Der letzte Anruf

Markus starrte auf den Bildschirm, die Codezeilen verschwammen vor seinen Augen. Neben der Tastatur lag das Handy, der WhatsApp-Chat mit seiner Mutter offen. Siebzehn Nachrichten seit gestern Abend. Immer dieselbe Melodie: *schick mal kurz*, *die Reparatur hat 800 gekostet*, *Mausi braucht ein Spezialfutter, sonst stirbt sie mir noch*. Mausi war der sechzehnjährige Yorkshire Terrier mit einem Faible für Futter, das pro Dose 4,80 Euro im Fressnapf kostete.

Lena stellte eine Tasse Tee auf den Tisch, ihr Handrücken streifte seinen Arm. Sie sagte nichts, aber der Teergeruch aus der gegenüberliegenden Baustelle, der durchs gekippte Fenster kroch, und dieser eine Blick auf die leere Kaffeepackung von gestern – er wusste, dass sie längst nachgerechnet hatte. Die zweite Miete für die Wohnung der Mutter in Leipzig zog jeden Monat 980 Euro vom gemeinsamen Konto ab. Dazu Strom, Internet, die Tierarztrechnungen, die *spontanen Notfälle*…

„Sie ruft gleich wieder an“, meinte Lena. Ihr Ton war nicht vorwurfsvoll, eher müde.

Das Telefon vibrierte. Ingrid.

Markus nahm ab und stellte auf Lautsprecher. Lena war seine Frau, sie hatte jedes Recht, mitzuhören.

„Junge, ich hab’s mir überlegt. Der Tierarzt meinte, frische Luft für Mausi. Eine kleine Bleibe im Grünen – das wär’s. Ihr habt doch den Balkon, Lena kann sich ja mit dir das Zimmer teilen, und ich nehm dann die Couch. Nur übergangsweise, bis das Haus gekauft ist. Ein kleines Reihenhaus in Schkeuditz, hab da was gesehen. 380.000 Euro, du verdienst doch gut genug.“

Markus spürte, wie sein Kiefer hart wurde. Vor vier Wochen war es noch eine Eigentumswohnung mit Gartenanteil, vor sechs Monaten ein gebrauchter Golf. Die Eskalation war so schleichend wie das Schrumpfen des gemeinsamen Sparkontos.

„Mama, wir wohnen auf 46 Quadratmetern. Und selbst wenn Lena die Garderobe aus dem Flur räumt, wird das nichts mit Couch und Hund. Und das Haus – ich verdiene, ja, aber nicht so, dass ich dein Leben und das von Mausi komplett finanziere. Wir haben selber einen Kredit für die Wohnung in Hamburg-Altona, der läuft noch neun Jahre. Du weißt das.“

Ingrid seufzte theatralisch. „Immer dieses Gejammer. Deine Großmutter hätte sich geschämt. Ich hab dich allein großgezogen, und jetzt willst du mich in der Stadt vermodern lassen?“

Früher hätte Markus an dieser Stelle klein beigegeben. Der Automatismus, der sich einschaltet, wenn eine Mutter sagt, sie habe *alles geopfert*. Er kannte jede Nuance: die leise Anklage, das Nicht-Auflegen, das erzwungene Versprechen. Doch heute Morgen hatte Lena etwas getan, ohne es zu wissen. Sie hatte ihre eigene Kreditkarte für die Nebenkostenabrechnung durchgezogen, obwohl das sein Job war. Weil sein Anteil an diesem Monat schon für die Autoreparatur der Mutter draufgegangen war. Der Beleg lag noch auf dem Küchentisch, mit einem Kaffeefleck und einer Zahl, die ihm die Luft nahm: 1.327,84 Euro.

„Ich ruf dich morgen zurück“, sagte er und beendete das Gespräch, bevor Ingrid protestieren konnte.

Lena hob fragend eine Augenbraue. Markus klappte den Laptop zu.

„Lena? Hol mal den Ordner mit den Kontoauszügen. Wir machen das jetzt anders.“

Eine Stunde später saß er mit einer Tabelle vor sich und sortierte die monatlichen Überweisungen an Ingrid. Die nackten Zahlen brannten: 1.310 Euro im Schnitt, in den letzten fünfzehn Monaten über 19.000 Euro. Das waren zwei Urlaube, eine neue Einbauküche, ein Jahr private Altersvorsorge für Lena, die sie aus Rücksicht auf ihn immer wieder zurückgestellt hatte. Er tippte eine Notiz in sein Handy.

Um halb sechs klingelte es an der Tür. Ohne Vorwarnung, ohne Nachricht. Ingrid stand im Treppenhaus, der Hund unterm Arm, ein Stoffbeutel mit seinen Medikamenten in der Hand. „Hab Spritgeld gespart, bin mit dem Rad zum Bahnhof und dann mit dem ICE. Ganz spontan. Willst du deine alte Mutter auf der Treppe stehen lassen?“

Sie musterte den Flur, streifte mit dem Blick die hängende Garderobe, Lenas Regenjacke, das Paar Sneaker auf dem Schuhregal. „Immer noch dieser enge Schlauch. Ich hab dir doch gesagt, ihr solltet euch was Größeres suchen, wenn die Schwiegertochter so viel Krempel hat.“ Im Wohnzimmer angekommen, platzierte sie Mausi auf dem Sofa und zog eine Auflistung aus der Tasche – handschriftlich, mit einer schmalen, zittrigen Schrift. „Hier, ich hab schon die Eckdaten für das Reihenhaus. Notartermin könntest du nächste Woche machen. Der Makler sagt, das geht schnell, wenn du den Finanzierungsnachweis bringst. Ich hab gedacht, du nimmst gleich einen Kredit auf, kannst ja die Leipziger Wohnung als Sicherheit angeben. Oder Lenas Eltern helfen? Die haben doch das Häuschen in Pinneberg, das ist doch was wert.“

Lena, die gerade mit einem Becher Kaffee hereingekommen war, erstarrte. Ihr Blick ging nicht zu Ingrid, sondern zu Markus. In dieser Sekunde wusste er, dass er nicht mehr verhandeln würde.

„Mama, setz dich. Nein, nicht auf den Sessel – da, der Küchenstuhl ist frei. Lena, kannste den Laptop aus dem Schlafzimmer holen? Danke. So. Mama, ich zeig dir jetzt was. Siehst du diesen Betrag? 1.310 Euro. Das war dein Schnitt in den letzten Monaten. Und hier – das ist der Saldo unseres Gemeinschaftskontos nach der letzten Abbuchung für deine Heizölrechnung. Minus 583 Euro. Wir haben kein Geld für ein Haus. Wir haben nicht mal mehr das Geld, um deine Forderungen weiter wie einen Dauerauftrag zu behandeln, ohne dass Lena und ich irgendwann den Dispo ausreizen müssen. Ab heute läuft das anders. Ich hab eine SMS an die Bank geschickt – hier, siehst du den Verlauf? Die Karte, mit der du immer an unserem Automaten abgehoben hast, ist seit vorhin gesperrt. Das monatliche Dauerüberweisungslimit für dein Konto steht auf null. Die Warmmiete in Leipzig überweis ich noch für zwei Monate, dann läuft der Vertrag aus. Ab September bist du für Mausi und die Wohnung selbst verantwortlich. Du hast eine Rente, du hast Ersparnisse von Oma – die hast du nie angerührt, weil du gesagt hast, die sind für den Notfall. Jetzt ist der Notfall: mein eigenes Leben. Ich trag das nicht mehr weiter, nur weil ich mich schuldig fühle. Und nein, du ziehst hier nicht ein. Das hier – die 46 Quadratmeter – das ist unser Zuhause. Für Lena und mich. Punkt.“

Während er sprach, hatte er den Bildschirm zu ihr gedreht. Das Display zeigte die Bestätigung der Bank: „Limitänderung erfolgreich. Neues Tageslimit: 0,00 EUR“. Daneben lag der schmale Stapel der Kontoauszüge, darauf Lenas Notiz mit der Summe von 19.200 Euro – gefettet mit einem orangefarbenen Marker.

Ingrid saß stumm da, die Lippen wurden schmal. Mausi winselte leise, als spüre er den Bruch. Sie faltete die Hände im Schoß, räusperte sich mehrmals, brachte aber keinen Satz heraus. Schließlich stand sie auf, zupfte den Beutel vom Tisch und ging zur Tür. Am Flur drehte sie sich noch einmal um. „Das kommt davon, wenn man sich von der Frau das Hirn verdrehen lässt. Die hat dich nie leiden können, das hab ich immer gewusst. Ich hoffe, die zwanzigtausend sind ihr das wert gewesen.“ Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, nicht knallend, aber mit einem trockenen Klick, der lauter war als jedes Gebrüll.

Markus hörte, wie der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte. Er atmete aus, so lange, als hätte er eine halbe Stunde die Luft angehalten. Lena stand mit dem Kaffeebecher in der Hand am Fenster, die Schultern ganz ruhig.

„Sie wird morgen wieder anrufen“, sagte sie.

„Dann geht die Mailbox ran.“ Markus nahm den Kaffee aus ihrer Hand und trank einen Schluck. Er war kalt. Sie wechselten einen Blick, in dem keine Erleichterung lag, sondern etwas, das eher dem Gefühl glich, dass ein altes Zimmer endlich ausgeräumt war. Auf der Baustelle gegenüber hämmerte jemand gegen den Putz, ein gleichmäßiger, harter Rhythmus. Draußen die Hafenluft, die nach Öl und feuchtem Stahl roch, wehte durchs Fenster. Mausis Leine lag noch auf dem Schuhschrank. Markus hob sie auf, öffnete das Fenster zum Innenhof und ließ sie mit einem kurzen Zögern fallen. Sie klatschte dumpf auf den Beton, irgendwo zwischen den Fahrrädern, und er schloss das Fenster wieder.

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