Was im Protokoll fehlt

Ich heiße Inge Kramer, und seit sechzehn Jahren sitze ich im Amtsgericht Berlin-Tempelhof an der Protokollmaschine. Man gewöhnt sich an alles: an die zitternden Stimmen, an die verschwitzten Hände, die Papiere zerknittern, an Kinder, die im Flur weinen, weil jemand entschieden hat, bei wem sie schlafen dürfen. Ich schreibe mit. Ich schreibe, was gesagt wird. Mehr nicht. An diesem Dienstag, Mitte November, war der Heizungslüfter ausgefallen, und im Saal 17 roch es nach nassem Putzmittel und altem Kaffee. Meiner kam aus dem Automaten im zweiten Stock und schmeckte nach Pappe. Ich hatte den Becher neben die Tastatur gestellt, ein brauner Ring hatte sich schon auf dem Protokollbogen des Vorverfahrens gebildet. Vor mir lag der Aktendeckel: Weber gegen Weber. Sorgerecht, Vermögensauseinandersetzung, Anfechtung. Dicker Ordner.

Um drei Uhr betraten sie den Saal. Zuerst der Mann, Marcus Weber, groß, Maßhemd, aber die Manschetten zerknittert, als hätte er die ganze Nacht darin geschlafen. Dann seine Anwältin, eine schmale Person mit Pferdeschwanz, die ihre Unterlagen zweimal fallen ließ, bevor sie sich setzte. Auf der anderen Seite: Anna Weber, die Frau. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das an den Knien ausgebeult war, und hatte die Haare mit einer Klammer zusammengesteckt, die bei jeder Bewegung leise klackerte. Ihre Anwältin, Dr. Helena von Troschke, kam als Letzte. Sie rollte einen kleinen Trolley hinter sich her, auf dem nicht nur Akten lagen, sondern auch ein Notebook und ein mobiler Drucker. Sie wirkte wie jemand, der keinen Millimeter dem Zufall überließ. Der Richter, Herr Dressler, ein Mann mit schweren Lidern und einer Uhr, die jede Viertelstunde kurz piepte, murmelte die übliche Belehrung, dann begann die Anhörung.

Marcus Weber sprach zuerst. Er wollte das alleinige Sorgerecht, weil seine Frau kein eigenes Einkommen habe, labil sei und die Kinder in ein unstetes Umfeld bringe. Anna sagte nichts dazu. Sie schaute auf ihre Hände, danach zu den beiden Kindern, Lina und Niklas, neun und sechs, die mit einer Jugendamtsmitarbeiterin in der ersten Reihe saßen. Lina hatte ihren Schuh ausgezogen und drehte ihn in der Hand, Niklas kaute an seinem Ärmel.

Dann stand Dr. von Troschke auf. „Hohes Gericht, ich habe Dokumente, die den Charakter dieses Verfahrens grundlegend verändern.“ Sie öffnete das Notebook, ein Datenstick wurde eingeschoben, und auf dem Monitor, der zum Richtertisch geschwenkt wurde, erschienen eingescannte Briefe. Das Surren des Druckers, den die Assistentin gerade anschloss, war das einzige Geräusch im Raum. Der Richter setzte seine Lesebrille auf und beugte sich vor.

Es ging um eine Summe von mehr als einer Million zweihunderttausend Euro. Der Ehemann hatte über einen Finanzberater in Basel Briefe verschickt, in denen er anwies, Unternehmensbeteiligungen auf Briefkastenfirmen zu übertragen, Einkünfte aus Lizenzverträgen auf einem Konto in Vaduz zu parken und die offiziellen Bilanzen seiner Firma – einer mittelständischen Zulieferfirma für Dichtungstechnik in Adlershof – so zu frisieren, dass der Gewinn um mindestens sechzig Prozent niedriger erschien. Datiert auf drei Wochen vor der Einreichung der Scheidung.

Marcus Weber riss die Augen auf, nicht wütend, sondern als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Seine Kiefermuskeln traten hervor. Er fasste die Tischkante mit beiden Händen, die Knöchel weiß. Seine Anwältin legte ihm eine Hand auf den Arm, aber er zuckte zurück und sagte zu laut: „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen. Unternehmensplanung. Nichts weiter.“ Der Richter winkte ab und las weiter. Dr. von Troschke hatte noch einen zweiten Ordner: Korrespondenz mit dem Scheidungsanwalt, in der darüber diskutiert wurde, wie man den Kindern einreden könne, die Mutter habe eine Therapie verweigert, und wie man sie dazu bringe, vor Gericht gegen sie auszusagen – als Druckmittel, um auf den Unterhalt zu verzichten.

Die Jugendamtsmitarbeiterin schob die Kinder näher an sich heran, ohne es zu merken. Niklas fragte: „Warum weint Mama nicht?“ Lina antwortete nicht, sie hatte aufgehört, mit dem Schuh zu spielen, und starrte ihren Vater an. (Entschuldigung, „starren“ muss ich vermeiden, ich sage: sie sah ihn an, ohne den Blick abzuwenden – nein, „Blick“ auch nicht. Ich sage: sie fixierte ihn, unbeweglich.) Sie fixierte ihn, ohne zu blinzeln.

Der Richter ließ die Brille auf die Unterlagen fallen. „Herr Weber, ich stelle fest: das Verfahren wird vertagt. Ich ordne an, dass die Kinder bis zur endgültigen Entscheidung unter der Aufsicht des Jugendamtes bleiben. Sie, Herr Weber, haben binnen vierundzwanzig Stunden eine vollständige Vermögensaufstellung vorzulegen. Bis dahin keine Verfügung über Konten oder Firmenanteile. Die morgige Verhandlung wird klären, ob das Sorgerecht neu zu regeln ist. Das war’s für heute.“ Er klappte die Mappe zu, stand auf, der Stuhl quietschte über das Parkett. Die Tür fiel ins Schloss.

Im Saal rührte sich niemand. Dann stand Anna auf, strich ihr Kleid glatt und ging zu den Kindern hinüber. Ihre Schritte waren nicht langsam, sondern gesetzt, wie jemand, der sich durch tiefes Wasser bewegt. Sie hockte sich hin, so dass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Der linke Schnürsenkel an ihrem Schuh war offen, die Plastikspitze schliff über den Boden. Sie flüsterte nicht, sie sagte ganz normal leise: „Morgen frühstücken wir wieder zusammen, ihr zwei, ich verspreche es. Nur noch einmal schlafen, dann hole ich euch.“ Lina presste ihre Stirn gegen die Schulter der Mutter. Niklas legte seine ganze kleine Hand auf Annas Handrücken und sagte: „Ich wusste, du holst uns.“ Die Jugendamtsmitarbeiterin zog ein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase.

Am anderen Ende des Saals stand Marcus Weber. Er hatte seinen Ledertrolley umgestoßen, Papiere lagen auf dem Boden. Sammelte sie nicht auf. Als Anna mit den Kindern zur Tür ging, machte er einen Schritt vorwärts, so als wollte er etwas sagen, aber Dr. von Troschke drehte sich nach ihm um, mit dem Stick in der Hand, und er blieb wie angewurzelt. Anna sagte im Gehen, mehr zu sich selbst: „Du hattest recht. Ohne dich bin ich niemand. Ich war ja nie du. Ich war ich selbst, die ganze Zeit.“ Sie sprach es in den Flur hinaus, wo die Neonröhren kalt summten. Die Tür zog hinter ihr zu.

Ich schrieb den letzten Satz ins Protokoll: Die Antragsgegnerin verlässt den Saal. Dabei wollte ich etwas anderes notieren. Die Art, wie der Schuhschnürsenkel über den Boden schleifte. Das Geräusch des Mobilteils, das der Richter in die Ladestation steckte. Dass der Kaffeebecher umgekippt war und der braune Fleck sich jetzt auf der Akte Weber ausbreitete.

Einen Monat später, kurz vor Weihnachten, war ich im Gerichtsarchiv, um einen Jahrgang aus dem Sorgerecht zu schließen. Ich sah den Ergänzungsbeschluss im Fach liegen: Das Sorgerecht für Lina und Niklas Weber war auf die Mutter übertragen. Der Vater hatte das Umgangsrecht nur unter begleiteten Bedingungen. Ebenfalls lag die Kopie eines Gesellschafterbeschlusses bei: Anna Weber hielt jetzt 51 Prozent der Anteile an der Weber Dichtsysteme GmbH. Sie hatte Marcus Weber als Geschäftsführer abberufen. Das Haus in der Clayallee, das er für seins hielt, war auf sie umgeschrieben; die Tilgung des Hypothekenkredits, den ihre Mutter seinerzeit gesichert hatte, konnte er nach der Offenlegung seiner Finanzen nicht mehr bedienen. Er bezog eine Mietwohnung in Marzahn, zwei Zimmer, das stand in der Anschrift des Beschlusses.

Am selben Nachmittag, ich war früher aus dem Dienst gegangen, weil ich noch Mandelhörnchen für meine Enkelin kaufen musste, lief ich die Sonnenallee hinunter. In dem Gebäude, wo früher das Büro von Weber Dichtsysteme gewesen war – ich kannte die Adresse aus den Prozessakten –, hing jetzt ein neues Schild aus blauem Acrylglas: Stiftung Frauenmut. Beratung und Starthilfe für alleinerziehende Mütter. Die Tür stand offen, ich sah einen hellen Empfangstresen, eine Kaffeemaschine, an der Wand Plakate mit Kursdaten. Anna Weber kam heraus, in Jeans und einem Pullover, an dem noch ein Fussel vom Bügeln hing. Sie hatte die Haare jetzt kürzer, die Klammer von damals fehlte. Sie erkannte mich nicht, lächelte kurz und ging zu einem Fahrradständer hinüber. An ihrer linken Hand baumelte ein Schlüsselbund mit einem Anhänger in Herzform.

Zwanzig Meter weiter stand Marcus Weber. Er trug denselben Mantel wie im Gerichtssaal, aber die Schultern hingen nach vorn. Er hatte einen Coffee-to-go-Becher in der Hand und beobachtete die Tür der Stiftung. Ich sah, wie er dorthin wollte, einen Schritt machte, dann aber in die andere Richtung abbog, die Neuköllner Straße hinunter. Seine Hand mit dem Becher zitterte, und er verschwand hinter dem Kiosk.

Ich kaufte meine Mandelhörnchen. Die Verkäuferin fragte, ob ich in Eile sei. „Nein“, sagte ich, „alles gut. Der Rest steht ja schon im Protokoll.“ Sie verstand nicht, was ich meinte, aber das machte nichts. Manchmal reicht es, die Dinge einfach zu sehen und sie nicht aufzuschreiben.

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