Die Nummer auf dem Halsband

Am ersten Samstag im Mai fuhr Jasmin Brandt mit der Linie 6 bis zur Haltestelle Kurhaus. Sie stieg aus, zog die Kapuze ihres Anoraks über den Kopf und blieb auf dem Gehweg stehen. Zwischen den Rosenbeeten glänzten die goldenen Figuren. Dreihundertsechzig Heinrich-Heine-Figuren, jede so groß wie ein Kind, jede begleitet von einem kleinen Hund aus Bronze, der die gleiche Pose hatte: eine Pfote angehoben, das Maul leicht offen.

Jasmin trug eine Papprolle unter dem Arm. Darin steckte die Zeichnung ihrer Urgroßmutter aus dem Jahr 1906. Ein Spitz, dessen linke Vorderpfote einen weißen Fleck in Kreuzform hatte. Genau wie jeder Hund hier.

Am Wegrand stand Matthias Streich, der Kurator der Ausstellung. Er rauchte eine Zigarette und trug einen lammfellgefütterten Parka, der viel zu warm war für den Monat. Jasmin ging auf ihn zu und entrollte das Papier.

„Diese Zeichnung stammt von meiner Urgroßmutter“, sagte sie. „Und die Hunde hier tragen ihr Markenzeichen.“

Streich nahm die Rolle, warf einen Blick darauf und reichte sie zurück. „Ein Spitz. Zehntausend Zeichner haben Spitze gezeichnet. Das ist kein Beweis für Urheberschaft.“ Er schnippte die Asche auf den Kies.

„Sehen Sie auf das Halsband.“ Jasmin deutete auf den Hund, der vor dem nächsten Sockel hockte. „Da ist eine Nummer eingraviert. 19.03.1907. Meine Urgroßmutter, Emma Brandt, ist an diesem Tag geboren. Auf jedem Halsband steht diese Zahl. Auf jedem außer einem einzigen. Der Figur direkt am Eingang des Rosengartens. Da fehlt sie.“

Streich trat einen Schritt vor und beugte sich tiefer. In seinem Gesicht bewegte sich etwas, aber nur kurz. „Eine Chargennummer. Die Gießerei hat sie wahrscheinlich automatisch gesetzt.“

„Meine Urgroßmutter hat das Modell für alle dreihundertsechzig Güsse geschaffen“, sagte Jasmin. „Sie hat ihr Geburtsdatum als verstecktes Zeichen auf jedem Halsband hinterlassen, damit man den wahren Ursprung eines Tages nachweisen kann. Nur bei der ersten Figur, der Signaturfigur, hat sie die Zahl weggelassen. Absichtlich. Ein Original ohne Kennzeichnung, umgeben von dreihundertneunundfünfzig Kopien, die alle dasselbe Datum tragen. So beweist man, wer zuerst da war.“

Streich schnaubte und nahm einen letzten Zug. „Ich habe keine Zeit für Verschwörungstheorien. Wenn Sie Ansprüche stellen wollen, schicken Sie einen Brief an das Studio.“ Er warf die Zigarette in den Gully und entfernte sich in Richtung Orchesterbühne.

Jasmin blieb stehen, bis er verschwunden war. Dann kniete sie sich vor die nächste Figur, band eine kleine Plastikplakette mit einem Kabelbinder an das Halsband und fotografierte sie mit dem Handy. Auf der Plakette stand in schwarzer Schrift: „Entwurf: Emma Brandt, 1906“. Sie ließ die Plakette hängen, steckte das Handy ein und fuhr mit der Straßenbahn zurück in die Blumenstraße.

In der Küche ihrer Mietwohnung hängte sie den Anorak über einen Stuhl. Auf dem Fensterbrett stand ein Karton mit persönlichen Unterlagen, den sie seit dem Tod ihrer Mutter nicht geöffnet hatte. Sie zog das Leinenheft hervor, das sie vor zwei Wochen im Keller des Hauses in Bad Schwalbach gefunden hatte. Es war das Tagebuch der Urgroßmutter. Auf Seite elf, geschrieben im März 1906, stand: „Wilhelm Klause bot mir fünfzig Mark für den Hund. Ich habe nein gesagt. Er lachte und sagte, der Hund sei nicht mehr mein, wenn er erst gegossen ist. Dieser Mann ist ein Dieb.“

Jasmin las die Stelle dreimal. Klause. Der Mann, der den Entwurf im Katalog der Ausstellung als sein eigenes Werk ausgegeben hatte, ohne dass sein Name je öffentlich in Frage gestellt worden war. Sein Nachlass war später an eine Stiftung übergegangen, die heutige Kulturstiftung Rheinallee, geführt von einem gewissen Udo Kessler, der die Ausstellung mitfinanzierte und Streichs eigentlicher Auftraggeber war. Klause hatte gestohlen. Kessler und sein Fonds hatten das Diebesgut sechs Generationen später zu Geld gemacht, ohne es zu wissen oder ohne es wissen zu wollen.

Hinter der Wand begann der Papagei der Nachbarin zu schimpfen. „Geld! Geld!“, rief er. Jasmin ging zum Herd, füllte den Wasserkocher und zog den Stecker aus der Dose, bevor das Wasser kochte. Sie hatte keinen Durst.

Gegen Mittag rief ihre Schwester Kathrin an.

„Morgen um elf bei Notar Hansen“, sagte Kathrin. „Der Käufer bringt den Scheck. Du musst nur die Unterlagen unterschreiben.“

„Ich unterschreibe nicht“, sagte Jasmin.

In der Leitung raschelte etwas, als würde Kathrin mit einem Plastikbecher hantieren.

„Das Haus ist für uns doch viel zu groß. Der Käufer will ein Apartmenthaus daraus machen. Sechs Parteien. Er zahlt vierhundertachtzigtausend. Nach Abzug der Steuern bleibt für dich mehr als genug, um deine Schulden zu decken.“

„Das Grundstück liegt über einer Quelle“, sagte Jasmin. Sie legte das Tagebuch neben den Telefonhörer. „Die Quelle speist den Teich im Kurpark. Ich habe gestern mit dem Ingenieurbüro Schnabel gesprochen. Wenn das Grundstück versiegelt wird, kann das Auswirkungen auf die Wasserführung im Park haben. Das will ich erst klären lassen, bevor irgendjemand baut.“

Kathrin schwieg einen Moment. „Du redest von einem alten Bauernhof, den Mama nie mehr betreten hat. Sie hat gesagt, wir sollen verkaufen, wenn wir bereit sind. Ich bin bereit. Du offenbar nicht.“

„Mama hat mir im Hospiz gesagt: Verkaufe nicht, bevor die Ausstellung vorbei ist“, sagte Jasmin. „Ich wusste nicht, warum. Jetzt weiß ich es. Sie kannte die Zeichnung. Sie wollte, dass ich zuerst in den Park gehe und die Nummern sehe.“

„Was für Nummern? Ich habe keine Zeit für solche Spiele.“

Jasmin stand auf und zog die Jalousie herunter. „Ich werde der Stadt anbieten, das Haus zu übernehmen. Mit einer Auflage: ein kleines Museum zu Ehren unserer Urgroßmutter im Erdgeschoss. Dazu eine Tafel neben jedem Hund im Park mit ihrem Namen.“

Kathrin lachte kurz auf. „Du willst das Haus verschenken?“

„Ich will den Namen sichtbar machen“, sagte Jasmin. „Und ich glaube, der Käufer, mit dem du verhandelst, steht dem Fonds nahe, der die Ausstellung finanziert. Das Grundstück wäre für die als Erweiterungsfläche interessant. Ich habe im Testament nachgelesen, das beim Amtsgericht liegt. Mama hat mich als Alleinerbin für das Haus eingesetzt, nicht dich. Du wusstest das. Du hast es nie angefochten, weil du dachtest, ich verkaufe irgendwann doch.“

„Du hast sie nicht mehr alle!“ Kathrin schrie so laut, dass der Papagei im Nebenzimmer mit einstimmte. „Du ruinierst alles!“

Jasmin nahm das Telefon vom Ohr und hielt es mit ausgestrecktem Arm in Richtung Fenster. Als sie es wieder ans Ohr führte, war die Leitung tot.

Am späten Nachmittag stand Jasmin im Büro des Notars in der Innenstadt. Sie hatte einen Anwalt mitgenommen, einen jungen Mann mit Aktenkoffer und abgenutztem Reißverschluss. Am Tisch saßen bereits Matthias Streich, ein Vertreter der Stadt und eine Frau aus dem Kulturamt. Kathrin hatte sich für halb elf angesagt, war aber noch nicht erschienen.

Jasmin legte zwei Mappen auf den Tisch. „In dieser Mappe ist mein Angebot an die Stadt: das Haus in der Blumenstraße, mit einer Auflage. In der anderen liegt eine erste Zusammenstellung meiner Beweise: das Tagebuch meiner Urgroßmutter, die Fotos der Halsbänder, ein Vergleich der Zeichnung mit den Figuren. Ich will keinen Prozess. Ich will, dass jemand sich das hier in Ruhe ansieht.“

Streich schob den Stuhl zurück. „Sie können nicht einfach mit einem alten Heft hier auftauchen und erwarten, dass die Stadt ein Grundstück übernimmt, nur weil Sie eine Geschichte erzählen.“

„Es ist kein Ultimatum“, sagte Jasmin. Sie öffnete die zweite Mappe und schob das Tagebuch über den Tisch. „Lesen Sie Seite elf. Wilhelm Klause hat meiner Urgroßmutter den Entwurf abgekauft, ohne zu zahlen, und ihn als seinen eigenen ausgegeben. Sein Nachlass ging an die Kulturstiftung, die heute Ihre Ausstellung mitträgt. Herr Kessler von der Stiftung war nie informiert, davon gehe ich aus. Aber Sie, Herr Streich, haben heute Morgen im Park selbst gesehen, dass die Zahl auf jedem Halsband steht. Sie haben es eine Chargennummer genannt. Das war keine ehrliche Antwort.“

Die Vertreterin der Stadt nahm das Tagebuch in die Hand und blätterte vorsichtig zu Seite elf. Sie las still, dann sah sie zu Streich. „Wusste die Stiftung von einer möglichen fremden Urheberschaft, als der Vertrag mit der Stadt geschlossen wurde?“

„Ich vertrete die Ausstellung, nicht die Stiftung im Detail“, sagte Streich. „Mir liegt keine Bestätigung vor, dass eine Emma Brandt existiert hat.“

„Sie existiert nicht mehr“, sagte Jasmin. „Aber ihr Tagebuch existiert. Und die Nummer 19.03.1907 existiert auf dreihundertneunundfünfzig Halsbändern. Das kann jeder im Park nachzählen.“

Die Stadtvertreterin stand auf, trat ans Fenster und führte ein kurzes Telefonat mit gedämpfter Stimme. Sie kehrte an den Tisch zurück. „Das Kulturamt wird die Sache prüfen lassen, bevor die Stadt irgendetwas unterschreibt. Das ist kein Beschluss von heute. Ich kann so ein Grundstück nicht in einer Stunde übernehmen, egal was in der Mappe steht. Wir brauchen ein Gutachten zur Herkunft des Entwurfs und eine Stellungnahme unserer Rechtsabteilung.“

„Das verstehe ich“, sagte Jasmin. „Ich bitte nur darum, dass die Prüfung beginnt, bevor das Haus verkauft ist. Ich habe es noch nicht verkauft. Ich werde es auch nicht an einen Investor verkaufen, der dem Fonds nahesteht.“

Der Notar räusperte sich. „Dann sind wir heute noch nicht so weit, dass ich etwas beurkunden kann. Ich schlage vor, wir vertagen den Termin, bis das Kulturamt eine Antwort hat.“

Streich stand auf, nahm seine Mappe vom Tisch und ließ sie unter dem Arm hängen. „Sie werden feststellen, dass an dieser Geschichte nichts dran ist.“

„Dann wird das Gutachten das zeigen“, sagte Jasmin. „Und wenn es das Gegenteil zeigt, dann werde ich meinen Anwalt bitten, sich mit der Stiftung in Verbindung zu setzen. Nicht mit der Presse. Noch nicht.“

Sie sammelte ihre Unterlagen ein. Der Anwalt reichte der Stadtvertreterin seine Karte, mit der Bitte, sich in den nächsten Tagen zu melden. An der Tür drehte Jasmin sich noch einmal um. „Herr Streich, die Plakette am Halsband im Park, die Sie heute Morgen gesehen haben, lasse ich hängen. Bis jemand sie offiziell ersetzt oder bestätigt.“

Streich sagte nichts mehr. Er ging als Erster aus dem Raum.

Jasmin ging die Treppe hinunter, vorbei an einer Putzfrau, die einen Eimer auswrang. Auf der Straße vor dem Notariat stand der VW Golf ihrer Schwester, mit laufendem Motor am Straßenrand geparkt. Kathrin saß hinter dem Lenkrad, das Fenster halb geöffnet. Sie hatte den halben Weg hierher zurückgelegt und dann, im letzten Moment, den Wagen nicht mehr verlassen können.

„Ich bin nicht reingegangen“, sagte Kathrin, ohne den Motor abzustellen. „Ich hab hier gesessen und gewartet, was du tust.“

Jasmin blieb auf dem Bordstein stehen. „Ich habe nichts unterschrieben. Die Stadt prüft erst, ob an der Geschichte mit Emma etwas dran ist. Wenn ja, geht das Haus nicht an deinen Käufer.“

„Und wenn die Stadt nein sagt?“

„Dann reden wir noch mal über den Verkauf. Aber erst, wenn ich weiß, was meine Urgroßmutter wirklich gemacht hat.“

Kathrin sah durch die Windschutzscheibe geradeaus. „Ich hab Angst, dass du am Ende mit leeren Händen dastehst. Ohne Haus, ohne Geld, ohne diesen Namen im Park.“

„Kann sein“, sagte Jasmin. „Aber dann habe ich es wenigstens versucht, bevor ich verkauft habe. Nicht danach.“

Kathrin nickte, langsam, und ließ den Wagen ausrollen, ohne noch etwas zu sagen. Jasmin sah ihr nach, dann wandte sie sich um und ging in Richtung Straßenbahn. Ein leichter Nieselregen setzte ein. Auf der Anzeigetafel stand: „Linie 6, Kurpark, 12 Min.“ Sie setzte sich auf die Bank unter dem Glasdach, neben einen Mann, der eine Tüte gebrannte Mandeln aß. Der süße Geruch zog durch die Station.

Aus der Innentasche holte sie ihr Handy und öffnete das Foto von der Plakette am Halsband. Noch war es nur ein Stück Plastik an einer Bronzefigur, angebunden mit einem Kabelbinder. Aber morgen würde jemand vom Kulturamt in den Park kommen und es sich ansehen. Der Wind trug die Stimmen aus dem Park herüber, und irgendwo bellte ein kleiner Hund.

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