Fünfundfünfzig Jahre alt war ich, als ich das erste Mal Rüdiger widersprach. Nicht laut. Ich habe nur den Autoschlüssel auf die Anrichte gelegt und gesagt, ich melde mich morgen bei der Fahrschule an. Er hat gelacht, wie er immer gelacht hat, wenn ihm etwas nicht passte – kurz, durch die Nase, als wäre die Sache damit erledigt.
Dabei hatte alles viel früher angefangen. Mit sechsundzwanzig wollte ich meinen Führerschein machen. Rüdiger fand das überflüssig. Wozu Geld ausgeben, wenn er mich doch überallhin fahren konnte. Zum Einkaufen in den Real nach Wetzlar, zu den Arztterminen, zu meiner Schwester Gudrun, die dreiundvierzig Kilometer entfernt in einem Dorf bei Gießen wohnte. Wenn er keine Lust hatte oder Spätschicht in der Firma, dann wartete ich eben. Oder ich nahm den Bus, zweimal umsteigen, mit Einkaufstaschen, die mir in die Handflächen schnitten.
Jedes Mal, wenn ich die Fahrschule erwähnte, fand er einen neuen Grund, mir die Sache auszureden. „Du wirst doch schon nervös, wenn die Kaffeemaschine piept.“ „Beim Einparken baust du uns den Golf zu Schrott.“ „Autofahren, das geht nicht in deinem Tempo, Marlene.“ Irgendwann, so mit fünfzig, habe ich aufgehört zu fragen. Ich hatte mir eingeredet, er hätte wahrscheinlich recht. Im Treppenhaus unseres Mietshauses in der Frankfurter Straße hing damals noch dieser vergilbte Aushang vom Hausmeister, dass die Mülltonnen versetzt würden – ich habe ihn jahrelang gesehen, ohne ihn wirklich zu lesen. So ähnlich war das mit mir selbst geworden. Ich war da, aber ich habe mich nicht mehr wirklich wahrgenommen.
Rüdiger war kein böser Mensch, nicht durchgehend. Aber es gefiel ihm, gebraucht zu werden. Dass ich ihn bitten musste. Dass ich am Küchenfenster stand und auf die Straße schaute, bis sein Wagen um die Ecke bog.
Mit sechsundsiebzig fing es an, dass er nachts schlechter sah. Dann, an einem Novemberabend, wurde ihm beim Ausparken vor dem Getränkemarkt schwindlig, und er streifte einen fremden BMW. Kein großer Schaden, dreihundertachtzig Euro Kostenvoranschlag, aber der Hausarzt, Doktor Brenner, bestand auf einer Untersuchung beim Augenarzt und wollte ihn bis dahin nicht am Steuer sehen. Rüdiger wollte das nicht wahrhaben. Er redete von einer vorübergehenden Sache, von Verspannung im Nacken, von schlechter Beleuchtung an der Kreuzung.
Der Golf blieb in der Garage stehen, unter der Plane, mit der er ihn sonst nur im Winter zudeckte. Und unser Alltag wurde kompliziert. Die Kinder wohnten weit weg, einer in Hamburg, die andere in der Schweiz. Für den Termin beim Kardiologen mussten wir ein Taxi bestellen, zwölf Euro fünfzig nur die Anfahrt. Für den großen Einkauf zahlten wir jetzt Lieferservice. Und der Besuch bei Gudrun wurde zur halbtägigen Expedition mit Regionalbahn und Umstieg in Gießen.
Rüdiger wurde ungehalten, weil ich keine Lösung fand. „Du hättest eben Autofahren lernen sollen“, sagte er eines Nachmittags, während im Fernsehen lautlos eine Kochsendung lief. Ich dachte zuerst, das sei ein schlechter Scherz. Ich erinnerte ihn daran, dass er vierzig Jahre lang dafür gesorgt hatte, dass ich mir selbst nichts zutraute. Er antwortete, ich hätte ja nicht auf ihn hören müssen.
In jener Nacht habe ich kaum geschlafen. Neben mir tickte der alte Wecker, den wir noch von seiner Mutter geerbt hatten, viel zu laut, wie mir schien. Am nächsten Morgen bin ich mit dem Bus zur Fahrschule Meurer in der Innenstadt gefahren, habe mich informiert und mich angemeldet. Zweiunddreißig Fahrstunden waren im Seniorenpaket enthalten. Die Fahrlehrerin, eine geduldige Frau namens Anke Fricke, erzählte mir, sie habe schon eine Schülerin mit einundachtzig zur Prüfung gebracht.
Die ersten Stunden waren furchtbar. Ich verwechselte das Stoppschild mit dem Vorfahrtsschild, brauchte ewig zum Anfahren am Berg, kam erschöpft nach Hause und roch noch stundenlang nach dem Fahrschulwagen. Rüdiger machte sich lustig, wenn er die Lehrbücher auf dem Küchentisch liegen sah. „Du schmeißt das Geld zum Fenster raus.“ Ich habe nichts erwidert.
Die theoretische Prüfung habe ich beim ersten Mal nicht bestanden, zwei Fehler zu viel. Ich habe im Waschraum der Fahrschule geweint, mit der Stirn gegen die kalten Fliesen gelehnt, und wollte alles hinwerfen. Anke hat mich überredet, es noch einmal zu versuchen. Beim zweiten Mal habe ich bestanden.
Die Praxis war noch härter. Meine Hände zitterten am Lenkrad, ein paar Autofahrer hupten, weil ich zu vorsichtig fuhr. Aber nach und nach lernte ich, rückwärts einzuparken, in den Kreisverkehr an der B49 einzufädeln, auf der Landstraße die Geschwindigkeit zu halten. Rüdiger glaubte bis zum Schluss nicht, dass ich es durchziehen würde.
An dem Tag, an dem ich die praktische Prüfung bestand, kam ich mit dem vorläufigen Führerschein in der Handtasche nach Hause. Ich legte die Schlüssel des Golf auf den Küchentisch, direkt neben die Obstschale mit den Äpfeln, die schon zu weich waren, und sagte: „Morgen bring ich ihn zur Inspektion.“ Er hat mich nur angesehen, ohne ein Wort.
Die ersten Wochen fuhr ich nur kurze Strecken, zum Bäcker, zur Post. Dann brachte ich Rüdiger zu einem Untersuchungstermin nach Marburg. Die ganze Fahrt über sagte er mir, wann ich bremsen sollte, welche Spur ich nehmen müsse, dass ich zu dicht auffuhr. Ich hielt an einer Bushaltestelle am Straßenrand. Der Motor lief noch. „Du darfst mich um Hilfe bitten. Aber du sagst mir nie wieder, dass ich es nicht kann.“ Er schwieg für den Rest der Fahrt.
Der Führerschein hat mich nicht zu einem anderen Menschen gemacht, aber er hat mein Leben verändert. Ich fuhr wieder regelmäßig zu Gudrun, machte die Einkäufe ohne fremde Hilfe und nahm bald auch die Nachbarin, Frau Wittkopp aus dem zweiten Stock, mit zum Hausarzt. Rüdiger bekam einen Teil seiner Sehkraft zurück, aber der Augenarzt riet ihm dringend, das Autofahren dauerhaft aufzugeben. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass jetzt er derjenige war, der auf mich angewiesen war.
Ein Jahr später bat er mich, ihn zu einem Skatnachmittag mit seinen alten Kollegen aus der Firma zu bringen. Als wir aus dem Wagen stiegen, sagte einer von ihnen, ich würde ja richtig gut fahren. Rüdiger antwortete: „Sie hat es spät gelernt. Aber sie hat es gelernt.“ Ich habe nicht auf eine große Entschuldigung gewartet. Ich hatte die halbe Ehe an die Grenzen geglaubt, die er für mich gezogen hatte. Wichtig war nur, dass ich sie nicht mehr brauchte – und dass der Golf jetzt auf meinen Namen zugelassen war, seit dem einunddreißigsten März, mit mir als Halterin, zum ersten Mal in siebenundzwanzig Jahren Ehe.







