**Dreißigtausend Euro für zwanzig Jahre Angst**

Ich kann nicht genau sagen, wann es angefangen hat. Wahrscheinlich mit dreiundzwanzig, als ich zum ersten Mal hinter dem Steuer von Vaters Golf saß. Vater stand daneben, fasste sich an den Kopf und wiederholte: „Langsamer, Kind, langsamer." Aber ich konnte nicht langsamer werden, weil ich das Gefühl hatte, das Auto beschleunige von selbst, das Gaspedal habe ein Eigenleben, jeder andere Fahrer würde mich ansehen und sofort merken, dass ich hier nicht hingehöre.

Danach wurde es nur schlimmer.

Nach dem Fahrschulkurs sagte der Fahrlehrer zu meiner Mutter, mit meiner Einstellung solle ich lieber Fahrrad fahren. Mutter erzählte mir das natürlich beim Sonntagsbraten, während sie den Schweinebraten schnitt, ohne von der Schneidebrett aufzuschauen. Ich war damals vierundzwanzig, und die Worte des Fahrlehrers saßen in mir wie ein Splitter unter dem Fingernagel.

In den folgenden zwanzig Jahren tat ich alles, um nicht ans Steuer zu müssen. Ich fuhr mit Bus und Straßenbahn durch Hamburg, selbst als ich beruflich aufstieg und mir locker ein Taxi hätte leisten können. Kolleginnen aus der Buchhaltung nahmen mich nach Feierabend mit, und ich tat so, als würde ich einfach nicht gern fahren. Niemand fragte warum. Man fragt selten nach Dingen, die für alle anderen selbstverständlich sind.

Mein Mann Bernd fragte auch nicht. Er nahm einfach immer den Schlüssel und fuhr. In elf Jahren Ehe saß ich kein einziges Mal hinterm Lenkrad. Nicht mal, als wir von der Ostsee zurückfuhren und Bernd zwei Bier getrunken hatte, während ich nüchtern daneben saß und aus dem Seitenfenster starrte. Er sagte damals: „Vielleicht fährst du diesmal?" Ich tat, als hätte ich es nicht gehört.

Letztes Jahr feierte ich meinen dreiundvierzigsten Geburtstag. Bernd schenkte mir eine Uhr und eine Torte mit Aufschrift. Ich saß über meinem Tellerchen und rechnete aus, dass ich in zwanzig Jahren Angst für Taxifahrten etwa dreißigtausend Euro ausgegeben hatte. Nicht gespart – einfach weggegeben, an wildfremde Leute, nur um kein Lenkrad anfassen zu müssen.

Dreißigtausend Euro.

Eine Woche nach dem Geburtstag rief Sabine an. Wir kennen uns seit dem Studium, unsere Freundschaft überstand Umzüge, Kinder, ihre Scheidung und meine beiden Fehlgeburten, über die ich nicht laut sprechen kann. Sabine arbeitet in einem Autoteilegroßhandel am Stadtrand von Harburg und kennt jeden Mechaniker im Umkreis von dreißig Kilometern.

Hör zu, sagte sie, ich rufe an, weil ich weiß, dass du ein Trauma hast. Und ich weiß, dass du es nicht überwindest, solange du nicht mit jemandem fährst, der dich nicht bewertet. Nicht dein Mann, nicht dein Vater. Eine fremde Person, die dafür Geld nimmt und der es egal ist, ob du weinst oder nicht.

Sie meldete mich bei der Ute an. So nannte sie sie – die Ute. Fahrlehrerin von der Ute. Eine Frau Mitte sechzig, ehemalige Fahrschulausbilderin, die ihre Festanstellung hingeschmissen hatte, weil „der Chef wollte, dass ich nach Schema unterrichte, aber ich unterrichte Menschen, keine Schemata". Sabine gab mir die Nummer auf einem Zettel aus dem Großhandel, mit dem Aufdruck irgendwelcher Dichtungen und dem Vermerk „wegen Filter zurückrufen".

Ich rief mittwochabends an. Frau Utermann ging nach dem zweiten Klingeln ran, mit einem Akzent, als hätte sie ihr Leben lang auf dem Land in der Lüneburger Heide verbracht, obwohl sie in Blankenese wohnt.

Sie fahren so, wie Sie denken, sagte sie. Das ist kein Trauma, das ist eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten kann man ändern. Man muss nur wollen. Kommen Sie Samstag um sieben Uhr früh auf den Parkplatz vor der Halle in Wilhelmsburg. Vor der Halle, nicht vor dem Supermarkt. Da ist es leer, aber nicht zu leer.

Samstag um sieben Uhr stand ich auf dem Parkplatz in Wilhelmsburg und zitterte vor Kälte. Frau Utermann kam mit einem kleinen Citroën mit einem Fahrschulschild angefahren, das seitlich mit Klebeband befestigt war. Sie ließ mich ans Steuer, setzte sich selbst auf den Beifahrersitz und legte sich ein Klemmbrett auf die Knie.

Das ist mein Notizbuch, sagte sie. Da zeichne ich rein, was Sie machen und was nicht. Keine Angst, ich beiße nicht. Erzählen Sie mir, was in Ihnen vorgeht, bevor Sie den Motor starten.

Und ich fing an zu reden. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren erzählte ich jemandem, was ich fühlte, wenn ich mich ans Steuer setzte: dass ich all diese Leute sah, die mich anstarrten, dass ich Vaters Stimme hörte, dass sich die Rückenlehne wie eine Betonplatte anfühlte. Frau Utermann hörte zu und zeichnete etwas ins Notizbuch. Dann hielt sie mir das Blatt hin. Drei Kreise waren darauf.

Das Herz fährt vorwärts, sagte sie. Und Ihr Körper bleibt zurück. Angst ist nicht Ihr Feind. Angst ist ein Signal, dass Sie noch nicht losgefahren sind. Also fahren Sie jetzt los.

Ich drehte den Schlüssel. Der Motor sprang an. Frau Utermann sagte: „Erster Gang, langsam, und jetzt lassen Sie die Kupplung kommen, als würden Sie eine Katze streicheln." Ich ließ los. Der Wagen ruckelte und ging aus.

Gut, sagte sie. Abwürgen ist kein Unfall. Das ist ein Anfang.

Zwei Stunden fuhren wir durch Wilhelmsburg. Sie zeichnete in ihr Notizbuch, ich verlor die Gänge und hupte an einer leeren Kreuzung. Kein einziges Mal wurde sie laut. Kein einziges Mal griff sie nach dem Haltegriff über der Tür.

Am Ende sagte sie: „Nächste Woche fahren wir mitten in die Hamburger Innenstadt."

Da wurde mir schlecht.

Das geht nicht, sagte ich.

Doch, sagte sie. Und bevor Sie aussteigen, sagen Sie mir: Wofür bestrafen Sie sich eigentlich?

Ich fuhr nach Hause und sagte Bernd kein Wort. Ich tat, als hätte ich samstagmorgens geputzt. Er wusste es wahrscheinlich trotzdem, weil er die Überweisung an Frau Utermann auf unserem Konto gesehen hatte.

Dann kamen weitere Samstage. Innenstadt. Mönckebergstraße. Der Hauptbahnhof-Kreisverkehr. Die Ausfahrt von der Ost-West-Straße. Frau Utermann zeichnete und sagte: „Denken Sie nicht, dass die anderen Fahrer klüger sind. Die haben einfach keine Angst, weil sie nicht wissen, wovor sie Angst haben sollten. Sie haben Angst, weil Sie es wissen."

Und in diesem Moment wurde mir klar, dass sie mir nicht das Fahren beibrachte. Sie brachte mir bei, keine Angst mehr vor dem zu haben, was ich bereits konnte.

Im Dezember bestand ich die Prüfung. Beim dritten Versuch. Zweimal fiel ich durch – einmal auf dem Übungsplatz, einmal im Stadtverkehr wegen Vorfahrtmissachtung an der Wandsbeker Chaussee. Beim dritten Mal fuhr ich so, wie Frau Utermann es mich gelehrt hatte: langsam, aber nicht ängstlich. Und ich bestand.

Ich kaufte einen VW Polo. Sechs Jahre alt, silbern, mit hundertachtzigtausend Kilometern auf dem Tacho. Innen roch er nach Vanille, die die Vorbesitzerin in der Türablage vergessen hatte.

Das erste Mal fuhr ich allein damit zum Friedhof. Zu meiner Mutter. Sie war vor sechs Jahren gestorben, und ich hatte sie immer mit mehrmaligem Umsteigen besucht: Straßenbahn, dann Bus, dann zu Fuß durch den kleinen Wald bei Ohlsdorf. Diesmal parkte ich am Tor und saß zwanzig Minuten da, den Blick auf den Rückspiegel gerichtet.

Danach fuhr ich nach Hause und holte mir einen Kaffee aus dem Automaten an der Tankstelle. Ein blöder Kaffee für zwei Euro achtzig. Aber er schmeckte wie kein anderer je zuvor.

Bernd sagte nichts. Nur abends bat er mich, ihn zur Werkstatt zu fahren, um seinen Wagen abzuholen. Sein Škoda stand dort seit einer Woche wegen des Zahnriemens. Er sagte: „Jetzt bist du dran." Er setzte sich auf den Beifahrersitz, schob ihn nach hinten und schloss die Augen.

Ich fuhr durch Hamburg im Novemberregen, und er schlief. Kein einziges Mal griff er nach dem Haltegriff. Kein einziges Mal sagte er „Vorsicht". Er vertraute mir einfach, zum ersten Mal seit zwanzig Jahren. Und das bedeutete mehr als alle Fahrstunden zusammen.

Zu Hause legte er dann einen Umschlag auf den Tisch. Darin ein Kontoauszug, gelb markiert alle Überweisungen an Frau Utermann. Er sagte: „Du hast mir mal gesagt, ich soll mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen. Ich mische mich nicht ein. Aber ich möchte, dass du weißt: Ich hätte dir das Geld gegeben, ohne zu fragen. Und ich bin stolz auf dich."

Dreißigtausend Euro. So viel hatte mich die Angst gekostet. Frau Utermann nahm für die Stunden keine tausendfünfhundert Euro. Nicht der Kurs war teuer. Teuer war das Schweigen.

Heute Morgen fuhr ich meine Nachbarin zur Reha ins Krankenhaus in Barmbek. Sie ist achtzig und hat sich die Hüfte gebrochen. Die ganze Fahrt über sagte sie: „Sie fahren aber so gut, so ruhig." Und ich dachte an Frau Utermann und ihr Notizbuch mit den Kreisen.

Danach parkte ich vor unserem Haus, stieg aus und prüfte, ob sich der Wagen verriegelt hatte. Ich drückte dreimal auf den Schlüssel. Sicher ist sicher.

Denn die Angst verschwindet nicht. Sie wird nur kleiner. Und manchmal, wenn sie wirklich klein ist, kann man sie in die Türablage stecken, zusammen mit der Vanille der Vorbesitzerin.

Zum Schluss habe ich nachgerechnet: Ich fahre jetzt seit elf Monaten allein. Ich tanke alle zwei Wochen. Ich habe zwei Glühbirnen und einen Keilriemen gewechselt. Neuntausend Kilometer sind dazugekommen.

Und wisst ihr was? Ich habe den Motor kein einziges Mal an einer Kreuzung abgewürgt. Einmal ist es auf einem Parkplatz passiert. Aber nur, weil ich eine Möwe beobachtete, die Pommes aus einem geöffneten Imbissfenster stibitzte. Ich war abgelenkt. Der Motor ging aus. Das war alles.

Ich glaube, ich kann mich gar nicht mehr so fürchten wie früher.

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