— Sofie, iss doch was, du rührst ja gar nichts an! — Brigitte beugte sich über den Tisch, ihre Bernsteinkette klimperte gegen die Suppenschüssel. — Der Rinderbraten ist noch warm. Mein Sohn braucht mal was Ordentliches, nicht immer nur das Zeug aus deinen Plastikboxen vom Bringdienst.
— Danke, Brigitte, ich hab schon im Büro gegessen.
Ich lächelte, aber die Lippen fühlten sich an wie Pappe. Neben mir drehte Jonas an seinem Weinglas, ohne zu trinken. Den ganzen Abend über hatte er sich seltsam benommen — zu laut über die Witze seines Onkels Werner gelacht, ständig aufs Handy geschaut, sich die Handflächen an der Hose abgewischt.
Als Brigitte aufstand, um die leeren Teller in die Küche zu bringen, sprang Jonas auf, folgte ihr, und auf dem Rückweg streifte er mit dem Ärmel die Tischkante. Aus seiner Jackentasche fiel etwas Schweres auf den Dielenboden der Reihenhausküche in Solingen, wo Brigitte seit dreißig Jahren wohnte. Es klimperte gegen das Tischbein.
Ich bückte mich schneller als er. Ein Schlüsselbund, drei Schlüssel an einem dicken Ring, dazu ein kleiner Anhänger aus gebranntem Ton — ein krummer Vogel mit schiefem Flügel. Den hatte ich selbst getöpfert, vor vier Jahren, als ich meine erste Töpferwerkstatt in der Innenstadt eröffnete.
Das waren die Schlüssel zu meiner leerstehenden Zweizimmerwohnung in der Kasernenstraße. Den Ersatzsatz, den ich Jonas vor sechs Wochen gegeben hatte, damit er nach dem Maler sehen konnte.
— Gib her — Jonas riss mir den Bund aus den Fingern, sein Gesicht bekam sofort rote Flecken. — Ist mir aus der Tasche gerutscht.
— Warum hast du die Schlüssel überhaupt mit hierher gebracht?
— Wollte morgen früh vorbeifahren. Steckdose in der Küche checken. Vergiss es einfach.
Brigitte kam mit einer Torte aus dem Supermarkt zurück, die Buttercreme schon leicht zerlaufen von der Heizungsluft. Sie strahlte, als hätte sie im Lotto gewonnen. Ihre Tochter Katja, zweiunddreißig, umarmte sie plötzlich quer über den Tisch:
— Mama, du bist einfach die Beste. Ohne dich würden Milo und ich immer noch in dieser feuchten Bude bei fremden Leuten hocken.
Onkel Werner hob sein Glas. Ich sah zu Jonas hinüber. Er studierte das Muster der Tapete hinter meinem Kopf, als gäbe es dort etwas sehr Wichtiges zu entdecken.
Drei Tage später kam ich gegen halb zehn von der Werkstatt nach Hause. Im Flur unserer gemieteten Wohnung in Wuppertal-Elberfeld standen Brigittes Gummistiefel, verkrustet mit Gartenerde. Auf dem Küchentisch: drei Einweckgläser mit sauren Gurken, ordentlich beschriftet mit ausgeschnittenen Zeitungsstreifen.
— War deine Mutter da?
— Sie ist von Herzen gekommen, Sofie, quer durch die Stadt mit dem Bus, mit sauren Gurken im Rucksack. Sei mal nicht so streng. Sie hat nur kurz die Schlüssel vorbeigebracht.
— Welche Schlüssel?
— Na, die von der Kasernenstraße. Die ich bei ihr gelassen hatte, als ich das Werkzeug abgeholt hab. Weißt du nicht mehr?
Ich erinnerte mich an zwei Wochen zuvor, wie im großen Zimmer plötzlich die Farbeimer versetzt waren. Ich hatte gedacht, der Maler hätte aufgeräumt. Ich hatte es einfach übergangen — zu viel im Kopf mit der dritten Filiale, den Mietverträgen, der Regalbestellung.
Am Samstag fuhren wir zum Baumarkt. Jonas fuhr, wechselte ständig die Spur ohne zu blinken.
— Katja hat gestern wieder geweint. Der Vermieter erhöht die Miete für das WG-Zimmer von vierhundertfünfzig auf sechshundert. Und Unterhalt kriegt sie nur mickrige zweihundert.
— Und was macht sie jetzt?
— Sofie, sie hat ein kleines Kind! Du redest, als wär das einfach so. Du bist die taffe Geschäftsfrau bei uns, aber Katja ist zart, sie ist verletzlich. Meine Mutter hat deswegen Blutdruck über zweihundert.
— Ich schenk Milo jede Saison Kleidung. Fünfzig Euro zum Geburtstag. Was schulde ich noch?
— Sagt ja keiner, dass du was schuldest — murmelte er ins Handy. — Bei manchen ist eben viel, bei anderen wenig. Lass uns das Thema wechseln.
Abends rief Brigitte an. Ich saß mit dem Laptop auf dem Sofa, rechnete Belege für eine Tonlieferung durch, achthundert Euro wollten nicht aufgehen.
— Sofie, Schätzchen, wie geht's der Gesundheit? Nicht zu viel arbeiten, du bist unsere Einzige.
— Alles gut, Brigitte. Was gibt's?
— Ich hab Streuselkuchen gebacken. Wollte fragen, fahrt ihr morgen zur Kasernenstraße? Der Maler ist doch fertig, oder? Schön geworden, so geräumig …
— Fertig. Wir fahren nicht hin. Ich lasse nächste Woche putzen und vermiete die Wohnung dann. Ich brauch das Geld, für ein Lager, ich hab da was in Aussicht.
Stille am anderen Ende. Ein scharfes Geräusch, Geschirr klapperte im Hintergrund.
— Vermieten also. An Fremde. Die machen dir alles dreckig, die neuen Tapeten ruiniert.
— Achthundertfünfzig im Monat sind kein Kleingeld, Brigitte. Das fließt zurück ins Geschäft.
— Na dann — trocken, fast bissig. — Geschäftsfrau eben. Ruh dich aus.
Sie legte auf. Jonas lag im Schlafzimmer, Handy-Licht auf dem Gesicht, tat so, als würde er ein Video schauen.
Mittwochmorgen ging Jonas früher zur Arbeit, ließ seine Arbeitsjacke am Haken hängen — die schwere, mit den vielen Fächern, die er sonst ins Lager trug. Zu warm draußen für die Jacke, hatte er gesagt. Ich wollte den Garagenschlüssel aus der Tasche nehmen, damit er nicht rumliegt. Meine Finger stießen auf steifes Papier.
Eine Quittung vom Schlüsseldienst in der Friedrich-Ebert-Straße. Datum: letzten Donnerstag. „Anfertigung von drei Sicherheitsschlüsseln nach Abdruck — 68 Euro". Jonas' Unterschrift, hingekritzelt.
Dazu ein Kassenbon von Möbel Höffner. Lieferdatum: morgen, Samstag. Lieferadresse in klaren schwarzen Lettern: „Kasernenstraße 22, Wohnung 6". Empfängerin: „Brigitte K." Bestellt: ein graues Schlafsofa, eine Kommode, ein Kinderschreibtisch im Sale.
Ich stand im leeren Flur, die Zettel in der Hand. Draußen ratterte die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof, jemand knallte im Hof eine Autotür zu. Achtundsechzig Euro für Schlüssel. Möbel in meiner Wohnung. Mein Mann hatte Nachschlüssel machen lassen, sie seiner Mutter gegeben, und die beiden richteten hinter meinem Rücken meine Wohnung ein.
Die Hände zitterten nicht. Es war eine seltsame, kalte Leere in mir, wie in der Werkstatt nach Ladenschluss, wenn die Leuchtstoffröhren ausgehen und nur das Notlicht bleibt. Ich steckte die Zettel in meine Handtasche, direkt neben Ausweis und Grundbuchauszug, den ich seit der Vermietungsplanung immer im Reißverschlussfach dabeihatte.
Ich rief Jonas nicht an. Ich fuhr in die Werkstatt, prüfte mit meiner Angestellten Yara die neue Tonlieferung, setzte mich an den Schreibtisch. Gegen zwei kam eine Nachricht im Familienchat: „Sofie, bleib morgen Abend mit den Jungs an der Garage länger, Werners Auto ist kaputt, muss den Motor mit auseinandernehmen. Wird spät, mach dir keine Sorgen."
Ich tippte: „Alles klar. Viel Erfolg." Dann rief ich die Reinigungsfirma an, mit der ich für nächste Woche verabredet war.
— Guten Tag, hier ist Sofie Brandt. Könnten Sie die Endreinigung in der Kasernenstraße vorziehen, auf heute Abend? Ich zahl den Express-Zuschlag. Fünfzehn Euro extra, gut, bis siebzehn Uhr wären Sie da?
Als ich vor dem Haus vorfuhr, stand schon der Kleintransporter der Reinigungsfirma da. Ich ging hoch in den zweiten Stock, schloss mit meinem Schlüssel auf. Drinnen roch es nach frischer Farbe. Im großen Zimmer, mitten auf dem frisch gewischten Laminat, standen drei riesige Kartons mit dem Höffner-Logo. Das Sofa war schon aufgebaut — offenbar hatten die Lieferanten einen eigenen Schlüsselsatz gehabt.
— Wo zuerst, Chefin? — fragte die Vorarbeiterin.
— Küche zuerst, bitte. Und den Flur gründlich, hier ist es sauber, nur Bauschmutz.
Ich setzte mich aufs Fensterbrett. Draußen wurde es dunkel über den Dächern von Wuppertal. Das Handy vibrierte. Brigitte.
— Sofie, Schätzchen! Habt ihr morgen um vier Zeit? Wir machen ein kleines Familienessen. Guten Grund gibt's auch! Katja backt Streuselkuchen, Werner kommt auch. Kommt vorbei, feiern wir richtig.
— Wo denn, Brigitte? Im Restaurant?
— Wozu Geld ausgeben! Bei uns, das siehst du dann schon. Ich schick dir die Adresse.
Die SMS kam Minuten später: „Kasernenstraße 22, Wohnung 6. Nicht zu spät!"
Ich holte den zweiten Schlüsselbund aus der Tasche, den ich morgens aus Jonas' Jacke genommen hatte. Der Tonvogel mit dem schiefen Flügel baumelte daran. Ich löste ihn vom Ring und steckte ihn tief in mein Portemonnaie, neben den Ausweis.
Samstag, vier Uhr nachmittags, Kasernenstraße 22. Vor der Wohnungstür roch es nach Brathähnchen und Werners lautem Lachen. Ich stieg die Treppe hoch, öffnete die Tür.
Im Flur, auf meinem neuen Türteppich, ein Berg fremder Schuhe. Im Wohnzimmer, um einen Tisch, den sie offenbar vom Gartengrundstück mitgebracht hatten, saß die ganze Familie. Auf meinem grauen Sofa lümmelte der fünfjährige Milo mit dem Tablet, Schokofinger auf dem Bezug.
Brigitte stand mitten im Raum in ihrem besten Kleid.
— Da ist ja Sofie! Unsere Geschäftsfrau! — verkündete sie den Verwandten. — Setz dich, Sofie. Schau nur, wie schön das Sofa steht. Als wär's immer dagewesen.
Ich blieb an der Tür stehen, zog nicht mal den Mantel aus.
— Was geht hier vor, Brigitte?
Ihr Lächeln wurde für einen Moment starr, dann bekam es diese wohlwollende Lehrerinnen-Miene.
— Sofie, tu nicht so fremd. Katja ist mit dem Kind endlich aus dieser feuchten WG raus. Jonas hat gestern beim Schrankaufbau geholfen. Deine Wohnung stand leer, schön renoviert — sollen doch nicht Fremde das für ein Sümmchen kriegen. Familie hilft Familie.
Jonas drehte sich weg, betrachtete plötzlich sehr angestrengt das Tischtuchmuster. Werner hüstelte in die Faust und starrte aus dem Fenster.
— Jonas. Sieh mich an.
Er sah nicht auf. Nur seine Schultern zuckten.
— Sofie, musst du wirklich vor allen Leuten so eine Szene machen? — Brigittes Stimme bekam den scharfen Ton der Amtsleiterin, die sie mal war. — Katja zahlt dir doch die Nebenkosten, ehrlich, auf den Cent! Sie hat drei Filialen … du wirst dir schon wieder was verdienen. Katja hat sonst niemanden.
Ich trat vor, direkt an den Tisch. Alle verstummten. Sogar Milo ließ das Tablet sinken.
— Ich habe Katja nicht erlaubt, hier zu wohnen — sagte ich, Brigitte direkt in die Augen sehend. — Und Jonas hatte kein Recht, über meine Schlüssel zu verfügen. Diese Wohnung steht auf meinen Namen. Gekauft mit meinem Geld, bevor ich diese Familie überhaupt kannte.
— Wie redest du denn mit mir! — Brigittes Gesicht lief rot an. — Wir wollten doch nur helfen! Ich rette mein Kind, mir bricht das Herz, wenn Milo in dieser Absteige aufwächst! Du bist kalt, Sofie. Denkst nur an deine Töpferwaren, an deinen Umsatz!
Ich wandte mich an Katja.
— Steh auf. Gib mir den Schlüsselbund, den Jonas dir gegeben hat.
— Mama … — Katja klammerte sich an ihre Tasche.
— Die gibt sie nicht her! — Brigitte stellte sich dazwischen. — Jonas, sag doch was! Sitzt du hier wie ein Denkmal, während man deine Mutter und Schwester rausschmeißt?
Jonas hob endlich den Kopf. Grau im Gesicht, die Lippen zitterten.
— Sofie, können wir das nicht zu Hause klären … nicht vor allen …
Ich hörte nicht weiter zu. Ich ging um Brigitte herum, zog den Schlüsselbund selbst aus Katjas halb offener Jackentasche. Die drei Nachschlüssel vom Schlüsseldienst.
— Fertig. Die Feier ist vorbei. Werner, helfen Sie Brigitte beim Einpacken der Sachen vom Tisch. Katja, nimm dein Kind, pack deine Sachen. In einer halben Stunde will hier niemand mehr sein.
— Du … wir …! — Brigitte rang nach Luft, ihre ganze Selbstsicherheit fiel in sich zusammen wie ein platzender Ballon.
Stille im Raum. Brigitte starrte mich an, mit einem Schock in den Augen, den ich in all den Jahren nie zuvor gesehen hatte. Kein Wort fiel ihr mehr ein.
Ich ging zur Tür. Auf der Schwelle blieb ich stehen, ohne mich umzudrehen.
— Jonas, die Schlüssel zu unserer Mietwohnung legst du auf die Kommode im Flur. Deine Sachen stell ich heute Abend in den Hausflur. Mit jemandem, der hinter meinem Rücken Nachschlüssel machen lässt, um seiner Mutter zu gefallen, lebe ich nicht mehr zusammen.
Der Notdienst kam nach vierzig Minuten. Ein Mann in blauer Arbeitskleidung kniete sich vor die Tür, packte einen neuen Zylinder aus der Folie, tauschte das Schloss. Das Metallscharren beruhigte mich. Die Familie war fünfzehn Minuten zuvor gegangen, schweigend, hintereinander die Treppe runter — Werner mit dem zusammengerollten Tischtuch, Brigitte mit dem verstummten Milo an der Hand. Jonas ging als Letzter, trug Katjas Tasche. Mich sah er nicht an.
— Fertig, gnädige Frau — der Schlosser stand auf, wischte sich die Hände. — Fünf neue Schlüssel. Die alten können Sie wegwerfen, die passen nirgends mehr. Macht neunundvierzig Euro fünfzig.
Ich überwies per Handy. Er packte ein, verabschiedete sich, die Tür fiel sanft ins Schloss.
Ich ging in die Küche, warf das Hähnchen im Plastikbehälter in den Mülleimer unter der Spüle, dazu die angebrochene Flasche Eierlikör, die Werner stehengelassen hatte. Dann öffnete ich die Handtasche, holte den Grundbuchauszug heraus und den kleinen Tonvogel mit dem schiefen Flügel. Ich legte ihn auf die leere Fensterbank im großen Zimmer.
Draußen über Wuppertal fingen die ersten Straßenlaternen an zu brennen. Aus der Nachbarwohnung drang leise das Vorabendprogramm im Fernsehen, jemand kochte Kohl, der Geruch zog durchs Treppenhaus. Ich blieb noch eine Weile am Fenster stehen, den Grundbuchauszug in der Hand, bevor ich das Licht ausmachte und die frisch verschlossene Tür hinter mir zuzog.







