Es tut mir leid, aber ich kann diesen Auftrag nicht übernehmen.

Der Kaffee war schon kalt, als Marlene endlich die Kraft fand, den Brief zu öffnen.

Er lag seit drei Tagen auf dem Küchentisch in ihrer Wohnung in Freiburg, zwischen der Stromrechnung und einem Werbeprospekt vom Rewe, und jedes Mal, wenn sie daran vorbeiging, spürte sie diesen Ruck in der Brust, als hätte jemand eine Schlinge ein Stück fester gezogen. Ihr Mann Bertram hatte den Umschlag gebracht, kommentarlos auf den Tisch gelegt und war zur Arbeit gefahren, als wäre es ein gewöhnlicher Dienstag.

Es war kein gewöhnlicher Dienstag. Der Absender war eine Kanzlei aus Karlsruhe.

Vierundzwanzig Jahre waren sie verheiratet. Vierundzwanzig Jahre, in denen sie die Werkstatt gemeinsam aufgebaut hatten, eine kleine Autolackiererei am Stadtrand, in der Bertram morgens um sechs die Tore hochzog und Marlene die Buchhaltung machte, weil sie die Einzige war, die mit Zahlen nicht auf Kriegsfuß stand. Zwei Söhne hatten sie großgezogen, beide inzwischen ausgeflogen, einer nach Hamburg, einer nach Stuttgart. Ein Haus mit Garten, in dem die Tomaten dieses Jahr besonders gut standen. Ein Leben, das sich rund angefühlt hatte, bis vor sechs Wochen.

Bis zu dem Abend, an dem Bertram nach Hause kam und sagte, er müsse ihr etwas erzählen, und seine Hände dabei nicht stillhalten konnten, sondern immer wieder die Serviette auf dem Tisch glattstrichen, obwohl sie längst glatt war.

Er hatte jemanden kennengelernt. Karin, aus Offenburg, auf einer Fortbildung für Lackiertechnik, vor über einem Jahr. Es sei nichts Geplantes gewesen, sagte er, es sei einfach passiert, und Marlene hatte damals nur mit dem Kopf genickt, weil ihr Körper nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sie hatte die Suppe weitergerührt, die auf dem Herd stand, bis sie anbrannte.

Jetzt, mit dem Scheidungsantrag in der Hand, dachte sie an diesen Abend und an die Suppe, die sie wegkippen musste, und an all die Wochen danach, in denen sie beide so getan hatten, als könne man mit genug Schweigen einen Riss wieder zukleben.

Sie riss den Umschlag auf. Die Blätter waren nüchtern, in einer Sprache, die keine Gefühle kannte: Antragsteller, Antragsgegnerin, Zugewinnausgleich, Versorgungsausgleich. Zwischen den Paragraphen stand ihr ganzes Leben in Paragraphenform aufgelöst, wie ein Bausatz, den jemand auseinandergenommen hatte, um zu sehen, wie er zusammengehalten wurde.

Marlene stand auf, ging in die Werkstatt hinüber, die Tür stand offen, weil Bertram sie nie abschloss, solange er drin war. Er stand am Spritzstand, in seinem grauen Overall, und lackierte die Motorhaube eines Golf II, Baujahr 87, in einem satten Blau, das er selbst angemischt hatte. Er bemerkte sie nicht sofort.

Sie legte die Blätter auf die Werkbank, direkt neben seine Schutzbrille.

„Das ist also deine Entscheidung", sagte sie.

Er stellte die Spritzpistole ab, langsam, als könnte eine hastige Bewegung etwas zerbrechen, das ohnehin schon zerbrochen war. „Ich dachte, wir hätten das besprochen."

„Wir haben geschwiegen", sagte Marlene. „Sechs Wochen lang. Das ist etwas anderes als besprechen."

Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schon voller Farbe war, sodass seine Finger nur noch mehr Blau annahmen statt sauberer zu werden. „Ich wollte dir Zeit geben."

„Du wolltest dir selbst Zeit geben." Sie sah an ihm vorbei, auf die halb lackierte Motorhaube. „Damit du dich schon entschieden fühlen kannst, bevor du es mir sagen musst."

Er sagte nichts darauf, weil es stimmte, und beide wussten es.

Marlene griff nach der Schutzbrille, drehte sie in den Händen, legte sie wieder hin. „Weißt du, was mich am meisten wütend macht? Nicht Karin. Nicht mal, dass du sie mir verschwiegen hast, bis du es nicht mehr konntest." Sie strich mit dem Daumen über den Rand der Werkbank, dort, wo Bertram vor Jahren ihre beiden Initialen eingeritzt hatte, verspielt, damals, in einer Nacht, an der sie hier zusammen die ersten Aufträge abgerechnet hatten. „Mich macht wütend, dass du dachtest, ein Anwaltsschreiben wäre einfacher als ein Gespräch."

„Es ist nicht einfacher", sagte er leise. „Nichts davon ist einfach."

„Dann rede mit mir. Jetzt. Hier." Sie deutete auf die Werkbank, auf die Blätter der Kanzlei, die zwischen Farbdosen und Schleifpapier lagen wie ein Fremdkörper. „Nicht durch einen Anwalt aus Karlsruhe. Mit mir."

Bertram stand lange da, den Lappen noch in der Hand, und irgendwann setzte er sich auf den Hocker, auf dem er sonst saß, wenn er die Kunden über Lackierpreise beriet. Er sah nicht sie an, sondern die Motorhaube, das Blau, das noch nicht getrocknet war.

„Vierundzwanzig Jahre", sagte er schließlich, „und ich habe mich selbst kaum noch gekannt, als ich merkte, wie es ist, wenn jemand einen ansieht, ohne dass da schon eine Meinung feststeht." Er drehte den Lappen zwischen den Fingern. „Karin hat eine Wohnung in Offenburg frei, seit August. Ich habe ihr letzte Woche einen Schlüssel machen lassen. Von der Werkstatt hier."

Marlenes Hand, die noch auf der Werkbank lag, wurde zur Faust, so fest, dass die eingeritzten Initialen sich in ihre Handfläche drückten. Sie sagte nichts, ließ den Blick auf den Farbeimern liegen, auf dem Etikett mit der RAL-Nummer, die Bertram immer notierte, damit er den Ton nie verwechselte.

„Du wolltest mir also nicht nur einen Anwalt schicken", sagte sie schließlich, und ihre Stimme war ruhig, viel ruhiger, als sie sich fühlte. „Du hattest schon alles eingerichtet. Die Wohnung. Den Schlüssel. Und dann kommt der Umschlag, und ich soll noch glauben, du wärst unsicher."

„So war das nicht gemeint."

„So war es aber." Sie nahm die Schutzbrille von der Werkbank und stellte sie mit einem harten Klacken neben die Farbdosen, weiter weg von den Papieren. „Zweiundzwanzig Jahre, sagst du, hast du gedacht, das hier wäre alles, was du willst. Vierundzwanzig sind wir verheiratet, Bertram. Nicht mal die Zahl unserer Ehe hast du mehr im Kopf."

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Marlene griff nach dem Scheidungsantrag, blätterte bis zur letzten Seite, dorthin, wo die Linie für ihre Unterschrift wartete, leer. Sie legte den Kugelschreiber, der neben der Kasse lag, quer über das Blatt, aber sie unterschrieb nicht.

„Ich unterschreibe das heute nicht", sagte sie. „Nicht hier, nicht zwischen Farbdosen, während du mir nebenbei erzählst, dass du ihr schon einen Schlüssel zu meiner Werkstatt gegeben hast." Sie klappte die Mappe zu. „Du gehst morgen zu deinem Anwalt und lässt dir den Zugewinnausgleich neu aufsetzen. Diese Werkstatt gehört zur Hälfte mir, das steht in jedem Papier, das du selbst unterschrieben hast, als wir sie gegründet haben. Und den Schlüssel, den du ihr gegeben hast, lässt du dir zurückgeben, bis das hier geklärt ist. Sonst reden wir gar nicht mehr, sondern nur noch unsere Anwälte."

Sie legte die Mappe zurück auf die Werkbank, direkt neben die Spritzpistole, sodass beide Dinge sich berührten, das Papier und das Werkzeug, mit dem er seit dreißig Jahren sein Geld verdiente.

Bertram sah auf die Mappe, dann auf sie. „Und wenn ich das mache? Den Schlüssel zurückhole, den Anwalt neu ansetze?"

„Dann reden wir weiter", sagte Marlene. „Nicht heute fertig. Aber weiter." Sie stand auf, schob den Hocker zurück an seinen Platz. „Das ist kein Ja zu uns, Bertram. Das ist ein Nein zu einem Formular, das mein halbes Leben in einem Nachmittag abwickeln wollte."

Sie ging zur Tür der Werkstatt, blieb im Rahmen stehen, die Hand am kalten Metall des Türgriffs.

„Morgen früh, neun Uhr, bei deinem Anwalt", sagte sie. „Ich komme mit."

Dann ging sie hinaus, in den Garten, zu den Tomaten, die dieses Jahr besonders gut standen.

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