Sabines Plan für Leipzigs Lützowstraße scheitert an ihrer Mutter

Ich war einundachtzig Jahre alt, als meine Tochter Sabine beschloss, dass ich nicht mehr allein in meinem Haus in Leipzig leben könne. Sie stand in meiner Küche, strich mit dem Finger über die abgeblätterte Farbe am Fensterrahmen und sagte: „Mama, das hier ist zu viel für dich. Die Treppen, der Garten, die alten Leitungen. Du gehörst in eine Seniorenresidenz. Oder zu uns. Aber nicht hier."

Ich habe den Putzlappen genommen und das Wasser ausgewrungen, bis meine Fingerknöchel weiß waren. „Sabine", sagte ich, „ich wohne seit zweiundvierzig Jahren in diesem Haus. Ich weiß, welche Stufe im Treppenhaus morgens als erstes knackt. Ich weiß, dass der Nachbarsjunge immer um halb acht sein Fahrrad an der Linde anschließt. Ich habe hier drei Kinder großgezogen und deinen Vater bis zum Schluss gepflegt."

Sie seufzte. „Eben. Du hast genug geleistet. Jetzt kannst du dich ausruhen."

Als ob Ruhe bedeutete, die Tür hinter sich zuzuziehen und nie wieder den Duft des Flieders am Zaun im Mai zu atmen. Als ob Ruhe hieße, in einem beigefarbenen Zimmer zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand zur Teezeit vorbeikommt.

Ich habe sechzig Jahre lang für andere aufgestanden, bevor die Sonne über den Dächern von Reudnitz aufging. Ich habe in der Bäckerei in der Breiten Straße gearbeitet, Brötchen geschoben, bis meine Handgelenke taub waren. Ich habe Schularbeiten kontrolliert, Fieber gemessen, heimlich geweint, wenn das Geld nicht reichte, und trotzdem jeden Sonntag einen Rinderbraten auf den Tisch gestellt. Ich habe meinem Mann die Hand gehalten, als er im Hospiz in der Lützowstraße starb, und ich habe danach allein das Geschirr gespült, weil niemand da war, der mir den Rücken tätschelte.

Jetzt will ich morgens um neun aufstehen und meinen Kaffee auf der Terrasse trinken, während die Amsel im Nussbaum singt. Ich will mit meinen Hortensien sprechen, als wären sie alte Freundinnen, und ich will abends das Radio laut aufdrehen und dabei mit dem Fuß wippen.

Aber Sabine kam wieder. Diesmal mit ihrem Mann Dirk. Dirk, der in der Sparkassenfiliale am Connewitzer Kreuz arbeitet und glaubt, dass man sich Ruhe kaufen kann. „Schwiegermutter", sagte er, „wir haben uns informiert. Das Haus ist eine Belastung. Die Heizkosten, die Grundsteuer, die Reparaturen. In einer Seniorenresidenz in der Südvorstadt hättest du alles: Pflege, Gesellschaft, Sicherheit."

„Ich brauche keine Gesellschaft", erwiderte ich. „Ich brauche meine Ruhe."

„Die hast du doch gar nicht", sagte er und zeigte auf die Tapete in der Ecke, wo sich Feuchtigkeit abzeichnete. „Das hier ist ein Fass ohne Boden."

Sie boten mir an, das Haus zu übernehmen. Sie würden es sanieren, vermieten oder verkaufen, und ich würde in eine schöne kleine Wohnung ziehen. Mit Balkon. Barrierefrei. Sabine legte mir eine Broschüre auf den Küchentisch. In dem Prospekt lächelten grauhaarige Menschen in hellen Zimmern, als hätte man ihnen gerade eine große Freude gemacht.

„Ich will nicht", sagte ich.

„Mama, sei vernünftig."

„Ich bin vernünftig. Ich bleibe hier."

Da hat Sabine geweint. Nicht theatralisch, sondern leise, mit zitternden Schultern. „Ich mache mir Sorgen. Jeden Tag. Was ist, wenn du fällst? Was ist, wenn du nachts einen Schwächeanfall bekommst? Ich kann das nicht ertragen."

Ich habe ihre Hand genommen. „Dann ruf mich an. Oder komm vorbei. Aber nimm mir nicht das Einzige, was mir noch gehört."

Sie trocknete sich die Augen und sagte nichts mehr. Dirk stand auf und legte die Broschüre auf den Stapel mit alten Zeitungen neben der Tür. „Denk darüber nach", sagte er.

Das tat ich. Drei Wochen lang dachte ich darüber nach. Ich erinnerte mich an den Tag, als Sabine ihre erste Wohnung bezog, wie sie aufgeregt mit den Schlüsseln klimperte. Ich hatte ihr damals gesagt: „Du musst deinen eigenen Weg gehen." Und sie hatte es getan. Warum gestand man mir das nicht zu?

Dann kam der Donnerstag, an dem alles kippte.

Die Türklingel schellte um kurz nach neun. Vor der Tür stand ein junger Mann mit Aktenkoffer und dem falschen Lächeln eines Menschen, der weiß, dass er unangenehme Dinge ausrichten muss. „Guten Tag, Frau Müller", sagte er. „Mein Name ist Tobias Kretschmer. Ich komme im Auftrag Ihrer Tochter."

Er war vom Amtsgericht, wie sich herausstellte. Sabine hatte ein Verfahren eingeleitet, um mich für nicht mehr geschäftsfähig erklären zu lassen. Es sei nur eine Vorsichtsmaßnahme, sagte er. Damit ich keine unüberlegten Entscheidungen träfe.

Ich habe ihm keinen Kaffee angeboten. Ich habe die Tür wieder aufgemacht und gesagt: „Guten Tag, Herr Kretschmer." Und dann bin ich ins Wohnzimmer gegangen und habe mich in meinen Sessel gesetzt. Nicht aus Schwäche. Aus Klarheit.

In der Nacht habe ich kein Auge zugetan. Gegen halb drei stand ich auf und ging in die Küche. Ich machte mir eine Tasse Tee und setzte mich an den Tisch, auf dem noch die Broschüre mit den lächelnden alten Menschen lag. Ich nahm sie in die Hand, studierte sie noch einmal — die Preise, die Zimmer, die Pflegegarantie. Dann schob ich sie beiseite, holte eine alte Blechdose aus dem Schrank über der Spüle und öffnete sie.

Darin lagen die Unterlagen, die ich seit dem Tod meines Mannes nicht mehr angerührt hatte: das Testament, die Vollmachten, die Kontounterlagen. Ich blätterte sie durch, Seite für Seite, und merkte, wie ruhig meine Hände wurden.

Am nächsten Morgen zog ich meinen guten Mantel an, setzte den Hut auf, den mir meine Freundin Gerda von der Kirchengemeinde geschenkt hatte, und nahm die Straßenbahnlinie 15 bis zum Wilhelm-Leuschner-Platz. Dann ging ich zu Fuß zur Notarkanzlei in der Grimmaischen Straße. Ich hatte einen Termin.

Die Notarin hieß Frau Doktor Weigelt. Sie trug eine schmale Brille und hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Als ich fertig war, fragte sie: „Sind Sie sicher?"

„Ja", sagte ich. „Ich bin sicher."

Sie begann zu schreiben. Ich saß da und sah zu, wie die Wörter auf das Papier flossen, und der Druck auf meiner Brust wurde leichter, Zeile für Zeile.

Es dauerte keine Viertelstunde. Frau Doktor Weigelt reichte mir die Papiere, ich unterschrieb an den markierten Stellen, und sie drückte den Stempel darauf. Dann legte sie mir die Ausfertigung in einem hellgelben Umschlag vor.

„Das war's", sagte sie.

Ich nahm den Umschlag, steckte ihn in meine Handtasche und bedankte mich. Auf dem Rückweg kaufte ich mir in der Katharinenstraße ein Stück Streuselkuchen und setzte mich auf eine Bank am Marktplatz. Die Sonne fiel auf das Pflaster, und ich dachte, dass die Stadt immer noch dieselbe war, nur ich hatte mich verändert.

Zu Hause legte ich den Umschlag in die Blechdose zurück und stellte sie an ihren Platz. Ich goss die Hortensien und redete mit ihnen wie jeden Morgen. „Es wird sich einiges ändern", sagte ich zu der blauen. „Aber nicht so, wie sie denken."

Dann rief ich Sabine an und bat sie, am Sonntag mit Dirk zu kommen.

Sie wirkte erleichtert. „Ich wusste, dass du es einsehen würdest, Mama."

„Komm einfach", sagte ich.

Am Sonntag deckte ich den Tisch im Wohnzimmer. Ich legte das gute Geschirr auf, das ich seit der Silberhochzeit nicht mehr benutzt hatte, und stellte einen Topf mit Dahlien in die Mitte. Die Dahlien stammten aus dem Garten meiner Freundin Gerda, die ich gebeten hatte, sie mir zu schneiden.

Sabine und Dirk kamen um kurz nach zwei. Sie brachten einen Kuchen mit, den Sabine beim Bäcker in der Karl-Liebknecht-Straße gekauft hatte. Dirk trug ein frisch gebügeltes Hemd und wirkte zufrieden, als hätte er einen schwierigen Auftrag erfolgreich abgeschlossen. Sie setzten sich, ich schenkte Kaffee ein.

„Ich habe lange nachgedacht", begann ich.

Sabine legte den Kopf schief. „Und?"

„Ihr habt recht. Ich kann nicht ewig so weitermachen. Das Haus ist alt, die Arbeit zu viel, die Verantwortung zu groß."

Sie atmete hörbar aus. Dirk reckte das Kinn. „Siehst du, Schwiegermutter. Es ist das Beste."

„Deshalb", sagte ich und griff nach meiner Handtasche, „habe ich eine Entscheidung getroffen."

Ich holte den hellgelben Umschlag heraus. Sabine starrte darauf, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder erschrecken sollte.

„Ich habe das Haus überschrieben", sagte ich.

Dirk setzte sich aufrecht. „An uns?"

„Nein", sagte ich. „Nicht an euch."

Nur die Uhr an der Wand tickte, sonst rührte sich nichts im Zimmer.

„Ich habe es der Stiftung Lebenshilfe Leipzig vermacht", sagte ich. „Die kümmern sich um alte Menschen, die keine Angehörigen haben. Solche wie mich."

Sabine wurde blass. „Mama… was hast du getan?"

„Ich habe vorgesorgt", sagte ich. „Ich will nicht, dass jemand über mein Leben entscheidet, nur weil ich einundachtzig bin. Ich habe das Gefühl, ihr versteht nicht, dass dieses Haus mein Leben ist. Also habe ich dafür gesorgt, dass es niemand bekommt, der es nur als Belastung sieht."

Dirk schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das ist Wahnsinn. Du hast das Familienvermögen an Fremde gegeben?"

„Es ist mein Vermögen", sagte ich ruhig. „Und ich habe es sauber geregelt. Notariell. Unanfechtbar. Für den Fall, dass ich einmal nicht mehr selbst entscheiden kann, übernimmt die Stiftung die Verwaltung. Solange ich lebe, bleibe ich hier wohnen. Das steht im Vertrag."

Sabine starrte auf den Umschlag, dann auf mich. „Du hast dich gegen uns entschieden."

„Nein", sagte ich. „Ich habe mich für mich entschieden. Das ist etwas anderes."

Sie weinte wieder. Diesmal nicht leise, sondern mit offenem Mund, die Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf den Kuchen, den sie mitgebracht hatte. Dirk stand auf, ging zum Fenster und schaute auf die Straße, als suche er dort nach einer Antwort, die ich ihm nicht geben konnte.

„Du lässt uns kein Mitspracherecht", sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Doch", sagte ich. „Ihr könnt mich besuchen. Ihr könnt mit mir sprechen. Ihr könnt mir mit dem Garten helfen. Auch das steht nicht im Vertrag, aber es wäre nett."

Er lachte auf, bitter und kurz. „Du hast uns ausgetrickst."

„Ich habe euch die Entscheidung abgenommen, die ihr nicht treffen wolltet", sagte ich. „Über mein Leben bestimme ich."

Sabine nahm ihre Handtasche, die neben dem Stuhl stand, und klammerte sich daran fest. „Ich wollte dir nur helfen."

„Ich weiß", sagte ich. „Aber ihr habt mich nie gefragt, was ich will. Ihr habt für mich entschieden und mir das Ergebnis auf den Küchentisch gelegt."

Sie schluckte. Dann stand sie auf, griff nach Dirks Arm und zog ihn zur Tür. Er folgte ihr, ohne sich noch einmal umzusehen. An der Tür drehte sich Sabine noch einmal zu mir um.

„Und was, wenn du wirklich einmal fällst?"

„Dann stehe ich wieder auf", sagte ich. „Wie immer."

Sie schüttelte den Kopf und ging.

Ich blieb am Tisch sitzen. Der Kuchen duftete nach Butter und Hefe. Die Dahlien standen aufrecht in ihrem Topf, als hätten sie nichts gehört. Draußen läutete die Straßenbahn und irgendwo im Garten sang die Amsel.

Am Abend goss ich die Hortensien und setzte mich auf die Terrasse. Die Sonne fiel schräg durch die Blätter des Nussbaums, wanderte über die Armlehne und färbte den Kaffee in meiner Tasse bernsteinfarben. Dann nahm ich die Zeitung vom Vortag und las sie von vorn bis hinten, auch die Anzeigen. Einfach so. Weil ich es konnte.

„Na", sagte ich zur blauen Hortensie und zupfte ein welkes Blatt von ihrem Stiel, „siehst du, es ist doch alles beim Alten geblieben. Nur ich sitze jetzt anders hier."

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