Der Zettel im Nachttisch

Ich heiße Bernd Ostrowski, bin vierundfünfzig und arbeite seit acht Jahren als Pfleger im Seniorenheim „Am Lindenhof" in Regensburg. Ich erzähle das jetzt, weil ich derjenige war, der die Schublade ausgeräumt hat. Meine Schwiegermutter, Ilse Brenner, ist vor drei Wochen gestorben, mit siebenundachtzig, in Zimmer 14, das zur Donau raus liegt. Ich sage bewusst Schwiegermutter und nicht „die Verstorbene" oder irgendein anderes Wort, mit dem man sich Distanz verschafft. Ich kannte sie einunddreißig Jahre.

Man muss dazu wissen: Ilse und ich, wir waren nie ein Herz und eine Seele. Sie fand mich nie gut genug für ihre Tochter Sabine, das hat sie mir nie ins Gesicht gesagt, aber ich habe es an tausend kleinen Dingen gemerkt. An der Art, wie sie meinen Namen aussprach, mit einer winzigen Pause davor. An den Weihnachtsgeschenken, die für die Enkel immer teurer waren als für mich. Ich habe ihr das lange übelgenommen. Als sie vor sechs Jahren zu uns ins Heim ihrer Wahl gezogen ist, hatte ich ehrlich gesagt keine Lust, mich groß zu kümmern. Sabine hat sich um alles gekümmert, die Formulare, die Pflegestufe, die Besuche am Mittwoch. Ich bin mitgefahren, weil man das eben tut, und habe im Flur gewartet, während drinnen Kaffee getrunken wurde.

Ich muss zugeben: Ich habe sie behandelt wie eine Akte. Zimmer 14, Pflegegrad 3, Diabetes, zwei Tabletten morgens, eine abends. Wenn ich sie im Flur traf, mit ihrem Rollator, der immer quietschte, weil sie sich weigerte, ihn ölen zu lassen — „das macht Krach, dann weiß jeder, dass ich komme, das ist gut so" — habe ich genickt und bin weitergegangen. Ich hatte selbst zu kämpfen: mein Rücken, die Schicht bis 22 Uhr, Sabines Mutter-Thema, das nie aufhörte. Ich war nicht grausam. Ich war nur woanders mit dem Kopf.

Am Tag nach der Beerdigung — die war auf dem Friedhof an der Karmelitenstraße, es regnete, und der Pfarrer verwechselte einmal ihren Namen mit dem der Vorgängerin, was mich fast zum Lachen gebracht hätte, mitten in der Trauer, so absurd war das — musste jemand das Zimmer räumen. Sabine konnte nicht. Sie saß auf dem Bett und weinte, mit einem alten Kassenbon in der Hand, den sie zwischen Ilses Sachen gefunden hatte, eine Edeka-Quittung von 2019, Marmelade und Katzenfutter, obwohl Ilse nie eine Katze hatte. Ich habe ihr die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, geh raus, ich mach das.

In der untersten Schublade des Nachttischs, unter einem zerfledderten Rosenkranz und einem Stapel Fotos — eine Hochzeit in Schwarzweiß, ein Baby auf einer karierten Decke, ein Mann mit Schnurrbart vor einem Trabant — lag ein Blatt Papier, mehrfach gefaltet, an den Kanten schon weich vom vielen Ein- und Ausklappen. Ich dachte zuerst, es wäre eine alte Einkaufsliste. Ich habe es trotzdem aufgemacht, aus reiner Neugier, während draußen im Flur der Fernseher aus dem Gemeinschaftsraum lief, irgendeine Nachmittagsshow, und jemand mit dem Essenswagen klapperte.

Es war kein Einkaufszettel. Oben stand mein Name. Nicht „an alle" oder „an meine Pfleger" — dort stand, in Ilses krakeliger Schrift, die in den letzten Jahren immer unsicherer geworden war: Für Bernd, falls du das je liest.

Sie schrieb: Du hast mich immer nur bis Zimmer 14 gebracht. Nie weiter. Ich weiß, du dachtest, ich merke das nicht, aber ich habe fünfundvierzig Jahre lang Menschen beim Blick über die Schulter beobachtet, in der Fabrik, an der Kasse, in der Kirche. Man merkt es immer.

Ich habe dich nie gemocht, das war kein Geheimnis, und ich will jetzt nicht so tun, als hätte sich das geändert. Aber du hast einmal einen Kaffee für mich gemacht, mit viel zu viel Milch, so einen, wie ihn niemand trinkt, der noch bei Verstand ist. Ich habe ihn trotzdem ausgetrunken, jeden Schluck, weil du dir die Mühe gemacht hast, obwohl du müde warst und obwohl ich dir nie einen Grund gegeben habe, dir Mühe zu geben.

Deshalb schreibe ich dir das, und nicht Sabine, denn Sabine weiß, wer ich war. Du nicht. Also hier: Ich bin in Cham barfuß über eine Wiese gerannt und habe Blumen gepflückt, die meine Mutter Unkraut nannte. Ich habe mit fünfzehn geglaubt, ein Junge namens Hans-Peter sei die ganze Welt, und er war ein Idiot. Ich habe in einem Brautkleid gezittert, das mir eine Nummer zu groß war, weil die Schneiderin sich vermessen hatte. Ich habe nachts an einem Kinderbett gesessen und mir Sorgen gemacht, die sich im Nachhinein alle als unnötig herausstellten, und trotzdem würde ich es wieder tun. Ich habe mit meinem Mann dreißig Jahre lang denselben Kaffeetisch geteilt, und als er starb, habe ich seine Tasse noch ein Jahr lang stehen lassen, bis Sabine sie irgendwann weggeräumt hat, ohne mich zu fragen. Das habe ich ihr nie verziehen, auch wenn ich es nie gesagt habe.

Dann wurde ich das hier: eine Frau in Zimmer 14, die einen Rollator absichtlich quietschen lässt, damit man weiß, dass sie kommt, bevor man sie übersieht.

Du hast mich behandelt wie eine Akte, Bernd. Pflegegrad 3, zwei Tabletten morgens, eine abends. Ich habe es dir nie vorgeworfen, weil ich selbst nie besonders nett zu dir war und weil man erntet, was man sät. Aber ich wollte, dass wenigstens einer von euch weiß: Da war mehr. Da ist immer mehr, bei jedem von uns hier im Flur, den ihr mit dem Essenswagen abklappert.

Mach mit dieser Erkenntnis, was du willst. Ich bin jetzt sowieso weg und kann dich nicht mehr dazu zwingen.

Ich habe da gesessen, auf dem schmalen Bett mit der Wolldecke, die nach Franzbranntwein roch, und das Papier zweimal gelesen. Beim zweiten Mal ist mir aufgefallen, dass sie das Wort „Kaffee" beide Male unterstrichen hatte, mit blauem Kugelschreiber, so fest, dass die Feder fast durchs Papier ging. Draußen klapperte der Essenswagen noch immer, jemand lachte über die Nachmittagsshow, und ich saß da mit einem Blatt Papier, das mich persönlich meinte, zum ersten Mal seit einunddreißig Jahren.

Ich habe den Zettel nicht sofort Sabine gezeigt. Ich habe ihn in die Innentasche meiner Jacke gesteckt und bin nach Hause gefahren, obwohl meine Schicht eigentlich noch lief — ich habe die Stationsleiterin angerufen und gesagt, ich brauche zwei Stunden. Zu Hause habe ich in der Speisekammer nachgesehen, ob wir noch die alte Emailletasse hatten, die Ilse uns mal geschenkt hatte und die wir nie benutzt haben, weil sie „zu altmodisch" aussah. Sie stand ganz hinten, neben abgelaufenen Gewürzen. Ich habe sie ausgewaschen.

Sabine habe ich den Brief erst zwei Tage später gezeigt, und auch dann nur die erste Hälfte, ohne den Satz über die weggeräumte Tasse ihres Vaters. Manche Dinge muss man selbst entscheiden, ob man sie weitergibt.

Was ich jetzt tue, ist Folgendes, und es ist keine Geste aus schlechtem Gewissen, sondern etwas, das man anfassen kann: Ich habe am Montag danach beim Sozialdienst des Heims einen Termin gemacht und die kleine Erbschaft, die Ilse hinterlassen hat — dreitausendzweihundert Euro, ihr gesamtes Sparbuch — nicht auf unser gemeinsames Konto überweisen lassen, wie es Sabine zuerst wollte, damit wir „die Beerdigungskosten decken". Ich habe stattdessen mit Sabine zusammen einen Dauerauftrag eingerichtet, elf Jahre lang, zwölf Euro im Monat, an den Verein, der im Heim die Nachmittagsvorlesungen für Demenzpatienten finanziert — die Gruppe, in der Ilse jeden Donnerstag saß und der eine Studentin aus alten Kriminalromanen vorlas. Die Bestätigung liegt jetzt in einem gelben Ordner in unserem Flurschrank, mit Ilses Sparbuch als letztem Beleg darin.

Und dann bin ich, drei Tage nach der Beerdigung, zurück ins Heim gefahren, ohne Sabine, mit der Emailletasse im Rucksack. Ich habe der Stationsleiterin nicht den ganzen Brief gezeigt. Nur mir selbst, immer wieder, wenn ich in Zimmer 9 oder 11 oder 15 den Essenswagen hineinschiebe und jemand mich ansieht, als wäre ich Luft.

Als ich an dem Tag ging, saß im Flur ein Mann mit Rollator, den ich nicht kannte, Zimmer 9 vielleicht. Er hat mich nicht angesprochen. Ich habe ihm trotzdem die Tür aufgehalten, länger als nötig, und gewartet, bis er ganz durch war, und dabei überlegt, was für einen Kaffee er wohl trinkt, und ob es überhaupt noch jemand weiß.

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