlich. „Nicht nach so langer Zeit."

„Ich habe es auch nicht erwartet." Renate sah auf ihre eigenen nassen Schuhe. „Ich dachte, ich schreibe nächste Woche. Das habe ich elf Jahre lang gedacht."

Ein Fahrradfahrer klingelte, musste um sie herumfahren. Der Geruch von gebratenem Fleisch aus dem Dönerladen mischte sich mit dem Regen, der gerade zu fallen begann, feine Tropfen, die sich in Sabines dunklem Haar sammelten. Theo gluckste über etwas, das nur er sah, und griff nach einer Haarsträhne seiner Mutter.

„Ich wohne dort oben", sagte Sabine schließlich und deutete mit dem Kopf auf den Balkon mit den Geranien. „Dritter Stock. Katja ist heute bei der Arbeit."

Es war keine Einladung. Es war auch keine Ablehnung. Es war ein Faden, dünn wie das Blatt in Theos Faust, den Renate ergreifen konnte oder nicht.

„Die Geranien", sagte Renate, „meine Mutter hatte die gleichen. Auf unserem Balkon in Steglitz, als ich klein war."

„Ich weiß." Etwas Weiches zuckte über Sabines Mundwinkel, kurz, unwillkürlich. „Deshalb habe ich sie gepflanzt."

Sie standen noch eine Weile schweigend im Regen, drei Menschen und ein Baumblatt zwischen ihnen, während die Straße um sie herum weiterlebte, Autos, Fahrräder, ein Straßenverkäufer, der seinen Stand für die Nacht abbaute. Renate machte keinen Schritt zur Tür. Sabine forderte sie auch nicht dazu auf. Aber als der Regen stärker wurde, hielt Sabine ihr die freie Hand hin, nicht um sie zu greifen, sondern offen, als Möglichkeit.

Renate legte ihre Hand hinein.

Sie gingen gemeinsam zum Hauseingang, Theo zwischen ihnen, der abwechselnd nach beiden Frauen die Arme ausstreckte, seine Finger einmal in Sabines Kragen verhakt, einmal nach Renates Mantelärmel greifend. Der Regen trommelte auf das Vordach über der Tür. Sabine schob den Schlüssel ins Schloss, drückte die schwere Holztür auf, und die drei traten gemeinsam ins Treppenhaus, wo die Tür hinter ihnen mit einem langen, knarrenden Seufzer ins Schloss fiel.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Ausschnitt ist zu knapp für eine vollständige, in sich geschlossene Dramageschichte – er enthält keinen erkennbaren Konflikt, keine Figuren und keine Handlung, sondern nur eine Social-Media-Aufforderung zu Blumenfotos. Damit fehlt die “Feder” (zentraler Konflikt, Einsatz, Wendepunkt), die laut Vorgabe die Basis für die Neuerzählung sein soll.