Ingrid Baumann aus Freiburg hatte sich für ihren Schrebergarten am Stadtrand einen Plan gemacht, wie ihn sonst nur ihr Steuerberater für die Einkommensteuer entwarf: Reihe für Reihe, Sorte neben Sorte, alles fein säuberlich auf kariertem Papier notiert. Zwischen den Brokkoli-Setzlingen und dem Blumenkohl sollte, so stand es im Ratgeber, eine gute Nachbarschaft herrschen. Freundschaftliche Mischkultur, hatte die Frau im Gartencenter in der Habsburgerstraße gesagt, während sie die Samentütchen abwog. Ingrid hatte genickt und die Tütchen mitgenommen.
Was sie nicht geplant hatte: dass der Blumenkohl sich in der dritten Maiwoche einfach weigerte, so recht zu wachsen. Während der Brokkoli daneben schon kräftige, dunkelgrüne Röschen trieb, blieb der Blumenkohl blass, kompakt, fast reglos in seiner Beetreihe stehen – eine cremeweiße Kugel, die aussah, als hätte sie sich entschieden, den ganzen Sommer über einfach nicht mitzuspielen.
Ingrids Enkelin Mila, neun Jahre alt und mit einer Vorliebe für Gemüse, das aussieht wie Wolken, stand jeden Nachmittag nach der Schule am Beetrand und fragte dieselbe Frage. Ist der krank, Oma? Der ist doch ganz weiß, nicht grün wie die anderen. Ingrid erklärte es ihr geduldig, dann mit einem Seufzer, und irgendwann, so um den zwanzigsten Juni herum, tatsächlich zum hundertsten Mal, während sie die Tomaten am Nachbarbeet hochband: Der ist nicht krank, Mila. Der ist einfach so elegant weiß, das ist seine Art. Der Brokkoli macht sich nur Sorgen, weil er selbst grün ist und dachte, alle müssten grün sein.
Aus dem Spruch wurde ein Running Gag zwischen den beiden. Mila nannte den Blumenkohl fortan den Grafen, weil er so vornehm blass in der Reihe stand, während die Brokkoli-Pflanzen daneben wie aufgeregte Nachbarn wirkten, die ständig über den Zaun schauen. Ingrids Mann Karl-Heinz, der von der ganzen Mischkultur-Theorie eigentlich nichts hielt und lieber Kartoffeln in Reih und Glied gepflanzt hätte, blieb eines Abends mit der Gießkanne stehen und sagte nur: Wenn die Pflanzen bei euch schon Sprechstunden abhalten, dann will ich auch mitreden. Vom Brokkoli lernt der Blumenkohl vielleicht noch was fürs Leben.
Der Punkt war: Es steckte tatsächlich etwas Wahres in dem Scherz. Ingrid hatte, bevor sie pflanzte, im Netz nachgelesen, welche Gemüsesorten sich im Beet vertragen und welche sich gegenseitig die Nährstoffe streitig machen. Brokkoli und Blumenkohl, beide Kohlgewächse, konkurrierten tatsächlich um denselben Boden, dasselbe Wasser, dieselben Schädlinge. Nebeneinander gepflanzt, ohne Abstand, ohne eine trennende Reihe Ringelblumen oder Kapuzinerkresse dazwischen, zogen sie sich gegenseitig die Kraft ab. Der Brokkoli, schneller und robuster, hatte sich in den ersten Wochen einfach mehr genommen.
Ende Juni, an einem drückend schwülen Sonntag, an dem aus der Nachbarparzelle der Geruch von Bratwurst über den Zaun zog und irgendjemand im Vereinsheim viel zu laut die Übertragung eines Bundesligaspiels aus dem Vorjahr laufen ließ, kniete Ingrid vor dem Beet und zog testweise ein Blumenkohlblatt beiseite. Darunter: nichts. Kein Ansatz eines Kopfes, nur ein trauriges kleines Herz aus Blättern, das aussah, als hätte es sich selbst aufgegeben.
Sie erinnerte sich an einen Satz aus einem Gartenratgeber, den sie damals überflogen hatte: Kohlgewächse sollte man nicht zu eng nebeneinander setzen, sondern mit Lauch, Sellerie oder Dill durchmischen – das hält Schädlinge fern und verteilt die Konkurrenz um den Boden. Sie hatte es gelesen und trotzdem, aus Bequemlichkeit, aus Zeitmangel, die ganze Kohlfamilie in einer Reihe geklumpt.
Also holte sie an jenem Abend, während Karl-Heinz im Vereinsheim beim Skat saß und Mila bei ihrer Mutter übernachtete, den Spaten und grub zwei der schwächsten Blumenkohlpflanzen um. Sie setzte sie ein Stück weiter, an den Rand des Beetes, wo die Sonne den ganzen Nachmittag stand und niemand ihnen mehr die Wurzeln streitig machte. Dazwischen pflanzte sie Dill, dessen feine gelbe Dolden bald wie kleine Sonnenschirme über dem Beet standen, und ein paar Reihen Sellerie, den sie sowieso noch für die Suppe im Herbst brauchte.
Die erste Woche danach sah es aus, als hätte sie alles nur schlimmer gemacht. Die umgesetzten Pflanzen hingen schlaff über der Erde, ein paar äußere Blätter wurden gelb und ließen sich beim leisesten Zug abstreifen. Mila, die zu Besuch war, entdeckte an der Unterseite eines Blattes ein Nest aus winzigen, grünen Kohlweißling-Raupen und schrie so laut, dass Karl-Heinz mit der Harke aus dem Schuppen kam. Die fressen den Grafen auf, Oma, sagte sie, fast den Tränen nahe, und Ingrid musste zugeben, dass es genau danach aussah. Sie sammelten die Raupen zu zweit ab, eine nach der anderen, in einen alten Joghurtbecher, während Karl-Heinz trocken bemerkte, dass er das Umpflanzen von Anfang an für eine Schnapsidee gehalten hatte. Dann kam auch noch eine Woche ohne Regen, in der Ingrid morgens vor der Arbeit und abends danach mit der Gießkanne zwischen den Beeten hin- und herlief, weil der lockere, frisch umgegrabene Boden das Wasser kaum hielt. Einer der beiden umgesetzten Setzlinge erholte sich nicht mehr; Ingrid zog ihn Anfang Juli heraus, die Wurzeln braun und brüchig, und warf ihn auf den Kompost, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Der zweite Setzling aber hielt durch. Klein, etwas schief in seiner Reihe, aber er hielt durch.
Drei Wochen später, Mitte Juli, kam Mila wieder zu Besuch, mit einer Packung Kirschen aus dem Supermarkt am Ortseingang, die sie unterwegs schon halb aufgegessen hatte. Sie lief sofort zum Beet, so wie sie es immer tat, um nach dem Grafen zu sehen. Und blieb stehen. Zwischen den grünen Dillfedern hatte sich tatsächlich ein Kopf gebildet – nicht riesig, aber rund, fest, mit dieser samtigen weißen Oberfläche, die aussah wie zusammengefaltete Baumwolle.
Oma, der hat's geschafft, rief Mila und drehte sich zu Ingrid um, die gerade mit einer Schüssel Johannisbeeren aus dem Nachbarbeet kam. Der wollte wohl einfach seine Ruhe, sagte Ingrid nur und stellte die Schüssel auf den Klapptisch.
Karl-Heinz, der mit der Zeitung auf der Bank saß und eigentlich nur die Fußballergebnisse lesen wollte, schaute über den Rand seiner Lesebrille und brummte: Hab ich doch gesagt. Der lernt noch was vom Brokkoli. Nur nicht das, was ihr gedacht habt.
Ende Juli erntete Ingrid den Kopf. Sie schnitt ihn mit dem alten Küchenmesser ab, das schon seit über zwanzig Jahren im Gartenschuppen hing, wusch ihn am Wasserhahn neben dem Kompost und trug ihn wie eine Trophäe zum Klapptisch. An diesem Abend gab es Blumenkohl mit Semmelbröseln und brauner Butter, dazu die Brokkoli-Röschen aus derselben Ernte, beides auf einem Teller, endlich nebeneinander, ohne sich gegenseitig etwas wegzunehmen.
Mila aß ihren Blumenkohl mit besonderer Andacht und erklärte ihrer Mutter am Telefon: Der hat gewonnen, weil er umgezogen ist. Erst haben ihn die Raupen fast aufgefressen, und dann hat er's trotzdem geschafft.
Ingrid hängte den kleinen karierten Plan von damals, mit den durchgestrichenen und neu eingezeichneten Reihen, an die Innenseite der Schuppentür, direkt neben den Fotos vom letztjährigen Erntedankfest. Karl-Heinz strich beim Vorbeigehen mit dem Zeigefinger über die neu eingezeichnete Reihe und sagte nur: Nächstes Jahr grabe ich gleich richtig, dann sparen wir uns die Raupenjagd.







