Zu spät für den Zug

Karsten wurde in diesem Frühjahr einundfünfzig, und wenn er ehrlich mit sich war, hatte er sich vom Onlinedating nie viel versprochen. Aber sein Kollege Rüdiger aus der Buchhaltung hatte ihm geraten, es einfach zu versuchen — "in unserem Alter, Karsten, findet man da erstaunlich vernünftige Frauen." Also legte er sich ein Profil an, mit einem Foto vor dem Reihenhaus in Mönchengladbach, wo er seit der Scheidung allein lebte, und einem Text, in dem er sich als "strukturiert, zuverlässig, mit klaren Vorstellungen vom Leben" beschrieb.

Vier Monate schrieb er mit einer Frau namens Beatrix. Sie war zweiundvierzig, arbeitete in einer Apotheke in der Innenstadt und schrieb kurze, pointierte Nachrichten, die ihn manchmal zum Lachen brachten, obwohl er sich das eigentlich nicht anmerken lassen wollte. "Ich habe zwei Regeln beim Dating", schrieb sie einmal. "Erstens: keine Fotos aus dem letzten Jahrzehnt. Zweitens: keine Männer, die beim ersten Treffen schon eine Tagesordnung mitbringen." Karsten hatte darüber gegrinst und sich vorgenommen, genau das nicht zu tun.

Das Treffen war für einen Mittwochabend im September verabredet, in einem kleinen Café am Alten Markt, das nach Zimt roch und in dem ein alter Mann jeden Abend um Punkt sieben die Straßenlaterne draußen anschaltete, obwohl es dafür längst eine automatische Steuerung gab — die Bedienung erzählte das jedem, der fragte, mit einer Mischung aus Stolz und Resignation. Karsten kam zehn Minuten zu früh, bestellte einen Kaffee und übte im Kopf noch einmal die Punkte, die er ansprechen wollte. Er hatte sich das die ganze S-Bahn-Fahrt über zurechtgelegt: fünf Dinge, die ihm in den vier Monaten aufgefallen waren und die er, wie er fand, offen ansprechen musste, bevor man sich zu sehr aneinander gewöhnte.

Beatrix kam pünktlich, in einem dunkelroten Mantel, den sie über der Stuhllehne ablegte, bevor sie sich setzte. Sie sah anders aus als auf den Fotos — lebendiger irgendwie, mit einer Art, wie sie die Speisekarte aufschlug und sofort wusste, was sie wollte. Karsten registrierte das, ohne es einzuordnen. Er bestellte für sie beide Kaffee und ein Stück Käsekuchen, das sie eigentlich gar nicht gefragt hatte, ob sie wollte.

"Beatrix", begann er, nachdem der Kaffee kam, und faltete die Hände auf dem Tisch, wie er es sonst nur bei Mitarbeitergesprächen tat. "Ich habe unsere Kommunikation der letzten vier Monate sehr genau verfolgt. Und jetzt, wo ich dich persönlich sehe, halte ich es für richtig, ein paar Punkte gleich anzusprechen. Ich habe fünf Kritikpunkte."

Er sagte das nicht aus Bosheit. Für ihn war das Fairness — lieber jetzt klären, dachte er, als sich später über etwas ärgern, das man hätte ansprechen können. Seine Exfrau hatte ihm oft vorgeworfen, er würde Dinge zu lange mit sich herumtragen, bis sie explodierten. Diesmal wollte er es anders machen: offen, strukturiert, fair. Er zählte an den Fingern ab, wie er es sich in der Bahn zurechtgelegt hatte.

"Erstens: die Fotos. Auf einem Bild, dem in dem blauen Kleid, wirkst du schlanker als jetzt. Das kann einen Mann in die Irre führen. In unserem Alter sollte man ehrlicher sein."

Er sah, wie sich ihr Gesicht kurz veränderte, aber er redete weiter, weil er dachte, es sei besser, alles auf einmal zu sagen, statt es tropfenweise zu servieren.

"Zweitens: deine Antwortzeiten. Manchmal hast du zwölf Stunden gebraucht, um zu antworten. Das wirkt, als hättest du kein echtes Interesse."

"Drittens." Er hob den dritten Finger. "Du erwähnst deine Tochter in fast jeder zweiten Nachricht. Ich frage mich, ob bei dir überhaupt Platz für eine neue Beziehung ist, wenn —"

"Stopp." Beatrix legte die Gabel ab, mit der sie gerade ein Stück vom Käsekuchen abgeschnitten hatte, den sie eigentlich nicht bestellt hatte. Sie tat es ruhig, fast beiläufig, aber die Gabel machte ein kleines, hartes Geräusch auf dem Teller. "Karsten. Ich habe zwei weitere zu Hause. Willst du die auch noch hören?"

Er hielt inne, den vierten Finger schon halb gehoben. "Ich wollte nur —"

"Ehrlich sein. Ja, das hast du gesagt." Sie nahm ihren Mantel von der Stuhllehne. "Weißt du, was mir in den vier Monaten aufgefallen ist? Du hast nie gefragt, wie mein Tag war, ohne im nächsten Satz zu erklären, wie du deinen organisiert hättest. Du hast mir dreimal erzählt, wie deine Ex-Frau 'strukturelle Probleme' hatte. Und jetzt sitzt du hier mit einer Liste, als würdest du eine Reklamation bei der Verbraucherzentrale einreichen."

Karsten spürte, wie ihm die Röte in den Nacken stieg — nicht aus Scham, eher aus einer Art gekränktem Stolz, den er selbst nicht ganz verstand. "Ich dachte, Ehrlichkeit wird geschätzt."

"Ehrlichkeit schon. Eine Inventurliste nicht." Sie stand auf, zog den Mantel an, und für einen Moment sah er, wie ihre Hände über den Knöpfen kurz zögerten — das einzige Zeichen, dass sie das alles doch mehr mitnahm, als ihre Stimme verriet. "Ich zahle meinen Kaffee selbst."

Sie legte einen Fünf-Euro-Schein neben die Tasse, ordentlich glattgestrichen, als wollte sie auch darin keine Schuld hinterlassen, und ging zur Tür. Draußen ging gerade die Straßenlaterne an, obwohl es noch gar nicht ganz dunkel war — der alte Mann drüben stand schon mit der Hand am Schalter, wie jeden Abend, Regel oder nicht.

Karsten blieb sitzen, den vierten Finger noch in der Luft, den Käsekuchen unberührt vor sich. Er dachte an Rüdiger aus der Buchhaltung, der ihm gesagt hatte, in seinem Alter fände man vernünftige Frauen. Er dachte, dass er eigentlich gar nicht unhöflich gewesen war — nur ehrlich, nur strukturiert, so wie er es immer gemacht hatte, bei der Arbeit, bei seiner Ehe, überall.

Zwei Wochen später bekam er eine Nachricht auf der Dating-App, keine von Beatrix, sondern eine automatische Benachrichtigung: sie hatte ihn blockiert. Er starrte eine Weile auf die grau ausgegraute Kachel mit ihrem Profilbild, dann schloss er die App und öffnete stattdessen seine Excel-Tabelle für die Wohnungsnebenkosten, die er ohnehin jeden Monat am fünfzehnten aktualisierte. Er trug die Zahl für September ein, exakt, ohne einen Cent Abweichung, und dachte, wenigstens hier stimmte alles genau.

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