Das leise Zimmer

Niemand erzählt einer Mutter, wie sich der Moment anfühlt, in dem das Telefon aufhört zu klingeln.

Renate Brandt stand in der Küche ihrer Dreizimmerwohnung in Lübeck, an der Wand tickte die alte Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald, ein Erbstück ihrer eigenen Mutter, und draußen roch es nach nassem Kopfsteinpflaster, weil es seit dem Morgen leicht regnete. Sie hatte gerade Kartoffelsuppe gekocht — die, die ihr Sohn Jonas immer wollte, wenn er als Kind mit aufgeschlagenem Knie von der Schule kam. Jetzt war Jonas neunundzwanzig, lebte in Hamburg, arbeitete bei einer IT-Firma am Hafen, und die Suppe würde sie allein essen.

Früher rief er zweimal am Tag an. Fragte, ob er den Kredit für das Auto aufnehmen sollte, ob die neue Wohnung zu teuer war, ob er mit dieser oder jener Frau weitermachen sollte. Jetzt kam manchmal drei Tage lang nichts außer einem Herz-Emoji unter einem Foto, das sie gepostet hatte.

Am Sonntag zuvor hatte sie ihm geschrieben: „Denk dran, die Reifen wechseln zu lassen, bevor es kalt wird." Er hatte nicht geantwortet. Erst zwei Tage später, ein Daumen-hoch. Sie hatte den Satz noch einmal gelesen, dann das Handy umgedreht und weiter Kartoffeln geschält. Kein Wort mehr dazu. Man ruft nicht hinterher, dachte sie, man wartet.

Sie deckte trotzdem jeden Abend für einen. Stellte den zweiten Teller zurück in den Schrank, bevor sie sich hinsetzte. Das war ihr Ritual geworden, seit er im März das letzte Mal da gewesen war, für zwei Stunden, mit einer Tasche voll Wäsche, die er zurückließ, weil er es eilig hatte.

Ende April rief er an einem Mittwoch an, kurz, gehetzt. „Mama, ich hab grad keine Zeit, ruf dich später zurück." Er rief nicht zurück. Sie saß mit dem Handy auf dem Küchentisch, die Hand daneben, und sah zweimal nach, ob der Ton vielleicht ausgestellt war. Er war es nicht. Am Freitag schrieb sie: „Alles gut bei dir?" Die Antwort kam erst am Sonntagabend: „Ja, alles ok, viel Stress." Kein Wort mehr. Sie tippte drei verschiedene Antworten, löschte sie wieder, schrieb am Ende nur: „Gut. Meld dich, wenn du Zeit hast." Und legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Anrichte, damit sie nicht jede Minute hinschaute.

Sie kochte seine Lieblingsgerichte, wenn er zu Besuch kam, auch wenn die Besuche kürzer wurden. Sie sah sich abends manchmal die alten Fotos an, auf denen er noch klein war, mit aufgeschürften Knien, und legte den Ordner danach wieder ordentlich ins Regal, zwischen das Grundschulzeugnis und die Postkarten aus dem Schullandheim in Timmendorfer Strand.

Dann, im Mai, änderte sich etwas.

Jonas rief an, an einem Dienstagabend, kurz nach acht, mitten in der Tagesschau. Renate stellte den Ton leiser, noch bevor sie „Hallo" gesagt hatte — irgendetwas an der Art, wie das Telefon vibrierte, ließ sie aufstehen. Seine Stimme klang brüchig, als hätte er lange nicht geschlafen. Die Firma habe Insolvenz angemeldet. Er habe seinen Job verloren. Die Miete für die Wohnung in Hamburg-Altona, zwölfhundert Euro im Monat, könne er nicht mehr zahlen.

„Und jetzt?", fragte sie, mehr um ihn reden zu lassen als aus echter Frage.

„Ich weiß nicht, Mama. Ich weiß es echt nicht."

Sie wollte sagen: Ich hab's geahnt, du klangst schon Wochen komisch. Sie sagte es nicht. Sie drückte das Telefon fester ans Ohr und sagte nur: „Komm heim, Jonas. Für so lange du brauchst."

Am nächsten Morgen ging sie zur Sparkasse in der Breiten Straße, mit dem grünen Sparbuch, das sie seit Jonas' Geburt geführt hatte. Sie legte es auf den Tresen, unterschrieb die Auszahlung, die Hand zitterte dabei leicht. Die Sachbearbeiterin fragte, ob alles in Ordnung sei.

„Alles in Ordnung", sagte Renate. „Mein Sohn kommt nach Hause."

Sie räumte das alte Kinderzimmer aus, das seit Jahren als Abstellraum diente, holte das Bett aus dem Keller, wischte den Staub von den Regalen, in denen noch seine Fußballpokale aus der Jugendmannschaft des VfB Lübeck standen. Kein Wort der Vorwürfe, keine Frage nach dem Warum. Nur ein frisch bezogenes Bett und zwei Teller Kartoffelsuppe, die auf dem Tisch dampften.

Als Jonas mit zwei Koffern vor der Tür stand, klatschnass vom Regen, weil er die falsche Buslinie genommen hatte, sagte er nichts. Er stellte die Koffer ab und drückte seine Mutter so fest, wie er es seit seinem achtzehnten Geburtstag nicht mehr getan hatte.

Sie strich ihm nicht übers Haar. Sie hielt ihn einfach nur fest, sein nasses Hemd kalt gegen ihre Wange, während der Regen weiter gegen das Flurfenster schlug und irgendwo im Treppenhaus der Hund der Nachbarn bellte, wie jeden Abend um diese Zeit.

„Die Suppe wird kalt", sagte sie schließlich und löste sich von ihm, wischte sich mit dem Handrücken kurz über die Augen, als wäre es der Regen gewesen.

Sie gingen zusammen in die Küche. Zwei Teller, zwei Löffel, die Kuckucksuhr tickte an der Wand, und draußen tropfte es noch lange von der Regenrinne.

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