Elf Jahre war sie weg – dann wollte sie unsere Wohnung verkaufen

Ich hatte gerade den Teig für den Käsekuchen in der Form, als Jans Anruf kam. „Mama kommt. In zwanzig Stunden ist sie da.“ Mir rutschte der Löffel aus der Hand. Der Teig klebte am Handgelenk, aber ich spürte nichts. Nur dieses flaue Ziehen im Bauch, als hätte ich etwas Falsches gegessen.

Elf Jahre. So lange hatte Helga Hoffmann, meine Schwiegermutter, nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung geschlafen. Sie arbeitete als Pflegerin in Graz, bei einer alten Dame mit drei Katzen und einem Klavier. Anfangs riefen wir jede Woche an, dann nur noch zu Geburtstagen und Weihnachten. Irgendwann kannte ich ihre Stimme besser vom Anrufbeantworter als aus dem Telefon.

Nach der Hochzeit zogen Jan und ich in ihre Drei-Zimmer-Altbauwohnung in Leipzig, im dritten Stock eines Hauses aus der Gründerzeit. Die Decken waren hoch, die Fenster undicht, und jeden Morgen um 6:40 quietschte die Straßenbahnlinie 4 in der Kurve vor unserem Fenster. Helga hatte am Telefon gesagt: „Du bist jetzt die Chefin da. Mach, was du willst. Ich komm schon nicht so bald wieder.“

Also machten wir. Neue Rohre im Bad, eine Küchenzeile vom schwedischen Möbelhaus, die Wände in einem warmen Grau. Helga überwies uns viertausend Euro für die Renovierung. „Nur für den Fall, dass ihr denkt, ich lass euch hängen“, schrieb sie dazu. Ich steckte die Quittung in einen Umschlag und legte ihn in die Schublade unter dem Telefon.

Das Zimmer der Schwiegermutter blieb unangetastet. Ich ging einmal die Woche hinein, wischte Staub, öffnete das Fenster einen Spalt breit. Die Kinderfotos von Jan standen auf der Kommode, die Bücher über Kräuterheilkunde lagen gestapelt, die Bettwäsche war glatt gezogen. Ich hätte dort nicht einmal die Vorhänge gewechselt. Nicht aus Angst, sondern weil es sich nicht nach meinem Zimmer anfühlte. Eher wie ein Museum für jemanden, der irgendwann zurückkommen würde.

Meine Freundin Lisa lachte mich aus. „Du bist doch nicht mal im Grundbuch eingetragen. Die kommt zurück, sieht die neuen Fliesen und schmeißt dich raus. Dann stehst du da mit deiner Zahnbürste.“ Ich winkte ab. Lisa war frisch geschieden, ihr Mann hatte die Wohnung bekommen, die Schwiegermutter hatte in seinem Ohr gesessen. Aber nicht jede Familie war so.

Trotzdem: Als Jan sagte, seine Mutter stehe schon im Zug, bin ich in den Putzmodus verfallen. Ich schrubbte die Fugen zwischen den Fliesen mit einer alten Zahnbürste, wischte die Spiegel mit Essig nach und kochte bis vier Uhr morgens. Es gab Rinderrouladen, Kartoffelsalat, und den Käsekuchen, den ich am Ende doch nicht fertig bekam, weil ich im Sessel einschlief. Jan rüttelte mich wach, als er zum Hauptbahnhof fuhr.

Um halb zwölf stand ich am Fenster und beobachtete den Innenhof. Die Tauben saßen auf dem Sims gegenüber, die Nachbarin fütterte sie mit altem Brot. Als Jans Auto in die Einfahrt bog, zitterten meine Hände so stark, dass ich das Geschirrtuch zweimal fallen ließ.

Helga kam die Treppe hoch, als hätte sie nie woanders gelebt. Sie trug einen dieser Einkaufswagen aus Stoff, wie die Omas am Markt, und rief schon im Hausflur: „Hallo, ihr zwei! Habt ihr mich vermisst?“ Ihre Stimme klang heiter, aber ich hörte den österreichischen Einschlag, den sie in elf Jahren angenommen hatte.

Sie umarmte mich an der Tür, drückte mich fester, als ich erwartet hatte. „Lass dich anschauen. Du bist ja dünner geworden. Kocht der Junge nicht für dich?“ Jan rollte mit den Augen und trug die Koffer in den Flur.

Helga lief durch die Wohnung wie eine Besucherin, die ein Musterhaus besichtigt. Sie fasste die neue Küchenzeile an, nickte bei den Wasserhähnen, blieb vor dem Badezimmerspiegel stehen und zog sich die Haare aus dem Gesicht. „Alles so sauber. Wie im Krankenhaus. Da trau ich mich ja kaum, die Schuhe auszuziehen.“

Ich atmete auf. Sie war gut gelaunt. Keine Vorwürfe, kein Blick auf das Geschirr in der Spüle. Nicht einmal auf den Riss im Flurspiegel, den ich nicht mehr hatte reparieren lassen.

Dann öffnete sie die Tür zu ihrem Zimmer. Ich stand hinter ihr, hielt die Luft an. Sie blieb auf der Schwelle stehen, die Hand auf der Klinke. Ein paar Sekunden. Dann hörte ich ein leises Schluchzen.

Ich dachte sofort: Das war’s. Jetzt fängt sie an zu weinen, weil ich an ihren Sachen war. Aber sie drehte sich um, die Augen nass, und zog mich an sich. „Du hast mein Zimmer nicht angefasst“, flüsterte sie. „Alles noch da. Die Fotos, die Bücher, sogar die Decke liegt so, wie ich sie gefaltet habe.“ Ihre Stimme brach. „Weißt du, wie viele Leute nach elf Jahren das Zimmer einer alten Frau einfach auflösen würden?“

Ich stand da wie erstarrt, meine Arme hingen an den Seiten. Dann legte ich sie um Helga. „Das ist Ihr Zimmer“, sagte ich. „Ich hab nur den Staub gewischt.“

Sie weinte an meiner Schulter. Jan kam herein, sah uns, verdrehte die Augen und ging wieder. Ich musste lachen, obwohl mir selbst die Tränen kamen. Das war der Moment, in dem ich dachte: Alles gut. Lisa hatte unrecht. Helga war keine von denen.

Am nächsten Morgen saßen wir beim Frühstück. Helga hatte darauf bestanden, die Brötchen zu holen. „Ich weiß noch, wo der Bäcker ist. Der macht die besten Schrippen in ganz Leipzig.“ Sie kam zurück mit einer Tüte, die nach Zucker und frischem Teig roch. Wir aßen, redeten über die Zugfahrt, über die Preise in Graz, über die alten Nachbarn.

Dann schob Helga ihren Teller weg. „Kinder, ich muss euch was sagen.“ Sie faltete die Serviette zu einem kleinen Rechteck, strich die Kanten glatt. „Ich will die Wohnung verkaufen.“

Ich ließ das Brötchen sinken. „Was?“

„Die Wohnung. Sie gehört mir. Und ich brauche das Geld.“ Sie sah nicht auf. „Ich bin zweiundsechzig. Meine Rente aus Österreich wird ein Witz sein. Ich hab Schulden, die ich in Graz gemacht hab, als die alte Dame ins Krankenhaus kam und ich die Arztrechnungen vorgestreckt hab. Achtzigtausend Euro.“ Sie holte Luft. „Wenn ich die Wohnung verkaufe, hab ich genug für eine kleine Wohnung und kann den Rest abzahlen. Und ihr sucht euch was Eigenes.“

Jan starrte auf den Tisch. Ich hörte die Straßenbahn draußen, das Quietschen in der Kurve. Es klang lauter als sonst.

„Du kannst uns nicht einfach rauswerfen“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig, aber in meinem Kopf drehte sich alles. „Wir haben hier alles reingesteckt. Wir haben die Küche gemacht, das Bad. Wir haben keine Rücklagen für einen Umzug.“

Helga hob die Hände. „Ich weiß, ich weiß. Aber es ist meine Wohnung. Ich hab elf Jahre in fremden Betten geschlafen, damit die Miete hier bezahlt wird. Jetzt brauch ich das Geld.“

Ich stand auf, ging zum Fenster. Die Tauben waren wieder da. Die Nachbarin warf Brotkrumen. „Und wenn wir dir die achtzigtausend geben?“, fragte ich.

Helga lachte trocken. „Wo wollt ihr die hernehmen? Ihr seid Krankenschwester und Elektriker. Das ist ein Witz.“

Ich drehte mich um. „Nein. Ich nehme einen Kredit auf. Und du überschreibst uns die Wohnung.“

Es wurde still. Helga sah mich an, als hätte ich ihr ein Stück Kuchen angeboten, das vergiftet war. „Du willst einen Kredit aufnehmen? Für mich?“

„Nicht für dich. Für uns. Damit wir bleiben können. Du bekommst dein Geld, und wir zahlen die Raten. Die Wohnung steht dann auf Jan und mir. Du kannst hier wohnen, so lange du willst. Das ist dein Zimmer, da rühren wir nicht dran.“

Helga blinzelte. Dann nahm sie ihre Serviette, zerknüllte sie und warf sie auf den Teller. „Du bist verrückt, Anna. Aber wenn du das ernst meinst – dann mach es. Ich will bis Ende des Monats die Zusage der Bank.“

Ich nickte. Jan sah mich an, als hätte ich gerade das Stromkabel angefasst. Aber er sagte nichts.

Ich zog meine Jacke an, nahm den Umschlag mit der Quittung über die viertausend Euro aus der Schublade und ging zur Bank. Es war ein Dienstag im August, die Linden vor dem Haus rochen süß, und die Luft flimmerte über dem Asphalt. Ich trug die Unterlagen in einer Plastiktüte vom Discounter, weil ich keine richtige Mappe hatte.

Bei der Bank dauerte es zwei Stunden. Die Sachbearbeiterin hieß Frau Lehmann, sie trug eine Brille mit rotem Rand und tippte mit zwei Fingern. Ich legte den Grundriss der Wohnung auf den Tisch, die Gehaltsabrechnungen, die Quittung der Renovierung. „Ich brauche achtzigtausend. Die Wohnung ist mindestens das Dreifache wert.“ Sie nickte, machte Notizen, telefonierte mit jemandem. Am Ende schob sie mir einen Stapel Papiere hin. „Unterschreiben Sie hier, hier und hier. Die Auszahlung erfolgt in drei Werktagen.“

Ich unterschrieb. Mein Name sah auf dem Papier aus wie der einer Fremden.

Drei Tage später kam die Bestätigung per Post. Ich legte den Überweisungsbeleg neben den neuen Grundbuchauszug auf den Küchentisch. Helga saß am Fenster und trank Tee. Als sie die Papiere sah, stellte sie die Tasse ab und beugte sich vor.

„Das ist der Auszug“, sagte ich. „Die Wohnung gehört jetzt Jan und mir. Und hier ist die Überweisung über achtzigtausend.“ Sie nahm den Beleg in die Hand, hielt ihn schräg gegen das Licht, als könnte sie die Zahlen nicht lesen.

„Du hast es wirklich getan“, murmelte sie.

„Ja. Du kannst bleiben. Das Zimmer bleibt deins, solange du lebst. Aber die Wohnung gehört uns. Und wir zahlen die Raten. Nicht du.“

Helga legte den Beleg auf den Tisch. Ihre Finger zitterten ein bisschen. Dann stand sie auf, ging zu ihrer Handtasche und holte einen Schlüsselbund heraus. Sie löste den Wohnungsschlüssel vom Ring und hielt ihn mir hin. „Hier. Den brauchst du jetzt mehr als ich.“

Ich nahm den Schlüssel. Er war warm von ihrer Hand.

Am Abend saßen wir zu dritt im Wohnzimmer. Helga hatte Schokoladenpudding gemacht, mit Sahne, wie Jan ihn als Kind mochte. Wir aßen, redeten über die neuen Nachbarn, über die Baustelle vor dem Haus. Keiner erwähnte die Wohnung. Aber als ich die Schlüssel neben die Pudding-Schale legte, sah Helga kurz hin und nickte.

Ich ging um elf ins Bett. Im Flur brannte die Lampe, die ich schon seit Wochen nicht mehr repariert hatte. Ich drehte mich um und machte sie aus.

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Elf Jahre war sie weg – dann wollte sie unsere Wohnung verkaufen