Als Sabine Kramer ihren Glühwein abstellte und zu Magdalena hinübersah, dachte sie zuerst, ihre beste Analystin hätte einen Witz gemacht. Draußen zog der Rhein träge an den beleuchteten Ufern vorbei, im Restaurant roch es nach Zimt und nassem Mantel. Magdalena hatte drei Tassen Punsch getrunken, ihre Wangen glühten, und sie hielt eine Serviette zwischen den Fingern, als wollte sie sie zerreißen.
„Ich will Winzerin werden“, sagte sie noch einmal, diesmal lauter. Die Kollegen am Nebentisch hörten auf zu reden.
Sabine lachte kurz auf, aber es klang hohl. „Du bist Controllerin, Magdalena. Du hast den Abschluss in Frankfurt gemacht, du verdienst sechsstellig. Was soll das?“
„Ich kündige zum Jahresende.“ Magdalena faltete die Serviette sorgfältig zu einem kleinen Quadrat. „Ich habe einen Weinberg an der Mosel gefunden. Von meinem Großvater.“
Thomas, ihr Mann, stand an der Bar und unterhielt sich mit dem Vorstand. Er drehte sich um, als hätte jemand seinen Namen gerufen. Seine Augen suchten Magdalena, und als er sie fand, sah er die Serviette in ihrer Hand.
Sie hatten elf Jahre lang jeden Morgen zusammen im selben Büro gesessen. Thomas war der Mann, der ihre Karriere geplant hatte, Schritt für Schritt, vom Praktikum bis zur Festanstellung. Er hatte ihr den schwarzen Audi A4 zum Dienstantritt geschenkt und die Wohnung im Kölner Belgischen Viertel gekauft, mit Blick auf den Aachener Weiher. Für ihn war das Leben eine Bilanz, die aufgehen musste.
Er kam an den Tisch, sein Glas in der Hand. „Was redest du da?“
„Ich habe heute den Kaufvertrag unterschrieben.“ Magdalena zog ihr Handy aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Darauf war die Bestätigung einer Überweisung zu sehen: 215.000 Euro. „Ich habe unser Gemeinschaftskonto dafür verwendet. Die Hälfte davon gehört mir, das weißt du.“
Thomas stellte sein Glas so hart ab, dass der Glühwein über den Rand schwappte. „Du hast unser Geld für einen verfallenen Schuppen ausgegeben? Bist du verrückt?“
„Es ist ein Weingut mit drei Hektar Riesling, eine alte Kelterhalle und einem Wohnhaus. Meine Großmutter hat dort bis vor zwölf Jahren gelebt. Dann kam die Heimleitung, und ich habe es vergessen.“ Magdalena stand auf. Sie war größer als sonst, weil sie Schuhe mit Absatz trug. In diesen Schuhen war sie vor zehn Jahren zur Vertragsunterzeichnung bei der Bank gegangen, damals noch als Praktikantin.
Sabine legte ihre Hand auf Magdalenas Arm. „Komm, wir gehen raus. Du brauchst Luft.“
Draußen vor dem Restaurant roch es nach Abgasen und feuchtem Laub. Die Lichter des Kölner Doms spiegelten sich im nassen Asphalt. Sabine zündete sich eine Zigarette an, obwohl sie seit drei Jahren aufgehört hatte.
„Weißt du, was du da tust? Du wirfst alles weg. Deine Karriere, deine Ehe, deinen Ruf. Wegen eines Weinfelds, das seit Jahren leer steht.“
Magdalena sah zu, wie der Rauch in der Kälte verschwand. „Ich habe zehn Jahre lang jeden Morgen um 6 Uhr 15 die S-Bahn nach Deutz genommen. Ich habe Tabellen erstellt, die niemand liest. Ich habe Frühstück mit Thomas gehabt, bei dem wir über den DAX gesprochen haben, statt über uns. Und einmal, nur einmal, habe ich mir gewünscht, dass der Zug nicht hält, sondern einfach weiterfährt bis nach Koblenz, wo meine Großmutter gewartet hat.“
„Und was macht Thomas?“ Sabine schnippte die Asche auf den Boden.
„Er hat zwei Stunden gebraucht, um das zu verstehen. Jetzt steht er drinnen und versucht, die Überweisung rückgängig zu machen. Aber es ist zu spät. Das Geld ist weg.“
Sabine drückte die Zigarette an der Hauswand aus. „Du hättest mit mir reden können. Ich bin deine Vorgesetzte, aber auch deine Freundin.“
„Nein, Sabine. Du bist zuerst meine Vorgesetzte. Und dann, irgendwann, wenn es nicht um Zahlen geht, vielleicht auch meine Freundin.“ Magdalena holte einen Umschlag aus ihrer Handtasche. Er war aus festem Papier, mit dem Logo der Kanzlei, bei der sie den Kaufvertrag hatte prüfen lassen. „Das ist meine Kündigung. Ich habe sie heute Morgen geschrieben. Bevor ich zur Weihnachtsfeier gekommen bin, habe ich sie in der Personalabteilung vorbeigebracht. Aber sie wollten, dass ich sie dir persönlich gebe.“
Sabine nahm den Umschlag. Er fühlte sich schwer an, als läge darin mehr als nur Papier.
Am nächsten Morgen um 7 Uhr 10 klingelte Thomas an der Tür der kleinen Wohnung in der Kyffhäuser Straße, in die Magdalena in der Nacht gezogen war. Er hatte eine Aktentasche dabei, in der er alle Unterlagen von ihrer gemeinsamen Wohnung gesammelt hatte.
„Ich habe die Schlösser austauschen lassen“, sagte Magdalena, bevor er etwas sagen konnte. Sie lehnte am Türrahmen, in Jeans und einem alten Pullover, den sie seit der Uni nicht mehr getragen hatte. Der Nachbar von gegenüber ließ seinen Kater herein, der sofort auf das Fensterbrett sprang und sich in die Sonne legte. Es war ein kalter, klarer Dezembertag, und die Heizung summte leise.
„Du kannst nicht einfach so abhauen.“ Thomas warf die Aktentasche auf den kleinen Flurtisch. „Wir sind verheiratet. Das hier ist eine Entscheidung, die wir gemeinsam treffen müssen.“
„Ich habe sie getroffen. Elf Jahre lang haben wir sie gemeinsam nicht getroffen. Jetzt treffe ich sie allein.“ Magdalena griff in die Tasche ihrer Jeans und zog einen Schlüsselbund heraus. Es war nicht der für die gemeinsame Wohnung – den hatte sie am Vorabend in den Briefkasten geworfen. Es war der Schlüssel zum Tor des Weinbergs, den ihr der Notar ausgehändigt hatte. Zusammen mit einem Lageplan und einer Liste der anstehenden Arbeiten.
Thomas strich sich mit der Hand über den Mund. „Und was ist mit uns? Du kannst nicht einfach gehen, ohne mit mir zu reden.“
„Du hast gestern Abend nicht geredet. Du hast versucht, mein Konto sperren zu lassen. Das hat mir alles gesagt.“ Magdalena öffnete die Tür einen Spalt weiter, damit die kalte Luft hereinkam. „Ich fahre heute Nachmittag zur Mosel. Der Verkäufer erwartet mich um 15 Uhr 30. Ich muss die Weinberge übernehmen, bevor der Frost kommt.“
„Und wenn ich dich jetzt einfach nicht gehen lasse?“ Thomas trat einen Schritt vor, aber er blieb stehen, weil der Kater fauchte.
„Du hast mich noch nie gehen lassen. Aber du hast auch nie gefragt, ob ich bleiben will.“ Magdalena nahm ihre Reisetasche vom Boden. Sie war alt und aus braunem Leder, ein Erbstück ihrer Großmutter. Sie hatte sie am Vorabend gepackt, mit zwei Pullovern, einer Jeans, dem Kaufvertrag und einem Foto, auf dem ihre Großmutter vor dem Weingut stand, die Hände in den Taschen einer Kittelschürze, das Haar unter einem Kopftuch versteckt.
Thomas machte einen Schritt zur Seite. Er sah auf den Schlüssel in Magdalenas Hand. Der Schlüssel war aus Messing, schwer und mit einem kleinen Anhänger aus Holz, auf dem mit Filzstift „Weingut Lorenz“ stand. „Ich komme nach“, sagte er leise.
„Nein, du kommst nicht nach. Du hast eine Bilanz zu retten. Ich habe einen Weinberg zu retten. Das ist nicht dasselbe.“
Sie zog die Tür hinter sich zu, so schnell, dass der Kater vom Fensterbrett sprang und sich unter dem Tisch versteckte. Der Schlüssel kratzte im Schloss, einmal, zweimal, dann war es still. Nur der Aufzug summte, als er sich in Bewegung setzte.
Drei Wochen später stand Magdalena in der Kelterhalle und wischte den Boden. Es roch nach feuchtem Stein und altem Most. Draußen lag der Schnee auf den Reben, die wie dürre schwarze Hände aus dem Boden ragten. Auf dem Handy hatte sie eine Nachricht von Sabine, die sie nicht geöffnet hatte. Sie wusste, was darin stand: Die Bank hatte einen Nachfolger für ihre Position gefunden. Thomas hatte eine neue Wohnung in der Innenstadt bezogen und die Scheidung eingereicht. Und irgendwo im Verteiler stand eine Frage: „War es das wert?“
Magdalena stellte den Eimer in die Ecke und zog ihre Handschuhe aus. Sie ging zu dem alten Holztisch, auf dem ihre Unterlagen lagen: der Kaufvertrag, die Bestätigung der Überweisung über 215.000 Euro, der Kündigungsbrief, den sie nie abgeschickt hatte – denn sie war gegangen, ohne ihn zurückzulassen. Er war noch in ihrer Tasche gewesen, zusammen mit einer Getränkerechnung vom Weihnachtsmarkt.
Sie nahm den Kündigungsbrief und riss ihn in der Mitte durch. Dann noch einmal. Die Papierschnipsel fielen in einen Blecheimer, in dem schon trockene Blätter lagen. Sie zündete ein Streichholz an und hielt es an den Rand. Das Papier brannte schnell, und der Rauch zog durch die offene Tür nach draußen in die kalte Luft.
Dann ging sie hinaus zu den Reben. Die Sonne stand tief über der Mosel, und das Wasser glänzte wie flüssiges Metall. Sie bückte sich, nahm eine Handvoll Erde und ließ sie durch die Finger rieseln. Es war trocken und kalt, aber darunter roch es nach Frühling.
Am Abend kam der Verkäufer vorbei. Er hieß Johann und war über siebzig. Er brachte eine Flasche Riesling aus dem letzten guten Jahrgang mit. Sie saßen im Wohnhaus, das noch nach Staub und leeren Flaschen roch, und tranken aus den einzigen zwei Gläsern, die Magdalena gefunden hatte.
„Warum haben Sie das gemacht?“, fragte Johann. „Ein Weingut zu übernehmen, das seit zwölf Jahren brachliegt. Das ist ein Risiko. Die Leute hier geben Ihnen höchstens drei Jahre.“
Magdalena drehte das Glas in den Händen. Das Glas war dünn und hatte einen Sprung, der im Kerzenlicht glitzerte. „Meine Großmutter hat hier gearbeitet, bis sie achtzig war. Sie hat mir immer gesagt: Wenn du einmal am Wasser stehst und die Reben im Wind siehst, weißt du, warum es sich lohnt. Ich habe es heute Morgen gesehen. Der Wind kam von Norden, und die Reben haben sich bewegt, als würden sie atmen.“
Johann nickte. Er hatte früher selbst am Weinberg gearbeitet, kannte jeden Stock. „Und Ihr Mann?“
„Der schreibt mir E-Mails. Ich habe ihm gestern geantwortet, dass die Scheidungspapiere bei meinem Anwalt in Koblenz liegen. Unterschrieben und bereit.“ Magdalena stand auf und holte aus ihrer Tasche einen dicken Umschlag. Sie legte ihn auf den Tisch zwischen die Gläser. „Das hier sind die Unterlagen für den Kredit, den ich aufgenommen habe, um die Kellerei zu renovieren. 340.000 Euro. Die Bank hat zugestimmt, weil ich als Sicherheit meine Anteile an der Immobilie in Köln eingesetzt habe. Die holen sie sich, wenn ich scheitere.“
Johann nahm den Umschlag, öffnete ihn aber nicht. Er warf nur einen Blick auf die dicken Papierstapel. „Sie haben also alles auf eine Karte gesetzt.“
„Nein. Ich habe endlich die Karte gespielt, die ich die ganze Zeit in der Hand gehalten habe.“ Magdalena hob ihr Glas. „Prost, Johann. Auf den Weinberg.“
„Auf den Weinberg“, sagte er und stieß an.
Der Sprung im Glas wurde länger, aber das Glas hielt. Draußen heulte der Wind um das alte Haus, und irgendwo im Dorf läutete eine Glocke. Einmal, zweimal. Dann war es wieder ruhig, bis auf das leise Tropfen des Wasserhahns.
Am nächsten Morgen, noch vor dem ersten Licht, stand Magdalena in der Küche und machte sich Kaffee. Die Kaffeemaschine war alt und spuckte und zischte. Auf dem Fensterbrett lag ein toter Falter, den sie vorsichtig mit einem Stück Papier hinausschob. Dann setzte sie sich an den Tisch, trank den ersten Schluck und schaute auf die leere Flasche Riesling, die Johann dagelassen hatte.
Sie nahm ihr Handy und wischte die Nachricht von Sabine weg, ohne sie zu lesen. Stattdessen öffnete sie die Kamera und machte ein Foto von dem Hof vor dem Fenster: die Reben im Dämmerschein, der erste Frost auf den Blättern, die alte Kelterhalle mit dem schiefen Dach. Sie schickte es an niemanden. Sie speicherte es unter dem Namen „Der Anfang“.
Dann griff sie nach ihrem Mantel, zog die Stiefel an und ging hinaus. Der Schlüssel zum Tor lag auf dem Tisch. Sie steckte ihn in die Tasche, spürte das kalte Metall durch den Stoff. Sie würde die Reben beschneiden, bevor die Sonne aufging. Sie würde den Boden lockern, die Wurzeln prüfen, den alten Traktor aus der Scheune schieben. Es gab genug zu tun.
Als sie das Tor aufschloss, hörte sie ein Auto. Es bog langsam in den Feldweg ein, die Scheinwerfer leuchteten über die Reben. Es war ein schwarzer Audi A4 mit Kölner Kennzeichen. Am Steuer saß Thomas.
Er hielt an, stieg aus und stand vor dem Tor. In der Hand hatte er einen Blumenstrauß, eingewickelt in braunes Papier. Er sagte nichts. Er sah nur auf ihre Hände, die den Schlüssel umklammerten.
Magdalena wog den Schlüssel in der Hand. Dann beugte sie sich vor, schob ihn ins Schloss und drehte ihn zweimal herum. Sie öffnete das Tor weit genug, dass sie hindurchgehen konnte, und trat auf die andere Seite. Sie wartete nicht, bis Thomas den Mund aufmachte. Sie ging den Hang hinunter, zwischen den Reben hindurch, bis sie am Ende des Feldes ankam. Dort blieb sie stehen und blickte auf die Mosel, die im ersten Morgenlicht noch grau und reglos dalag. Sie zog die Handschuhe fester über die Hände und begann, die erste Reihe zu beschneiden. Der Ast schnitt durch die kalte Luft, und der Weinberg atmete.







