# Fünfzig Jahre und ein Passwort, das er vergaß

Mittwochabend, halb eins. Der Kühlschrank in der Küche brummt, draußen an der Frankfurter Allee rauscht noch vereinzelt ein Nachtbus vorbei. Ich kann nicht schlafen. Ich klappe den Laptop auf, will nur kurz die Nachrichten checken, und dann klickt sich eine Werbeanzeige von selbst auf – irgendeine Dating-Plattform, "Herzklopfen ab 50". Normalerweise wische ich sowas weg. Diesmal nicht. Weil ich sein Gesicht erkenne, bevor ich überhaupt den Namen lese.

Bernhard. Dreiundsechzig. Das Profilfoto ist mindestens zehn Jahre alt, da sieht er aus wie fünfzig, nicht wie ein Mann, der seit einem Jahr auf meiner ausziehbaren Couch schläft. In der Beschreibung steht: "Erfolgreicher Unternehmer im wohlverdienten Ruhestand, suche junge, hübsche Begleiterin ohne Ballast. Schätze Leichtigkeit und Frische." Ich klicke weiter, obwohl mir schon die Hände kalt werden. Ein Chatverlauf mit einer Frau namens Jasmin, sechsundzwanzig Jahre alt. Er nennt sie "Schatzi", verspricht ihr ein Wochenende auf Sylt, schreibt, ihre Fotos würden ihm den Schlaf rauben.

Meine Hände zittern nicht vor Wut. Sie zittern, weil mir in diesem Moment klar wird, wie vollständig ich mich in anderthalb Jahren wieder selbst verloren habe.

Vor achtzehn Monaten hatte Bernhard angerufen. Mein Ex-Mann, von dem ich seit siebzehn Jahren geschieden war. Seit der Unterschrift beim Notar in Charlottenburg hatte ich seine Stimme nicht mehr gehört. Am Telefon klang er gebrochen: "Karin, entschuldige die Störung. Ich hab nirgends mehr hin. Die Firma ist pleite, ich steh mit leeren Händen da. Kannst du mir helfen?"

Ich hätte auflegen können. Ich war zweiundfünfzig, wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung in Lichtenberg, die Kinder längst ausgezogen – der eine nach Leipzig, die andere nach Hamburg. Meine Stelle als Sachbearbeiterin bei einem Versandhändler brachte weder Freude noch nennenswertes Gehalt. Die Freundinnen waren mit der Zeit weggeblieben, weil ich mich selbst zurückgezogen hatte. Abends saß ich vor dem Fernseher, aß Toastbrot mit Margarine, und fragte mich, wofür das Ganze eigentlich noch gut sein soll.

Und dann er. Der mich braucht. Der um Hilfe bittet. Etwas in mir, das ich jahrelang weggesperrt hatte – der Wunsch, gebraucht zu werden, jemanden zu retten – wachte auf wie ein Hund, der die Leine riecht.

"Komm", sagte ich. "Du kannst bei mir wohnen, bis du wieder was gefunden hast."

Zwei Tage später stand er vor der Tür, ein einziger Koffer, ein Gesicht wie ein nasser Hund. In den ersten vier Monaten spielte er den reuigen Ehemann so gut, dass ich es fast glaubte. Er machte Frühstück, spülte, ging für mich zum Kaufland an der Ecke. "Karin, du hast mich gerettet", sagte er fast täglich. Abends schauten wir "Tatort", redeten, gingen einmal im Monat zum Italiener um die Ecke, wo der Kellner ihn schon beim Namen kannte, mich nicht. Ich dachte: das ist die zweite Chance. Der Riss in meinem Leben, der sich endlich schließt.

Ich hatte vergessen, warum wir uns vor siebzehn Jahren getrennt hatten. Seine Affären, seine Kälte, seine Art, alles kleinzureden, was ich tat. Die Erinnerung kam zurück. Aber langsam, Stück für Stück, wie ein Film, der erst im Nachhinein Sinn ergibt.

Ab dem fünften Monat begannen die kleinen Stiche. Erst selten, kaum spürbar. "Karin, du hast aber ein bisschen zugenommen, oder?", sagte er eines Morgens über dem Kaffee. "Etwas", antwortete ich. "Das Alter." – "Na klar, das Alter", nickte er. "Solltest mal wieder ins Fitnessstudio." Ich meldete mich an, dreimal die Woche, Studio an der Frankfurter Allee, dreißig Euro im Monat, die ich mir eigentlich nicht leisten konnte. Einen Monat später: "Das Kleid – aus welchem Jahrzehnt ist das eigentlich? Sieht ziemlich angestaubt aus." Ich kaufte ein neues, für hundertzwanzig Euro, fast ein Fünftel meines Nettogehalts. Wieder einen Monat später: "Deine Freundinnen sind irgendwie seltsam. Die eine geschieden, die andere jammert nur rum. Wozu triffst du dich mit denen noch?" Ich traf mich nicht mehr mit ihnen.

Jeden Tag eine neue Kritik. Die Stimme zu laut. Das Lachen zu schrill. Das Essen fad. Die Kleidung unpassend. Der Job langweilig. Und ich veränderte mich. Für ihn. Wieder. Wie vor siebzehn Jahren.

Und jetzt sitze ich hier, halb eins in der Nacht, höre sein Schnarchen durch die dünne Wand, sehe drei Profile auf demselben Bildschirm – Bernhard, dreiundsechzig, "Unternehmer im Ruhestand" (in Wahrheit: arbeitslos, Privatinsolvenz seit vier Jahren), auf Fotos, die fünfzehn Jahre alt sind, wo er noch Haare hat und lächelt, als hätte er nie eine Rechnung offen gehabt. Drei Chatverläufe. Jasmin, sechsundzwanzig. Nadine, einunddreißig. Verena, achtundzwanzig. Er verspricht ihnen Restaurants, Kurztrips, Geschenke. Er flirtet. Von meinem Geld. In meiner Wohnung. Während er mich jeden Tag kleiner macht.

Ich sitze da und starre nicht auf den Bildschirm – ich merke, dass ich gar nicht überrascht bin. Irgendwo, ganz tief, hatte ich es die ganze Zeit gewusst.

Ich schließe den Laptop nicht. Ich mache Screenshots. Alle drei Profile, alle Chatverläufe, die Fotos, das Datum oben rechts im Eck. Dann öffne ich meine Banking-App und sehe die letzten sechs Monate durch: 340 Euro für seine "Bewerbungsfotos", die nie zu einer Bewerbung führten. 890 Euro für seine Zahnbehandlung. 1.200 Euro, die ich ihm im März geliehen hatte, "nur für zwei Wochen, bis das Gehalt kommt" – ein Gehalt, das es nie gab. Macht zusammen 2.430 Euro in achtzehn Monaten. Ich schreibe die Summe auf einen Zettel, lege ihn neben die Kaffeemaschine, wo er ihn morgens garantiert sieht.

Um sieben klingelt sein Wecker. Ich sitze schon am Küchentisch, Laptop offen, Kaffee kalt. Er kommt rein, im Bademantel, gähnt: "Morgen, Karin. Was gibt's zum Frühstück?"

"Setz dich", sage ich.

Er setzt sich, weil mein Ton anders ist als sonst. Ich drehe den Laptop zu ihm. Er wird blass, schneller als ich erwartet hatte. "Das ist nicht das, wonach es aussieht", sagt er.

"Es sieht aus wie drei Frauen, denen du einen Kurztrip nach Sylt versprichst. Von meinem Geld." Ich schiebe ihm den Zettel mit der Summe rüber. "Zweitausendvierhundertdreißig Euro. Die willst du mir bis Ende des Monats zurückzahlen. Und du ziehst aus. Diese Woche."

"Karin, ich hab doch nirgends —"

"Das hattest du schon mal gesagt. Vor achtzehn Monaten." Ich stehe auf, hole den Umschlag, den ich schon vor drei Tagen vorbereitet hatte, aus reiner Vorahnung, ohne es mir einzugestehen: die Kontaktdaten von zwei Wohnheimen für Männer in Berlin, ein Formular für Wohngeld, das ich extra für ihn ausgefüllt hatte. "Hier. Damit du wirklich nirgends hin musst."

Er redet noch zehn Minuten auf mich ein – von Einsamkeit, von Altersarmut, davon, dass die Chats "nichts bedeutet" hätten, nur "ein bisschen Aufmerksamkeit" gewesen seien. Ich höre zu, während ich Kaffee nachschenke, für mich, nicht für ihn. Dann sage ich nur: "Freitag ist der Schlüssel bei der Hausverwaltung abzugeben." Am Freitag packt er seinen einen Koffer wieder, den gleichen wie vor eineinhalb Jahren, nur ist er jetzt schwerer, weil ich ihm ein paar Pullover geschenkt hatte, die er behalten darf.

Ich wechsle am Samstag das Schloss. Der Schlüsseldienst in der Möllendorffstraße nimmt neunzig Euro, macht es aber in zwanzig Minuten. Ich lege den alten Zylinder in die Schublade, wo früher seine Krawatten lagen. Am Sonntag rufe ich meine Tochter in Hamburg an, das erste Mal seit Monaten ohne dass Bernhard im Hintergrund hustet oder etwas kommentiert. Wir reden eine Stunde. Über nichts Besonderes. Über ihren neuen Job, über das Wetter, darüber, dass ich vielleicht wieder zum Chor gehen will, in den ich vor Jahren mal eingeladen wurde und nie hinging.

Bernhard schreibt noch zweimal. Einmal, ob ich "es mir nicht nochmal überlegen" wolle. Einmal, drei Wochen später, ob ich ihm "vielleicht die letzten dreihundert Euro erlassen" könne, er habe jetzt "wirklich niemanden mehr". Ich antworte nicht. Ich habe die Nummer nicht blockiert – aus keinem besonderen Grund, ich habe es einfach nicht getan. Aber ich schreibe auch nichts zurück.

Das Kleid, das ich für ihn gekauft hatte, hängt noch im Schrank. Ich trage es zwei Wochen später zum Chorabend, zum ersten Mal seit Monaten unter Menschen, die mich nicht nach meiner Kleidergröße beurteilen.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

# Fünfzig Jahre und ein Passwort, das er vergaß