Kein Wort auf Umschau — sofort das Kapitel schreiben.

Die Möbel gehören niemandem mehr

Renate Brandmeier stand im leeren Kinderzimmer und zählte zum dritten Mal die Dübellöcher in der Wand nach, als hätte sich über Nacht einer dazugesellt. Draußen, auf der Ludwigstraße in Regensburg, rasselte der Bus 6 vorbei, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Kartoffelauflauf der Nachbarin von unten, Frau Wachtel, die immer donnerstags kochte, als ginge die ganze Hausgemeinschaft nach ihrem Kalender.

Der Schrank, der Schreibtisch, das Bett mit der orthopädischen Matratze — alles stand noch da, aber es gehörte schon nicht mehr richtig ihr. Ihr Sohn Jonas zog in zwei Wochen nach Leipzig, Wirtschaftsinformatik, dritte Bewerbungsrunde, endlich geklappt. Das Zimmer sollte ein Nähzimmer werden, das hatte Renate sich seit Jahren gewünscht, seit die Overlock-Maschine noch in der Abstellkammer stand.

„Verkauf's einfach", hatte Jonas gesagt, während er seine Sporttasche packte und die Poster von der Wand zog, ohne hinzusehen. „Steht sonst nur rum und wird zum Museum meiner Pubertät."

Renate strich über die Schrankfront, makellos, keine einzige Macke. Fünf Jahre alt, made in Germany, ein Möbelhaus in der Innenstadt, für das sie extra einen Kredit aufgenommen hatte, den letzten Cent im November abbezahlt.

„Schade eigentlich."

„Schade ist, wenn man's wegwirft." Jonas grinste. „So hat's wenigstens jemand davon. Stell einen fairen Preis rein, das geht schnell."

Sie fotografierte alles — Schrank, Schreibtisch, Bett — aus jedem Winkel, formulierte eine Anzeige, stellte sie auf zwei Plattformen ein, den Preis knapp unter Marktwert, weil sie die Renovierung noch vor Weihnachten fertig haben wollte.

Zwei Stunden später die erste Nachricht. Eine gewisse Bianca. „Hallo, ist die Anzeige noch aktuell? Wie alt ist der Schrank genau? Warum verkaufen Sie? Gibt es Kratzer, Dellen, Risse? Schließen die Schubladen richtig? Quietschen die Scharniere? Ist die Matratze im Preis dabei oder extra? Und die Lieferung — inklusive?"

Renate beantwortete jede Frage geduldig. Fünf Jahre, Renovierung, keine Schäden, Schubladen laufen einwandfrei, Matratze inklusive, Lieferung zahlt der Käufer.

„Könnten Sie noch mal fotografieren? Bei Tageslicht? Und ein Zollstock daneben, wegen der Maße?"

Neue Fotos. Zollstock an jeder Kante, jedes Fach, jede Scharnierschraube dokumentiert wie bei einer Gerichtsverhandlung.

„Wäre da noch was beim Preis drin? Wir haben drei Kinder, leben nur von Mannis Gehalt. Wäre echt eine Hilfe."

„Jonas, die Frau fragt nach Rabatt", rief Renate in den Flur. „Sagt, sie hat drei Kinder."

„Gib ihr was, sei nicht so geizig", kam es zurück. „Wird uns nicht arm machen."

Renate senkte den Preis um fünfzehn Prozent. Bianca bedankte sich überschwänglich, man vereinbarte den nächsten Abend, achtzehn Uhr.

Sie kam um halb sieben. Mit ihr ihr Mann — ein breitschultriger Typ mit einem Gesicht wie ein zugeklapptes Portemonnaie — und zwei Kinder, ein Junge, vielleicht sieben, ein kleineres Mädchen mit Zopf, das sofort anfing, an der Flurtapete zu pulen.

„Hier soll's sein? Vierter Stock, kein Aufzug, na super." Der Mann musterte das Treppenhaus, als hätte man ihn persönlich beleidigt.

„Kommen Sie rein", sagte Renate. „Zimmer hinten links."

Bianca, dünn, Ende dreißig, ging voran, die Kinder blieben im Flur. „Bleibt hier stehen und fasst nichts an. Besonders du, Fabi. Du machst immer alles kaputt."

Der Mann — seinen Namen erfuhr Renate erst später — legte den Finger auf die Schrankplatte. „Ist das da ein Kratzer?"

„Wo?" Renate trat näher. „Nein, das ist die Deckenlampe, die spiegelt sich nur."

„Doch, ich seh's genau." Er runzelte die Stirn. „Bianca, komm mal, guck."

Bianca kniff die Augen zusammen. „Könnte was sein."

„Da ist nichts", sagte Renate ruhig. „Fassen Sie ruhig hin, die Oberfläche ist glatt."

Der Mann öffnete die Schranktür, spähte hinein. „Und das da? Ein Fleck?"

„Das ist die Holzmaserung", erklärte Renate. „So kommt das ab Werk."

„Was für ein Werk denn? Für den Preis auch noch Flecken?"

Bianca zog eine Schreibtischschublade auf. „Quietscht."

„Das sind die Scharniere, kann man ölen."

„Warum haben Sie das nicht vorher gemacht? Anständige Leute machen ihre Möbel vor dem Verkauf in Schuss."

Renate atmete tief durch. „Die Möbel sind in einwandfreiem Zustand. Mein Sohn hat fünf Jahre lang gut darauf aufgepasst."

„Weiß nicht", zog Bianca die Silbe lang. „Manfred, was meinst du?"

Manfred — endlich ein Name — verzog das Gesicht. „Schrott. Für den Preis ist das Schrott. Ich dachte, hier gibt's mal was Ordentliches. Und dann so ein alter Kram."

„Das ist eine deutsche Marke", entfuhr es Renate. „Gekauft im Fachgeschäft am Neupfarrplatz."

„Ist doch egal, deutsch, polnisch — heute ist eh alles gleich."

Bianca umrundete das Zimmer noch einmal. „Geht da noch was beim Preis? Wo die Sachen doch Mängel haben."

„Was für Mängel?" Renates Geduld dünnte sich merklich aus.

„Na der Kratzer da. Und die Scharniere quietschen. Und überhaupt, vierter Stock ohne Aufzug. Die Träger müssen wir ja bezahlen. Nochmal zwanzig Prozent runter, dann nehmen wir's."

„Ich habe schon fünfzehn Prozent Rabatt gegeben."

„Das war der Rabatt fürs Verkaufen überhaupt", mischte sich Manfred ein. „Jetzt kommt der Rabatt für den echten Zustand."

Renate schüttelte den Kopf. „Nein. Der Preis steht fest."

Bianca und Manfred wechselten einen Blick. „Na gut", sagte Bianca. „Wir nehmen's. Aber den Transport organisieren Sie."

„In der Anzeige steht: Abholung zahlt der Käufer."

„Wir sind eine Familie mit drei Kindern! Wir haben kein Geld für Möbelpacker! Ist Ihnen das egal?"

Renate sah Bianca an. Dann Manfred. Dann die Kinder im Flur — das Mädchen kratzte weiter an der Tapete, hatte inzwischen ein handtellergroßes Stück abgelöst.

„Ich kann Ihnen einen günstigen Transporter empfehlen."

„Wir brauchen keine Empfehlung, wir brauchen kostenlos!" Manfreds Stimme wurde lauter. „Was für Leute sind Sie? Wollen einer Familie mit Kindern nicht helfen?"

Jonas kam aus seinem Zimmer. „Ist was?"

„Ihre Mutter gibt uns keinen Transport", grummelte Manfred. „Dabei nehmen wir ihr den Schrott ab."

„Das ist kein Schrott", sagte Jonas ruhig. „Das ist meine Zimmereinrichtung. Und wenn's Ihnen nicht passt — kaufen müssen Sie's nicht."

Bianca zupfte ihren Mann am Ärmel. „Manfred, lass gut sein. Den Transport regeln wir selbst."

Manfred musterte Jonas von oben bis unten. „Und wer bist du überhaupt?"

„Der Sohn vom Haus. Und falls beim Aufbau was unklar ist — ich kann die Anleitung mitgeben. Ist alles ganz einfach."

Bianca wurde plötzlich lebhaft. „Geben Sie mir Ihre Nummer! Falls was unklar ist. Mein Mann hat zwei linke Hände, kriegt nichts allein zusammengebaut."

„Bianca!", fauchte Manfred.

„Was denn, stimmt doch. Letztes Mal der Hocker — nach einem Tag auseinandergefallen."

Jonas zuckte mit den Schultern und diktierte seine Nummer. „Schreiben Sie lieber, ich geh nicht immer ran."

„Alles klar, alles klar. Wir nehmen's also. Morgen kommen wir mit dem Auto, so gegen elf. Passt das?"

„Passt", nickte Renate. „Bargeld bringen Sie mit. Aber ändern Sie nichts, ja? Wir sind schließlich die Ersten gewesen."

„Abgemacht."

Die Familie ging. Renate schloss die Tür.

„Komische Leute", sagte Jonas. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?"

„Was soll ich machen? Gemeldet, angeschaut, zugesagt. Morgen kommen sie, holen's ab, fertig."

„Na gut. Hoffentlich sind sie morgen freundlicher."

Elf Uhr. Niemand. Zwölf Uhr. Stille.

Renate wählte Biancas Nummer. Es klingelte lang, dann wurde aufgelegt. Noch einmal. Dasselbe.

„Jonas, versuch du's mal."

Er rief an. Wieder aufgelegt.

„Vielleicht beschäftigt?"

„Dreimal hintereinander?" Renate runzelte die Stirn. „Sie hat doch geschrieben: elf Uhr."

Sie schrieb eine Nachricht: „Bianca, hallo! Sie wollten um 11 Uhr kommen. Gilt das noch?"

Zwei blaue Häkchen. Keine Antwort.

Eine Stunde verging. Renate schrieb noch einmal: „Bitte melden Sie sich, ob Sie die Möbel abholen."

Gelesen. Wieder Stille — und im Treppenhaus roch es inzwischen nicht mehr nach Auflauf, sondern nach dem Bohnerwachs, mit dem der Hausmeister freitags die Stufen wischte, ein Geruch, den Renate seit Jahren mit dem Ende der Woche verband.

Um 15 Uhr klingelte endlich Jonas' Handy. Bianca, atemlos, als würde sie im Gehen sprechen. „Entschuldigung, bei uns war die Hölle los, Fabi hatte Fieber, wir mussten zum Kinderarzt. Können wir morgen kommen?"

„Klar, kein Problem", sagte Jonas — und Renate, die daneben stand, hörte an seiner Stimme, dass er es nicht glaubte.

Am nächsten Tag: wieder nichts. Weder um elf, noch um vierzehn Uhr. Diesmal schrieb Bianca von selbst, kurz vor Feierabend: „Tut mir leid, hat sich privat was ergeben, wir melden uns wieder."

Danach: drei Tage Funkstille.

Renate saß am vierten Abend am Küchentisch, die Anzeige noch immer online, die Kommentare unter dem Beitrag füllten sich mit weiteren Interessenten — eine Studentin aus Prüfening, ein junges Paar aus Kumpfmühl, das dringend einen Schreibtisch brauchte. Sie hatte allen abgesagt, weil sie an Bianca gebunden war. Zwölf Tage bis zu Jonas' Umzug. Das Nähzimmer, das seit Jahren nur eine Idee war, rückte in immer weitere Ferne.

„Schreib ihr, dass es vorbei ist", sagte Jonas, als er aus der Küche kam und sah, wie seine Mutter zum wiederholten Mal auf den Bildschirm starrte. „Sie zieht dich nur hin."

„Vielleicht ist wirklich was passiert."

„Mama." Jonas setzte sich ihr gegenüber. „Sie hat dich schon beim Preis über den Tisch gezogen, mit dem Transport auch. Und jetzt lässt sie dich zappeln, weil sie hofft, du drückst den Preis noch weiter. Das ist Taktik."

Renate wollte widersprechen — und wusste im selben Moment, dass er recht hatte. Sie öffnete den Chat noch einmal, tippte: „Bianca, ich gebe Ihnen bis morgen 18 Uhr Zeit für eine klare Antwort. Danach verkaufe ich an einen anderen Interessenten."

Die Antwort kam sofort, als hätte Bianca die ganze Zeit mit dem Handy in der Hand gewartet: „Warum so unter Druck?? Wir haben drei Kinder, das ist nicht so einfach zu organisieren!! Sie könnten auch mal Verständnis zeigen."

„Ich habe zwölf Tage bis zum Umzug meines Sohnes", schrieb Renate zurück, ruhig, jedes Wort abgewogen. „Ich habe Ihnen fünfzehn Prozent Rabatt gegeben und drei Tage gewartet. Bis morgen 18 Uhr oder ich verkaufe weiter."

Diesmal keine Antwort. Auch nicht am nächsten Vormittag.

Um 17:40 Uhr rief Renate die Studentin aus Prüfening an, Franziska, die schon zweimal höflich nachgefragt hatte, ob sich beim ersten Interessenten etwas ändere. Franziska war innerhalb einer Stunde da, mit ihrem Vater und einem geliehenen VW-Bus, zahlte den vollen Preis ohne ein einziges Wort über Kratzer, half selbst beim Tragen und bedankte sich zweimal, als sie mit dem letzten Karton die Treppe hinunterging.

Um 19:03 Uhr, als der Bus schon die Ludwigstraße hinunterfuhr, kam endlich Biancas Nachricht: „Sorry, war stressig, wir kommen morgen um zehn, ist das ok?"

Renate schrieb nur einen Satz zurück: „Die Möbel sind bereits verkauft."

Drei Minuten später klingelte das Telefon. Manfred, ohne Begrüßung: „Wie, verkauft? Wir hatten das doch fest ausgemacht!"

„Sie haben viermal einen Termin platzen lassen", sagte Renate, und ihre Stimme blieb dabei erstaunlich gerade. „Ich habe Ihnen eine Frist genannt. Sie haben nicht geantwortet."

„Das ist Ihre Pflicht, auf uns zu warten! Wir sind eine Familie mit drei Kindern!"

„Meine Pflicht war es, ehrlich mit Ihnen umzugehen. Das habe ich getan." Sie legte auf, bevor er weiterreden konnte, und stellte das Telefon lautlos.

Am selben Abend saß sie mit Jonas in der leeren Wohnung, die Umzugskiste mit seinen letzten Sachen stand schon gepackt neben der Tür, und in der Ecke, wo einmal der Schrank gestanden hatte, lag nur noch ein heller Rechteck auf dem Parkett, wo die Sonne ihn all die Jahre nicht erreicht hatte.

„Wie viel hat Franziska bezahlt?", fragte Jonas.

„Vollen Preis. Sechshundertzehn Euro. Kein einziges Wort über Kratzer."

Jonas lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Und Bianca ruft bestimmt noch dreimal an."

Bianca rief tatsächlich an — am nächsten Morgen, dann noch zweimal am Nachmittag. Renate ließ das Telefon klingeln, während sie mit dem Zollstock die neue Nähmaschine in der freien Zimmerecke ausmaß, den hellen Fleck auf dem Boden schon halb überdeckt mit dem ersten Karton voller Stoffe.

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