Der Anruf kam an einem Dienstagvormittag, als Nele gerade die Auslage im Blumenladen umräumte. Ihre Schwester Bine hatte drei Tage gebraucht, um zurückzurufen.
— Wann schaffst du es herzukommen? — fragte Nele, und ihre Stimme kippte weg. — Ich brauch dich einfach.
— Ach, ich weiß nicht, Schwesterherz. — Bine seufzte, als würde sie gerade jemanden anderen belästigen. — Ich frag mal meinen Chef, aber versprechen kann ich nix.
— Wie, du versprichst nichts? Kapierst du, dass Mama tot ist? Wir müssen sie beerdigen.
Nele hatte gar nicht gemerkt, wie sie ins Schreien geraten war.
Ihre Mutter, Karin Vogt, war in ihrem Reihenhaus in Meppen an einem Schlaganfall gestorben. Neunundfünfzig Jahre alt, sechs Monate vor ihrem Sechzigsten. Die Nachbarin, Frau Brandt, hatte sie gefunden — auf dem Küchenboden, die Augen offen, kein Atem mehr. Sie hatte tagelang versucht, Karin telefonisch zu erreichen, und irgendwann war sie einfach rübergegangen.
Nele arbeitete zu der Zeit in Osnabrück als Filialleiterin einer Drogeriekette und stand mitten in der Eröffnung eines neuen Marktes. Ihr Chef, Herr Lindemann, brauchte nur den einen Satz — "meine Mutter ist gestorben" — und ließ sie sofort ziehen. Bei Bine dauerte es länger. Sie war Kellnerin in einem Restaurant am Timmendorfer Strand, hatte gerade erst die Stelle bekommen, von der sie schon lange träumte, und der Chef habe ihr eine wichtige Aufgabe gegeben, die sie nicht hängenlassen könne.
Zur Beerdigung kam Bine mit zwei Tagen Verspätung.
— Der Chef gibt mir nur eine Woche frei, also die volle Trauerwoche schaff ich nicht, sorry, — sagte sie, kaum dass sie zur Tür reinkam.
— Danke auch dafür, — antwortete Nele, ohne die Bitterkeit aus der Stimme zu bekommen.
Am Grab, zwei Tage nach der Beisetzung, stand Nele noch lange am frischen Erdhügel und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken weg, immer wieder, während sie ihr über die Wangen und das Kinn liefen und lautlos in die Erde tropften.
— Nele, stell dich nicht so an, — meinte Bine trocken. — Ist halt gestorben. Muss man nicht gleich in Tränen ausbrechen.
— Was?
— Ich sag ja nur: Wenn man um jeden so trauert, reichen einem irgendwann die Tränen nicht mehr. Lass es.
Nele starrte sie an, sagte nichts mehr. Auf dem Weg zum Ausgang des Friedhofs Meppen-Nord drehte sie sich noch einmal um — und sah eine Katze. Schwarz-weiß, mit auffallend sauberem Fell, die genau auf das frische Grab zulief, dort stehenblieb, den Kopf hob und das Foto auf dem Grabstein ansah.
Komisch, dachte sie, aber sie ließ es dabei bewenden. Streunerkatzen auf Friedhöfen — nichts Ungewöhnliches.
In den Tagen danach räumte Nele das Haus ihrer Mutter auf, während Bine auf dem Sofa lag und mit jemandem chattete. Immer wieder blieb Nele vor dem Foto in der Kunststoffrahmung stehen, das schwarze Trauerband quer darübergespannt. Sie konnte es noch nicht fassen. Vor gerade mal sechs Tagen hatte sie mit ihrer Mutter telefoniert, ihr versprochen: Sobald die Geschäftsreise vorbei ist, komme ich vorbei. Am nächsten Tag war Karin nicht mehr da.
— Ich hab sie mehrmals angerufen, sie ging nicht ran, — hatte Frau Brandt am Telefon geschluchzt. — Dachte, na, ist beschäftigt, hört's Handy nicht. Dann bin ich rüber. Und da lag sie.
Auch Nele hatte an dem Morgen mehrfach angerufen. Sie hatte es nicht ernst genommen — zu viel zu tun im Geschäft. Hätte man sie vielleicht noch retten können? Diese Frage ließ sie seitdem nicht mehr los.
Der eigentliche Riss zwischen den Schwestern war schon Monate vorher entstanden. Bine hatte von ihrer Mutter verlangt, für sie einen Kredit über fünfzigtausend Euro aufzunehmen, besichert mit dem Reihenhaus — ihr Freund Kevin wollte ein Business starten, brauchte dringend Startkapital. "Du vererbst mir sowieso die Hälfte vom Haus", hatte Bine argumentiert. Karin hatte abgelehnt. Sie ahnte, dass das Geld verpuffen und am Ende vielleicht sogar das Haus futsch sein würde. Bine war beleidigt, brach fast den Kontakt ab. Als Kevin sie kurz darauf verließ, gab sie ihrer Mutter die Schuld daran.
— Ich hab wegen Mama keinen Mann mehr, — hatte Bine zu Nele gesagt. — Und jetzt muss ich mein Leben nochmal neu aufbauen.
— Merkst du nicht, dass sie dich vor einem riesigen Fehler bewahrt hat? Was, wenn der Kredit geplatzt wäre? Sollte sie am Ende von der Straße aus ihre Rente verwalten?
— Wir hätten das mit Kevin zusammen abbezahlt.
An dem Grab konnte Nele all das für einen Moment vergessen. Sie spürte nur die Leere. Jeden Morgen wachte sie auf mit dem Gedanken: noch ein Tag ohne Mama. Und so würde es jetzt für immer bleiben.
Am dritten Tag nach der Beerdigung ging sie allein zum Friedhof — Bine hatte sich mit Rückenschmerzen vom ausgeleierten Sofa entschuldigt, brauchte ihre eigene Matratze, "die für achthundert Euro, die orthopädische". Am Grab saß wieder die schwarz-weiße Katze, den Blick auf das Foto gerichtet. Als sie Neles Schritte hörte, flüchtete sie zwischen die Grabreihen.
— Mama hatte doch nie eine Katze, — murmelte Nele. — Sie war doch allergisch, von klein auf.
Sie traf Frau Brandt später am selben Tag am Gartenzaun.
— Und, hältst du durch, Nele? — fragte die Nachbarin.
— Es geht. Aber es tut so weh.
— Glaub ich dir. Eine Mutter zu verlieren tut doppelt weh, weil sie niemand ersetzen kann. Sag mal — was machst du eigentlich mit der Katze? Nimmst du sie zu dir?
— Welche Katze? Hatte Mama eine?
Frau Brandt sah sie erstaunt an. — Die war doch die letzten Wochen ständig bei ihr im Garten. Schwarz-weiß, wunderschönes Tier.
— Ach — die auf dem Friedhof.
— Genau die, vermutlich. — Frau Brandt schlug sich an die Stirn. — Ich hab sogar ein Foto! Deine Mutter mit der Katze auf der Bank, hab ich eine Woche vor ihrem Tod gemacht. Wollte ihr's noch bringen, hab's verschusselt. Komm mit, ich geb's dir.
Auf dem Foto saß Karin unter dem Flieder im Garten, die Katze auf dem Schoß, und lächelte — mit tränenden Augen, gerötet, offensichtlich mitten im Niesen, und trotzdem strahlte sie.
— Die hat sie aus der Stadt mitgebracht, von einer Vorsorgeuntersuchung, — erzählte Frau Brandt. — Ich hab sie zusammen vor dem Rewe getroffen. Sie mit Allergie, tränenden Augen, verstopfter Nase — und trotzdem glücklich wie ein Kind. Ins Haus hat sie die Katze nie gelassen, aber draußen, im Garten, waren die beiden unzertrennlich.
— Warst du eigentlich sicher, dass es die gleiche Katze war, die auf dem Friedhof rumläuft?
Nele nickte.
— Dann kommt sie also jeden Tag zu ihr, — sagte Frau Brandt und wischte sich über die Augen. — Verabschiedet sich, oder was. Weißt du, ich geb ja nicht gern Ratschläge. Aber ich glaube, du solltest dich um sie kümmern. Deine Mutter hat sie geliebt, hat mir jeden Tag von ihr erzählt. Und sie hat euch beiden bewusst nichts gesagt — damit ihr nicht kommt und sie ihr wegnehmt. Wenn du kannst, nimm sie zu dir. Das klingt jetzt komisch, aber — vielleicht ist das die Liebe deiner Mutter, die sie nicht mehr verschenken konnte. Ich glaube, Karin hätte genau das gewollt.
Sechs Tage brauchte Nele, um die Katze überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Jedes Mal nur ein Schatten zwischen den Grabsteinen, ein Gefühl, beobachtet zu werden. Am sechsten Tag setzte sie sich auf die Fersen vor dem Grab und sprach einfach:
— Ich kann dir nicht ewig hinterherlaufen. Zeig dich bitte. Meine Mutter hat dich geliebt, und ich möchte mich um dich kümmern — genau wie sie. Bitte, hör auf, dich zu verstecken.
Nichts. Erst als sie zu weinen anfing, kam die Katze aus dem Gebüsch, näherte sich lautlos, setzte sich neben sie und blickte zum Foto.
— Da bist du ja, — flüsterte Nele. Sie nannte sie später Marusja, nach keinem bestimmten Grund, das Wort hatte ihr einfach gefallen. Als sie sie hochnahm, war das Fell warm. Wie eine Umarmung.
Der Streit mit Bine kam am Abend, kurz bevor die Schwester zurück nach Timmendorf fuhr.
— Ich hab mit dem Makler telefoniert, — verkündete Bine. — Das Haus bringt so um die hundertfünfzigtausend. Wir sollten das schnell verkaufen, bevor der Wert weiter sinkt.
— Wir sind noch nicht mal im Erbschein, Bine. Das dauert Monate.
— Egal. Das Haus verfällt sowieso irgendwann.
— Nicht, wenn man sich drum kümmert. Ich kümmer mich drum. Ich komm oft her, weil hier meine Mutter begraben liegt.
— Aha, du willst dir also das ganze Haus unter den Nagel reißen? Ich hab genauso Anspruch drauf. Hälfte dir, Hälfte mir.
— Ich zahl dir in einem halben Jahr deine Hälfte aus. Sobald der Erbschein durch ist, lass ich das Haus schätzen und überweis dir deinen Anteil. Passt das?
— Passt, — sagte Bine und war sofort wieder in Feierlaune. — Lass uns heute Abend nochmal auf Mama trinken.
Am Tisch saß Marusja neben dem gerahmten Foto und starrte es an, ohne es anzurühren. Bine störte das.
— Kannst du die Katze nicht wegscheuchen? Nicht dass die das Bild runterschmeißt.
Sie stand auf, stellte den Rahmen aufs Küchenregal, obendrauf noch ein Schnapsglas mit selbstgemachtem Kirschlikör.
— Mama hat nie Alkohol getrunken, — versuchte Nele zu widersprechen.
— Steht aber so im Internet, dass man das so macht. Und Mama war auch meine. Ich will das so.
Um des lieben Friedens willen ließ Nele es dabei. Morgen fährt Bine sowieso wieder, dachte sie. Dann räum ich das Glas weg.
Mitten in der Nacht wachte Nele auf, weil sie das Gefühl hatte, angestarrt zu werden. Marusja saß oben auf dem Regal, direkt neben dem Foto.
— Was machst du da oben? — flüsterte Nele, um Bine im Nebenzimmer nicht zu wecken. — Runter da.
Die Katze sah sie lange an. Dann schlug sie mit der Pfote das Schnapsglas vom Regal.
Am nächsten Morgen fuhr Bine ab, nicht ohne noch einmal an die versprochene Zahlung zu erinnern.
Ein halbes Jahr später, nachdem der Erbschein durch war, ließ Nele das Haus in Meppen von einem Gutachter schätzen lassen: hundertvierzigtausend Euro. Sie überwies Bine ihre Hälfte — siebzigtausend Euro, auf den Cent genau, mit einem sauber aufgesetzten notariellen Übertragungsvertrag, den sie beide unterschrieben hatten. Kein Streit, keine Diskussion mehr. Bine hatte ihr Geld, Nele hatte das Haus. Allein.
Sie behielt das Haus, fuhr fast jedes zweite Wochenende hin, mit Marusja auf dem Beifahrersitz ihres alten Opel Astra. Sie mähte den Rasen, strich im Frühjahr die Fensterläden neu, pflegte das Grab mit den Stiefmütterchen, die ihre Mutter immer gepflanzt hatte. An Ostern und zu Weihnachten war sie da, im Sommer plant sie, den ganzen Jahresurlaub im Haus zu verbringen.
An einem Sonntagabend im Oktober, ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter, saß Nele auf der Gartenbank unter dem Flieder, dort, wo auf dem Foto ihre Mutter gesessen hatte. Marusja lag neben ihr, den Kopf auf ihrem Bein. Von der Straße roch es nach nassem Laub und Kaminrauch aus dem Nachbarhaus. Irgendwo bellte der Hund von Frau Brandt zweimal und war dann still.
— Guck mal, — sagte Nele leise zum Grab, obwohl sie im Garten saß, nicht auf dem Friedhof. — Sie schläft mit deinem alten Teddy. Dem, den Papa dir mal geschenkt hat. Zieht ihn jede Nacht mit ins Körbchen.
Sie strich der Katze über den Kopf, spürte das leise Schnurren unter ihrer Hand, und blieb noch lange sitzen, bis das Licht in der Küche der Nachbarin anging und irgendwo im Haus der Kühlschrank zu brummen begann — vertraute Geräusche, in einem Haus, das jetzt wieder ihres war.







