Die falsche Nummer im Handy

Der Anruf kam um Viertel nach sechs in der Früh. Ralf Brenner stand in der kleinen Küche seiner Altbauwohnung in Leipzig-Schönefeld und trank den ersten Espresso. Draußen fiel Schneematsch auf die Eisenbahnstraße, und die Straßenbahn quietschte in der Kurve. Auf dem Tisch lag der Stapel Baugenehmigungen, den er am Vorabend nicht mehr geschafft hatte. Sein Handy summte – keine Nummer, nur eine SMS. Er wischte sie weg. Fünf Minuten später summte es wieder. Diesmal las er.

„Die Fruchtblase ist geplatzt, die Tür klemmt, ich komm nicht hoch. Bitte sofort kommen. Der Schlüssel steckt von außen nicht. Hilfe.“

Unterschrieben war die Nachricht mit drei Buchstaben, die aussahen wie ein verzweifelter Tastaturrest. Aber die Absenderin erkannte er trotzdem: die Frau seines Bauleiters Marlon Berger. Sie hatte vor zwei Monaten im Büro die Unterlagen für den Mutterschutz unterschrieben, während Marlon „kurz auf der Baustelle“ war. Damals hatte sie auf dem Flur gesessen, die Hände auf dem Bauch, und auf ihre Schuhe geschaut, als wären die Schnürsenkel das größte Problem der Welt. Ralf hatte ihr einen Kaffee gebracht. Sie hatte ihn nicht angerührt.

Er hatte die SMS von ihr, weil die Firma eine Notfallkette führte. Marlon hatte die Nummer seiner Frau als Kontakt für den Katastrophenfall angegeben – und irgendwann hatte Ralf sie eingespeichert. Jetzt stand da: „Ich komm nicht hoch.“

Ralf rief Marlons Handy an. Mailbox. Er rief bei der Firma an. Niemand. Er schrieb eine kurze Antwort: „Ich bin unterwegs. Halten Sie die Beine ruhig. Atmen Sie.“ Dann zog er die Stiefel an, schnappte sich den Schlüssel vom Haken und rannte die Treppe hinunter, ohne den Fahrstuhl zu benutzen. Sein Golf stand mit abgelaufenem TÜV am Straßenrand. Er ließ den Motor an und fuhr los.

Die Wohnung der Bergers lag in Reudnitz, einem Wohnblock an der Täubchenwegkreuzung. Vor dem Haus roch es nach nassem Laub und dem Dönerladen im Erdgeschoss. Ralf nahm die Treppe in den dritten Stock. Die Tür war zu. Er hörte von drinnen ein Wimmern, kein Schreien – eher ein Ton, wie man ihn von einem Tier kennt, das irgendwo eingeklemmt ist.

„Frau Berger? Ich bin’s, Brenner. Machen Sie die Tür auf.“

„Geht nicht … der Schlüssel … steckt nicht … ich bin im Flur … die Wehen …“

Sie konnte nicht aufstehen, das war klar. Ralf drückte gegen die Klinke. Die Tür war massiv, eine Nachrüstplatte mit Mehrfachverriegelung. Er trat zweimal dagegen, dann warf er sich mit der Schulter dagegen. Beim dritten Versuch splitterte das Holz am Rahmen. Er stieß die Tür auf. Drinnen lag sie seitlich auf dem Teppich, die Beine angewinkelt, eine Hand unter den Rücken geklemmt, die andere hielt das Handy umklammert, der Bildschirm war gesprungen.

„Ich hab’s falsch geschickt“, flüsterte sie. Ihr Gesicht war grau, die Lippen weiß. „Sven, mein Mann … ich wollte Sven …“

„Wie lange?“ fragte Ralf, während er in die Hocke ging und ihr Puls fühlte.

„Seit drei … ich weiß nicht. Die Nachbarin ist arbeiten. Mein Handy war leer … ich hab’s geladen, dann gestürzt.“

Er wählte den Notruf. Dann legte er ihr eine Jacke über die Schultern, redete mit ihr über Belangloses: dass die Straßenbahn heute Morgen ausgefallen war, dass der Döner unten schon wieder den Preis erhöht hatte, dass sein Golf beim TÜV durchgefallen war. Sie antwortete einsilbig, aber sie blieb bei Bewusstsein. Als der Rettungswagen kam, standen drei Sanitäter in der engen Diele, die Trage passte kaum durchs Treppenhaus. Ralf trug sie die Treppe hinunter, weil die Männer nicht wussten, wie sie das in dem engen Haus machen sollten. Sie war leicht, trotz des riesigen Bauchs.

Im Krankenhaus – St. Elisabeth, die einzige Klinik im Viertel, die noch einen Kreißsaal hatte – übernahmen die Ärzte. Ralf blieb im Flur, registrierte die Notaufnahme, unterschrieb als Kontaktperson, obwohl er es nicht war. Die Frau vom Empfang fragte: „Sind Sie der Vater?“ Ralf wollte den Kopf schütteln, aber dann sah er das Formular und schrieb: „Brenner, Ralf, Arbeitgeber der Familie“. Er hielt das Formular einen Moment in der Hand, bevor er es zurückgab. Der Kugelschreiber drückte eine Spur in seine Fingerkuppe.

Um kurz nach neun kam ein Arzt durch die Schwingtür. „Herr Berger?“

„Nein. Der Vater ist unterwegs. Wie geht’s ihr?“

„Stabil. Zwei Jungs, Frühchen, 35. Woche, aber kräftige Lungen. Sie müssen auf die Neonatologie. Die Mutter hat Blut verloren, aber sie ist außer Gefahr. Hat jemand den Ehemann erreicht?“

Ralf zückte sein Handy und rief Marlon an. Diesmal ging jemand ran. Im Hintergrund plätscherte Wasser, dann ein Lachen.

„Chef? Ich bin grad auf der Baustelle, Empfang schlecht …“

„Sie sind nicht auf der Baustelle“, sagte Ralf. Seine Stimme klang, als zöge er eine Reißleine. „Sie sind in einer Therme in Bad Düben. Ich hab Ihre Ortung gesehen. Ihre Frau liegt im Kreißsaal. Sie sind in zwanzig Minuten hier, sonst lasse ich Sie von der Bundespolizei abholen.“ Er legte auf, bevor Marlon antworten konnte.

Ralf blieb im Krankenhaus. Er saß im Wartebereich, trank Automatenkaffee und scrollte durch Nachrichten. Draußen fuhr die 3 nach Süden. Nach einer Stunde kam Marlon in den Flur gerannt, riechend nach Chlor und etwas Süßlichem. Er trug keine Jacke, obwohl es draußen zwei Grad waren. Als er Ralf sah, blieb er stehen.

„Wo ist sie? Was ist passiert?“

„Fragen Sie nicht mich. Fragen Sie Ihre Frau.“ Ralf deutete auf die Tür zur Station. „Die Kinder liegen auf der Intensivstation. Sie hat fast verblutet. Wo waren Sie?“

Marlons Gesicht zerfiel. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ralf trat einen Schritt näher. Er war kein großer Mann, aber jetzt wirkte er einen Kopf größer. „Ich habe die Tür zu Ihrer Wohnung eingetreten. Ich habe Ihre Frau getragen. Ich habe unterschrieben, dass ich der Arbeitgeber bin. Sie können gehen, Berger. Kündigung kommt per Post. Wegen grober Pflichtverletzung – nicht wegen heute, sondern wegen der letzten zwei Jahre, in denen Sie Rechnungen gefälscht und Material auf eigene Baustellen umgeleitet haben. Ich habe die Belege gestern bekommen. Die Staatsanwaltschaft bekommt sie morgen.“

Marlon wollte etwas sagen, aber Ralf hob die Hand. „Gehen Sie. Wenn Sie jetzt hier stehen bleiben, rufe ich die Polizei. Sie werden Ihrer Frau nicht helfen, Sie werden sie nur behindern.“

Marlon verschwand. Ralf blieb noch eine Stunde, bis die Schwester ihm sagte, Lena sei wach und frage nach ihm. Er ging in das Zimmer. Sie lag in einem Einzelzimmer, das Gesicht immer noch fahl, aber die Augen offen. Auf dem Bauch lag eine flache, weiße Decke.

„Danke“, sagte sie. „Ich hab’s verwechselt. In meinem Handy standen zwei Svens … Sven und Sven B. Ich dachte, ich hätte meinen Mann erwischt. Sie sind Sven B.?“

„Ralf Brenner. Die Abkürzung im Handy war ‚Sven Chef‘. Sie haben auf den ersten Sven getippt, der war Ihr Mann. Der zweite war ich. Der Fehler hat Ihnen vermutlich das Leben gerettet.“

Sie schaute zur Wand, an der eine kitschige Zeichnung von einem Storch hing. „Was ist mit den Kindern?“

„Sie liegen im Brutkasten. Zwei Jungs, 48 und 51 Zentimeter, 2,2 und 2,4 Kilo. Die Ärztin sagt, sie sind Kämpfer. Wollen Sie sie sehen?“

Sie begann zu weinen, lautlos, die Tränen liefen seitlich über die Schläfen in das Kissen. Ralf zog einen Stuhl heran und setzte sich. Er nahm ihre Hand, ohne sie zu drücken. So saßen sie, bis eine Schwester hereinkam und sagte, das erste Kind werde zum Stillen gebracht.

Drei Tage später brachte Ralf sie nicht zurück in die Wohnung. Er hatte inzwischen mit einem Anwalt gesprochen, mit der Hausverwaltung, mit der Bank. Die Miete in Reudnitz war seit einem halben Jahr nicht bezahlt worden; Marlon hatte das Geld auf ein Konto in Tschechien geschoben. Die Wohnung gehörte einer Genossenschaft, die eine Räumungsklage vorbereitete. Lena hatte nichts davon gewusst. Ralf rief seine eigene Haushälterin an, eine Frau aus der Nachbarschaft, und fragte, ob sie übergangsweise ein Zimmer frei habe. „Nicht nötig“, sagte Ralf am vierten Tag zu Lena. „Ich habe ein Haus in Markkleeberg, mit einer Einliegerwohnung im Souterrain. Meine Schwester hat da früher gewohnt, jetzt steht sie leer. Sie können dort bleiben, bis Sie auf den Beinen sind. Die Kinder sind willkommen.“

Lena lehnte ab. Zweimal. Beim dritten Mal sagte sie: „Ich kann das nicht bezahlen.“ Ralf legte einen einfachen Mietvertrag auf den Tisch: Kaltmiete 1 Euro, Nebenkosten nach Verbrauch, dafür übernimmt sie die Pflege des Gartens, sobald sie wieder laufen kann. „Das ist ein Vertrag“, sagte er. „Keine Wohltätigkeit. Ich will nicht, dass die Wohnung leer steht. Ich bin selten da, die Heizung muss laufen, die Blumen müssen gegossen werden. Sie haben zwei Hände, die Sie dringend gebrauchen können. Nehmen Sie das Angebot, oder ich rufe das Sozialamt an und lasse Sie in eine Notunterkunft stecken.“

Lena unterschrieb mit zitternder Hand. Ralf steckte den Vertrag in eine Klarsichtfolie und legte ihn in eine Schublade im Flur der Einliegerwohnung. Dann half er der Haushälterin, die Babysachen aus der alten Wohnung zu holen. Marlon hatte die Schlösser ausgetauscht, aber Ralf hatte die originale Tür sichtbar aufgebrochen – die Bullen hatten den Schaden dokumentiert, und Marlon war nicht auffindbar. Ein Gerichtsvollzieher öffnete schließlich. Die Wohnung war fast leer. Marlon hatte den Fernseher mitgenommen, die Möbel, sogar die Waschmaschine. Aber die Kiste mit den Stramplern und der Kinderwagen standen im Abstellraum. Ralf lud sie in seinen Kombi.

Als Lena die Kiste sah, atmete sie tief ein und sagte: „Er hat den Kinderwagen dagelassen, weil er nicht in den Kofferraum passte.“ Sie schaute auf den leeren Fleck an der Wand, wo der Kleiderschrank gestanden hatte. „Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Ich hätte ihn noch verteidigt. Vor einer Woche hätte ich gesagt, er ist nur überfordert.“ Sie nahm eine kleine, gestrickte Mütze aus der Kiste. „Jetzt weiß ich nicht mal, ob ich ihn überhaupt kannte.“

Der Sommer kam. Lena wohnte in der Einliegerwohnung, die Kinder wuchsen, als hätten sie den schweren Start nie mitbekommen. Marlon hatte sich inzwischen aus dem Staub gemacht; die Staatsanwaltschaft fahndete wegen Untreue. Lena bekam das Sorgerecht zugesprochen, weil Marlon nicht zum Termin erschien. Ralf kam jedes Wochenende, nicht nur um den Garten zu gießen. Er brachte Windeln mit, die er fälschlich in der falschen Größe gekauft hatte, und spielte mit den Jungs auf dem Rasen, bis sie quiekten. Im Winter saß er stundenlang im Wohnzimmer der Einliegerwohnung, baute mit den Kleinen eine Holzeisenbahn, während Lena in der Küche Tee kochte.

Zwei Jahre später standen sie auf dem Standesamt in Leipzig, ein kleiner Raum mit Flügeltüren und einer Topfpalme, die aussah, als hätte sie schon bessere Zeiten gesehen. Die Standesbeamtin fragte, wer als erstes unterschreiben wolle. Ralf hielt den Kugelschreiber so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Er unterschrieb zuerst, dann Lena. Danach legte er zwei weitere Dokumente vor: die Einwilligung zur Adoption beider Jungen und die Erklärung über die Namensänderung auf „Brenner“. Lena unterschrieb auch diese.

Als sie vor dem Standesamt standen, die kalte Novemberluft schlug ihnen entgegen, rief Lena: „Marlon hat gestern die Scheidungspapiere bekommen. Er hat angerufen und gesagt, ich sei eine undankbare …“ Sie brach ab. „Er hat gesagt, ich hätte ihm die Kinder weggenommen. Ich habe ihm geantwortet, dass ich nur das zurücknehme, was er nie verdient hat.“ Sie zog die kleine Mütze aus der Tasche, dieselbe, die sie damals aus der Kiste geholt hatte. „Ich habe ihm das hier geschickt. Per Einschreiben. Als Erinnerung daran, dass er nicht ein einziges Mal gefragt hat, wie es seinen Söhnen geht.“ Sie steckte die Mütze zurück. „Er kann die Papiere behalten. Ich habe die Jungs.“

Ralf legte den Arm um sie, nicht besitzergreifend, sondern so, wie man eine Tür festhält, die vom Wind zugeschlagen wird. Er sagte nichts. Er küsste sie auf die Stirn, einmal, trocken. Dann rief einer der Jungs vom Auto her: „Papa, die Kupplung!“ Ralf lachte. „Das Gaspedal, du Dummkopf. Aber egal, hol den Schlüssel.“

Sie fuhren nach Hause, nach Markkleeberg, vorbei an den erleuchteten Fenstern des Krankenhauses, in dem die Jungs gelegen hatten. Ralf drehte das Radio lauter, ein alter Song von den Puhdys. Lena legte die Hand auf seinen Oberschenkel. In dem Moment, als sie in die Einfahrt bogen, piepste sein Handy eine Nachricht: „Sven B., ich wollte nur sagen: Danke für die falsche Nummer. Lena & die Jungs.“ Ralf schaute kurz auf den Bildschirm, dann steckte er das Handy in die Jackentasche, ohne zu antworten. Er wusste, dass er das nicht musste.

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