Der weiße Strauß

Es war ein Donnerstag, kurz nach halb zehn, als ich zum ersten Mal wieder den kleinen Blumenladen an der Friedhofspforte betrat. Frau Henschel stand hinter der Theke, wie immer in ihrer Schürze mit den Sonnenblumen, und wickelte mir die gelben Chrysanthemen ein. Dann hielt sie inne.

„Und der weiße?“, fragte sie, beinahe automatisch. So, als hätte sie es jahrelang jeden Sonntag gesagt.

Ich hatte die Hand schon am Portemonnaie. „Welcher weiße?“

Sie wurde rot, drehte sich zu den Eimern mit den Rosen um und begann, die welken Blätter aus dem Wasser zu zupfen. „Ihr Mann hat immer zwei Sträuße genommen. Einen gelben und einen weißen. Seit mindestens sechzehn Jahren.“

Sechzehn Jahre. Jeden Sonntag. Zwei Sträuße.

Ich zahlte nur die Chrysanthemen. Auf dem Weg zur Tram 9 hielt ich den einzigen Strauß so fest, dass die Stiele durch das Papier drückten.

Thomas war im November gestorben. Herzinfarkt, direkt in seiner Schreinerei in Gohlis, während er eine Eichenholzplatte geschliffen hat. Siebenundfünfzig Jahre alt. Neunundzwanzig Jahre Ehe. So stand es in der Traueranzeige, die seine Schwester aufgesetzt hatte. „In stiller Trauer. Er war ein treuer Ehemann und Vater.“

Ich wusste, wie er seinen Tee trank: mit genau einem halben Löffel Zucker. Dass er keinen Dill mochte. Dass er nachts mit den Zähnen knirschte. Und dass er jeden Sonntag um halb neun das Haus verließ, frisch geduscht, ein frisches Hemd an, „nur mal lüften gehen“. Er fuhr zum Südfriedhof, zu den Gräbern seiner Eltern. Seine Mutter war vor zweiundzwanzig Jahren gestorben, sein Vater drei Jahre später. Ich bin nie mitgefahren. Er wollte allein sein, dachte ich. Ich habe das respektiert.

Nach seinem Tod habe ich den alten Passat verkauft – viertausendfünfhundert Euro – und fahre seitdem mit der Linie 9. Alle zwei Wochen, freitags, wenn ich frei habe. Einmal für ihn, einmal für seine Eltern, die drei Reihen weiter liegen. Ich zünde eine Kerze an, stelle die Chrysanthemen ins Wasser, rede leise vor mich hin.

An jenem Donnerstag nach dem Blumenladen kam ich nach Hause und konnte den Schlüssel nicht ins Schloss bekommen. Meine Hände zitterten. Ich setzte mich an den Küchentisch, auf dem noch seine Lesebrille lag, und starrte auf die eine Vase mit gelben Blumen. Zwei Sträuße. Ein weißer. Warum weiß?

Am Abend rief ich Jonas an. Er ist der Ruhige von meinen Söhnen. Paul wäre sofort in die Luft gegangen.

„Mama, Papa ist zu den Großeltern gefahren, das weißt du doch“, sagte Jonas halblaut. Man hörte seine Tochter im Hintergrund weinen. „Vielleicht war der zweite Strauß für das Grab von irgendeinem Nachbarn. Du weißt, wie er war. Er hat allen geholfen.“

„Sechzehn Jahre, Jonas. Jede Woche.“

Es wurde still. Dann räusperte er sich. „Dann geh hin und schau nach. Ob da ein Grab ist, auf dem weiße Blumen liegen.“

Am nächsten Morgen fuhr ich mit der ersten Tram. Der Südfriedhof lag unter einem grauen Februardunst. Die Wege waren feucht, und von den alten Lindenbäumen tropfte es. Ich ging an den Gräbern seiner Eltern vorbei: dunkler Granit, ein verwelktes Gesteck, das ich vor zwei Wochen selbst mitgebracht hatte. Dann lief ich Reihe für Reihe ab. Links, rechts. Nichts.

Bis ich sie sah, auf einem Seitengang unter einem knorrigen Ahorn: ein schlichter Grabstein aus hellem Sandstein. Kein frischer Schmuck. Aber darauf stand ein ausgebleichter weißer Grablichtbecher, und daneben lagen die Reste von Rosenblättern, die aussahen, als hätte der November sie dort vergessen.

Der Name: Martina Becker. Geboren 1965, gestorben vor sechzehn Jahren. Sie wurde einundvierzig.

Ich kannte den Namen nicht. Ich hatte ihn noch nie gehört. Thomas hatte ihn nie ausgesprochen.

Ich setzte mich auf die Holzbank gegenüber und saß dort fast eine Stunde. Ich dachte an die Sonntage, wenn er um halb neun die Tür hinter sich zuzog und ich ihm vom Küchenfenster aus nachsah, wie er die Straße hinunterging, die Jacke offen, die Autoschlüssel in der Hand. Ich dachte, er fährt zu seinen Eltern. Vielleicht fuhr er auch zu ihr.

Zu Hause zog ich den Schuhkarton unter unserem Bett hervor. Darin hatte ich nach seinem Tod alle Papiere gelegt, die ich nicht sofort verstand: Versicherungen, Quittungen, Notizzettel. Ganz unten lag ein schmaler Ordner mit der Aufschrift „Grabpflegevertrag, 14/2“.

Ich blätterte. Vertrag zwischen dem Südfriedhof und Thomas Schulz, abgeschlossen vor sechzehn Jahren. Wöchentliche Lieferung von weißen Rosen. Kosten: zweiundvierzig Euro im Monat. Abgebucht von dem Sparkassenkonto, das wir gemeinsam geführt hatten.

Ich starrte auf die Unterschrift. Seine Handschrift. Klein, nach links geneigt, wie immer.

Ich schloss den Ordner und legte ihn auf den Tisch. Daneben das Telefon. Daneben die gelben Chrysanthemen, die in der Vase schon die Köpfe hängen ließen.

Am Montag fuhr ich zur Sparkasse in der Innenstadt. Ich trug eine Mappe mit dem Kontoauszug und dem Vertrag. Die Frau am Schalter war jung, trug einen Seitenscheitel und ein Namensschild mit „A. Werner“. Sie tippte etwas in den Computer, dann rückte sie ihre Brille zurecht.

„Sie möchten den Dauerauftrag für die Friedhofsgärtnerei stornieren?“

„Ja. Und das Restguthaben dieses Kontos überweisen. An den Kinderhospiz Sternenbrücke in Leipzig.“

Sie tippte. „Der Betrag beträgt dreitausendachthundertzwanzig Euro und vierzehn Cent. Soll ich alles überweisen?“

„Alles“, sagte ich.

Ich unterschrieb drei Formulare. Meine Hand lag fest auf dem Tisch, der Stift kratzte über das Papier. Als ich aufstand, steckte ich die Bestätigung in meine Mappe zurück.

Am nächsten Sonntag stand ich wieder vor dem Laden von Frau Henschel. Es war noch kalt, aber die Sonne schien flach über die Dächer. Ich hatte nur einen Strauß gelber Chrysanthemen in der Hand.

Frau Henschel blickte über ihre Brille. Sie sagte nichts. Sie wartete.

„Nur die gelben“, sagte ich. „Der weiße Strauß ist storniert. Der Vertrag ist gekündigt.“

Sie nickte nur. Dann wickelte sie die Blumen ein und reichte mir das Papier. Ich spürte, wie sie mir nachsah, als ich zum Eingang ging.

Ich ging zu Thomas’ Grab. Die Erde war noch weich von der Nacht. Ich stellte die Chrysanthemen in die Vase, ganz gerade. Dann nahm ich das alte, schmutzige Wasser aus der Steinvase und goss es in den Eimer am Wegrand. Ich füllte frisches Wasser nach, aus dem Hahn an der Kapelle, und stellte die Vase zurück. Ich zog meine Handschuhe glatt, klopfte die Erde von den Knien.

Am Ahorngrab ging ich nicht vorbei. Ich verließ den Friedhof durch das Südtor, nicht durch den Haupteingang, an dem der Blumenladen lag.

Hinter mir fuhr die Tram 9 an. Ich stieg ein und setzte mich ans Fenster. In meiner Tasche lag die Bankbestätigung, gefaltet, mit dem Stempel der Sparkasse. Der Fahrer rief die nächste Haltestelle aus: „Karl-Liebknecht-Straße.“ Ich fuhr nach Hause.

Dort brannte in der Küche noch das Licht. Ich nahm die Lesebrille vom Tisch und legte sie in die Schublade zu den anderen Sachen, die ich nicht mehr brauchte.

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