Ich heiße Renate Kuhn, bin zweiundsiebzig, und seit vierzig Jahren sitze ich in meiner Änderungsschneiderei in der Bremer Neustadt, Ecke Kornstraße. Der Laden riecht nach warmem Bügeleisen, Kreide und dem Gemüse vom türkischen Händler nebenan, wenn die Tür aufgeht. Über dem Schaufenster hängt ein Schild: „Änderungen aller Art – R. Kuhn“. Die Buchstaben sind ausgeblichen, und das Ding hat einen Sprung in der Ecke, aber es hängt.
Meine Tochter Simone, achtundvierzig, arbeitet bei der Sparkasse und findet das Schild peinlich. Sie sagt, es sei Zeit, den Laden zu verkaufen. Nicht zum ersten Mal. Immer wenn sie kommt, bringt sie Prospekte mit: barrierefreie Wohnungen, Seniorenresidenzen mit betreutem Kochen, kleine Appartements mit Notrufknopf neben der Klospülung.
Ich sage dann nichts und bügle weiter.
Gestern kam Simone mit einem Mann im grauen Mantel. Er hieß Becker und war Makler. Er legte eine Mappe auf meinen Zuschneidetisch, genau auf den zugeschnittenen Stoff für das Kostüm von Frau Yilmaz. Ich mochte das nicht. Der Stoff war marineblau, mit feinen Kreidestreifen, und jetzt lag da ein Haufen Papier drauf.
„Frau Kuhn“, fing Becker an, „Ihre Tochter hat mir alles erklärt. Der Laden ist gut gelegen. Zwei Zimmer, Schaufensterfront, Toilette im hinteren Bereich. Wir könnten sofort eine Anzeige schalten. Ich habe schon zwei Interessenten aus dem Gastronomiebereich.“
Simone stand am Fenster und spielte mit dem Riemen ihrer Handtasche. Sie sah zu, wie draußen die Linie 4 vorbeifuhr. Der Hund vom Kioskbesitzer bellte, wie immer, wenn die Bahn quietschte. Ich hörte das jeden Tag. Es war ein Geräusch, das zu meinem Leben gehörte wie das Klingeln der Türglocke, wenn eine Kundin kam.
„Ich verkaufe nicht“, sagte ich.
Becker lächelte, so wie man einem Kind zuredet, das nicht ins Wasser will. „Frau Kuhn, Sie sind zweiundsiebzig. Die Mieteinnahmen aus dem Verkaufserlös würden Ihre Rente deutlich aufbessern. Wir reden hier über einen Betrag im mittleren sechsstelligen Bereich.“
„Ich verkaufe nicht.“
Simone drehte sich um. Ihre Absätze klackten auf dem Linoleum. „Mama, das ist doch keine Schande. Du hast genug gearbeitet. Jeder hat mal ein Ende verdient. Der Laden ist alt, die Kunden werden weniger. Wovon willst du leben?“
Ich nahm die Mappe und legte sie auf den Stuhl neben der Anprobe. Das Maßband um meinen Hals roch nach Metall. „Ich lebe von dem, was ich kann. Und ich kann nähen, ändern, flicken. Das ist kein Ende, Simone. Das ist meine Arbeit.“
Becker räusperte sich. „Ihre Tochter meint es gut. Es geht um Ihre Sicherheit.“
„Meine Sicherheit? Ich habe hier jeden Morgen um acht aufgeschlossen, auch bei Schneeregen, auch als dein Vater starb, Simone. Ich habe die Miete immer pünktlich bezahlt. Und ich habe dich mit diesem Laden durchgebracht, als dein Exmann die Raten für den Golf nicht mehr zahlen konnte. Erinnerst du dich? Das waren fünftausend Euro, die ich dir geliehen habe. Aus der Kasse dieses Ladens.“
Simone presste die Lippen zusammen. Ihr Hals wurde rot. Sie hasste es, wenn die Geschichte vom Golf zur Sprache kam. Aber sie sagte nichts.
Becker machte einen Rückzieher. „Ich verstehe. Überlegen Sie es sich. Ich hinterlasse Ihnen die Mappe. Meine Karte liegt obenauf. Rufen Sie mich an, wenn Sie so weit sind.“
Er ging. Simone blieb noch ein paar Minuten. Sie stand vor der Tür, die Hand schon auf der Klinke, und sagte: „Denk an Papa. Der wollte auch nie aufgeben. Und dann lag er da, und keiner konnte mehr fragen, was er eigentlich gewollt hätte.“
Dann war sie weg.
Ich saß am nächsten Morgen wieder an der Maschine. Frau Hoffmann kam, achtundsiebzig, mit einer rosa Perücke, die aussah wie Zuckerwatte, und einem Rock, der ihr über den Knien endete. Sie wollte den Rock enger haben. „Ich fühle mich jung“, sagte sie, „und jung muss man zeigen.“ Ich habe den Rock enger gemacht, aber ich habe ihr nicht gesagt, dass die Perücke im Nacken verrutschte, als sie sich zum Abschied bückte. Sie kämpft, dachte ich. Sie kämpft gegen die Zeit und verliert jeden Tag ein bisschen mehr von dem, was sie eigentlich hat.
Dann kam Frau Berger, fünfundsechzig, im ausgebeulten Jogginganzug und mit grauem Haar, das seit Wochen nicht gewaschen war. Sie brachte eine Hose zum Kürzen. „Ach“, sagte sie, „in meinem Alter sieht das doch keiner mehr. Hauptsache, es kneift nicht.“ Ich machte die Hose kürzer. Ich fragte sie, ob sie nicht mal wieder einen schönen Stoff für sich aussuchen wolle. Sie winkte ab. „Wozu? Ich bin doch keine dreißig mehr.“
Da saß ich also zwischen den beiden. Die eine zerrte an der Jugend, bis der Faden riss. Die andere warf den Faden einfach weg. Ich dachte an das Schild über meiner Tür. Vielleicht hatte Simone recht. Vielleicht war der Laden alt. Aber alt bedeutet nicht wertlos.
Am Nachmittag klingelte mein Telefon. Eine junge Frau, die sich als Mira Brandt vorstellte. Sie war Modedesignerin aus Hamburg und hatte auf Instagram ein Foto von einem Kostüm gesehen, das ich für eine Brautmutter geändert hatte. Es war ein dunkelgrünes Kleid mit einer ungewöhnlichen Faltenlegung an der Schulter. Die Brautmutter hatte das Foto gepostet, und jetzt wollte die Designerin mit mir sprechen.
„Ich mache eine Kollektion für Frauen über sechzig“, sagte Mira. „Keine Stretchhosen und keine Blümchenblusen. Ich suche eine Änderungsschneiderin, die versteht, wie man Stoff so legt, dass er den Körper trägt und nicht der Körper den Stoff. Jemanden, der nicht versucht, Frauen jünger zu machen, sondern ihnen ihre eigene Form zurückgibt.“
Ich hörte das Rattern der Nähmaschine im Hintergrund ihres Ateliers. „Woher wissen Sie, dass ich das kann?“
„Weil das grüne Kleid nicht nach Änderung aussieht. Es sieht aus, als wäre es für diese Frau entworfen worden. Das ist eine andere Fähigkeit. Wissen Sie, wie selten das ist?“
Ich schwieg. Dann fragte ich: „Was genau schlagen Sie vor?“
Sie bot mir an, als freie Mitarbeiterin für ihre Werkstatt in der Bremer Überseestadt zu arbeiten. Sie hatte dort ein Atelier gemietet, zwei Räume, große Fenster zum Hafen. Sie brauchte jemanden mit meiner Erfahrung, der die Prototypen anpassen und die Produktion in Kleinserie begleiten sollte. Sie nannte eine Summe: dreitausend Euro im Monat, plus Umsatzbeteiligung. Und ich sollte meinen Laden nicht aufgeben müssen, aber die Arbeitszeit dort reduzieren.
Ich legte auf und starrte auf meine Hände. Sie waren voller winziger Einstiche von den Nadeln, die Haut dünn, aber die Finger arbeiteten präzise. Ich dachte an Beckers Mappe, die noch auf dem Stuhl lag.
Am Abend ging ich in den Schnoor, trank einen Tee in einem kleinen Café, das bis zehn offen hat. Der Kellner kannte mich nicht, brachte mir aber einen Keks dazu. Ich saß am Fenster und schaute auf die kopfsteingepflasterte Gasse. Es regnete, und das Licht der Laternen spiegelte sich auf dem nassen Stein. Ich zog Mira Brandts Visitenkarte aus der Tasche. Ihre Telefonnummer war mit einer 040 für Hamburg eingetragen, aber die Adresse in Bremen stand in sauberer Schrift darunter.
Ich wusste, was ich wollte. Ich wollte nicht aufhören. Aber ich wollte auch nicht so enden wie Frau Hoffmann mit ihrer Zuckerwatte-Perücke oder wie Frau Berger mit ihrem Jogginganzug. Ich wollte die dritte Möglichkeit. Vielleicht war das genau das, was Mira Brandt meinte.
Am nächsten Morgen, pünktlich um neun, standen Simone und Becker wieder vor der Tür. Simone hatte sich den Tag freigenommen. Sie trug einen hellen Trenchcoat und neue Ohrringe. Becker hielt die Mappe schon in der Hand, als wäre sie ein Geschenk.
Ich saß an meiner Maschine und nähte ein Futter in ein Kostüm aus dunkelgrünem Wollstoff. Die Nadel tanzte. Ich hörte, wie die Türglocke bimmelte.
„Mama, wir müssen reden“, sagte Simone.
Ich stand auf, zog mir das Maßband vom Hals und legte es auf den Tisch. Dann griff ich in meine Handtasche, die unter der Kasse lag, und holte einen dicken Umschlag heraus.
„Ich muss nicht reden“, sagte ich. „Ich muss euch etwas zeigen.“
Ich legte den Umschlag neben die Mappe, die Becker gerade auf den Tisch stellen wollte. Er hielt inne.
„Das ist der Mietvertrag für ein Atelier in der Überseestadt“, sagte ich. „Unterschrieben gestern Abend. Ich arbeite ab dem Ersten mit einer Modedesignerin zusammen. Dreitausend Euro im Monat, plus Gewinnbeteiligung. Mein alter Laden bleibt bestehen, aber ich werde die Öffnungszeiten reduzieren. Ich habe schon eine Aushilfe gefunden. Frau Yilmaz, meine Kundin, hat eine Nichte, die gerade ihre Meisterprüfung gemacht hat. Sie wird montags und dienstags hier sein.“
Simone starrte auf den Umschlag. Ihre Fingernägel kratzten über den Riemen ihrer Handtasche. „Du hast was? Ohne mit mir zu sprechen? Das ist doch Wahnsinn. Du bist zweiundsiebzig, Mama!“
„Richtig“, sagte ich. „Zweiundsiebzig. Ich habe vierzig Jahre lang diesen Laden geführt. Ich habe gelernt, wie man einen Reißverschluss einsetzt, der nicht kneift. Ich habe gelernt, wie man einen Rock so abnäht, dass die Trägerin wieder gerade steht. Ich habe gelernt, wann man etwas lassen muss und wann man es neu macht. Das alles will ich weitergeben. Nicht an eine Seniorenresidenz. Sondern an die, die es brauchen.“
Becker schüttelte den Kopf. „Frau Kuhn, das ist finanziell riskant. Ein neues Geschäft in Ihrem Alter …“
„Ich habe nicht gefragt, ob es riskant ist. Ich habe nur gesagt, dass ich unterschrieben habe.“ Ich nahm die Mappe, die er mir gestern dagelassen hatte, und hielt sie ihm hin. „Die können Sie wieder mitnehmen. Und grüßen Sie Ihre Interessenten aus der Gastronomie von mir. Der Laden gehört mir. Noch.“
Becker nahm die Mappe. Er wusste nicht, wohin mit den Händen. Simone atmete schwer. „Und was ist mit dem Verkaufserlös? Hundertachtzigtausend Euro, Mama. Wir hätten das Geld für deine Pflege, für eine schöne Wohnung, für Reisen. Aber nein, du willst lieber mit irgendeiner Hamburger Hipsterin zusammenarbeiten, die dich ausbeuten wird.“
Ich legte meine Hand auf die zugeschnittenen Stoffteile auf dem Tisch. Der dunkelgrüne Wollstoff fühlte sich warm an. „Dieser Hipsterin gefällt, was ich mache. Sie hat mich nicht gefragt, ob ich zu alt bin. Sie hat mich gefragt, ob ich eine Schulterfalte so legen kann, dass sie nicht aufträgt. Das ist der Unterschied, Simone.“
Simone trat einen Schritt vor. „Du wirfst alles weg, was Papa und du aufgebaut habt.“
„Nein“, sagte ich. „Ich baue es um. Das ist etwas anderes.“
Ich ging zur Kasse, holte ein Schächtelchen aus der Schublade und legte es neben den Umschlag. Es war das Schächtelchen mit den goldenen Knöpfen, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. „Die Knöpfe kommen an das erste Kleid, das wir in der Überseestadt entwerfen. Für eine Frau, die sich nicht versteckt und nicht verbiegt. Die trägt das, was zu ihr gehört.“
Simone schnappte sich ihre Handtasche. „Ich fasse es nicht. Wenn das schiefgeht, komm nicht zu mir.“
„Tue ich nicht“, sagte ich. „Ich komme zu meiner Arbeit. Und wenn du willst, kommst du zur Eröffnung. Sie ist am Fünfzehnten, um elf. Es gibt Sekt und belegte Brötchen. Die Adresse steht auf der Karte.“
Ich nahm Miras Karte von der Kasse und schob sie Simone über den Tisch. Simone nahm sie nicht. Becker räusperte sich und verließ den Laden. Die Türglocke bimmelte hinter ihm.
Simone blieb noch einen Moment. Dann drehte sie sich um und ging. Ihre Absätze klackten auf dem Linoleum, bis die Tür zufiel.
Ich setzte mich an die Maschine. Der Faden war durch die Nadel gezogen. Ich trat auf das Pedal und nähte die erste Naht des Tages. Draußen fuhr die Linie 4 vorbei, und der Hund vom Kioskbesitzer bellte wie immer. Ich zählte die Stiche. Eins, zwei, drei. Das Geräusch der Nadel war ruhig. Ich dachte an die Knöpfe in dem Schächtelchen und an das Atelier am Hafen. Dann bügelte ich die Naht auf und legte den Stoff beiseite.
Drei Wochen später stand Simone vor dem alten Laden. Das Schild über der Tür hing noch da, aber im Fenster hing ein neues Plakat: „Eröffnung im Atelier Brandt & Kuhn, Überseestadt, Speicherstraße 11. Änderungen und Unikate für Frauen mit Haltung.“
Simone klingelte. Ich war nicht da. Sie rief mich an. Ich saß im Atelier und sortierte Knöpfe nach Größe. Das Telefon summte auf dem Holztisch.
„Mama, wo bist du? Ich war bei dir am Laden. Da ist niemand. Auf dem Plakat steht, du arbeitest jetzt woanders. Und das Schild … das hängt noch, aber die Fenster sind leer bis auf das Plakat.“
Ich nahm den Hörer und klemmte ihn mir zwischen Ohr und Schulter. „Ich bin in der Speicherstraße. Ich habe dir die Adresse gegeben. Und der Laden ist nicht leer. Er ist nur zu. Montags und dienstags öffnet die Nichte von Frau Yilmaz. Mittwochs bis freitags bin ich im Atelier. Samstags nach Absprache.“
„Und was ist mit deiner Wohnung? Ich war an deiner Wohnung. Da war der Briefkasten offen. Da lagen Briefe drin. Und ein Zettel von der Hausverwaltung, dass du gekündigt hast.“
Ich nahm den Hörer in die Hand und legte die Knöpfe beiseite. „Ich habe die Wohnung in der Neustadt aufgegeben. Das Atelier hat eine kleine Wohnung im Obergeschoss. Ich wohne jetzt dort. Miete ist billiger, und ich spare mir die Straßenbahn. Fünfundsiebzig Euro im Monat für das Monatsticket.“
Am anderen Ende war es still. Dann sagte Simone leise: „Du hast wirklich alles allein entschieden.“
„Ja“, sagte ich. „Das ist mein Leben. Und meine Erfahrung. Ich habe dir dreitausend Euro überwiesen. Das ist das Geld, das du mir damals zurückgezahlt hast, plus die Zinsen, die ich nie wollte. Es ist auf deinem Konto, als Starthilfe für das, was du für richtig hältst. Aber ich halte es nicht für richtig, dass du über meinen Alltag entscheidest. Ich bin nicht deine Angestellte. Ich bin deine Mutter.“
Ich hörte, wie Simone schwer atmete. Dann sagte sie: „Ich wollte doch nur, dass du es schön hast.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber schön ist für mich nicht das, was in deinen Prospekten steht. Schön ist, wenn ich morgens am Hafen stehe und die Kräne sehe. Schön ist, wenn eine Frau mit achtundsechzig in ein Kleid schlüpft, das ihr gehört, und sie im Spiegel erkennt, wer sie ist. Schön ist, wenn ich den Faden neu einfädle und weiß, dass ich das kann. Das ist meine Art, alt zu werden. Nicht kämpfen, nicht aufgeben. Einfach weitermachen, mit dem, was ich kann.“
Es war einen Moment still in der Leitung. Dann sagte Simone: „Ich komme am Fünfzehnten. Aber nur, weil ich sehen will, was du da aufziehst.“
„Gut“, sagte ich. „Dann bring Hunger mit. Die Brötchen sind von einem Bäcker in der Überseestadt. Die kosten zwei Euro achtzig das Stück. Gutes Geld für gutes Brot.“
Ich legte auf. Durch das große Fenster sah ich, wie die Sonne auf das Hafenbecken fiel. Ein Kran bewegte sich. Ich setzte mich an den Zuschneidetisch, nahm das Schächtelchen mit den goldenen Knöpfen und legte sie neben ein dunkelgrünes Kleid, das auf der Schneiderpuppe wartete. Die erste Naht war fertig. Die nächste kam morgen.
Ich griff nach der Schere und schnitt den überstehenden Faden ab. Der Faden fiel auf den Boden. Ich ließ ihn liegen. Er war nur ein Faden. Aber die Naht hielt.







