Frau Renate Böhm brühte sich um sechs Uhr morgens ihren Kaffee auf, Marke Melitta, wie jeden Tag seit einunddreißig Jahren, und sah dabei aus dem Küchenfenster ihrer Wohnung in Bielefeld auf die Regenpfützen im Hof. Der Wetterbericht im Radio kündigte Dauerregen an, dazwischen die Verkehrsnachrichten für die A2, dann Werbung für ein Möbelhaus. Sie hatte die Rechnung für den Schornsteinfeger noch auf dem Tisch liegen, achtundvierzig Euro zwanzig, die musste sie heute noch überweisen. Ein ganz normaler Dienstag im März, dachte sie, bevor sie zum Notariat am Jahnplatz fuhr.
Die Autowerkstatt in der Herforder Straße hatte ihr verstorbener Mann Klaus 1994 gegründet, mit einem geliehenen Kompressor und zwei Hebebühnen. Nach seinem Tod vor neun Jahren hatte Renate den Betrieb formal geführt, aber die eigentliche Arbeit machte ihr Sohn Matthias, dreiunddreißig, gelernter Kfz-Meister. Er reparierte, sie rechnete ab. Klappte ganz gut so, fand sie – bis Matthias' Frau Carolin ins Spiel kam.
Nicht als Feindin zunächst. Eine tüchtige Frau, die Ordnung in die Buchhaltung brachte, die Renate mit ihren Kladden und Zetteln nie richtig hinbekommen hatte. Carolin führte eine Steuerkanzlei in der Innenstadt, kannte sich mit GmbHs aus, mit Freibeträgen, mit Übertragungsverträgen. „Wir machen das steuerlich sauber, Mama", sagte sie beim Kaffee, „solange du noch gesund bist. Man weiß ja nie." Solche Sachen solle man regeln, bevor es zu spät sei, das habe sie bei so vielen Mandanten gesehen, wo es dann Streit gab.
Renate unterschrieb im Notariat, ohne die vier Seiten wirklich zu lesen. Sie vertraute ihrem Sohn. Sie vertraute, dass ihr Anteil, mündlich versprochen, irgendwie bestehen bleiben würde — eine Werkstattwohnung über der Halle, in der sie seit Klaus' Tod lebte, ein monatlicher Betrag aus den Einnahmen, solange sie lebte. Nichts davon stand im Vertrag. Keiner hatte es für nötig gehalten, das aufzuschreiben.
Drei Monate später saß Renate im Wartezimmer ihrer Hausärztin, als Carolin anrief. Die Stimme war freundlich, fast beiläufig: Man habe entschieden, die Wohnung über der Werkstatt zu vermieten, ein Kollege von Matthias brauche eine Bleibe in der Nähe, zahle sechshundertfünfzig warm. Renate solle sich doch mal was in der Nähe ihrer Schwester in Herford anschauen, das sei ohnehin ruhiger.
„Ruhiger", wiederholte Renate nur. Draußen im Flur lief der Fernseher der Praxis, irgendeine Vormittagssendung mit Livemusik und Applaus, viel zu laut. Sie sagte nichts weiter. Legte auf, bedankte sich bei der Sprechstundenhilfe, ging.
Zu Hause — noch war es ihr Zuhause — stellte sie fest, dass ihr Schlüssel für die Werkstattür schon nicht mehr passte. Jemand hatte das Schloss gewechselt. Ihr Sohn hatte es nicht für nötig gehalten, ihr das selbst zu sagen. Sie stand da mit dem Schlüssel in der Hand, drehte ihn zweimal im neuen Zylinder, nichts, klemmte einfach nicht rein.
Sie ging nicht hin, um zu schreien. Am nächsten Morgen ging sie zu Herrn Dobrowski, einem Anwalt, dessen Kanzlei sie aus der Zeitung kannte, wegen einer Erbschaftsberatung, die sie eigentlich nie gebraucht hatte. Sie legte ihm den Übertragungsvertrag auf den Tisch. „Kann man das rückgängig machen?"
Dobrowski las lange, tippte mit dem Kugelschreiber gegen die Tischplatte. „Den Vertrag selbst nicht, Frau Böhm, das war rechtlich sauber." Pause. „Aber es gibt da was." Er zeigte ihr eine Klausel, die Carolins Kanzlei selbst mit reingeschrieben hatte, reine Routine wahrscheinlich: ein grundbuchlich gesichertes Wohnrecht auf Lebenszeit, eingetragen als Belastung erster Rangstelle — vergessen zu streichen, oder einfach nie ernst genommen, weil man dachte, die alte Frau wehrt sich sowieso nicht.
Und es gab noch mehr, das keiner auf dem Schirm hatte. Renate besaß ein Sparguthaben von zweiundvierzigtausend Euro, unabhängig von der Werkstatt, all die Jahre für den Fall der Fälle zurückgelegt — Klaus' Lebensversicherung, nie angerührt. Und die Hälfte der Maschinen in der Halle, die Hebebühnen, den Kompressor, liefen noch auf ihren Namen, weil Klaus sie damals separat gekauft und nie überschrieben hatte.
Sechs Wochen zog sich das hin. Ein Schreiben von Dobrowski, das Wohnrecht betreffend. Ein zweites, die Maschinen betreffend, mit der Aufforderung, entweder Nutzungsentschädigung zu zahlen oder die Geräte binnen vier Wochen herauszugeben. Carolin rief zweimal an, erst wütend — „Das kannst du uns nicht antun, Renate, nach allem" —, dann fast bittend. Renate ließ beide Anrufe auf dem Anrufbeantworter stehen, hörte sie sich abends bei einer Tasse Tee an, löschte sie danach.
An einem Donnerstagvormittag im Mai stand Matthias vor der Tür ihrer neuen Wohnung — eine Zweizimmerwohnung in Herford, drei Straßen von ihrer Schwester entfernt, gekauft von ihrem Ersparten und dem ersten Teil der Entschädigung. Er sah müde aus, unrasiert, die Arbeitsjacke noch von der Werkstatt, roch nach Motoröl.
„Mama, das mit der Wohnung, das war Carolins Idee, ich hab das nicht—"
„Du hast das Schloss ausgetauscht", sagte Renate. „Nicht Carolin. Deine Hand am Schraubenzieher."
Er hatte keine Antwort darauf. Stand da, Hände in den Jackentaschen, sah an ihr vorbei in den Flur, wo das Fahrrad der Nachbarin lehnte und irgendwo eine Waschmaschine schleuderte.
Renate holte die Mappe, die sie für genau diesen Moment vorbereitet hatte — Dobrowski hatte ihr geraten, sie bereitzuhalten. Kopie des Grundbuchauszugs mit dem Wohnrecht, die Rechnung über die Maschinen mit Fälligkeitsdatum, ein Kontoauszug, der zeigte, dass sie das Sparguthaben gerade von der Sparkasse auf ein neues Konto überwiesen hatte, nur auf ihren Namen, ohne Vollmacht für ihn oder für Carolin.
„Ich zahl dir kein Wohnrecht ab, das brauch ich nicht mehr, ich hab hier eine Wohnung. Aber die Maschinen hol ich mir zurück, oder du zahlst eintausendeinhundert Euro monatlich, das hat Dobrowski errechnet, für die Nutzung. Ab jetzt, jeden Monat, aufs neue Konto. Und die zweiundvierzigtausend, die für den Notfall gedacht waren — die bleiben, wo sie sind. Für meinen Notfall. Nicht für Carolins nächstes Projekt."
Matthias öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Im Treppenhaus rief jemand zweimal nach einem Hund namens Bruno, dann war Ruhe.
Er kam nicht wieder mit Ausreden. Zwei Wochen später ging die erste Überweisung ein, pünktlich, Verwendungszweck „Nutzungsentgelt Mai". Renate sah sich den Kontoauszug auf dem Handy an, saß dabei am Küchentisch, zwischen zwei noch nicht ausgepackten Umzugskartons, nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf den Deckel des einen Kartons, auf dem noch in Filzstift „Küche 2" stand. Draußen fuhr der Nachbar seinen Golf aus der Einfahrt, ließ den Motor eine Weile im Stand laufen, bevor er losfuhr. Dann klingelte es an ihrer Tür. Ihre Schwester, mit einem Kuchen unterm Arm. Renate ließ den Kontoauszug liegen und ging öffnen.







