Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Notarfachangestellte in einer kleinen Kanzlei in der Freiburger Altstadt, gleich hinter dem Münster, wo mittags immer die Glocken so laut läuten, dass man das Telefon nicht hört. An diesem Dienstag im Oktober roch es im Treppenhaus nach nassem Laub, jemand hatte die Tür zum Hinterhof offen gelassen, und der Kastanienbaum dort wirft jedes Jahr im Herbst seine stacheligen Früchte auf die Kellertreppe. Ich erwähne das, weil ich mich noch genau erinnere, wie ich draußen die Kastanien wegkehrte, als das Auto vorfuhr.
Eine Frau stieg aus, durchnässt, ohne Schirm. Später erfuhr ich ihren Namen: Katharina Vogt, achtunddreißig, Innenarchitektin, wohnhaft in einer Altbauwohnung in Herdern, die sie sich vor ihrer Ehe gekauft hatte. Sie kam nicht als Mandantin zu uns – sie kam, weil unser Chef, Herr Dr. Brandt, seit Jahren auch ihre Schwiegermutter beriet, in ganz anderen Angelegenheiten, Erbsachen meist. Katharina wusste das. Und genau deshalb war sie hier.
Sie setzte sich in den Warteraum, obwohl niemand sie hereingebeten hatte, und starrte auf ihr Telefon. Ich brachte ihr aus Höflichkeit einen Kaffee aus unserer alten Kapselmaschine, die seit Jahren klemmt und immer zu viel Wasser durchlaufen lässt. Sie bedankte sich kaum hörbar. Ihre Hände zitterten dabei so sehr, dass die Tasse auf der Untertasse klapperte.
Was ich damals nicht wusste, setzte sich in den nächsten zwei Stunden zusammen – aus Gesprächsfetzen, aus einem Anruf, den sie im Flur führte und den ich unfreiwillig mithörte, weil unsere Wände dünn sind wie Pergament.
Katharina war an diesem Morgen aus der gemeinsamen Wohnung ihres Mannes Julian und dessen Mutter Renate geflohen – nicht aus ihrer eigenen Wohnung, sondern aus dem Haus der Schwiegermutter in Merzhausen, wo sie eigentlich nur zum Sonntagskaffee hatten bleiben wollen und dann, wie so oft in letzter Zeit, drei Tage geblieben waren. Renate hatte ihr am Vorabend vorgeworfen, eine schlechte Ehefrau zu sein, weil sie die eingelegten Gurken nicht nach Familienrezept ansetzte. Das war der Auslöser des Streits gewesen. Nicht der Grund für die Tränen im Auto.
Ich hörte, wie Katharina am Telefon sagte: „Nein, Julian, das ist keine Übertreibung. Deine Mutter hat mein Handy in der Hand gehabt, als ich aus der Dusche kam." Eine Pause. Dann: „Ich weiß nicht, was sie da gesucht hat. Aber sie hat es nicht zurückgelegt, wo es lag. Es lag auf dem Nachtkästchen, jetzt lag es im Bad."
Kurz darauf klingelte ihr Telefon erneut, eine unbekannte Nummer. Sie ging ein paar Schritte von mir weg, aber die Kanzlei ist klein, und ich hörte trotzdem fast alles.
„Frau Vogt? Hier spricht Michael Rehmer, ich bin Notarassistent bei Kollege Fend in Merzhausen. Ihre Schwiegermutter hat uns Ihre Nummer gegeben." Eine lange Pause, ich sah, wie Katharina sich an der Fensterbank festhielt. „Es geht um die Eigentumswohnung in der Belfortstraße. Frau Renate Vogt hat uns beauftragt, eine Übertragung vorzubereiten."
Katharinas Stimme wurde ganz leise, fast tonlos: „Welche Übertragung?"
Ich weiß nicht mehr, was genau danach gesagt wurde – irgendwann trat unser Chef aus seinem Büro und bat sie in den kleinen Besprechungsraum, wo normalerweise Erbstreitigkeiten verhandelt werden, mit dem runden Tisch und den zu weichen Sesseln, in denen niemand ordentlich sitzen kann. Ich brachte noch Wasser hinein, und in diesem Moment sah ich Katharina, wie sie ein Blatt Papier aus einer Klarsichthülle zog, die sie sich vom Notarassistenten hatte zumailen lassen und ausgedruckt hatte. Ihre Unterschrift stand darauf. Nur: es war nicht ihre Unterschrift. Der Nachname stimmte, die Schleife beim K nicht.
Herr Dr. Brandt betrachtete das Papier lange, ohne etwas zu sagen, dann fragte er nur: „Haben Sie diese Wohnung vor oder nach der Ehe erworben?"
„Vor. Zweitausendneunzehn. Bar bezahlt, aus dem Verkauf meiner ersten Wohnung in Kehl."
Er nickte, machte sich Notizen und erklärte ihr in aller Ruhe, dass eine solche Übertragung ohne ihre eindeutige Unterschrift und ohne notarielle Beurkundung in ihrer eigenen Anwesenheit rechtlich nichtig sei. Dass niemand ihr etwas wegnehmen könne, ohne dass sie es unterschrieben habe – und diese Unterschrift hier eben keine sei. Katharina wirkte in diesem Moment nicht erleichtert. Sie wirkte, als würde ihr gerade erst bewusst, wie lange das schon lief.
Ich hatte an diesem Nachmittag noch eine andere Mandantin im Wartezimmer sitzen, eine ältere Dame wegen eines Testaments, und musste mehrfach zwischen den Räumen hin und her, deshalb bekam ich nicht alles mit. Aber gegen sechzehn Uhr kam Julian Vogt in die Kanzlei. Groß, in einem grauen Wintermantel, der noch die Preisetikette am Ärmel hatte – neu gekauft, offenbar. Er verlangte, seine Frau zu sprechen. Ich sagte ihm, das sei ein privates Gespräch, er könne im Wartezimmer Platz nehmen. Er setzte sich nicht. Er lief auf und ab, bis Katharina selbst herauskam.
Ich hörte nur Fetzen davon, weil ich am Empfang saß und eigentlich Akten sortieren sollte. „Meine Mutter wollte doch nur, dass wir irgendwann eine gemeinsame Basis haben", sagte er. Katharina antwortete etwas, das ich nicht verstand, aber seine Reaktion war deutlich: „Ich hab nicht gewusst, dass sie deinen Ausweis kopiert hat, das schwör ich dir."
Katharina drehte sich zu ihm um, mit der Klarsichthülle in der Hand. „Und wer hat ihr gesagt, wo die Wohnungsunterlagen liegen, Julian?"
Er antwortete nicht sofort. Das war, glaube ich, der Moment, in dem sie beide begriffen, dass es kein Zurück mehr gab. Nicht wegen der Wohnung. Wegen der Sekunde, in der er schwieg.
Sie gingen dann getrennt, sie zuerst, er blieb noch, bat unseren Chef um einen Beratungstermin, für sich allein, „um die Sache mit meiner Mutter zu klären", wie er sagte. Herr Dr. Brandt lehnte ab – Interessenkonflikt, Katharina war zu dem Zeitpunkt bereits als Mandantin aufgenommen.
Ich habe die Geschichte danach nur noch in Bruchstücken mitbekommen, wie man das eben tut, wenn man in einer Kanzlei arbeitet: durch Aktenvermerke, durch Telefonate, die ich weiterleiten musste. Katharina kam noch zweimal wieder. Einmal, um die Vollmachtsprüfung beim Grundbuchamt zu beauftragen – es stellte sich heraus, dass keine wirksame Vollmacht je existiert hatte, Renate hatte lediglich beim Notarassistenten in Merzhausen behauptet, im Auftrag der Familie zu handeln, ohne dass irgendjemand das überprüft hatte. Das zweite Mal kam sie mit den Scheidungsunterlagen, die sie bei uns beglaubigen ließ, weil ihr eigener Anwalt gerade im Urlaub war.
Bei diesem zweiten Besuch, es war schon kurz vor Weihnachten, der Marktplatz draußen war voller Buden, es roch nach gebrannten Mandeln bis in unseren Empfang hinein, fragte ich sie beiläufig, während ich die Kopien machte, ob es ihr besser gehe. Sie sagte nur: „Ich hab die Schlösser wechseln lassen. Letzte Woche." Dann erzählte sie mir, fast im Plauderton, während der Kopierer noch lief, dass sie ihrer Schwiegermutter einen Brief geschickt hatte – nicht über den Anwalt, sondern selbst, handschriftlich –, in dem stand, dass die kaschmirfarbene Wolldecke, die Renate ihr zur Hochzeit geschenkt und danach jahrelang als „unser Familienerbstück" bezeichnet hatte, jetzt bei einer Kleiderkammer in der Wiehre abgegeben worden war. Zusammen mit zwei Kartons Geschirr, die eigentlich für „die Enkelkinder, die noch kommen würden" gedacht gewesen waren.
„War das nötig?", fragte ich, mehr aus Neugier als aus Kritik.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nichts mehr im Haus haben, wofür ich mich rechtfertigen muss."
Ich reichte ihr die beglaubigten Kopien, sie steckte sie in dieselbe blaue Klarsichthülle, die ich schon vom ersten Tag kannte, jetzt etwas zerknittert an den Ecken. Bevor sie ging, sah ich noch, wie ihr Handy aufleuchtete – ein Name, den ich inzwischen kannte, Julian. Sie drehte das Display nach unten auf den Tresen, ohne hinzusehen, und ging zur Tür hinaus, in die Kälte, wo draußen schon der erste Schnee auf die Buden fiel und der Duft nach Glühwein über den ganzen Platz zog.
Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen. Nur die Akte liegt noch bei uns im Archiv, ganz unten im dritten Ordner rechts, unter „V wie Vogt, abgeschlossen".







