Es war Werner Brandt, der als Erster lachte, als Katja Sommer die Preistafel sah: fünfundfünfzig Euro pro Rosenstock, und er wollte gleich zehn. Fünfhundertfünfzig Euro, an einem Dienstagabend im Mai, auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Kölner Rosengarten, wo ein neuer Strauch nach einer bekannten Sängerin benannt wurde. Der Erlös ging an eine Stiftung, die Familien mit Kindern Lebensmittelpakete finanziert. Werner, siebenundsechzig, ergraut, in einem Sakko, das eine Nummer zu weit war, wedelte mit seiner Kreditkarte und verkündete, ein paar Sträucher wolle er den Freundinnen seiner Frau schenken. Die Umstehenden lachten. Katja, die neben ihm stand, verdrehte nur die Augen und ließ ihn gewähren – sie kannte diese Geste seit dreiundzwanzig Jahren.
Dabei hatte alles 2003 beinahe aus Verlegenheit begonnen, und Werner hatte damals geschworen, es bleibe bei einem einzigen Abend. Er war Theaterschauspieler in Hamburg, mit mäßigem Erfolg, aber gutem Namen unter Kollegen, und brauchte eine Begleitung für die Premierenfeier eines befreundeten Regisseurs in München – eine reine Show-Nummer, damit die Boulevardpresse ihn nicht wieder als Junggesellen abstempelte. Sein Manager, ein umtriebiger kleiner Mann namens Rainer Fuchs, kannte Katja über Ecken – eine frühere Tanzikone, deren Karriere in den Achtzigern in Ballettsälen von Düsseldorf begonnen hatte und die inzwischen als Kunstmäzenin bekannt war. Rainer arrangierte ein Treffen in einer Bar am Gänsemarkt, halb im Scherz, halb aus echter Neugier. Werner erschien fünfzehn Minuten zu früh und bestellte sich aus lauter Nervosität einen Kaffee, den er nicht trank. Für diesen einen Abend, sagte er sich, würde er charmant sein und danach nie wieder anrufen.
Katja war zu dieser Zeit noch dabei, das Leben nach dem Tod ihres Mannes neu zu ordnen – ein Fotograf, mit dem sie über zwanzig Jahre verheiratet gewesen war und der zwei Jahre zuvor gestorben war. Sie kam an jenem Abend nur, weil ihre Schwester sie regelrecht aus der Wohnung geschoben hatte, mit den Worten, ein einziger Abend bringe niemanden um. Kein Blitz, kein Kinomoment. Nur zwei Menschen, die sich über schlechten Bar-Wein unterhielten und merkten, dass die Pause zwischen ihren Sätzen nicht unangenehm war. Katja beschrieb es später ihrer Schwester so: Es war keine Verliebtheit, es war Erleichterung. Als hätte sie jemanden gefunden, bei dem sie nicht ständig erklären musste, warum sie manchmal mitten im Satz aufhörte zu reden. Werner rief tags darauf trotzdem an, mit der Ausrede, er habe ihren Schal in seinem Wagen gefunden. Den Schal besaß er gar nicht.
Sie zogen zusammen, nicht sofort, sondern über Monate, erst mit getrennten Wohnungen, dann mit einem gemeinsamen Haus am Rand des Bergischen Landes, mit einem alten Hund namens Pauli, den Katja aus dem Tierheim geholt hatte, und mit einem Garten, in dem Werner jedes Jahr versuchte, Tomaten zu ziehen, und jedes Jahr scheiterte. Sie führten kein Leben aus Premieren und Rampenlicht, sondern aus Frühstücken, aus Streit über die Heizungsrechnung, aus Abendspaziergängen, bei denen sie über nichts Wichtiges sprachen und genau deshalb nicht aufhören wollten zu reden.
Achtzehn Jahre lebten sie so, ohne Trauschein, ohne dass jemand danach fragte. Ende 2021 – mitten in einem Jahr, das für beide von Krankheiten in der Familie und Absagen überschattet war – heirateten sie in aller Stille, nur mit Katjas Schwester und Werners altem Bühnenkollegen als Zeugen, in einem Standesamt in Bergisch Gladbach, an einem Mittwochvormittag, weil Werner am Nachmittag eine Theaterprobe hatte. Kein Fest, keine Presseerklärung. Werner sagte danach nur, sie hätten das schwere Jahr nicht ohne einen einzigen hellen Punkt vergehen lassen wollen.
Und jetzt, an diesem Maiabend im Rosengarten, dreiundzwanzig Jahre nach jenem Kaffee, den er nicht getrunken hatte, standen sie wieder nebeneinander – er mit vollständig silbernem Haar, sie mit derselben ruhigen Art, mit der sie schon damals am Bartisch die Pausen zwischen seinen Sätzen ausgehalten hatte. Ein Kellner balancierte ein Tablett mit Sektgläsern vorbei, irgendwo spielte eine Kapelle einen Schlager, den niemand richtig kannte, und ein Fotoreporter bat die beiden, näher an die Rosensträucher zu treten.
Was in diesem Moment kaum jemand wusste: Drei Wochen zuvor war Werner beim Hausarzt gewesen, wegen eines unregelmäßigen Herzschlags. Der Kardiologe hatte ihn beruhigt, ein Belastungs-EKG, nichts Bedrohliches – aber Werner hatte in der Wartezeit vor der Untersuchung an nichts anderes denken können als daran, dass er nie geregelt hatte, was nach ihm käme. Noch am selben Nachmittag hatte er, ohne es Katja zu sagen, einen Notar in Köln aufgesucht und ein Testament aufsetzen lassen, in dem er festlegte, dass das Haus im Bergischen Land, der Garten mit den missglückten Tomaten und sein gesamtes Erspartes – knapp dreihunderttausend Euro – ausschließlich Katja gehören sollten. Sein erwachsener Sohn aus erster Ehe, Lukas, sollte den gesetzlichen Pflichtteil erhalten und keinen Cent mehr. Lukas hatte sich seit Jahren kaum gemeldet und einmal am Telefon gesagt, Katja sei "die Frau, die Papas Geld verwaltet, bis nichts mehr übrig ist". Der Satz hatte gesessen, und Werner hatte danach zwei Tage lang nicht mit seinem Sohn gesprochen.
An diesem Abend im Rosengarten, während der Fotograf noch Bilder machte, surrte Werners Telefon in der Jackentasche. Lukas. Werner nahm nicht ab, steckte das Telefon zurück und wählte stattdessen zwei weitere Rosenstöcke aus, diesmal in einem helleren Rosa, für Katjas Schwester. Doch kaum eine Minute später surrte es erneut, und dann ein drittes Mal. Beim vierten Mal ging Werner ein paar Schritte abseits und nahm ab. Katja hörte nur Fetzen – Lukas' Stimme, hoch und schnell, etwas von "Notar" und "das kannst du nicht einfach", dann Werners Antwort, leiser als sonst: "Es ist entschieden, Lukas. Ich habe es dir schriftlich geschickt." Als Werner zurückkam, war sein Gesicht grau geworden, und er drehte den Ehering an seiner Hand, ein Tick, den Katja seit Jahren an ihm kannte, wenn ihn etwas aus der Fassung brachte.
Zwei Tage später kam ein Einschreiben von einer Kölner Anwaltskanzlei, adressiert an Werner: Lukas kündigte an, das Testament auf Formfehler prüfen zu lassen, und forderte "vorsorglich" Einsicht in sämtliche Kontobewegungen der letzten fünf Jahre. Werner las den Brief zweimal am Küchentisch, dann noch ein drittes Mal, während der Kaffee vor ihm kalt wurde. Katja nahm ihm das Blatt aus der Hand, faltete es sorgfältig zusammen und sagte, sie würden es dem Notar bringen, noch heute, gemeinsam.
Im Notariat, zwischen Aktenordnern und dem Geruch nach Druckerpapier, bestätigte die Notarin, dass das Testament formal einwandfrei sei; Lukas könne allenfalls den Pflichtteil einklagen, mehr nicht. Werner atmete sichtbar aus, die Schultern sanken um mehrere Zentimeter. Katja nutzte den Termin, um ihrerseits ein eigenes Testament aufzusetzen, das Werner dasselbe zusicherte: das Haus, den Garten, ihre Ersparnisse aus dreißig Jahren Tanzunterricht und Kunstberatung.
Eine Woche später stand Lukas unangemeldet vor der Haustür in Bergisch Gladbach. Katja öffnete, ließ ihn aber nicht weiter als bis zur Fußmatte. "Ich will nur mit meinem Vater reden", sagte er, die Stimme lauter, als es die Straße erforderte, und einen Schritt zu nah an der Schwelle. Katja blieb stehen, wo sie stand. Sie sagte ihm ruhig, dass sein Vater seine Entscheidung längst getroffen habe, notariell und rechtskräftig, und dass ein Anwaltsbrief daran nichts ändern werde. Lukas erwiderte, sie habe seinen Vater "eingewickelt", seit sie ihn kenne, und dass er das vor Gericht beweisen werde, wenn nötig. Katja reichte ihm wortlos die Visitenkarte der Notarin – für Rückfragen – und schloss die Tür, während Pauli neben ihr saß und den wegfahrenden Wagen beobachtete.
Werner hatte das Gespräch vom Wohnzimmerfenster aus mitverfolgt. Als Katja hereinkam, stand er am Sekretär, die Aktenmappe mit dem Testament noch in der Hand, als könne er sie nicht weglegen. "Ich dachte, ich hätte mehr Zeit, das mit ihm zu klären", sagte er. Katja nahm ihm die Mappe ab und legte sie in die oberste Schublade, direkt neben die Fotos seiner Mutter. "Hast du vielleicht noch", sagte sie. "Aber das Haus und der Garten sind geklärt, egal wie viel Zeit es braucht."
Von Lukas kam in den folgenden Wochen kein weiterer Brief. Im Herbst, an einem kühlen Samstag, setzten Werner und Katja gemeinsam die zwei helleren Rosenstöcke bei Katjas Schwester im Garten, gruben die Erde auf, klopften sie um die Wurzeln fest, während Pauli zwischen den Beeten schnüffelte. Die übrigen acht Stöcke aus dem Rosengarten standen längst am Zaun ihres eigenen Gartens in Bergisch Gladbach, dort, wo sonst Werners Tomaten alljährlich scheiterten. Im nächsten Mai, sagte Werner beim Umgraben, würden sie zum ersten Mal blühen. Katja klopfte sich die Erde von den Händen und meinte, das sei ungefähr die richtige Zeitspanne für alles, was zwischen ihnen bisher gewachsen sei: Es brauchte seine Saison, aber es hielt.







