Ein Muttermal auf dem Rücken des Kindes

Ich arbeite seit elf Jahren als Hebamme im Klinikum Nürnberg-Süd. In dieser Zeit habe ich über neunhundert Geburten begleitet. Man könnte meinen, man gewöhnt sich an alles – an die Schreie, an das Blut, an die Erleichterung, wenn der erste Atemzug gelingt. Aber es gibt Nächte, die vergisst man nicht. Die Nacht mit der kleinen Elisabeth gehört dazu.

Es war Ende Januar, gegen zwei Uhr morgens. Draußen fiel Schneeregen, die Fenster im Kreißsaal waren beschlagen, und irgendwo im Flur quietschte ein Rollwagen, den seit Wochen niemand geölt hatte. Ich hatte gerade die Übergabe gemacht und wollte eigentlich nur noch einen Kaffee trinken, als die Wehen bei Frau Hartmann stärker wurden.

Sie hieß Caroline Hartmann. Achtunddreißig Jahre alt, Leihmutter für ihren Bruder und dessen Frau. Das wusste ich aus der Akte. Solche Konstellationen hatten wir selten, aber sie kamen vor. Meistens lief alles ruhig ab – die werdenden Eltern nervös im Wartezimmer, die Leihmutter konzentriert auf die Geburt, danach Erleichterung auf allen Seiten. Bei Familie Hartmann war es anders. Von der ersten Minute an spürte ich eine Spannung, die nichts mit den Wehen zu tun hatte.

Der Bruder hieß Tobias. Groß, schlank, Anfang vierzig, mit einer Brille mit dünnem schwarzem Rand. Seine Frau Julia stand die meiste Zeit am Fenster und schaute auf den Parkplatz hinaus, als könne sie das Kind durch bloße Willenskraft herbeirufen. Sie hatten ein Kinderzimmer eingerichtet – das erzählte mir die Schwester von der Frühschicht. Hellblau gestrichen, mit einer Wolkenlampe von einer dänischen Möbelkette und einem Regal voller Bilderbücher. Alles vorbereitet. Alles geplant.

Die Geburt selbst dauerte sieben Stunden. Caroline machte das gut, ruhig und beherrscht, auch als es schwierig wurde. Gegen halb zehn am Morgen, als draußen der Schneeregen aufgehört hatte und die ersten Sonnenstrahlen durch die Jalousien fielen, war es so weit.

Ein Mädchen. Dreitausendachthundert Gramm, zweiundfünfzig Zentimeter. Kräftige Stimme. Ich wickelte das Kind in ein Tuch und legte es Tobias in die Arme, wie ich es bei den Vätern immer tue.

Zuerst hellte sich sein Gesicht auf. Das tun die meisten. Dann erstarrte er mitten in der Bewegung.

Ich habe schon viele Väter gesehen, die mit dem ersten Kind überfordert sind. Aber das hier war anders. Tobias umklammerte das Neugeborene mit beiden Händen, als würde es ihm gleich herunterfallen. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Er bewegte die Lippen, aber es kam kein Ton. Julia trat zu ihm, legte ihm die Hand auf den Arm.

„Schatz?“

Er antwortete nicht. Er drehte das Bündel leicht, als suche er etwas. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ich kann sie nicht mit nach Hause nehmen.“

Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört. Julia lachte nervös.

„Was redest du da?“

„Ich kann nicht.“

Caroline richtete sich im Bett auf. Sie war erschöpft, ihr Gesicht verschwitzt, die Haare klebten an der Stirn. Aber sie war sofort hellwach.

„Tobias?“

Er trat an ihr Bett und legte ihr die Kleine vorsichtig in die Arme. Als wäre das Kind plötzlich aus Glas.

„Schau auf ihren Rücken.“

Caroline hielt das Kind. Ihre Hände zitterten. Sie öffnete das Tuch, ganz vorsichtig, Stück für Stück.

Und dann sah ich es auch.

Ein Muttermal. Auf der linken Seite, knapp unter dem Schulterblatt. Dunkelbraun, länglich, mit einem kleinen Ausläufer nach unten, der aussah wie ein Haken. In meinen elf Jahren als Hebamme habe ich Hunderte von Muttermalen gesehen. Die meisten sind harmlos. Dieses hier war es vermutlich auch. Aber die Reaktion der Familie machte mir klar: Für sie war es das nicht.

Julia schlug die Hand vor den Mund. Caroline schob den Ärmel ihres Nachthemds hoch, mit fahrigen, hastigen Bewegungen, bis ihre eigene linke Schulter frei lag. Genau dort, knapp unter dem Schulterblatt: derselbe dunkelbraune Fleck, derselbe kleine Haken nach unten.

„Das kann nicht sein“, sagte sie, kaum hörbar.

Ich stand da mit dem Dokumentationsbogen in der Hand und verstand nicht, was ich sah. Ein Muttermal, das Mutter und Kind teilten – das war nichts Ungewöhnliches, so etwas kommt vor. Aber die Art, wie die drei einander ansahen, hatte nichts mit einer harmlosen Ähnlichkeit zu tun.

Julia drehte sich zu ihrem Mann.

„Du hast es gesehen“, sagte sie. Ihre Stimme klang brüchig. „Deshalb hast du sie nicht genommen.“

Tobias nickte kaum merklich.

„Ich wollte es nicht sehen.“

„Wovon redet ihr?“, fragte ich.

Vielleicht hätte ich schweigen sollen. Das ist nicht meine Rolle. Aber in dem Moment musste ich wissen, was hier gerade passiert. Drei Erwachsene, die seit Monaten auf dieses Kind gewartet hatten, standen da wie versteinert. Und keiner sprach ein Wort.

Caroline sah mich an. Ihre Augen waren glasig.

„Unsere Mutter“, sagte sie, „hatte genau so ein Mal. An genau dieser Stelle. Ich habe es geerbt. Ich dachte immer, das sei einfach Zufall, eine Familienlaune der Haut. Aber jetzt hat es auch das Kind. Mein Kind – ich meine, das Kind, das ich ausgetragen habe.“

Ich notierte nichts mehr. Ich hörte nur zu.

„Unsere Mutter ist vor sieben Jahren gestorben. Lungenkrebs. Aber sie war nicht unsere leibliche Mutter“, sagte Caroline. „Wir sind adoptiert, Tobias und ich. Das haben wir erst vor drei Jahren erfahren, durch Zufall, über eine Genanalyse, die er für eine Studie hat machen lassen. Es stand nirgends in unseren Papieren. Das Jugendamt kannte offenbar nur die Adoptiveltern, keine leiblichen Daten. Wir haben nie erfahren, von wem wir wirklich abstammen.“

Sie sah auf das Kind in ihren Armen.

„Und jetzt trägt dieses Kind dasselbe Mal wie die Frau, die uns aufgezogen hat, obwohl mit ihr biologisch nichts zu tun sein dürfte. Es sei denn –“ Sie brach ab.

Tobias sprach zum ersten Mal seit Minuten wieder.

„Es sei denn, sie war es doch. Unsere echte Mutter. Und jemand hat das vertuscht. Vielleicht wegen der Adoptionsakte, vielleicht wegen etwas anderem. Aber wie kann ein Mal wie dieses zweimal zufällig an exakt derselben Stelle auftauchen, über drei Generationen hinweg, wenn wir mit ihr gar nicht verwandt sein sollen?“

Es war eine absurde Theorie, das spürte ich sofort. Das Kind stammte genetisch von Tobias und Julia ab, nicht von der Adoptivmutter. Ein vererbtes Mal konnte nur über Caroline oder Tobias selbst weitergegeben worden sein – nicht über eine Frau, mit der sie, wenn die Adoption echt war, gar kein Blut teilten. Aber ich sagte nichts. Man widerspricht keinem Menschen, der gerade sein ganzes Leben neu sortieren muss, mitten in einem Kreißsaal, um vier Uhr morgens.

Zwei Tage später traf ich Caroline allein in ihrem Zimmer. Tobias und Julia waren am Abend zuvor weggefahren, ohne das Kind. Caroline hatte die Kleine in einem Beistellbett neben sich, und die Nachtschwester erzählte mir, sie habe geweint. Nicht geschluchzt, nur still, mit dem Gesicht zum Fenster.

Ich klopfte und trat ein.

„Kann ich Ihnen etwas bringen?“

Sie saß am Fenster, das Baby auf dem Arm, ein Becher kalt gewordener Tee auf dem Tisch.

„Wissen Sie, was mich fertigmacht?“, fragte sie, ohne mich anzusehen. „Nicht das Mal selbst. Sondern dass Tobias jetzt glaubt, unsere ganze Kindheit sei eine Lüge gewesen. Dass die Frau, die uns gebadet hat, uns Geschichten erzählt hat, uns ins Bett gebracht hat – dass sie vielleicht doch unsere echte Mutter war und es uns nie gesagt hat. Er will jetzt einen Gentest. Mit mir. Um zu klären, ob wir überhaupt Vollgeschwister sind oder ob einer von uns beiden vielleicht doch von ihr abstammt und der andere nicht.“

„Und was denken Sie?“

Caroline strich mit dem Daumen über den Rand des Bechers, immer wieder, im gleichen Rhythmus.

„Ich glaube, das Mal beweist gar nichts. Ich glaube, Haut wiederholt sich manchmal einfach, ohne Grund, ohne Botschaft. Aber ich verstehe, warum Tobias es nicht so sehen kann. Er hat schon einmal erfahren, dass die Geschichte, die man ihm über sich selbst erzählt hat, falsch war. Jetzt reicht ein Fleck auf der Haut eines Babys, und die ganze Angst kommt zurück. Er sucht nicht nach Wahrheit. Er sucht nach etwas, das ihm sagt, wer er ist.“

Fünf Tage später kam Tobias zurück. Ich traf ihn im Flur vor der Säuglingsstation, unrasiert, mit dunklen Ringen unter den Augen, einen zerknitterten Laborausdruck in der Jackentasche.

„Der Test ist da“, sagte er, bevor ich überhaupt fragen konnte.

Ich fragte trotzdem nichts. Es war nicht meine Sache.

„Caroline und ich sind Vollgeschwister. Beide von denselben leiblichen Eltern, nicht von unserer Adoptivmutter.“ Er lachte kurz, ohne jede Freude. „Das Mal bedeutet also nichts. Es ist einfach zweimal passiert. In derselben Familie, an derselben Stelle, ohne dass es irgendetwas beweist.“

„Das haben Sie schon geahnt“, sagte ich vorsichtig.

„Gewusst habe ich es nicht. Ich habe nur gehofft, es gäbe eine Erklärung, die größer ist als Zufall. Weil Zufall bedeutet, dass ich mein ganzes Leben lang nie sicher wissen werde, woher ich komme. Die Adoptionsunterlagen sind lückenhaft. Die leiblichen Eltern sind nicht auffindbar. Es gibt keine Geschichte mehr zu finden – nur dieses eine Mal, das aussah wie ein Zeichen und keins war.“

Er sah zu Boden.

„Ich habe zwei Tage gebraucht, um zurückzukommen. Ich schäme mich dafür. Aber ich konnte das Kind nicht ansehen, ohne an alles zu denken, was ich über mich selbst nicht weiß.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hole ich meine Tochter ab.“

Ich habe Caroline danach noch zweimal auf der Station gesehen, bevor sie entlassen wurde. Einmal saß sie im Aufenthaltsraum und klärte am Telefon mit einer Behörde eine Frist für die Eintragung der Elternschaft. Ein anderes Mal kam Julia vorbei, mit einem Beutel Babykleidung. Die beiden Frauen sprachen vor der Tür, leise, aber nicht feindselig.

Am Tag der Entlassung half ich Caroline, die Kleine in die Babyschale zu setzen. Der Himmel war grau, die Luft roch nach Diesel und nassem Asphalt. Tobias wartete unten auf dem Parkplatz. Er stand neben dem silbernen Kombi, die Hände in den Taschen, und sah zu Boden, als der Regen einsetzte.

Caroline drehte sich in der Tür noch einmal zu mir um.

„Danke“, sagte sie.

Ich erwiderte nichts, nur einen kurzen Druck ihrer Hand.

Dann ging sie. Ich sah, wie Tobias die Tür öffnete, wie er ihr die Babyschale abnehmen wollte, wie sie kurz zögerte, dann aber übergab. Er trug das Kind zum Auto. Er schnallte es an. Er beugte sich noch einmal über die Schale, strich mit einem Finger über die kleine Faust des Kindes, dann schloss er die Tür und fuhr los.

Ich stand noch einen Moment am Eingang. Der Sicherheitsdienst hatte die Schranke hochgefahren, und irgendwo auf dem Parkplatz hupte ein Lieferwagen. In der Tasche hatte ich die leere Schachtel Kaugummi, die ich mir an diesem Morgen gekauft hatte, und irgendwann merkte ich, dass ich sie die ganze Zeit in der Faust hielt.

Meine Schicht endete um vierzehn Uhr. Auf dem Nachhauseweg hielt ich bei der Apotheke am Plärrer, um Hustenbonbons für meinen Sohn zu holen. Die Verkäuferin fragte, wie die Nacht war.

„Es gibt Nächte“, sagte ich, „die vergisst man nicht.“

Sie wartete auf mehr. Aber ich zahlte nur meine drei Euro neunzig, steckte die Tüte ein und ging hinaus in den Regen.

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