Was ich für mein Alter gebe – und was ich mir dafür zurückhole

Neulich, an der Käsetheke am Wochenmarkt in Freiburg, fragte mich die Verkäuferin, während sie den Allgäuer Bergkäse in Papier einschlug: „Wie fühlt es sich eigentlich an, alt zu sein?" Sie war vielleicht fünfundzwanzig, hatte einen Nasenring und diese unbekümmerte Direktheit, die man mit siebzig manchmal vermisst. Ich musste selbst kurz überlegen, denn ich denke nicht in solchen Kategorien über mich nach. Als sie meine Reaktion sah, wurde sie rot und murmelte eine Entschuldigung. Ich winkte ab. Ehrlich gesagt fand ich die Frage gut.

Ich heiße Renate Brockmann, bin dreiundsiebzig, und auf dem Rückweg vom Markt, mit dem Käse und einem Bund Radieschen in der Tasche, dachte ich: Altwerden ist eigentlich ein Geschenk. Nicht in dem kitschigen Sinn, den man auf Grußkarten findet. Eher so: ein Geschenk, das man erst auspackt, wenn einem gar nichts anderes mehr übrigbleibt. Ich habe das Recht, gelegentlich die Kaffeetasse auf dem Küchentisch stehen zu lassen, eine viel zu bunte Bluse anzuziehen und einen ganzen Nachmittag damit zu verbringen, die Geranien auf dem Balkon umzutopfen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht umgetopft werden müssten.

An jenem Sonntag, drei Wochen später, standen die Geranien noch unangetastet auf dem Balkon, als mein Sohn Bernd zum Kaffee kam. Er brachte, wie immer, eine Schachtel Pralinen aus dem Feinkostladen in der Kaiser-Joseph-Straße mit, stellte sie auf den Tisch, ohne sie zu öffnen, und fragte beim Umrühren seines Kaffees, fast beiläufig: „Warst du eigentlich schon mal beim Notar wegen der Wohnung in Herdern? Nur damit das alles klar geregelt ist, wenn mal was ist."

Ich schnitt den Streuselkuchen an, schob ihm das größere Stück zu und sagte, ich hätte einen Termin gemacht. Er nickte zufrieden, als sei die Sache damit erledigt, und erzählte von seinem neuen Auto, einem Passat Kombi, den er brauche, „schon wegen der Familie, wenn man mal ein Haus hat." Ich hörte zu, rührte in meiner Tasse, obwohl kein Zucker mehr darin war, und dachte an Lotte, die am Vortag angerufen und mir erzählt hatte, wie sie sich für den Architektur-Studienplatz in Karlsruhe beworben hatte, mit zitternder Stimme vor Aufregung.

„Ich habe die Wohnung Lotte vermacht", sagte ich schließlich, während ich die Kaffeekanne wieder auf den Tisch stellte. „Sie soll dort wohnen können, während sie studiert."

Bernd legte die Gabel ab. „Das ist ein Witz, oder?"

„Nein."

„Ich bin der Älteste. Ich habe dir beim Umzug geholfen, ich habe das Bad renoviert, ich habe—"

„Ich weiß, was du getan hast, Bernd. Ich vergesse es nicht." Ich schob ihm die Sahnekanne hin, weil er sie sonst immer nahm, aber er rührte sie nicht an. „Die Wohnung gehört mir seit einundzwanzig Jahren. Ich entscheide, wohin sie geht."

Er schob den Stuhl zurück, so hastig, dass die Tassen klirrten. Er nahm seine Jacke von der Lehne, ließ die ungeöffnete Pralinenschachtel auf dem Tisch liegen und ging zur Tür. Den Kaffee, fast noch voll, ließ er stehen, eine dünne Haut hatte sich bereits darauf gebildet, als ich später abräumte.

Zwei Tage lang blieb es still. Am Dienstagabend klingelte das Telefon, seine Nummer auf dem Display. Ich stand am Herd, Kartoffeln kochten, und sah dem Klingeln zu, bis es aufhörte. Es klingelte noch zweimal in der folgenden Woche. Ich nahm nicht ab.

Manchmal stehe ich im Bad vor dem Spiegel und erkenne die Frau darin für eine Sekunde kaum wieder. Mehr Falten um die Augen, das Haar inzwischen komplett grau statt nur meliert. Ich bleibe da aber nicht lange stehen. Der Spiegel im Flur hat sowieso einen Sprung unten links, seit mein Enkel vor Jahren mit dem Roller dagegengefahren ist – wir haben ihn nie austauschen lassen, irgendwie passt das.

Ich habe Menschen, die mir nahestanden, viel zu früh gehen sehen. Meine Schwester Ingeborg ist mit einundsechzig gestorben, drei Wochen bevor sie in Rente gehen sollte. Sie hatte sich einen Wohnwagen für die Ostsee gekauft und ihn nie ein einziges Mal benutzt. Sie hat diese Freiheit nie erlebt, die mit dem Alter kommt – die Freiheit, sich nicht mehr dauernd zu rechtfertigen.

Mein Mann Dieter ist vor sechs Jahren gestorben, im Universitätsklinikum, an einem Dienstagmorgen im November, während im Fernseher über seinem Bett noch lautlos die Frühnachrichten liefen. Danach saß ich drei Nächte am Krankenbett meiner Tochter, als sie mit zwanzig einen schweren Unfall hatte. Jede Falte in meinem Gesicht erzählt ein Stück dieser Geschichte. Manche stammen aus jenen Nächten. Andere von den Sommern am Titisee, an denen ich vor Lachen kaum atmen konnte.

Letzten Sommer in St. Peter-Ording haben zwei Teenager auf der Strandpromenade getuschelt, als ich in meinem Badeanzug vorbeikam. Ich bin trotzdem ins Wasser gegangen, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Soll sein. Auch sie werden eines Tages alt – wenn sie das Glück dazu haben.

Am Donnerstag rief Lotte an, um mir von ihrer Zusage aus Karlsruhe zu erzählen. Ihre Stimme überschlug sich fast. Ich hielt den Hörer mit beiden Händen und lachte, zum ersten Mal seit Tagen richtig, so laut, dass Herr Pahlke unten mit seinem Dackel hochschaute.

Am Freitagnachmittag ging ich zum Notar in der Bertoldstraße und unterschrieb die letzten Papiere. Auf dem Heimweg kaufte ich einen Bund Radieschen und ein Stück Bergkäse, denselben wie beim letzten Mal.

Zu Hause stellte ich die Tüten auf die Küchenanrichte, zog die viel zu bunte Bluse aus dem Schrank, die ich schon lange nicht mehr getragen hatte, und ging auf den Balkon. Die Geranien brauchten inzwischen wirklich neue Erde. Ich kniete mich hin, drückte die Wurzelballen aus den alten Töpfen und dachte an nichts weiter als an die Erde unter meinen Fingernägeln.

Das Telefon klingelte wieder, drinnen, gedämpft durch die Balkontür. Ich sah kurz hoch, wischte mir die Hände an der Schürze ab und topfte weiter.

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